Das Patent-office in Washington
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PATENT-OFFICE in WASHINGTON
Eine Bezeichnung, die von Rechts wegen nur einem Theil dieses, nach dem Kapitol prachtvollsten der öffentlichen Gebäude Washingtons gehört. Es enthält außer den Bureaus und Räumen für das Patentwesen noch das sogenannte Land-Office, Census-Office, Office der indianischen Angelegenheiten etc. und umfaßt ungefähr jenen Theil des Staatskörpers, welchen eine europäische Unterthanenzunge mit dem Titel eines hochpreislichen Handelsministeriums bezeichnen würde. Der plebejisch geschäftliche Geist des Nordamerikaners kennt keine Ministerien, sondern nur Bureaus (offices), keine Minister, sondern nur Sekretäre des Staatschefs (secretary of war, finances etc.), keine Ministerial- und Regierungs-Räthe, sondern nur Bureaugehülfen (clerks). Die ganze Mechanik des amerikanischen Regierungsorganismus bewegt sich mit der Einfachheit und Leichtigkeit eines schlicht-bürgerlichen Geschäftsgangs und läßt nichts wahrnehmen von dem prätentiösen Geräusch und auffallenden Pomp einer schwerfälligen monarchischen Staatsmaschine; es wird dem Ohr des Lesers fast komisch klingen, wenn Schreiber dieses erzählt, wie er selbst vor wenig Jahren mit einer schriftlichen Empfehlung an den Chef des Pierceschen Kabinets (secretary of state), Herrn Marcy, das Patent-Office besuchte, ihm kein schildernder Wachtposten in den Weg trat und kein galonirter oder betreßter Kanzleidiener vorhanden war, der ihn hätte stundenlang antichambriren lassen und die Nase über sein etiquettewidriges Aeußere gerümpft hätte, oder bei dessen Herrlichkeit er erst bittgesuchlich um eine gnädige Anmeldung hätte einkommen müssen. Das Vorzimmerlungern ist überhaupt dort so wenig üblich, daß nicht einmal ein Raum vorhanden ist, wo man sich, wie bei uns zu Lande, erst durch eine Art Warte-Purgatorium ministerempfangswürdig machen könnte. Man tritt aus dem langen offenen Corridor sogleich in das kleine schlichte Arbeitszimmer des amerikanischen Ministers, wo Schreiber dieses nicht etwa Se. Excellenz im besternten Frack, sondern in einer Nanking-Jacke hinter dem Schreibpult fand, von dem aus er gleichwohl einen ganzen Erdtheil beherrscht und gewichtige Worte auch in die Geschicke anderer Völker dreinspricht. Oder wenn er erzählt, wie er auf einem Spaziergang durch den Garten des weißen Hauses sich einfallen ließ, die offene Freitreppe des präsidentlichen Palais hinaufzuschlendern, die Thüre zum Gartensalon zu probiren und, da
[40] diese sich öffnete, im Innern sich umzuschauen. Er ging von Zimmer zu Zimmer und befand sich plötzlich – vor dem Präsidenten. Eine gestammelte Entschuldigung wurde nicht angenommen, sondern der versuchte eilige Rückzug mit zuvorkommender Freundlichkeit abgeschnitten, ein paar artige Worte der Unterhaltung gewechselt und dann der freche Eindringling eingeladen, seine Wanderung durch die präsidentlichen Gemächer ungenirt fortzusetzen. Wäre dem Schreiber dies bei dem kleinsten europäischen Machthaber passirt, dürfte er sich jetzt wohl schwerlich mehr gesunder Gliedmaßen erfreuen.
Das Patent-Office beherbergt zunächst und zumeist die Modelle (18,000 an der Zahl) und Zeichnungen nebst Beschreibungen von Maschinen, Werkzeugen, Verfahrungsarten etc., auf welche Patente nachgesucht worden sind. Es zählt dieses Amt 150 Beamte und 25 Boten und Aufseher. Seine Hauptaufgabe ist, außer der Prüfung der vorgelegten Erfindungen und Verbesserungen, die jährlichen Leistungen auf dem Gebiete des Ackerbaues, der Industrie und des Handels zur allgemeinen Kunde zu bringen und die ausgedehntesten statistischen Nachrichten darüber zu liefern. Im oberen Stockwerke hat man eine National-Gallerie von allen für die Geschichte Amerika’s interessanten Gegenständen angelegt, deren man habhaft werden konnte. So sieht man unter Anderem die Original-Unabhängigkeits-Urkunde, diesen kostbarsten Juwel des amerikanischen Volks, unter Glas und Rahmen aufbewahrt, die Presse, auf welcher Franklin eigenhändig druckte, Reliquien von Washington, wie Uniform, Säbel und Feldschatulle u. s. w. Von allgemeinem Interesse sind die ethnologischen und naturhistorischen Sammlungen, zu denen namentlich die auf Staatskosten ausgesandten Expeditionen nach den Indianergebieten des Westens, nach Süd- und Central-Amerika sehr werthvolle Beiträge liefern.
Die rasch wachsende Ausdehnung dieser Sammlungen wie der in ihm verhandelten Staatsgeschäfte läßt den imposanten Bau des Patent-Office bereits zu klein erscheinen und sollen noch zwei symmetrische Flügel angebaut werden.