Das Fort Fenestrelles
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FORT FENESTRELLES
Napoleon hat die Messiaden auf ein Jahrtausend in Verruf gebracht. Er trat in die Welt mit dem Beruf: ihr Erlöser zu seyn, und – schmiedete Ketten für sie, bis er selbst angekettet wurde. Die Hochstraße der Freiheit sollte er bauen, auf der die Völker glücklich, sicher und zufrieden wandern könnten durch die kommenden Zeiten, – und statt jener bauete er Hochstraßen für seine Heere; Eroberungs- und Schlachtenwege, nicht um zu befreien, sondern zu unterjochen. Aber es ist das Amt der Natur, daß sie die verkehrte Absicht der Menschen verbessere, und sie läßt manchen Keim Früchte tragen, an welche der Erzeuger selbst nicht dachte. Napoleons Werke überdauern seine Zwecke, und während die Nachwelt Nutzen aus ihnen zieht, segnet sie den Urheber und vergißt, was er gewollt hat. Viele der Fäden, welche dem gestorbenen Heros entfallen sind, spinnt sie emsig fort und leitet sie zu Zielen, welche dieser nicht im Auge hatte. So sind auch die Napoleonsstraßen über die Alpen, die für den Krieg erbaut waren, Beute des Friedens geworden, und die der Eroberer geschaffen hat zur Befestigung seiner Herrschaft und zur Unterjochung der Völker, nützen diesen zu Handel und Gewerbe.
Napoleon führte zwei Straßen aus Frankreich über Turin nach Italien, welche beide ihren Uebergang auf dem Nacken des Genèvre bewerkstelligen. Die eine dieser Straßen, und die frequenteste, geht von Turin über Susa; die andere über Pignerol durch das Thal des Clusone und über den Rücken des Sestrière. Diese letztere ist der kühnere, gewaltigere Bau, auch ihre Szenerie ist die größere und reichere.
Der Eingang in das Clusonethal bei Pignerol, einem kleinen, armseligen Städtchen, ist schön. Noch waltet hier der Charakter der fruchtbaren Ebene vor, in welcher das prächtige Turin sich bettet; aber allmählig engt sich das weite Thal, die Seitenwände erheben sich, sie rücken zusammen und alpinische Züge treten in die Physiognomie der Landschaft. Die Thalwindungen versperren bald die großartige Ansicht der Meeralpen und des Monte Viso; rauhere Lüfte wehen und die zartern Kinder der Flora von Piemont, der Granate feuriger Busch und das Mandelbäumchen, verschwinden. Während der Weg immer merklicher ansteigt, wälzt ihm zur Seite der wasserreiche Clusone mit Ungestüm sich über das mit großen Blöcken von Granit und Gneiss bestreute Bette. An mehren Stellen wird der Raum zwischen den Bergwänden zur Schlucht und die Straße schneidet tief in die Felswände ein, welche bis zu 300 Fuß hoch senkrecht emporsteigen. Aber da, wo das Thal sich erweitert, zeigt es [76] den schönsten Wiesengrund und besäet ist es mit den freundlichen Wohnungen der Waldenser, welche hier, umgeben von dem finstersten Katholizismus, ein Paar kleine Gemeinden bilden. Als Ketzer von der übrigen Bevölkerung verabscheut, leben diese friedlichen, arbeitsamen und durch das Licht des protestantischen Glaubens beglückten Menschen hier, wie die Bewohner einer Oase der großen Wüste, in förmlicher Abgeschiedenheit von der übrigen Welt. Sie haben zwei Kirchen, die eine in St. Germain, die andere in Pomerat bei Perouse.
Weiter aufwärts geht der Charakter des Lieblichen wieder ganz verloren; wild, erhaben ist die Landschaft; Felstrümmer, seit Jahrtausenden hinabgestürzt, bedecken ihren Boden, weithin aufgeschüttet, hinreichend zum Aufbau ganzer Berge. Ungeheuere Felsklippen von dem zerstörtesten Ansehen fassen die Schlucht ein, in deren Tiefe das zürnende Alpgewässer, brausend, nicht sichtbar, sich durch das Gestein den Weg sucht. Der einzige Ausgang aus diesem öden Winkel voll Trümmer ist der Paß von Fenestrelles, den die Straße unter überhängenden Felswänden hin mühsam erklettert. Oben steht ein steinernes Kreuz mit einer kleinen Kapelle.
Hier erwartet den Reisenden ein imponirender Anblick. Einen finstern, bodenlosen Abgrund sieht er vor sich, auf dessen äußerstem Rande die Straße ruht, und jenseits desselben erhebt sich, von kahlen, senkrechten Felsmassen umstarrt, ein Berg in Pyramidenform, auf dessen terrassenartig ausgehauenen Seiten sich, zehnfach über einander, Batterien thürmen, die ihm die ehernen Rachen entgegen strecken. Die regellosen, eckigen Umrisse der Felsnatur contrastiren auf das Wunderlichste mit den geraden Linien der Befestigungen, welche das hehre, stille Alpenbild durchstreichen. Napoleon stellte die unüberwindliche Veste als Hüter der Ausgangspforte seines Reichs hierher. Jetzt Sardinien gehörend und ihrem Zwecke entrückt, hat sie wenig strategische Bedeutung mehr, und spärlich bemannt ist sie nur noch als Staatsgefängniß berüchtigt und gefürchtet. Aus ihren Kasematten hat man schauerliche Kerker gemacht, in welchen mancher Bösewicht, aber auch manche hochherzige, für das Wohl des Vaterlandes wagende Männer und begeisterte Wortführer der Freiheit zwischen den feuchten Mauern, in Gesellschaft der Molche, ihr Leben vertrauern. Gut gewählt hat sie, die Herrschergewalt; einen passenderen Käfig für ihre Feinde kann es in der Welt nicht geben. Seufzer und Flüche verhallen in dieser Oede; sie kann jedes Geständniß erpressen, und kann es hier ohne Furcht, daß der Aufschrei der Gequälten zu den Ohren des Volks dringe und es in seinem Schlafe störe. Hier, wie anderwärts, rufen die Söldlinge der Macht: „traurige Nothwendigkeit!“ Ja, traurige Nothwendigkeit, wenn es blos Mördern und Dieben gälte, Menschen, über deren Verbrechen jedes Rechtsgefühl, jedes Gesetzbuch das Verdammungsurtheil spricht; aber das, was viele dieser Staatsgefangenen verschuldet haben, das heißt jenseits des atlantischen Meeres Tugend und erwirbt einen Bürgerkranz. Es wäre gewiß menschlicher und für die ausübende Macht gesitteter Staaten ehrender, wenn ein Unterschied gemacht würde zwischen Verbrechen, welche [77] allgemein, überall und zu allen Zeiten als solche erkannt sind, und solchen, die, glücklich vollendet, nicht mit einer Dornen-, sondern mit einer Lorbeerkrone vergolten werden. Es wäre auch klüger: denn hat durch alle Füssiladen, Marterkammern und Kerker die Ruhe, die Dauerhaftigkeit und das Wohlbefinden der Staaten Etwas gewonnen? Fragt die Geschichte aller Völker und aller Zeiten: sie wird es verneinen. So duldet denn, ihr Gewaltigen auf Erden, nicht, daß die Mord- und Kerkerpolitik ihr schauerliches Fastnachtsspiel länger treibe; aber greift das Uebel an der Wurzel an und rottet’s aus; d. h. – regiert besser!