Der Tuilerien-Palast in Paris

CCCCLXXXXII. Das Fort Fenestrelles Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
CCCCLXXXXIII. Der Tuilerien-Palast in Paris
CCCCLXXXXIV. Dublin
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DER TUILLERIEN-PALLAST
in Paris.

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CCCCLXXXXIII. Der Tuilerien-Palast in Paris.




Betrachtet man dies Königshaus, so möchte man ausrufen: Frankreich ist ein Bicètre und Bedlam; Gauner, Diebe, Heuchler sind seine Heiligen und Helden. Was haben der „großen Nation“ ihr Voltaire, ihr Rousseau, die Encyklopädisten, – was ihr contrat social, was die Ströme Bluts, in 30 Kriegsjahren vergossen, was die Julitage geholfen? Kamen nicht die alte Thorheit, die alte Sünde, der alte Jammer wieder nach jeder Wandlung? „Frankreich ist eher neu zu machen, als auszubessern,“ sagte schon Mirabeau, und wenn man die Annalen der Tuilerien liest, wird man versucht, ihm auf’s Wort zu glauben.

Vor drei Jahrhunderten standen auf der Stelle des Palastes, der sich so stolz erhebt, niedrige, schlechte Hütten. Ziegelbrenner trieben in denselben ihr Gewerbe, bis ein Brand sie verzehrte, worauf die damalige Regentin, Maria von Medici, den Plan faßte, die Gäßchen und Wohnungen in der Nähe anzukaufen, niederzureißen und auf dem also gewonnenen Platz sich eine neue Residenz zu erbauen. Der große Pavillon, welcher jetzt die Mitte der Tuilerien-Façade ausfüllt, war ihr Schloß. Ludwig XIII. und dessen Nachfolger bauten an, vergrößerten und erweiterten, und so ist nach und nach das kolossale Gebäude entstanden, in welchem Ludwig Philipp gegenwärtig Hof hält. – Seinem Umfange nach der größte Palast in Europa, steht er doch in künstlerischer Beziehung unter den meisten Königswohnungen; denn trotz der Größe, trotz dem Luxus an Säulen, Pilastern, [78] Statuen und Ornamenten, trotz dem, daß man die ganze Architektur des Alterthums gleichsam geplündert hat, um diesen Bau auszustaffiren, läßt er den Beschauer kalt: denn ihm fehlt die Seele, – der große, künstlerische Gedanke. Es ist Alles Flickwert. Die einzelnen Lappen sind wohl schön, aber das Ganze kann nimmer gefallen.

