Die Eagle-Rocks (Adlerfelsen)

DCCXXXXI. Die Columbia-Brücke Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXXXXII. Die Eagle-Rocks (Adlerfelsen)
DCCXXXXIII. Bacharach am Rhein
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THE EAGLE ROCKS
(MISSISSIPPI)

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DCCXXXXII. Die Eagle-Rocks (Adlerfelsen)
am Mississippi.




Wieder ein Mal ein Bild aus dem Mississippi-Thale!

Wir wissen bereits, daß der Strom in seinem obern Laufe eine Menge malerische und romantische Ansichten darbietet. Um Lake Pepin und bis fünfzig Meilen abwärts, ist die Scenerie wirklich prächtig; sie steht der der Elbe zwischen Dresden und Schandau nicht nach. Die Felsenufer sind kohlensaurer Kalk auf Sand gelagert und gehören der Grauwacke oder den silurischen Gesteinen an. Häufig ist der höchste Theil der Uferseite ein Riff, das sich mauerähnlich fortstreckt, oder das Gestein wächst kegel- und pyramidenförmig aus dem Schutte hervor. Ohngefähr 25 Meilen unterhalb Lake Pepin streben die Felsen wie Obelisken in die Höhe, mit Gras, Schlingpflanzen und zwergartigen Bäumen bis zur Spitze bedeckt. Unser Bild stellt eine Partie dieser romantischen Gegend dar. Die Reihe der Eagle-Rocks thürmt sich 300 bis 400 Fuß hoch auf und um ihr weißes Felsgemäuer woben Mythe und Sage ihre düsteren Schleier. Zwei Dahcota-Stämme, die Talangamanes oder Redwings und [124] die Wapashas oder Red Leafs, beanspruchten den gemeinschaftlichen Besitz dieser Felsen, wo ihre Vorfahren seit undenklichen Zeiten dem großen Geiste opferten. Jedes Jahr versammelten sie sich auf den Höhen zu gemeinschaftlichen Festen. Bei einer solchen Volksversammlung beider Stämme entstand ein Wortwechsel der Häuptlinge, welcher zu einer allgemeinen Debatte um die gegenseitigen Rechte auf den geheiligten Berg führte. Die feindschaftlichen Gefühle fachten sich einander so an, daß die Kriegstänze in jedem Lager abgehalten wurden und beide Parteien sich zum Kampfe bereiteten. Der Wahkonshecha, der böse Geist der Sioux, war, so erzählt die indianische Legende, eifrig bemüht, die Flamme zu schüren und einen Vernichtungskrieg zwischen den Brüderstämmen herbeizuführen.

Die Wapasha-Partei zog aus mit dem festen Vorsatz, die Feinde auszurotten, welche den heiligen Berg besetzt hielten. Diese verehrten den Wahkontonka, den „Vater des Lebens“ als den Schöpfer alles Guten, und zugleich den Wahkonshecha, den Urheber des Bösen. Die Wapashas hatten die Prairie verlassen, welche ihren Namen trägt, um in der folgenden Nacht die Redwings zu überfallen. In diesem verhängnißvollen und gefahrdrohenden Moment hatte Wahkontonka Mitleid mit den irregeleiteten Stämmen und beschloß die verderblichen Machinationen des Wahkonshecha zu vernichten. Er suchte die Hülfe des Donnergottes nach. Dieser bedeckte den Himmel mit Finsterniß und ritt auf einer Sturmwolke von seinem Wohnsitz im fernen Westen daher, sandte Ströme von Regen und Hagel nieder und machte die Nacht so dunkel, daß der Kriegszug seinen Weg verfehlte und eine andere Richtung einschlug. Am nächsten Morgen, als der Sturm vorüber war, befanden sich die ausgezogenen Krieger auf der Wapasha-Prairie, Angesichts ihres eigenen Lagerplatzes. Während des Sturmes aber hatte der väterliche Gott des Guten den Berg gespalten. Betroffen von dem Wunder reichten sich die Anführer die Friedenspfeife; jeder Stamm erhielt nun seinen eigenen Theil des heiligen Bergs und seit der Zeit blieben sie in Freundschaft.

Hinter den Eagle-Rocks ist das Land wellig, malerisch, gut bewässert und von einem fruchtbaren Boden. Von der Spitze der Felsen schweift das Auge über ein weites, herrliches Land, mit hohem Gras bewachsen und im Frühling mit einer reichen Flora bedeckt. Gruppen von Bäumen und Buschholz unterbrechen die Einförmigkeit der weiten Prairie. Das indianische Besitzrecht ist kürzlich für das ganze Land auf der rechten Seite des Mississippi, von den oberen Ansiedelungen im Staat Iowa bis weit oberhalb der Fälle von St. Anthony oder in der Sprache der Indianer dem „Minverara“ (dem Wasser, welches lacht), gelöscht worden. Noch wenige Jahrzehnte, und das ganze Territorium von Minnesota wird von der Civilisation belebt, und seine interessante Natur in die überall gleichartige Physiognomie fruchtbarer Pflanzungen, Aecker und Wiesen verwandelt seyn.