Bangor in Wales; die Schieferbrüche; Conway-Castle
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CONWAY-CASTLE
(Caernarvonshire)
Auch die britische Erde hat ihre Eden. Wales namentlich schließt Landschaften ein, von deren großen und reichen Natur kein Pinsel, kein Grabstichel und keine Feder ein genügendes Bild gibt. Das Thal von Gangollen z. B. ist, nach dem Urtheil der Reisenden, eine Gegend, die alle Schönheiten der Rheinländer weit übertrifft. Nicht minder berühmt sind die Landschaften des Walliser Hochlandes. Das Gebirge von Wales ist das höchste der Insel, dem Riesengebirge an Umfang und Höhe etwa gleich; doch grandioser, als dieses. Viel zahlreicher sind seine Spitzen und Kegel, viel mannigfaltiger seine Formen, viel malerischer seine Gruppirungen. Hohe Kultur und wilde Natur berühren sich hier gleichsam und bieten die seltsamsten Kontraste dar. Während in den Thälern rühriger Gewerbfleiß wohnt und ihre dichte Bevölkerung jede Handbreit Land sorgfältig anbaut, während die Schlöte der Dampfmaschinen aus jedem Bergwinkel gucken, ist die obere Bergwelt so öde und still wie die in Norwegen, und der Adler horstet dort so friedlich als auf den höchsten Alpen.
Reizendere Partien noch als Thäler und Berge haben die Gestade. Meist steil und schroff steigen die Küsten von Wales in das Meer hinab. Bald halten sie glatte Felswände dem Wogendrang wie einen Schild entgegen; halb hat die Fluth ihre Mauern niedergestürzt und groteske Felsgestalten bedecken, als Trümmer, den Rand des Oceans, oder ragen aus den Wogen. Viele der Uferstädte sind von Bildern dieser Art umgeben; – so auch Bangor. Eingekeilt liegt die gewerbfleißige Stadt zwischen den Bergen und dem Meere auf engem [37] Strande. Die Kolosse in seinem Rücken, unter denen der Snowdon alle überragt, scheinen dem Auge alle Geheimnisse des wunderbaren Landes verschließen zu wollen; nur nordwärts, nach dem Meere zu, ist die Aussicht weit geöffnet, und westwärts schweift sie über die grünen Hügel von Anglesey, welche jenseits der Meerenge von Menay liegen.
Bangor ist als Stadt unbedeutend; aber die Sehenswürdigkeiten in seiner Nähe machen es berühmt. Die Kettenbrücke, welche nach Anglesey führt, ist die größte in der Welt; die nahen Burgen Penrhyn-Castle und Conway-Castle ziehen eine Menge Reisende herbei; aber merkwürdiger als alles Dieses ist ein Schieferbruch, der 3000 Arbeiter beschäftigt, 500 Seeschiffe befrachtet und seinen Eigenthümer zum Krösus gemacht hat. Er bringt nicht weniger als eine Million Gulden reine Revenüe ein, folglich mehr als manches Reich seinem Könige.
Ein romantischer Weg, an dem Rande eines bewaldeten Bergstroms hin, führt nach diesem großartigen Werke, bei dem man inne wird, wie britischer Unternehmungsgeist es versteht, die unscheinbarsten Gaben der Natur mit den kolossalsten Resultaten auszubeuten und eine Steingrube in eine Goldgrube zu verwandeln, einträglicher wie keine auf der ganzen Erde. Schon von weitem hat der Anblick etwas so Ungeheueres, daß man sich zweifelnd fragt, ob’s Menschenwerk sey, oder das der schaffenden Natur. In der Länge einer halben Stunde ragt ein schwarzer Bergrücken aus dem Hochwald; baumlos und finster, ähnlich jenen Basaltrücken, welche in dem Innern alter Vulkangebirge zuweilen die Kratergruppen umgürten. Bei halbstündiger Entfernung hört man das unaufhörliche Krachen der Pulverexplosionen im Bruche, welches sich, ähnlich dem Donner, zwischen den hohen, durch enge Thäler getrennten Bergen, fortpflanzt. Näher kommend, scheiden sich die Haldenzüge in sechs verschiedene Terrassen ab, die über einander emporsteigen. Auf jeder gewahrt man ein Gewimmel und Durcheinander von Menschen und Maschinen, Gerüsten und Leitern, Prozessionen von an einander hängenden Wagen, die auf Eisenbahnen fortrollen, von Krahnen, die Lasten hinaufziehen oder herablassen, von Wasserleitungen auf hohen Bögen und von unzähligen kleinen Gebäuden und Hütten. Am Fuße des Bergs münden Eisenbahnen auf stark geneigten Flächen aus und einige durch den Berg zur untersten Terrasse führende Stollen, deren Sohlen mit Schienen belegt sind. Auf denselben gleiten die gebrochenen Schiefer