Bis zur Revolutionszeit war das Schloß der Tuilerien nur die Residenz der Könige. Nie vorher hatte es ein bürgerlicher Fuß betreten, er müßte denn gekommen seyn, dienend, dankend, bettelnd hinzuknien, oder Huldigungen darzubringen. Die Etikette herrschte. Ihr erster Sklave war der König; aber die Nation war die Magd des Königthums. In den Tuilerien war unter Ludwig XIV. der Welt die hohe Schule aufgethan, wo die Unterwürfigkeit praktisch gelehrt wurde, und hier überkamen den Eingeweiheten die geheimen Traditionen unbedingter Gewalt. War der Lehrling in dieser modernen Eleusis durch alle Grade zur Meisterschaft vorgedrungen, dann kehrte er in die Heimath zurück zur Ausbreitung des Absolutismus, oder er trat, machtbegabt, in’s Volk, dieselbe Unterwürfigkeit nach abwärts gebietend, welche er nach oben zollte. Die stolzen Barone, ihrer Selbstständigkeit entkleidet, die Prälaten, abhängig gemacht von der Krone, lernten zu Gefolge gehen, und aus Beiden bildete der Hof seine Glorie. Dieser wurde der Mittelpunkt der feinen Sitte, der guten Gesellschaft, des leichten Tons, der Gewandtheit in allen Verhältnissen des geselligen Umgangs. Poesie und Kunst wurden nur dann courfähig, wenn sie schmeichelten, und ihr höchster Beruf war damals die Apotheose des Königthums. Die Weltgeschichte war Hofgeschichte geworden: eine feile Dirne, welche die schändlichsten Thatsachen mit edlen Motiven staffirte und die Lüge in goldnen Schalen kredenzte. Die Akademien antichambrirten und richteten die Wissenschaften ab nach dem Winke des Gebieters. Die Geistlichkeit machte den Glauben geschmeidig und fabrizirte zweierlei Moral: die eine als Ring durch die Volksnase, die andere für die Vornehmen, diesen zur süßen, leichten Bürde. Aus den Tuilerien kam durch jenen Ludwig der Fluch der stehenden Heere über die Welt, der Zwangsjacke für die Völker; in den Tuilerien wurden die Fesseln, Bänder und Schlösser erfunden, um die rüstigen, treibenden Kräfte der Nationen regungslos zu machen; dort wurden alle die Institutionen erdacht, welche die unbedingte Regierungs-Gewalt consolidiren sollten und von ihr fern halten die Möglichkeit eines Widerspruchs; dort wurde, als Ausfluß absoluter Herrschermacht, der Beamtenstaat gegliedert, eine Stufenfolge disciplinirter, uniformirter, allmählich ansteigender Fürsten- (nicht Staats-) diener, Sklaven nach oben, Despoten nach unten; dort wurde der Beamtengeist erfunden und eingesaugt, dort erhielt die Bureaukratie ihre eigenen Begriffe von Ehre und Schande, ihre Auszeichnungen vor dem übrigen Volke durch äußere Dekorationen, durch Bänder und Kreuze, dort bekam sie ihre eigene Taktik, ihr besonderes Exerzier-Reglement, ihr eigenes Geheimniß, ihre eigene Gesinnung, ihre eigenen Interessen. In den Tuilerien wurde zuerst die künstliche Maschine zusammengesetzt, durch welche man bis auf den heutigen Tag über die Völker herrscht; der Apparat ersonnen, durch dessen Thätigkeit man alle [79] subjektiven Freiheitskräfte aufreibt und Alles unterdrückt, was sich der Centralisation der Gewalt entgegenstemmen mag; – und da entstand das Werkzeug, womit man alle provinziellen Eigenthümlichkeiten, alle örtlichen Rechte, alle Selbstständigkeit des Gemeindelebens, alle Macht des Herkommens und der Gewohnheit, alle Abneigung eingewurzelter Sitten, Freiheiten und Gebräuche, allen Stolz selbstständiger, unabhängiger Gesinnung nivellirt und aufhebt: Alles zum Vortheil des Einen – der Macht des Herrschers. In jenem Hause ist das Prinzip geboren worden, welches die Subordination, den willenlosen Gehorsam, an die Spitze der Pflichten der Staatsangehörigen stellt, das die Individuen zu Massen conglomerirt, in denen sie nur nach Zahl und Ziffer gelten und in welchen die Persönlichkeiten untergehen. In den Tuilerien hat man zuerst die Entdeckung gemacht, daß die Masse des Volkes, als Nährstände, eigentlich nur da sey für die Herrschaft und deren Angehörige; daß sie auf der Welt sey, um zu arbeiten, und die Arbeitsmenschen für nichts anders zu betrachten wären, denn als die Vormägen, in welchen sich Kraut und Gras in den Milchsaft zur Nahrung der Vornehmern verwandele. Dort wurden die Druck- und Saugpumpen zuerst ersonnen und construirt, mit denen man den Saft aus den Leibern der Völker zog, die Mauthen, die Verbrauchssteuern, durch welche man vom Bauer den doppelten Zehnten nimmt, vom Handel seine Provision erpreßt und mit allen Gewerben und Industrien den Gewinn theilt, ohne Antheil an der Gefahr, den Kosten und den Verlusten zu haben. Den Tuilerien endlich gehört der Ruhm, Geburtsstätte der geheimen Polizei zu seyn, jener horchenden, spähenden, lauernden, im Finstern schleichenden, unsichtbaren Macht, die umgeht unter den Völkern, um ihre Besten zu verrathen und zu fahen. –

