Das Hospiz auf dem grossen St. Bernhard
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DAS HOSPIZ
auf dem grossen St. Bernhardt.
Auflösend und ausgleichend, zerstörend und verwischend wirkt die Zeit in der innern Welt wie in der äußern. Leid und Freud vergißt sich im Laufe der Jahre; die schönsten und tiefsten Eindrücke vom Erlebten und Geschenen runden sich ab und verflachen sich, und die lebhaftesten Bilder, die wir im Gedächtniß aufbewahrt glauben, werden allmählig in undeutliche oder unsichere Vorstellungen verwandelt. Nur was die Hand der Liebe der Erinnerung eingrub, hat eine längere Dauer, und zuweilen geschieht es, daß das Gepräge ihrer Bilder durch die Zeit nur um so schärfer hervortritt.
Am häufigsten wird der Tourist die Vergänglichkeit der Erinnerung inne. Vergeblich sucht er sie festzuhalten, sie sich bleibend einzuprägen; ein Bild drückt sich dem andern auf und am Ende ist keins mehr kenntlich; sie werden unklar und verworren. Das ist namentlich der Fall, wo, wie beim Reisen in der Schweiz, ihm die Natur ihre prächtigsten Dekorationen in beständiger Folge vor das Auge führt. Das überfüllte Gedächtniß verliert dann nur zu leicht die ganzen Bilder und nur einzelne Figuren hält es fest, – Figuren, die mehr durch das Ungewöhnliche als das positiv Große ihrer Erscheinung imponiren.
[42] So wird auch der, welcher über den großen Bernhard, den höchsten Gebirgspaß Europa’s, steigt, schwerlich lange nachher noch das sich deutlich vorstellen können, was er auf dieser Wanderung Herrliches und Großes in der Alpenwelt gesehen hat; denn vor und nachher sah er des Aehnlichen so viel, und was man oft sieht, ermüdet und wird gewöhnlich, wäre es auch das Erhabenste und Vortrefflichste. Der Diener des Vatikans, der täglich die Fremden zu den Wunderwerken der antiken Kunst führt, geht an ihnen so gleichgültig vorüber als an einem Steinhaufen. Aber die willkommene, die gastliche, uneigennützige Aufnahme, die den Reisenden auf der unwirthlichen Höhe in dem einsamen Wolkenhause der frommen Augustiner überraschte, – was er dort gesehen und erlebt, Das wird er nie vergessen.
Der Paß über den St. Bernhard aus der Schweiz nach Italien ist ein uraltes Band beider Länder. Schon in vorchristlicher Zeitrechnung war er gangbar; ein Saumweg bestand während des ganzen Mittelalters. Die Straße beginnt bei Martigny, einem schön gelegenen Städtchen, bei welchem die Drance, ein klarer Bergstrom, in die Rhone fällt. Ueber zwei Stunden lang folgt sie dem Laufe jenes Flusses, verläßt ihn dann und steigt im engen Thale von d’Entremont zwischen hohen Bergwänden empor. Beim Dörfchen Liddes, 6 Stunden von Martigny und auf halbem Wege zum Hospiz, hört ihre Fahrbarkeit auf; Waaren und Menschen werden dort auf Saumthiere geladen; der Reisende legt dem Thiere die Zügel auf den Hals und überläßt sich der Sicherheit seiner Tritte. St. Pierre, eine Stunde weiter aufwärts, ist der letzte Weiler. Von nun an ist der Weg sehr beschwerlich und nicht ohne Gefahr. Auf schmalen, ungleichen, oft in scharfen Winkeln umbiegenden Fußpfaden geht es langsam vorwärts. Mit jedem Tritt verwildert und verödet die Gegend mehr. Schwärzliche Kiefern, deren Kronen der Sturm gebrochen und welche die Last des Schnees entzweigt hat, bedecken die Abhänge, oder gucken geisterhaft aus den Schluchten und Spalten herauf, an denen der schmale Pfad sich hinkrümmt. Die Vegetation schrumpft in immer kleinere Formen zusammen; der majestätische Wald wird zum niedrigen Buschwerk, bis er ganz aufhört. Lange Bergebenen folgen, auf denen moosreiches, niedriges Gras wächst und ein paar Sennhütten stehen. Doppelreihen von Schnee- und Eisriesen steigen vorwärts auf mit zerschmetterten Felsenhäuptern und scharfen, in den Himmel stechenden Spitzen, und nur der schimmernde Dom des Montblank erscheint so ganz und so fest unter den Bergruinen, wie der Tempel des Theseus unter den Trümmern Athens. Aus den Schneefeldern aber, zwischen den hohen Kolossen, senken sich massige Gletscher hinab in die Schluchten, durch welche sie ihre Kinder, die tobenden Giesbäche, den tiefern Thälern zuschicken.