auf Wagen hinab zu der Haupteisenbahn, welche nach dem für den Schiefertransport erbauten Hafen führt, von dem aus die Versendungen in alle Weltgegenden geschehen. Einer jener Stollen dient zur Auffahrt für die Arbeiter und für die Fremden, welche den Bruch besuchen wollen. Man legt sich auf einen niedrigen Wagen nieder und wird mit reißender Schnelligkeit durch die dunkle Passage gezogen. Die Fahrt ist in der That [38] gefahrlos; doch wird Jeder bei dem Gedanken zittern, daß, wenn der Wagen aus dem Geleise gleiten würde, die aus den Seitenwänden des Stollens oft scharf wie Messer vorstehenden Schieferspitzen den Reisenden unfehlbar in Stücke zerschneiden müßten. – Angelangt auf der ersten Terrasse staunt man über den alle Erwartung übertreffenden Anblick. Denke man sich eine schwarze Felsgrotte von einer halben Stunde im Umfang, in der die abgesprengten Schieferwände, mehre hundert Fuß hoch, senkrecht, oder überhängend, rundum emporstarren. An Seilen, welche an über den Rand des Kraters vorstehenden Balken befestigt sind, sieht man Menschen, gleich schwarzen Vögeln, um das Gestein herum schweben und sich bemühen, Löcher in die Feldwände zu bohren, oder lange Eisen zwischen die durch Pulver schon gelockerten Massen zu zwängen und sie in den Abgrund zu stürzen. Auf der Terrasse selbst ist das Leben noch mannigfaltiger. Ihr Boden ist nach allen Richtungen mit Eisenbahnen durchfurcht, auf denen sich die eisernen Schieferwagen, leer oder beladen, bewegen; Knaben schieben sie mit Leichtigkeit vor sich hin, Pferde ziehen ganze Trains auf einmal. Schieferklumpen von mehr als hundert Zentnern werden zu den breternen Schauern gebracht, wo lange Reihen von Arbeitern stehen, welche die Blöcke durch Hammer, Meisel und hölzerne Keile in Tafeln zerspalten. Nicht weniger als tausend Mann sind immerwährend beschäftigt, die Tafeln in die verlangten Formate zu hauen und nach ihrer Größe, Qualität und Farbe zu sortiren; denn die Farbe der Schieferblätter wechselt vom lichten Grau bis zum tiefsten Blauschwarz. – Mitten im Bruch ist ein Laboratorium erbaut, wo eine Menge Menschen Patronen zum Sprengen anfertigen. Der Verbrauch an Pulver ist unglaublich groß; denn vom Morgen bis zum Abend hört das Knallen der Explosionen nicht auf; es ist hier wie auf einem Schlachtfelde, auf welchem sich der Kampf mit jedem Tage erneuert. Schweigt zuweilen der Donner der Minen, dann hört man den kriegerischen Schall der Warnungshörner, welche das Echo vervielfacht; – und auf das Signal sieht man Schaaren von Arbeitern, in deren Nähe eine Batterie von Bohrlöchern abgefeuert werden soll, in die aus Schieferblöcken errichteten Schirmhäuser flüchten, oder sich hinter die Mauern verstecken, welche den Bruch in verschiedenen Richtungen zu dem Zwecke durchkreuzen, den Arbeitern beim Sprengen des Gesteins einigen Schutz zu gewähren. Bei jeder Explosion wankt das Gebirge, ganze Felsmassen lösen sich von den Wänden ab, stürzen mit fürchterlichem Krachen in die Tiefe, und Wolken von kleinen, scharfen Schieferstücken fahren, mit Gewalt weggeschleudert, weit umher, wie die Stücke einer zerplatzten Bombe. Wehe dem Armen, der schutzlos in ihrem Bereich ist; er wird selten mit dem Leben, fast nie unverstümmelt davon kommen. Bei der Gewalt, mit der die oft messerscharfen Schiefer geschleudert werden, kann ein kleines Stück hinreichen, einem Menschen die Hand, das Bein, oder gar den Kopf rein abzuschneiden, und solche Fälle kommen nur zu häufig vor. Kein Tag vergeht, ohne daß Menschen verunglücken, oder mehr oder minder stark beschädigt werden. Darum ist auch dicht am Bruch ein eigenes, [39] wohleingerichtetes Hospital gebaut worden, das mit einem Arzte, zwei Chirurgen und einer Apotheke versehen ist, und wo sich die Scenen eines Feldlazareths am Tage eines Gefechts fort und fort erneuern. Die verstümmelten, zu keiner Arbeit mehr tauglichen Arbeiter werden bis an ihr Ende versorgt. Sie kommen in das Invalidenhaus der Knappschaft, oder sie beziehen, wenn sie Verpflegung bei ihren Angehörigen vorziehen, eine Pension, wofür durch kleine Abzüge am Lohne eines jeden Arbeiters hinreichender Fond sich ansammelt.
