Düsseldorf (Meyer’s Universum)
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DÜSSELDORF
Die Muse der bildenden Künste ist immer Freundin und Begleiterin einer edlen Gesittung und schönen Natur gewesen. Die herrlichsten Landschaften, der sonnigste Himmel, die am schönsten gelegenen Städte waren immer vorzugsweise ihr Aufenthalt, denn da war der Menschen Geist, mit dem sie verkehrte, am leichtesten angeweht vom Zauber des Schönen, das die Natur ausströmte. Darum waren es auch Griechenland und Italien vorzugsweise, wo sich der Sinn für Kunst am höchsten entwickelte. Wohl hat sie auch Tempel im Norden, in den Ebenen, oder am flachen Ufer des Meeres; aber sie ist selten daheim und erscheint nur als ein zeitweiliger Gast. In Deutschland, im Herzen der modernen Civilisation, war sie seit länger als einem Jahrtausend heimisch; namentlich ist sie an den herrlichen Ufern des Rheins auf- und abgewandert und auf dieser Heerstraße der Kultur hat sie in den alten Städten Basel, Straßburg, Mainz, Köln schon frühzeitig Wohnsitze gehabt. Ihr neuester aber ist da, wo die Stromnymphe die letzten Perlen ihres Geschmeides niederlegt, im freundlichen Düsseldorf.
Düsseldorf ist eine Stadt von noch jugendlichem Charakter, in der ein frisches Leben pulsirt und mit behaglichem Wohlstand einhergeht. Zeit und Mittel sind da hinreichend vorhanden, dem Genuß am Schönen nachzuschlendern; Auge und Sinn werden nicht von den Eindrücken des Verfalls gestört, wie in manchen alten, aber verkommenen Städten am Rhein, noch wird er abgezogen und betäubt vom Geräusch des Alles übertönenden Fabrik- und Handelslebens, wie im reichen Köln. Der Kunst ist wohler in Düsseldorf als anderswo, und hat, obgleich sie vielfach mit der Ungunst ihrer Protektoren zu kämpfen hatte, doch einige der schönsten Blüthen getrieben, welche jemals dem vaterländischen Boden entsprossen.
Die Gründung der düsseldorfer Maler-Akademie fällt in’s Jahr 1767, in die Regierungszeit des pfälzer Kurfürsten Karl Theodor, nach dessen Tode sie als Erbe auf Maximilian Joseph von Bayern überkam. Beim Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Preußen wanderten Düsseldorfs Kunstschätze und die meisten Künstler nach München und Augsburg aus, und während der französischen Occupation war die Thätigkeit der Akademie gänzlich [152] erlahmt. Erst nachdem die politischen Zustände wieder in’s Geleise gekommen, nahm sich der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., der verwaisten Anstalt an und berief 1819 den Meister Cornelius aus Rom an ihre Spitze.
Die geniale Wirksamkeit dieses größten Künstlers der Neuzeit bewährte sich bald. Er schnitt der Pflanzschule der deutschen Malerei den Zopf ab, proklamirte eine freie Entwickelung des Talents und bildete die ersten Priester idealer Kunst. Ehe aber noch die neue Richtung eine feste Gestalt angenommen hatte, verlor die Schule ihre große Stütze und mit ihr ihre bedeutendsten Kräfte, durch die Berufung von Cornelius nach München. Mit seinem Nachfolger, dem Historienmaler Wilhelm Schadow, begann eine Umwälzung für die Kunstrichtung Düsseldorfs. Anfangs trat ein neuer Zopf, wenn auch kein gepuderter, nur ein vornehm poetisch zusammengeflochtener, an die Stelle der genialen Weihe und naiven Ursprünglichkeit, welche Cornelius hinterlassen; eine lyrische Stimmung trat an die Stelle des Epos und der dramatischen Komposition, eine Schwärmerei für die Farbe und Technik an die Stelle des Ausdrucks großer Ideen, eine sentimentale Weichlichkeit, ein stereotyper Weltschmerz an die Stelle der Kraft, des Entschiedenen und Klassischen, eine scheue Zahmheit in der Darstellung an die Stelle der Sicherheit und des kühnen Aplomb des früheren Meisters. Dem großen Publikum aber war die Seichtigkeit der Ideen verständlicher als die Tiefe und sein Wohlgefallen an den schön kolorirten, genreartigen Bildern brächte die düsseldorfer Schule weit und breit in Ruf. Zum Glück für sie entsprang aber bald aus ihrem Schooß, gerade als sie in einer sentimental-religiösen Richtung zu versumpfen drohte, ein Principienkampf, der den akademischen Sauerteig ausfegte und eine Ausscheidung und Isolirung der sich widerstrebenden Elemente zur Folge hatte. Lessings Genialität hat das Beispiel der Emancipation des Talentes gegeben, den gesunden Kern der Schule von der Schale der Hyper-Romantik und Ascetik befreit und die Fahne des reinen Realismus, des nackten Naturalismus, der selbstständigen Anschauung und inneren Wahrheit erhoben, welcher der jüngere Theil der Akademie jetzt so große Erfolge verdankt. Mag der ältere auch noch seine Seele an das Philisterthum der Kunst, an die alten konventionellen Typen, die seelenkranken Heiligen und romantischen Ritter verkauft haben, es ist doch ein neuer, zählender, individueller Geist in den Kreis der Künstler, etwas Männliches, Muthiges, Bewußtes in Stift und Farbe gefahren, was Düsseldorfs bessere Kunsterzeugnisse zum geistigen Ausdruck der Zeit erhebt, der sie angehört.