[43] Auf der Bergebene sieht man in einzelnen, zwergartigen Lerchen die letzten Spuren des Baumwuchses; das glühende Alpröschen aber und das Schneeglöckchen sticken lieblich Pfad und Matten und ihr Leben umrahmt gleichsam der Tod in den starren Massen des ewigen Eises. Der Weg zieht sich, nachdem er die Ebene verlassen hat, eine dunkele Bergschlucht hinan. Es ist dies die gefährlichste Stelle. Lawinen und Schneestürme, die selbst im Hochsommer vorkommen, bringen öfters Lebensgefahr, und hier ist’s, wo sich die erste Station der Klosterbrüder befindet, welche Menschenrettung sich zur Lebensaufgabe machen. Ihr Aufenthalt ist eine aus Baumstämmen geformte Hütte, und eine zweite daneben dient zur Zuflucht der Reisenden.
Von diesem Punkte bis zum Hospiz, auf dem Nacken des Passes, ist’s noch eine halbe Stunde.
Aber welch ein Aufenthalt für Menschen, und noch dazu für gebildete und lebensfrische Menschen! – Winter, nur Winter Jahr aus, Jahr ein. Kein Baum, kein Strauch, kein Grashalm grünt auf diesem höchsten bewohnten Punkt unsers Welttheils. Nichts als Felszacken und ungeheuere Bergtrümmer, nichts als Schnee und Eis sieht man um sich, oder in Wolken gehüllte, höhere, auch mit ewigem Eis und Schnee bedeckte Gipfel. Keine Gemse irrt herauf, kein Vogel horstet in dieser Höhe; todt ist die organische Natur; nur des Gnomenlebens unheimliche Zeichen unterbrechen das tiefe Schweigen: die Schreckenstöne stürzender Lawinen, oder zusammenbrechender Felsmassen, oder das Krachen der Gletscher. Und in diese schreckliche Oede fesselt das frei gethane Gelübde achtzehn Jahre lang jeden der frommen Väter zur Erfüllung der schweren Pflicht, Erquickung und Hülfe zu geben allen Nothleidenden, welche durch diese Wüste wandern.
Die Gründung des Hospiz reicht in das graue Alterthum hinauf. Schon zur Römerzeit stand hier ein dem rettenden Jupiter geweihter Tempel, und die heidnischen Priester übten wahrscheinlich dasselbe Werk der Menschenliebe, welchem sich jetzt die christlichen widmen. Die Klostergebäude selbst sind massiv aufgeführt und so geräumig, daß etwa sechzig Reisenden ein bequemes, der achtfachen Zahl aber ein nothdürftiges Unterkommen gewährt werden kann. Die Zahl der Mönche wechselt zwischen zehn und vierzehn. Jeder besitzt zwei Hunde, – eine vom Gotthardt’s-Hospiz herstammende, große, starke Doggenart, – welche er bei seiner täglichen Durchforschung der Gegend nach hülfsbedürftigen Reisenden mit sich nimmt, um ihm das Auffinden der Nothleidenden und deren Rettung zu erleichtern. Bei Nacht streifen diese verständigen Thiere weit umher, und finden sie einen Verirrten oder vom Schnee Verschütteten, so ruft ihr, wohl eine Stunde weit hörbares, Bellen die Mönche zum Beistand herbei. Alle Lebensbedürfnisse, selbst das Brennholz, werden von den nächstgelegenen schweizerischen und italienischen Ortschaften auf Saumthieren heraufgebracht, und da die Klosterbrüder durch Schneestürme und übles Wetter oft Wochenlang von aller Gemeinschaft mit der übrigen Welt abgeschnitten werden, so müssen sie immer auf große Vorräthe bedacht seyn. Einen Jeden, der des Wegs zieht, wes Standes, Volkes, [44] oder Glaubens er auch sey, erwartet im Hospiz herzliches Willkommen und ungefragt und unerbeten für sich und seine Thiere Erquickung. Man erheischt, man erwartet keine Bezahlung; Tausende bieten auch keine; indem aber der Reiche oft das Zehnfache bezahlt, steuert er dadurch zu dem edlen Zwecke und wird er selbst der Wohlthäter der Armen. Diese größeren Geschenke machen es erklärlich, wie jene frommen Menschen seit Jahrhunderten immer mit vollen Händen haben spenden können, ohne zuverlässige Einkünfte zu besitzen, oder eine dauernde Unterstützung vom Staate zu beziehen.
