Bacharach am Rhein
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DER TEMPELHERRENHOF
in
BACHARACH AM RHEIN
Ein Gedenkblatt meiner ersten Rheinfahrt. Es war vor fünf und vierzig Jahren. Damals brausten noch keine Dampfer auf dem prächtigen Strome; es wiegten sich noch nicht die Schaaren fremder Touristen allsommerlich auf seinem Busen, es standen die großen Hotels für Comfort und Genuß noch nicht an seinen Ufern, noch lagen alle seine Burgen in Trümmern und selbst auf dem königlichen Rheinstein horsteten Falke und Uhu ungestört: das Leben auf dem Rhein, jetzt ein Treiben und Jagen, war ruhig und gemüthlich; – die Menschen hatten noch Zeit zu schauen und zu genießen. Einmal allwöchentlich nahm das Kölner Marktschiff in Mainz die Handelsleute und Reisenden sammt Waaren und Gepäck in seinem Bauche auf, jeden Abend warf es seinen Anker aus, auszuruhen für die Nacht, und Schiffer und Passagier waren beide zufrieden, wenn sie am vierten oder fünften Tage ihr Ziel erreichten. An kleinen Abenteuern fehlte es auf einer solchen Reise fast niemals. Das „Bingerloch“ hatte seine Schrecken noch nicht verloren, und „Hatto’s Mäusethurm" machte, umtobt von der Brandung, eine respektablere Figur, als jetzt in dem stillen Gewässer. Ich sehe es noch, wie sich mehrere Frauen der bunten Reisegesellschaft, als wir Rüdesheim passirten, ängstlich um einen Kapuziner schaarten, der andächtig seinen Rosenkranz betete, als wolle er den zürnenden Geist des Stromes beschwören, dessen Wogen man schon aus weiter Ferne schäumend über das schwarze Felsriff stürzen sah, welches damals den Rhein in seiner ganzen Breite dämmte. Je näher das Schiff demselben kam, je mächtiger wurde das Sieden und Brausen des Stroms. Sein Brüllen wiederhallte in den nahen Bergen. Unruhig trat der Kapitän an das Steuer. Vorsichtig wurde das breite Segel eingezogen, und in langsamerem Takt schlugen die Ruder, während man behutsam der engen Spalte des Fahrwassers zulenkte. Als man an den Eingang des Felsthors gekommen war, warf sich die Brandung mit Wuth über das Deck des Fahrzeugs. Die Spitze desselben tauchte tief in den kochenden Abgrund und die Fluth bedeckte für einen Augenblick Steuer und Steuermann; ein Stoß erfolgte, begleitet vom lauten Aufschrei der geängstigten Frauen; doch der Schreck war größer als die Gefahr, das festgefügte Schiff blieb unbeschädigt, und die kluge Führung, der Ruderleute brachte es in wenigen Sekunden unversehrt durch die schmale Oeffnung des Felsriffs. Ein freudiges Hurra der Mannschaft verkündete, daß die Gefahr vorüber war und sorglos lachten wir des überstandenen Schreckens und höhnten die ohnmächtige Wuth des Stroms, der in den letzten Wogen der Brandung noch die ganze Gesellschaft mit seinem Schaum benetzte. Es ging freilich nicht immer so glatt ab damals. Schon auf der Bergfahrt zurück wurde das Marktschiff an der nämlichen gefährlichen Stelle auf eine Klippe getrieben, es bekam einen Leck und mußte Güter und Menschen am andern Ufer aussetzen. Solche Unfälle verzögerten die Reise oft mehrere Tage.
[126] Verklungen ist diese Zeit. Wo das einsame Marktschiff auf dem Rheine langsam fortzog, tragen jetzt die hochbordigen Dampfer die Schaaren von fröhlichen Menschen aus allem Volk auf dem herrlichen Strom wie in beständigem Triumphzug. Jede Zeit hat ihre Berechtigung. Vor einem halben Jahrhundert entzückte der stille, gemüthliche Genuß; jetzt rauscht die gesellige Freude auf Fanfaren dahin. Das herrliche Land war immer das nämliche – nur dem Leben gab die Zeit neue Formen, und es ist unsere eigene Schuld, wenn wir Alten ihnen fremd geworden und uns einsam fühlen in dem Kreise der sprühenden, jugendlichen Lust. Das Alter macht nur alt, wenn es sich der Gegenwart entfremdet. Ich mache die Erfahrung an mir selber. Ist mir’s doch wehmüthig geworden bei der Erinnerung an mein Marktschiff, und meine ich doch, es müßten die bekannten Stellen in dem gelobten Lande viel schöner gewesen seyn damals, sie müßten entweiht worden seyn durch die bunte lustige Menge, die heutigen Tages zu ihnen wallfahrtet. Die Marksteine meiner Erinnerung von der ersten Rheinfahrt, – es sind freilich eingesunkene Grabsteine geworden, die Freunde und Reisegefährten sind gestorben, die Lebenshoffnungen und großen Entwürfe, die mich begleiteten, gehören längst der Trümmerwelt an und mein Herz voll Sehnsucht ringt vergeblich nach dem Frieden im Widerspruch mit meinem Geiste, dem nicht die Ruhe Bedürfniß ist, sondern der Kampf und die Arbeit. –
Bacharach – das Ara Bacchi der Römer – liegt auf der linken Rheinseite zwischen Bingen und Koblenz, so recht in der Mitte der schönsten Partie des Stromthals. Hüben und drüben Herrlichkeit und Schönheit in unerschöpflicher Fülle; hüben und drüben Rebengelände, Felsufer und Waldungen, hochragende Burgen und stille Dörfer, Klöster und Kapellen, Schlösser und Villen, schattende Nußbäume und kletternder Epheu, und auf dem Gewässer unten das ewig wechselnde Leben: Schiffe und Boote, Dampfer und Floße mit ihren Kontrasten in Beweglichkeit und Schnelligkeit.