Nichts weiter? Wenn Das doch Alles wäre! Aber auch die letzten, höchsten Güter sollten den Völkern nicht bleiben vor dem Geiste, der in diesem Königshause waltete. Von hier ging unter den Nachfolgern des 14ten Ludwigs jener Pesthauch der Lüderlichkeit, des Unglaubens, der frechen Verhöhnung alles Edlen und Erhabenen aus, welcher die meisten Höfe Europa’s vergiftete und durch diese die Völker bis auf die untern Schichten mit sittlicher Fäulnis durchdrungen und verderbt hat. Die Tuilerien führten die Zeiten der Cäsaren zurück, und mit ihnen alle die viehischen Gräuel, welche jene Zeiten befleckten. Bei König Ludwig XV. und dem ruchlosen Regenten gingen die Fürsten und Großwürdenträger der Staaten, in dem Pfuhl der neuen Lutetia die Angehörigen der Völker, in die Schule und wurden Träger der Unwürdigkeit und des Verderbens, das alle Organe des europäischen Lebens anfraß und mit eiterndem Krebsstoff infizirte. In den Tuilerien hat man gesehen, wie schlechte Maitressen Kriege anzettelten, welche den Völkern das Herzblut kosteten und ihre Städte verwüsteten; in den Tuilerien wurde die Politik erdacht, die den Länderraub zum Recht gestempelt, den Volksbetrug zum Verdienst erhoben und die Staatsbeutelschneiderei im größten Style gestattet hat, mit deren Hülfe es nicht blos möglich war, der Gegenwart Hab und Gut zu verpfänden und aufzuzehren, sondern auch noch das der ungebornen [80] Generationen: ich meine Papiergeld (Assignaten) und Staatsanleihen. Kurz, aus den Tuilerien ist die Fluth des raffinirten Despotismus über den ganzen Welttheil hereingebrochen, brandend bis an die Felsen von Gibraltar und an die Gestade Sibiriens; dort war das goldene Kalb aufgerichtet, wohin die Fürsten voll inbrünstiger Andacht blickten, – dort stand der Hochaltar, dort qualmte der Weihrauch, dort lehrte der Erzpriester, der König Frankreichs, und auf ihn hörten alle Fürsten. Kein Wunder! denn allen hat die Lehre ein annehmlich Ding geschienen, und jeder verpflanzte von der Herrlichkeit so viel in seine Staaten, als die Verhältnisse irgend gestatten wollten.

Seht, – das ist der Ruhm des Tuilerien-Palastes, – seht, das ist der Ruhm der Könige, die ihn bewohnt haben, von dem Nachfolger Heinrich IV. an bis auf Ludwig XVI., der, obschon selbst schuldlos, die Schuld der Väter auf dem Schaffot gebüßt hat.

Aber es herrscht ein Gott in der Geschichte und sein Schwert ist das der Vergeltung. Das Reich der Gewalt, in welchem das Raubthier Staat sich selbst Alles, dem Volke Nichts gestattet, sich selbst Alles nimmt, der Nation Alles versagt, zerbrach, als Lafayette die junge Freiheit aus Amerika herüberholte. Vor ihrem Lichte wurde die Größe der Verderbniß offenkundig und, enttäuscht, sprengte das französische Volk seine Ketten; es nahm Rache an den Repräsentanten seines Verderbens. Der König selbst endete unter dem Beile, und alle die Tausende, die, mit Stern und Band, Rang und Würde beladen, das Königthum geziert hatten, fielen der Guillotine anheim, oder flohen in’s Exil. Die Tuilerien verödeten und die Prunkgemächer des Palastes wurden ihres Glanzes entkleidet. Das Bürgerthum machte sich wohnlich in der Wohnung der Könige, und während das Schwert an des Reiches Marken seine Opfer fraß und der Bürgerkrieg nach innen in Frankreichs Eingeweiden wühlte; – während der Terrorismus wüthete mit Noyaden und Mitrailladen, Proscriptionen und Konfiskationen, Requisitionen und Plünderung aller Art, gaben die Jakobiner Bälle und Konzerte im Thronsaale, und wo vordem Kronenträger an goldenen Spieltischen gesessen, da hielten Caffetiers Wirthschaft und der pariser Gamin spielte seine Parthie Billard für 2 Sous.