Die Mönche sind Deutsche, Italiener, Franzosen; es sind keine Kaputzenleute gewöhnlichen Schlags, die Indolenz und Unwissenheit unter der Kutte verbergen; sondern wissenschaftlich gebildete Priester, welche sich in mehren europäischen Sprachen unterhalten können. Die kleine Congregation besitzt eine Bibliothek und naturhistorische Sammlungen, die besonders an alpinischen Erzeugnissen reich ist; ja sie steht mit mehren wissenschaftlichen Instituten Europa’s in regelmäßigem Verkehr. Literaturzeitungen und Journale finden ihren Weg in diese unwirthbare Höhe und gelehrte Forschung hat hier noch eine Stätte. Bei dem täglichen Umgang der Mönche mit Menschen aus allen Völkern und Ständen (der Paß über den großen Bernhard wird jährlich von 20,000 Reisenden besucht!) kann ihnen auch äußere Bildung nicht fehlen, und ihr Stand, noch mehr aber die Größe ihres Berufs, gesellen zu der Feinheit der Manieren den Ausdruck der Würde. Dem gemeinen Treiben der Welt und des Lebens fremd, fern von allen egoistischen Bestrebungen, haben sie nur für die allgemeinen und höhern Interessen der Menschheit Theilnahme, und kein Parteiwesen trübt ihr klares Urtheil.
Nahe am Hospiz ist ein kleiner See, welcher zuweilen gar nicht, nie aber vor Mitte Augusts aufthaut und gemeiniglich gegen den 1ten September wieder zufriert. Diesen 14tägigen Sommer haben die Klosterleute doch für die Kultur eines Gärtchens zu benutzen versucht, welches sie auf der Südseite des Hauptgebäudes anlegten und durch Mauern vor dem rauhen Athem ber Winde schützten. In Mistbeeten, welche sie unausgesetzt mit Glasfenstern bedeckt halten und des Nachts sorgfältig mit doppelten, dicken Matten schirmen, ziehen sie in glücklichen Jahren Radischen und Kresse.
Die hauswirthschaftliche Einrichtung des Klosters ist musterhaft und, obschon sie weiblicher Hülfe entbehrt, ein Bild der Reinlichkeit und Ordnung. Das Refektorium, groß und geräumig, ist mit hübschen Gemälden und Büsten, den Erinnerungsgeschenken von Reisenden, geziert, so wie auch die kleine, aber freundliche Kirche, in der die Priester den täglichen Gottesdienst abwechselnd verrichten, des Bilderschmucks nicht entbehrt. Das Todtenhaus ist ein abgesondertes Gebäude und in seiner Art einzig. In der weiten Halle desselben werden die Leichen aller in den Schneestürmen und durch die Lawinen Umgekommenen und Aufgefundenen so lange ausgestellt, als es der Raum gestattet. Auf schwarzbehängten niedrigen Tafeln liegen sie da in ihren schneeweißen Gewändern wie schlummernde [45] Geister! Die Körper verwesen in dem reinen, immer eiskalten Aether nicht; sie vertrocknen, und noch nach Jahren haben Reisende die Züge ihrer Anverwandten und Freunde wiedererkannt. Da die stets hart gefrorene Erde das Bereiten von Gräbern nicht zuläßt, so werden die Gerippe aus der Todtenhalle, wenn deren Raum überfüllt ist, auf einen anstoßenden Platz getragen, den eine Mauer einschließt. In Reihen geordnet liegen sie da und bleichen unter dem offenen Himmel.
Das ist das Hospiz; so Leben und Tod auf dem großen St. Bernhard.