Bacharach selbst steht mit seinen Ruinen, Mauern und Warten wie ein Wächter uralter Zeit am Strome. Im Städtchen ist nichts Großes und Herrliches, was sich nicht an die Vergangenheit knüpfte oder ihr angehörte. Kein einziges neues Bauwerk ist vorhanden, was die Aufmerksamkeit gewinnen kann; was sie fesselt, sind die Kirchen, die öffentlichen Gebäude, die Thürme, die Thore, die Mauern, die vielen unter Weinreben und Obsthainen versteckten Trümmer, alle einer Zeit angehörend, die aus dem Mittelalter bis zu den Cäsaren hinan reicht. Sie sind die Hieroglyphen, welche die Schicksale des Rheinlandes erzählen – die Kriegs- und Eroberungszüge, deren Beute sie wurden, von den Völkern, welche da gewohnt, gestritten, geblutet, verheert und verwüstet haben, von den Reichen, die dort geblühet und untergegangen, von den Göttern, die dort eingezogen und geflohen, von den Glaubensformen, welche da entstanden und verschwanden, um anderen Platz zu machen. Für die Geschichte des rheinländischen Christenthums namentlich hat Bacharach eine Reihe merkwürdiger Monumente aufzuweisen und mehrere derselben repräsentiren die [127] verschiedenen Epochen der Kirchenbaukunst in der würdigsten Art So die Ruine einer Kirche vor der Stadt, die Trümmer des Werner-Kirchleins, der Thurm der Hauptkirche und der Tempelherrenhof.
Erstere liegt auf einer kleinen Anhöhe in einem Haine von Nußbäumen. Sie ist eine der ältesten christlichen Verehrungsstätten des Rheinlands und wahrscheinlich steht sie auf der Substruktion eines römischen Tempelchens. Man kann sich nichts Friedlicheres, Stilleres, Eigenthümlicheres vorstellen, als dieses verfallene kleine Gotteshaus. An den geborstenen Pfeilern der eingestürzten Kreuzgewölbe und Fensterbogen rankt armdicker Epheu, durch die schmalen Fensteröffnungen schaut das junge Nußlaub, und die schlanken Birken und Hollunderbüsche mit ihren weißen Blüthendolden schaukeln sich von den Zinnen der Giebel in den Lüften. Von einer Steinbank vor der Ruine fällt der Blick hinunter in das herrliche Thal und auf den majestätischen Strom mit seinen Segeln und Wimpeln.– Noch schöner ist das im Innern der Stadt gelegene Werner-Kirchlein – eine Ruine an einem öden Friedhofe, überschattet von einer imposanten Felsmasse, auf der das graue Gemäuer eines Römerkastells steht. Die gothische Baukunst konnte nichts Zierlicheres, Anmuthigeres hervorbringen, als diese Kirche. Noch sind die Giebel und eine Seitenwand hinlänglich erhalten, um die Harmonie der Verhältnisse und Ornamente daran zu erkennen. Die Wolken ziehen frei über den grasbewachsenen Boden, in den Klüften zertrümmerter Grabsteine wuchert Unkraut, wilder Wein kleidet die zierlichen Spitzsäulen in grüne und rothe Farben. Obschon dieser Bau Jahrhunderte an sich vorüber gehen sah, und Wetter und Stürme viele Menschenalter hindurch an ihm genagt haben, sind die Ornamente doch so scharf, frisch und fest, als wenn sie erst gestern aus der Hand des Steinmetzen hervorgegangen wären. – Sehenswerth sind auch die einstige Wohnung der streitfrohen Ritter der Kirche des heiligen Grabes – der Tempelherren, – und der Thurm der Stadtkirche mit ihren noch an die romanische Periode erinnernden Rundbogen-Fenstern und uralten Grabmonumenten. „Hier ist Dasselbe“ – bemerkt Mendelssohn in seinen Rheinthalbildern, „was uns in Italien so mächtig ergreift: eine große Natur, ein weltgeschichtlicher Boden und bedeutende Denkmäler, aus deren Bildung oder Zerstörung die verschiedenen Perioden einer großen Vergangenheit zu uns sprechen. Ja, mir ist es mehr als Italien; denn es ist mein Land, es ist Deutschland, dessen Leben sich in jeder Mauerzinne, in jeder Fensterrose dieser kleinen Trümmerwelt wiederspiegelt“. – Wer wollte über die Pietät, die sich in diesen Worten ausdrückt, lächeln? Was bleibt denn dem Menschen, wenn er sein Herz den Gefühlen entfremdet, die in solchen Reflexen des Gedankens ihre Aeußerung finden, übrig? Wohl wird jetzt ihre Ausrottung an tausend Orten gepredigt; besser, zufriedener, glücklicher aber sind die Menschen dadurch nicht geworden. –