Auch das ging vorüber. Die wilden, entzügelten Kräfte tobten aus, Erschöpfung trat an die Stelle der Exaltation. Das bürgerliche Regiment war kraftlos geworden; nur der in tausend Schlachten gebildete neue Adel des Schwerts war noch gewaltig und ihm fiel die Herrschaft zu. Nachdem Mehre ohne Entschlossenheit nach dem Zepter gegriffen hatten, bestieg Bonaparte erst als Consul den curilischen Stuhl, bald als Kaiser den Thron.

Er stellte ihn in den Tuilerien auf, und was vor Alters glänzend in dem Palaste gewesen, das verjüngte sich wieder mit zehnfachem Glanze. In den Tuilerien ordnete er das Planetarium seiner Herrschaft; hier war es, wo um seine Sonnen-Mitte alle Planeten kreisten, und um diese wiederum die Trabanten; wo er das glänzende [81] Staffelwerk eines neuen Adels vom Herzog bis zum einfachen Ritter herab aufstellte, ein Werk, das er in einem Tage schuf. Der Codex der Hof-Etikette, welche das Genie Ludwigs XIV. erfunden hatte, wurde mit den Druckerzeichen des Adlers noch einmal neu aufgelegt und in den Tuilerien zur strengsten Ausübung gebracht. Hier brütete nun der Korse seine Pläne der Welteroberung; da baute er Karls des Großen Reich zum zweiten Male auf; von da aus schleuderte er die Blitze, welche die Könige und Dynastien von den Thronen stürzten und Reiche zusammen warfen. Aus den Tuilerien entsendete er die Ordonnanzen, womit unabhängige Völker zu Heloten herabgewürdigt wurden und ihre Regierungen zur Dienstbarkeit; dort gingen – in der Zeit unserer eigenen, tiefsten Schmach – deutsche Fürsten, deutsche Könige zu Hofe; dort war es, wo um deutsche Stämme, um deutsche Länder gefeilscht und gehandelt wurde wie um Güter und Heerden – und dorthin trugen der Fürsten viele ihr letztes Kapital von Ehre, um Reichthum an Schande und Erniedrigung dafür zu tauschen. Sitzend auf dem Throne der Tuilerien stampfte des Zauberers Fuß die Armeen aus der Erde, welche ausziehen mußten zu den Säulen des Herkules und bis an der Wolga eisige Fluthen, um die Völker zu jochen, und da ruhete sein Adlerblick zum letzten Mal auf seinen Trophäen, als das Weltrad, welches sein Titanenarm noch einmal gewendet hatte, zum zweiten Mal umgeschlagen war, und er nichts mehr erlangen sollte auf Erden, nach dem Rathschlusse des Allmächtigen, als ein Felsengrab im Ozean. – Denn – es lebt ein Gott in der Geschichte und sein Schwert ist – Vergeltung.

