Die Columbia-Brücke
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COLUMBIA BRIDGE
(SUSQUEHANNA)
„Hier hörte man des Flusses wildes Toben,
(Ein schäumend Niederstürzen von des Berges Stirn)
Gleich dem Getöse weit entfernter Städte;
Doch sanfter naht er; sein düst’res Rauschen schweigt,
Und, lieblich murmelnd, sich hernieder beugend,
Die sanft geschwung’nen Blumenufer küssend,
Läßt er den Winden ihre Düfte spenden.“
So besang Campbell, der Dichter, den schönen Columbia. Die Zeilen stammen aus der Zeit, als das kühne Bauwerk, die Brücke, dem Verkehr übergeben wurde; und man sollte aus der Schlußstrophe schließen, daß der Dichter bei Sonnenuntergang auf den steinernen Bogen gestanden habe, als sie ihre wachsenden Schatten nach den gegenüberliegenden Bergen ausstreckten. Nicht so. Campbell betrat eben sowenig das Thal von Wyomy, als er jemals seine glühende Stirn in dem kühlen Gewässer badete, welches in seinem kieselreichen Bette tausend kleine Bäche vereinigt.
Die Ansicht, welche wir dem Leser vorhalten, wurde dem Schreiber dieser Zeilen zum ersten Male an einem lieblichen Tage eines frühzeitigen Herbstes. Wir hatten West-Philadelphia bald nach Mittag verlassen und [121] reisten auf der Columbia-Eisenbahn, welche dem Staate Pennsylvanien gehört und auf der die Kondukteure ihre eigene beliebige Fahrzeit einhalten, so daß wir zu den 80 Meilen nach Columbia vier und eine halbe Stunde nöthig hatten. Die langsame Bewegung des Zuges und die nebelumhüllte Landschaft waren geeignet, das Gemüth träumerisch zu stimmen. Dazwischen machten sich oft die launigen Einfälle unserer Mitpassagiere geltend, oder unsere Aufmerksamkeit wurde von den Städten und Dorfschaften abgezogen, welche an der Eisenbahn liegen. Da ist Liberty-Ville, eine der ersten Ortschaften, welche dem Rufe der Sturmglocke folgte, als die neue Zeit der Freiheit eingeläutet wurde; dort White-Hall, an die Ritterlichkeit lebensfroher Fürsten erinnernd; weiter hin Villa Nova, welches sich rühmte, daß sein Schulmeister draußen im Felde bei den pennsylvanischen Bürgern sey; Paoli, Gedanken an Napoleons Kindheit auf Korsika wachrufend; dann kommt Midway-Station, bei dessen Taufe man die frohe Entdeckung machte, daß der Zugführer für Durst und Hunger seiner Passagiere sich wohl vorgesehen hatte, zumal ihr letztes, eiliges Mahl unter dem Rütteln des Wagens längst geschwunden war; the Gap (Abgrund), wo die Pallisaden der Bedeutung ihres Namens Ehre machen; dann folgt Lemmon-Island (Citroneninsel), eine Warnung für alle Reisende an ein unfreiwilliges Zusammenquetschen bei einer möglichen Kollision, bis wir endlich die Haltstelle Bird in Hand erreichten, welche, nur noch wenige Meilen vom Ort unserer Bestimmung entfernt, uns die angenehme Aussicht auf einen wohlbesetzten Tisch eröffnete. Mit dieser realen Perspektive verschwanden die Eisenbahn-Träumereien und Phantasien. Der ansteigende Boden zeigte uns zwischen auftauchenden Hügelketten dann und wann den blitzenden Susquehanna. „Hail Columbia!“ rief’s aus hundert Kehlen, es erhöhte unsere Lokomotive ihre Anstrengungen wie ein abgetriebenes Roß, das die nahe Krippe schnobert, und sie jagte dem Ziel mit einer so heftigen Dampf- und Rauch-Entwickelung zu, daß bald der ganze Zug davon eingehüllt war und uns kaum noch einen Blick auf die schöne Landschaft gönnte. Als wir am Bahnhofe hielten, war die Sonne schon untergegangen, und hungrig, durstig, matt und müde, verschoben wir alle über Tafel und Bett hinausreichenden topographischen Forschungen auf den folgenden Morgen.
