Das Grabmal Mohamed Schahs in Bejapore

DCCXXXIX. Rostock in Mecklenburg Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXXXX. Das Grabmal Mohamed Schahs in Bejapore
DCCXXXXI. Die Columbia-Brücke
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SULTAN MAHOMED SHAH’S MAUSOLEUM IN BEJAPORE

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DCCXXXX. Das Grabmal Mohamed Schahs in Bejapore
(Ostindien).




In keinem Theile der Welt ist von jeher der Instinkt des Despotismus reger und thätiger gewesen, als im Orient; von Nimrod an, bis zu dem Fürsten, der heute über die Perser wie über rechtlose Sklaven herrscht, hat das Königthum in den paradiesischen und unglücklichen Ländern des Ostens die absolute Gewalt geübt. Sich als Inhaber aller Macht betrachtend, sich selbst vergötternd, hat es in dem Unglück und dem Elend der Völker die Folie seines Glanzes gesucht. Namentlich ist die Geschichte Indiens ein Codex grauenhafter Zustände geworden, welche, der Fäulniß unbeschränkter Alleinherrschaft entsprossen, den Menschen unter das Thier erniedrigen. So füllen z. B. die Zeiten der mohamedanischen Kaiser eine haarsträubende Periode grausamer Unterdrückung und unmenschlicher Uebung des Schwertrechts aus. Es war die constante Politik dieser Eroberer, durch Zerstörung aller eingeborenen Gewalten alle Momente der Macht in ihrer Person zu vereinigen. Sie umgaben dieselbe mit einem zehnfachen Wall von Satelliten und trachteten durch Pracht und Glanz die Augen der unglücklichen Völker zu blenden, die ihrem Schwerte Unterthan waren. Ihre Residenzen machten sie zu Königinnen und ihre Hauptstadt zur Thurmkrone des Herrscherhauptes, bergend in sich alle Herrlichkeit, welche die unsinnigste Verschwendung in Gemeinschaft mit dem despotischen Willen hervorzuzaubern vermochte, während den Provinzen die thierischen Verrichtungen der Arbeit und des Erwerbs nicht zum eigenen Genuß, sondern zum Ausbringen der unerschwinglichen Steuern übrig blieben, welche die Bevölkerung erdrückten und aussogen.

Wohl sehen wir auch in unseren Tagen der Anzeichen manche von Bestrebungen, die geeignet sind, ähnliche Zustände herbeizuführen; wir sehen an manchen Höfen hohe Schulen aufgethan, wo die Entäußerung der Menschenwürde als Verdienst gepriesen und die Unterwürfigkeit praktisch gelehrt wird; wir sehen die Mimik blinder, wohlerzogener Ergebenheit in den Lehrsälen und in den Beamtenstuben eingeübt; wir sehen das Geheimniß der Traditionen unbedingter Gewalt an die Eingeweiheten und Auserwählten mitgetheilt: – aber der Weg ist doch noch lang, der [119] zur Alleinherrschaft indischer Herrscher führt und wir dürfen dem rauhen, scharfkantigen, vieleckigten Charakter der europäischen Völker und seiner Widerstandsfähigkeit wohl vertrauen, daß eher die Schleifsteine zerbrechen, als jene bunten, harten Völkergeschiebe die gewünschte Glätte, Einförmigkeit und allgemeine Charakterlosigkeit erhalten, oder die Weltgeschichte in „Denkwürdigkeiten der Dynastien“ aufgeht, welche Hofhistoriographen zierlich, wie goldene Aepfel in silbernen Schalen, darreichen. Wenn es der unbedingten Gewalt, die keinen Widerspruch duldet, gelungen ist, mit einer Leibgarde im großen Styl die Völker in Pferche einzuschließen, auf den Wahlfeldern des Kabinetskrieges mit ihren Heeren, wie Schachspieler mit den Steinen, zu rücken und um den Sieg zu ringen, – wenn es ihr gelungen ist, die Diener des Staats zu einer Truppe uniformirter, dressirter, militärisch disciplinirter Söldlinge zu erniedrigen, und ihr einen eigenen, dem Volksgeist entfremdeten Standesgeist einzuhauchen; wenn sie in den Eisenbahnen und Telegraphen die Mittel sucht und gefunden zu haben glaubt, die Centralisation der Macht auf die Spitze zu treiben, und Alles niederzuwerfen, was sich ihr entgegensetzen will: – so werden dennoch alle die Institutionen, die aus den Menschen nur Zahlen und Ziffern machen wollen, keine Dauer haben. In der Hand der Zukunft werden sie zerbrechen wie dünnes Glas.

Der Absolutismus könnte sich ein Beispiel nehmen an diesem Bilde. War nicht Bejapore vor kaum zwei Jahrhunderten der prächtigste Herrschersitz in ganz Hindostan? Was ist es jetzt? Ein Haufen Ruinen. Da, wo die glänzendste Hofhaltung eines Gebieters über 60 Millionen Unterthanen die üppigsten Träume der Phantasie zur Wirklichkeit machte, schleicht jetzt der Königstiger dem Wilde nach, wühlt die Hyäne Gräber auf. Die Schlösser der Monarchen liegen in Schutt, in den Häusern Gottes und seines Propheten wächst das Gras, die Seen und Springbrunnen der kaiserlichen Gärten sind vertrocknet, wüst sind die Märkte, und über den eingestürzten Thoren der Hauptstadt breiten die Palmen ihre Fächer und reckt die einsame Aloe ihre Blüthenkrone in die Lüfte.

Das besterhaltene Gebäude inmitten dieser Trümmerwelt ist ein Grab. Mahomed Schah, der über Hindostan unumschränkt gebot, hatte es sich bei seinen Lebzeiten aufgerichtet; „ein Werk soll es seyn“, sagte er stolz, „für die Ewigkeit“. 25 Millionen Rupien kostete es, 20,000 seiner Sklaven waren bei dem Bau beschäftigt. In der Mitte dieser kolossalen Todtenhalle liegt der Staub des Fürsten unter einem Berg von Marmor, auf dem die goldene Inschrift prangt: „Das Ende Mahomeds war glücklich“. – Ironie des Schicksals! Ehe noch die Fugen seiner Gruft getrocknet waren, durchtobten Anarchie, Bürgerkrieg und Eroberung sein weites Reich und sie zerstörten, was er mit aller Kunst des Despotismus aufgerichtet und für lange Zeiten hinaus gesichert zu haben wähnte. Mahomed Shah war der letzte Herrscher seines Geschlechts.

Das eigentliche Grab befindet sich in einer Kuppel von nicht weniger als 150 Fuß Durchmesser in der Mitte des Gebäudes. Die innere Gewölbfläche war einst mit Goldplatten und kostbarer Emaille mit eingelegten [120] Arabesken von Lapis Lazuli und edlen Gesteinen bekleidet. Das Werk verdient, was die Reinheit des Styls und die Einfachheit, Hoheit und das Ebenmaß aller seiner Theile und Verzierungen betrifft, Bewunderung. Der denkende Mensch wird jedoch jede Kunst verdammen, die sich lostrennt von ihrer heiligen Bestimmung, sich wie eine kettentragende Sklavin hingibt dem Gaukelspiel des Uebermuths und der Thorheit und sich mißbrauchen läßt, die Lüge in Erz und Stein auf den Kothurn zu stellen auf das Geheiß Derer, welche, nicht zufrieden, die Gegenwart zu betrügen, auch noch die Zukunft zu berücken und ihr Urtheil zu fälschen sich frevelhaft anmaßen.