Der Schiefer aus dem Bruche bei Bangor hat den Vorzug, daß er sich mit großer Leichtigkeit in sehr dünne Tafeln von den größten Dimensionen spalten läßt und, trotz seiner Dünne, doch eine außerordentliche Dauer besitzt. Seiner Leichtigkeit wegen eignet er sich zu allen Arten von Bedachungen und zum Transport in die entferntesten Länder. Er wird bis nach Südamerika und Indien verfahren, und große Quantitäten expedirt man sogar in die Länder, welche selbst einen Reichthum an Schiefer besitzen; z. B. Frankreich und Deutschland. – Bei allen überseeischen Versendungen wird er in Kisten gepackt, welche immer nur Tafeln derselben Größe enthalten. Der Preis richtet sich nach dem Format und der Farbe. Blauschwarze Schiefer von den größten Dimensionen (man hat sie bis zu 60 Quadratfuß!) sind die theuersten.
Das Spalten des Schiefers aus den Blöcken in Tafeln von höchstens ⅛ Zoll Stärke erfordert Gewandtheit und Uebung, geht aber ungemein leicht und rasch von Statten. Spaltmesser und Keile sind die einzigen Werkzeuge des Arbeiters. Er zwängt die Keile ringsum auf dem Rand des abzuspaltenden Stücks ¾–1¼ Zoll hinein und bewirkt dann durch einige Schläge mit seinem hölzernen Hammer auf die Fläche das völlige Abtrennen der Tafel, die aus seiner Hand in die des Formatmachers übergeht, welcher sie nach dem Lineal auf den Kanten gerade haut. Diesem nimmt sie der Sortirer ab, welcher sie nach Qualität und Größe zu Haufen von 1200 Stück ordnet, die hierauf abgefahren werden. Man gibt auf der Grube 1200 Stück Tafeln für 1000, so daß 200 Stücke als Ueberschuß für den Bruch gerechnet werden, welchen die Waare auf dem Transport erleiden möchte. Der Dachschiefer ist das bedeutendste, doch nicht das einzige Produkt dieses berühmten Bruchs. Es gibt nämlich auch Schieferlagen, welche Blöcke von dichtem Korne mit wenigen Spaltungsflächen liefern; es lassen sich diese wie Marmor verarbeiten und sie nehmen eine treffliche Politur an. Dergleichen dichte Schieferblöcke werden in Menge, mittelst Sägen, zu Kamingesimsen, Tischplatten etc. verschnitten, und in den nächstgelegenen Ortschaften beschäftigen sich mit der feineren Zurichtung derselben einige tausend Menschen. Bangor treibt einen beträchtlichen Handel mit jenen Gegenständen nach allen Theilen des Reichs und den Kolonien.
Wir haben nun noch einen Gang nach dem berühmten, 2 Meilen fernen, Conway-Castle zu machen, welches von Eduard I., dem Eroberer von Wales, als Zwingburg erbaut wurde, und jetzt eine der schönsten und [40] besterhaltenen Ruinen in England bildet. Die Lage der Burg ist einzig; hoch prangt sie auf spitzigen Felszacken am Ufer eines breiten Stroms, und umgeben mit bewaldeten Bergen, über welche noch höhere ragen.