Die Bonapartes zogen zum zweiten Mal aus, und die Bourbons zum zweiten Mal ein; die Adler entflogen und die Lilien sproßten und blühten an den Mauern und Plafonds der Tuilerien von Neuem. – Wiederherstellung (Restauration) wurde jetzt die Parole des Palastes. Verrücktes Beginnen! Was war da zu restauriren, wo Alles in Trümmern lag, wo jede Mauer aus dem Sockel gewichen, wo jede Grundveste unterwühlt und die Fundamente selbst von oberst zu unterst gekehrt waren? Zwar konnte man in den Sälen der Tuilerien das Alte wieder erwecken und durch eine Milliarde, dem Volke entlistet, die in der Revolution verarmten Adelsgeschlechter wieder mit Schimmer umgeben und zu Hof locken; aber der Geist des Alten war ohne Wurzel im Volke; es sah in ihm nur einen Alp, der es drückte, und den es wieder wegwünschte, keinen guten Genius. Das Königthum mit seinen Restaurationsbestrebungen trat daher in Zwiespalt mit seinem Beruf – es theilte, wo es zusammenhalten sollte, es machte zwei Frankreiche aus einem, ein neues und ein altes, zwei Völker, die sich haßten, zwei Zungen, die sich verleumdeten, zwiefaches Regiment, zwiefache Gesinnung, zwiefache Sitte, doppeltes Leben in Wissenschaft und Kunst. Und solcher Streit hat fortgewährt, bis Karl X. jene Ordonnanzen unterschrieb, welche den Franzosen ihr theuerstes Recht zu rauben trachteten. Da regte sich plötzlich der alte Geist in seinem Grabe, die Pflastersteine wurden lebendig, und das Volk that, wie seine Väter gethan: Söldner-Treue blutete noch einmal in den Höfen der Tuilerien; aber die menschlicher gewordene Nation schickte die Schuldigen nicht auf’s Schaffot [82] wie vordem, sondern in’s Exil. Abermals welkten die Lilien, abermals sah das souveraine Volk hohnlächelnd auf einen leeren Thron. – Doch nicht lange, so setzte sich die „beste Republik“ schlau hinein – und sie sitzt noch darin: – erst als Bürgerkönigthum, bis sie den lästigen Dualismus von sich warf und das Königthum allein zurückließ. Dies hat jetzt Alles wieder an seinen Platz gestellt: die Leibwächter-Schaaren an die Pforten und in die Korridors, die Hofmarschälle und Ceremonienmeister in die Salons mit Schaaren der Hofleute, und Kniebeugungen und Huldigungen werden nach den alten Formeln geübt. Die langen Reihen der glanzvollen Equipagen drängen sich vor der Pforte des Palastes wie ehedem, und die Boten der Völker und Fürsten der Erde bringen dem Nestor der Monarchen mit eben der Feierlichkeit Huldigung und Freundschaftsversicherung, als dem legitimsten der Könige, die vor ihm hier Hof gehalten. Wer wird nach Ludwig Philipp dieses Haus bewohnen? Das Kind, sein Enkel, das nur mit einer Krone spielen, nicht sie tragen kann? oder einer aus dem Triumvirat der Prätendenten? oder wer sonst? Das Schicksal rüttelt die Würfel; aber nur Gott weiß, für wen sie fallen.


Soll ich Euch nun in den Palast führen? – Offenherzig, meine Freunde, wir haben der Herrlichkeiten solcher Art schon mehr als zu viele gesehen, und Eintönigkeit ist ja die Seele des Königthums auch in seiner Livrey und Zierrath! Lieber hinaus in’s Freie, in das bunte, wogende Leben unter seinen Fenstern, das Ihr schauen sollt bei der Fackel eines andern, eines höheren Geistes.


Der Garten der Tuilerien.

„Engländern, (erzählt der edle Börne), die das Reisen lieben, und also auch gern das Bild der Geliebten zu Hause vor Augen haben, ist ein Garten ein Miniatur-Europa, in dessen Zügen sie einen kleinen Schaffhäuser Wasserfall, ein kleines Chamounithal, einen kleinen Golf von Neapel mit Wohlgefallen erblicken. Wäre aber der Garten der Tuilerien nicht wie er ist, im besten französischen Geschmack, sondern im englischen, so wäre das sehr schlimm. Das Herz eines ächten Parisers würde krank werden durch Erkältung oder Erhitzung, wenn er aus dem Kunstkabinet des Palais-Royal schon nach wenigen tausend Schritten in das Naturgeschichtliche eines englischen Gartens träte, – wenn sein Ohr, ohne Zwischenseiten, plötzlich vom Schlangengezisch des Rouletts zum Gemurmel eines Springquells, von den giftigen Locktönen einer Königin der Nacht zu den unschuldigen Liedern der Nachtigallen überspränge; wenn sein Gefühl aus der breiten Sonnenfläche, worauf die, gleich Grenadieren des großen [83] Kurfürsten, neben einander gesteiften und gedrechselten Bäume stehen, plötzlich in das schattige Gewimmel eines frischen Wäldchens träte. So aber bleibt er gesund: denn er tritt aus dem Palais-Royal nur in einen Jardin-Royal. – Frühlingsluft weht uns an, aber der Frühling verkündigt sich in diesem Garten nicht durch Blüthenstaub, sondern durch irdischen. Seine Bäume behalten die Augen länger geschlossen; denn als Städter stehen sie später auf wie Landbäume. – Verrückte Engländer fahren vorbei in großen Reisewagen; das Kammermädchen in seidenem Spencer inwendig, die Herrschaft unter bäuerlichem Strohhut auf dem Bocke. Sobald der Frühling kommt, verlassen die Briten Paris, um nach der Schweiz, nach Italien, an den Rhein zu reisen. Ihnen ist die Reisekasse eine Spar- und Amortisationskasse. Das reiche, glückliche Volk! Ein armer Teufel von Dichter in diesem Lande, der nicht Geld genug hat, im November sein Steinkohlenfeuer zu bezahlen, schifft nach Frankreich, wärmt sich dort an der Sonne und trinkt wohlfeiler feurigen Wein, als in seiner Heimath kaltes Bier. Geht es dem Schelm gar zu arg, dann muß er freilich nach Neapel, dort für einen halben Paol sein Abendmahl halten und dabei die Sonne aufgehen sehen im blauen Meere!. . . . Wir verfolgen den englischen Reisewagen mit den Augen die ganze Tivolistraße hinauf bis an den Garde-Meuble, wo er umbiegt. Auf diesem Palast spielt der Telegraph. Spielen? Ach ja, er spielt wie eine Schlange in der Sonne. Die langarmige Tyrannei, wie sie ihre Fangklauen ausstreckt über Berg und Thal, vom Thron bis zu den Grenzen des Reichs! Ich habe mir vorgenommen, den Moniteur durchzulesen von 1789 bis jetzt und ein Beispiel aufzusuchen, daß je durch den Telegraphen eilende Wohlthat zugesendet, daß je Thränen durch diesen Sturmwind getrocknet, daß je dem Berurtheilten rasche Begnadigung zugesprochen. Und finde ich nur ein einziges Beispiel dieser Art, dann will ich mich mit den Telegraphen befreunden. –