Die Eisenbahn und der Kanal von Maryland machen Columbia zu einer geschäftsrührigen Stadt; seine Hotels sind stets belebt und schon am frühen Morgen hinderte das Lärmen in und außer dem Hause sich auf der schwellenden Matrazze noch einmal von einer Seite nach der anderen zuwenden. Bald nach Sonnen-Aufgang befand ich mich auf der Straße und auf dem Wege nach der Brücke, um mir Appetit zum Frühstück zu holen. Ein alter Kärner, an dessen Holzwagen ein Rad ausgerenkt war, nahm meine Hülfleistung in Anspruch, und, zum Dank für meine Aufopferung, fütterte er meine Wißbegierde mit einigen Nachrichten aus dem Vorrath seiner Lokalkenntniß. Eine bezeichnende Handbewegung auf seine Tasche, während er als Thatsache behauptete, daß die Brücke fast eine Viertel-Million [122] Dollars koste, bewies deutlich, wie sehr er eine so große Summe zu schätzen wußte. Uebrigens zeigte er kein Interesse an der herrlichen Natur, die uns umgab, und so ließ ich den indolenten Menschen stehen, um mich ohne seine Hülfe zurecht zu finden. Die Brücke ist ein originelles Bauwerk aus der Zeit des letzten Krieges mit England. Die massiven Steinpfeiler waren schon mit Flechten bedeckt, und aus den Fugen sproßten Kräuter und bunte Blumen.
Es war ein reizender Morgen; sonnig, klar und erfrischend. Nach dem kleinen Eiland zu, welches man dem Ufer zunächst, von der Columbia-Seite aus, sieht, ruderte ein Jäger in einem leichten Boot, um sich nach Wasservögeln auf die Lauer zu legen, und auf dem Waldpfade, welcher zum Strom hinabführt, ritt ein lässiger Bube ein Gespann Pferde zur Schwemme. Nicht ein Wölkchen war sichtbar am Himmel, obgleich das Laubwerk, welches sich Meilen lang ober- und unterhalb der Brücke hinzieht, seine Farbenpracht in dem Blau darüber widerzuspiegeln schien, was aussah, wie eine frisch übermalte Leinwand, in einem Nahmen von Duft – erinnernd an Whittie’s Strophe in seiner Hymne an den „Strom seiner Väter“ den Merrimack:
Des Herbstes siebenfarbig schillernd Banner
Schwebt luftig ob dem Susquehanna.
Man kann sich keine genußreichere Tour denken, als auf der Straße, welche von dem rieselnden Bach ausgeht, der die Quellen des Stroms vereinigt und seinen Windungen und Erweiterungen, seinen Fällen und Strudeln und seinem stillen Geplätscher folgt, bis er die prächtige Bai erreicht, welche ihn weiter leitet nach der Wasserwüste des Oceans. In der Indianer-Sprache bedeutet sein Name „vielfache und absonderliche Windungen“, aber in unserem praktischen amerikanischen Codex sollte er eigentlich „der Fluß der Brücken“ heißen. Kein anderer Fluß in der Welt ist von so vielen Brücken überspannt. Die Abwesenheit aller Schifffahrt über eine bestimmte Grenze hinaus und die Fruchtbarkeit der seinen Lauf begleitenden Hügel und Thäler, von einer Bevölkerung bewohnt, welche ihre eigenen Straßen und Uebergänge baut, sind die natürlichen Ursachen davon. Es ist nicht schwer, wenn der Strom niedrig ist, die verschiedenen Epochen der Erbauung dieser Brücken zu unterscheiden, von den wettergezeichneten alten, welche noch an die alterthümlichen Postkutschen und an die rohen Fuhrwerke früherer Settlers erinnern, bis zu den kolossalen Marmorpfeilern der Erie-Bahn, über welche jetzt stündlich die dampfende Lokomotive braust. Uebrigens paßt dieses mächtige Denkmal der Eisenbahn-Spekulation schlecht in die natürliche Stille und Anmuth des Susquehanna.
Die Stadt Columbia liegt zwischen York und Lancaster, und wird, in geschäftlichem Sinn, von beiden beständig befehdet. Von Lancaster führt eine Eisenbahn nach Harrisburg, der Hauptstadt Pennsylvaniens, etwa [123] dreißig Meilen nordwärts von Columbia vorbei, welches das Zusehen hat, und eben so eilen auf einer kurzen Eisenbahnstrecke die Bewohner von York an Columbia vorüber. Columbia selbst, von welchem man auf der rechten Seite des Bildes einen kleinen Theil sieht, bietet Bilder regen Geschäftslebens am Kai dar; sobald man aber die Hügelseite erstiegen hat, gelangt man nach einem wirklichen Rus in Urbe. Die Landsitze und Villen der Gegend, mit ihrem Reichthum an Weinbergen und Gärten, haben Aussichten in Fülle, und sind in letzter Zeit sehr beliebte Süjets für die Pinsel amerikanischer Künstler geworden. Man braucht seinen Standpunkt nur um wenige Schritte zu ändern, um neuen und schönen Scenerien zu begegnen, und wenn ein Tourist mit Lokomotiv-Schnelligkeit in dem Wagen der Erie-Eisenbahn-Gesellschaft über den Susquehanna geflogen und sich für berechtigt hält, die Schönheit dieses Flusses zu kritisiren, so lasse man ihn der Einladung unsers Bildes folgen, einen Tag Angesichts Columbia Bridge zu verbringen und dann seinen Fehler bereuen, dies früher versäumt zu haben.