Auf einem Wege, der durch den Fels gehauen ist, dessen Wände Eppig und die wilde Rebe bekleiden, steigt man zu den äußern Mauern empor, welche, obwohl verfallen, noch eine ununterbrochene Linie bilden, die mehr als 6 Morgen Flächenraum umfaßt. Ein tiefer, aus dem harten Fels gesprengter, doppelter Wallgraben umgibt die Burg; über ihn führt ein hölzerner Steg nach dem finstern Burgthor und in den Hof. Schutt liegt in Haufen umher, Disteln wuchern und niedriges Gesträuch; aber fest und ganz streben die Mauern und schlanken Thürme auf, willens, noch vielen Jahrhunderten zu trotzen. Man zählt in der Burg 32 wohlerhaltene Thürme. Die Bevölkerung einer ganzen Stadt fände Platz in diesen Mauern, in welchen jetzt Krähen und Eulen zu Tausenden ihre Wohnung aufgeschlagen haben, die bei jedem Tritt des Besuchers in Schaaren und mit wildem Geschrei den Ruinen entflattern. Viele der innern Räume sind gewölbt, und diese sind fast alle noch gut erhalten. In dem halb eingestürzten Bankettsaal sieht man die hausgroßen Camine, an den Wänden der königlichen Zimmer Reste von Malereien, und die eisernen Haken, wo Rüstungen und Trophäen hingen. Im gut erhaltenen Closet der Königin zeigt man noch den Betaltar mit herrlicher Holzskulptur. Ueberall trifft man auf die Spuren alter Kunst, – an Gesimsen, Fenster- und Thüreinfassungen, Treppengeländen u. s. w. sieht man Schnitzwerke, freilich vielfach beraubt und verstümmelt. Hinfällige Wendel-Treppen, von denen die Stufen längst ausgebrochen sind, machen es möglich, einige der Thürme zu ersteigen. Das kleine Wagniß lohnt die imposante Aussicht auf das Meer und das Gebirge und in das betriebsame und gut angebaute Thal des Conway. Eine schöne Kettenbrücke mit Pfeilern, in Gestalt gothischer Thürme, führt dicht unter dem Schlosse über den Strom, und die nächsten Thürme des Schlosses selbst sind als Stützpunkte für das Werk benutzt. Seine ungeheuern Ketten verlieren sich ganz abenteuerlich in dem felsenfesten Gemäuer und von Weitem kann man das Alte vom Neuen so wenig unterscheiden, daß man eine prachtvolle Zugbrücke vor sich zu sehen glaubt, die mit dem majestätischem Schloß ein erhabenes und zusammenhängendes Ganze bildet. Man steht betroffen vor der unerwarteten Dekoration dieser mächtig krenelirten Steinmasse, an welcher die Erinnerung hängt von neun Jahrhunderten stolzer, erbarmungsloser Gewalt, kühner Siege und vernichtender Niederlagen, Thaten voll Blut und wilder Größe. Wenn dann der Sturm über die Gipfel der Wälder geht und der rollende Donner der Erinnerung seine Stimme leiht – dann sieht man mit Lust die Krähen aus den Fenstern flattern: denn sie verkündigen den Riesengang der Welt und nehmen dem aufgeschossenen Gedanken, daß in diesem Hause noch Leben sey, den Stachel. Das Recht des Stärkern, jenes Recht, das freien Völkern den Despotismus und die Sklaverei gebracht hat, an diesen Mauern steht’s noch geschrieben; aber sein Codex hat keine Geltung mehr. Die Zeit hat den Löwenvertrag zwischen dem Unterdrücker und Unterdrückten [41] zerrissen. Die feudale Weisheit, die auf das Verderben der Menge das Recht, zu beknechten, gründete; die adliche Lehre, welche von diesen Burgen ausging: „nehmt dem Schwächern sein Erbtheil, und wenn er nichts mehr hat, dann sagt: weil er nichts besitzt, gilt er nichts; und weil er nichts mehr gilt, ist er auch nicht ebenbürtig, hat folglich das Recht verwirkt, zu seyn, was wir sind!“ – die hat, Gottlob! die Zeit zum Spott gemacht. Nein, man kann die Kraft des Mittelalters bewundern, die Werke anstaunen, die sie geschaffen; aber die Feudalzeit zurückwünschen, welche nur Stärke und Schwäche, Räuber und Beraubte, Quäler und Gequälte, Wölfe und Lämmer, Geier und Tauben gekannt hat und aus diesen Elementen ein System des Rechts sich zu schaffen vermas: das können nur Menschen, welche die Natur ihrer Wappen-Bestien im Herzen tragen.