An jedem Gitterthor des Tuilerien-Gartens stehen zwei Schildwachen. Sie sind sehr geplagt. Gewiß hatten sie in den Schlachten von Marengo und Austerlitz ihre Flinten nicht so viel handirt, als sie es hier thun. Sie müssen nämlich vor Jedem, der ein Ordensband trägt, das Gewehr präsentiren. Das endet nicht. Es ist erquickend zu sehen, wie viele Verdienste in die Tuilerien eintreten und wie sich der abgetriebene Bandwurm immer wieder erneuert. In jeder Viertelstunde zählt man 1000 Vorübergehende, und unter jedem hundert neunzehn bis zweiundzwanzig Bebänderte; also je der fünfte Mann ist ein Wohlthäter des Vaterlandes, und dazu rechne man noch die Vielen, welche bescheiden ihren Ruhm unter dem Rocke tragen. Die Dekoration ist immer die nämliche: das Kreuz der Ehrenlegion. Wie monoton und armselig erscheint dieser französische Bänderschmuck gegen den Deutschlands, wo einige sechzig verschiedene Orden dazu bestimmt sind, die Röcke der großen Männer des Vaterlandes zu zieren. –

[84] Unter den Bäumen stehen eine unzählige Menge Strohstühle neben einander gereiht. Es sind Lehnstühle, Tausende sitzen darauf; auch wir nehmen Platz: aber kaum haben wir uns niedergelassen, so kömmt eine Frau, um 2 Sous als Lehnspflicht einzufordern. Das Recht, Stühle zu vermiethen, ist verpachtet und es erträgt dem Könige im Jahre 40,000 Franks. Eine bürgerlich-einfach-gekleidete Frau geht vorüber und fordert Kupfergeld ein; sie trägt Etwas verdeckt und achtsam unter ihrer weißen Schürze. Bettelt sie für einen Säugling, den sie mütterlich gegen Wind und Sonne schützt? Nein! sie bedeckt mit ihrer Schürze nur eine Art Gebackenes, das so leicht ist, wie gebackene Luft. Es heißt: Plaisirs des Dames. Das muß schnell und verhüllt herumgetragen werden, daß es nicht kalt werde. „Des Plaisirs, mes Dames! Des Plaisirs!“ ruft sie im Fluge, und wie im Traume schwebt sie vorüber.

Wir Männer gehen leer aus – wie mag einer Plaisir des Dames fordern? Doch dort steht eine Reihe Buden, Männer in dichten Schaaren umgeben sie: – dort verkauft man wohl Plaisirs des Messieurs, denken wir, und lüstern treten wir heran. Wir täuschen uns nicht, – bloß der Magen ist der Betrogene. Zeitungsbuden sind es – alle Journale und Zeitungen von Paris liegen da, frischbacken, naß von der Presse weg. Jeder nimmt ein beliebiges Blatt und geht lesend spazieren, so lange es ihm gefällt. Bringt er das Blatt zurück, so bezahlt er einen Sou. Wir gehen und kommen, drei, vier Mal, fünf Mal: – hm! immer noch steht derselbe wohlgekleidete Mann da, der schon vor 2 Stunden, im Lesen vertieft, dort gestanden. Es ist ein Lauerer, ein Mann der Polizei, der sich an die Quelle der Ueberraschung lagert und daraus jeden Tag die Meinung der Zeitungsleser schöpft; denn wenige Franzosen können mit dem Munde schweigen; mit den Blicken aber, mit den Mienen, Händen und Füßen, daß vermag keiner.

Der Garten wird auf beiden Seiten, seiner Länge nach, von zwei gemauerten Terrassen begrenzt. Die eine, längs der Seine, gewährt eine herrliche Aussicht auf den Strom, auf die Brücke und den Palast der Volksdeputirten. Die andere Terrasse führt der Straße Tivoli entlang und heißt die Terrasse des feuillans, weil bis zur Revolutionszeit das Kloster des feuillans da gestanden. In diesem hatte die Nationalversammlung ihre Sitzungen. Am Fuße jener Terrasse, da, wo sie, sich senkend, in Gestalt eines Hufeisens ausgeht, innerhalb des Kreisschnittes, liegt ein Platz, mit Stühlen und Bänken versehen. Man heißt ihn la petite Provence, weil die Mittagssonne, deren Strahlen sich frei und ungehindert an der Mauer brechen, dort eine Wärme verbreitet, welche selbst an hellen Wintertagen noch an jene südliche Provinz Frankreichs erinnert. Da ist der tägliche Sammelplatz vieler hundert Kinder mit ihren Müttern oder Wärterinnen, und wer des Pariser Kunstlebens voll und satt ist, kommt hierher, sich an der reinen Kinderwelt zu erfrischen. Aber auch diese Erquickung ist matt. Zu verderben war zwar die Kindernatur nicht; aber in Paris steckt sie in einem verzierten Etui, und wer sie haben will, muß [85] sie herausziehen. Ich habe hier sechsjährige Mädchen bei ihren kindischen Spielen schon in der Koketterie debütiren und nach dem Beifall der Umherstehenden haschen sehen, als spielten sie bei Franconi.

Wir haben uns lange aufgehalten; – jetzt sinkt hinter den elysäischen Feldern die Sonne unter: auch hier herrlich! denn die Königin der Erde geht in ruhiger Majestät vorüber, unbekümmert, was sie mit ihren Blicken begegnet, Paradiese, Schlachtfelder, oder den Spielplatz der Pariser Kinder; sie lächelt nicht minder, sie zürnet nicht mehr. – Es wird getrommelt und die große Wache des Gartens tritt heraus. Sie ladet scharf, mit Geräusch und Gepränge, damit ein Jedes erfahre, daß am Thronhimmel der Mond nicht der alleinige Wächter sey. Dann sondern sich etwa zwanzig Mann ab und stellen sich zehn Schritte aus einander, eine Linie durch die ganze Breite des Gartens ziehend. Darauf schreiten sie mit kleinen und langsamen Schritten vor, das Volk vor sich hertreibend. Zurück darf Niemand und so wird in wenigen Minuten der Garten ausgekehrt. Dann werden die Thore geschlossen und Todesstille herrscht um den Palast. Wehe dem Betrunkenen, dem Unachtsamen, oder Unwissenden, der in der Nähe der Tuilerien der fernzurufenden Schildwache nicht sogleich antwortet. Dieses Versäumen hat schon Menschenleben gekostet; meist ganz unschuldiges Leben. Unselige Herrschaft, die, von einer halben Million Bajonette gestützt und in der Hauptstadt selbst von Mauern und Forts geschützt, doch vor jeder Wolke, jedem Lüftchen zittert, ein geängstetes Leben führt. Wie besser die andere, welche, gleich der Eiche, in dem Herzen des Volks wurzelt, von der Sonne geboren, vom Himmel selbst befruchtet, keine Axt zu fürchten hat und gewachsen ist allen Stürmen.