Grindelwald (Meyer’s Universum)

Das Patent-office in Washington Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Grindelwald (Meyer’s Universum)
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GRINDELWALD

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Grindelwald.




Das Land zwischen Aar und Rhone, Emmen und Reuß, das Berner Oberland, das Herz der Schweiz, das strahlende Diadem auf diesem Meisterwerk der Schöpfung, das Mekka von jährlich hunderttausend Wallfahrern aus allen Richtungen der Windrose, dieses kleine Stückchen Land ist das Füllhorn, welches schon die anmuthigsten Bilder in unser Universum gestreut hat und doch so unerschöpflich bleibt, daß es noch hunderte von Bänden mit immer neuen, immer lieblicheren, immer großartigeren, immer interessanteren Blättern füllen könnte. Da ist kein Thal, welches nicht bei jeder Wendung, vor oder rückwärts, eine neue überraschende Ansicht darbietet, keine Bergspitze, kein Paß, von dem nicht ein neues Panorama das Auge entzückt, kein See, von dessen Ufern, auf jeder Landzunge, hinter jedem Felsvorsprung nicht der Blick eine neue Scenerie entdeckt, oder von dessen Dampfboot aus fast jeder Räderschlag nicht ein neues Schauspiel herbeizaubert; sicherlich, es gibt kein zweites Fleckchen auf der Erde, das in so kleinem Umfang einen solchen Reichthum, eine solche Mannichfaltigkeit des Naturschönen, und beides in so hoher Potenz vereinigt, als das kleine sogenannte Oberland vom Kanton Bern.

Es ist auffallend, daß die Alten, die doch Helvetien zur römischen Provinz gemacht, bewohnt, bebaut und beschrieben haben, das Berner Oberland nicht kannten; die römischen Adler wagten sich nicht in dieses Revier des Aars der Alpen, sonst hätte der poetische Sinn des Alterthums sicher unter die silbernen Hörner und vergoldeten Zinnen der Alpen den Haushalt ihrer Götter versehen müssen, welche sie auf den bescheidenen Höhen des Olymp und Parnaß einquartiert hatten. Welch eine Götterburg, die Berner Alpenwelt! Fühlt sich doch jetzt noch der gläubige Mensch der Gottheit näher, wenn er in diesen Riesentempel eintritt, den die Titanenkräfte der Erde zur Ehre ihres Schöpfers hier aufgethürmt haben. Dort oben unter den Firnen des ewigen Schnees, den Wohnplätzen des sichtbaren Lebens entrückt, von den Fühlhörnern der Erde zu lichteren, leichteren Regionen des Aethers emporgetragen, umweht den Menschen der Odem einer unsichtbaren Geisterwelt; nie Gedachtes, nie Empfundenes, [42] Unbeschreibliches erfüllt die Seele, die es mit unwiderstehlicher Sehnsucht hinauslockt aus ihrer engen Zelle, um frei dem Sonnenflug des Adlers zu folgen und sich mit den Winden und Wolken, den Gluthstrahlen der Sonne und dem Silberlicht des Mondes um die blanken Scheitel der Bergriesen zu tummeln, an den jähen Felswänden zu schweben und in den tiefblauen Gletschergründen sich zu ergehen; zum bedeutungslosen Nichts schrumpft das eigene Ich zusammen vor den Größen, die es umgeben und die des Menschen Sinne und Begriffe nicht zu erfassen, deren Eindrücke sie nicht zu bemeistern vermögen; es drängt den Geist, sich aufzulösen in die Unermeßlichkeit, und seinen Fesseln, mit denen er an dem Quadratfuß Erdrinde unter seinen Füßen klebt, zuzurufen: was willst du gebrechliches Gefüge in diesen hohen Regionen, die nicht für deines Gleichen sind, in diesen Höhen weit über der Heimath irdischen Lebens, innerhalb dieser starren, zum Himmel ragenden Fels- und Gletscherwände, wo nur die luftigen Geister hausen, in diesen fernen, fremden Räumen, wo die Natur in der Erhabenheit und Feierstille des Schöpfungsmorgens beharrt? Hinab mit dir in die Niederungen der Erde, kriege dort mit dem Wurm, und laß mich frei! – Welcher fühlende Mensch, der je da oben stand, ward nicht von solchen Gedanken bewegt? – Und doch hat er’s dem verachteten Werkzeug seiner Füße zu danken, daß sie ihn dahin getragen, wo die Seele sich in freierem Flügelschlage bewegen möchte, als sie in der dicken Luft der Ebene, oder in den engen Räumen der Thäler je geahnet; diese armselige Maschine ist es ja, mit welcher der Bergsteiger mühsam Tritt um Tritt, Staffel um Staffel an der schwindelnden Felswand emporklimmt, welche ihn über die Zone des thierischen Daseins, über die Grenze des Pflanzenlebens hinausführt, hinauf in die fühlbare Nähe der Gottheit. Und wenn dort auch der Versucher an ihn herantritt und ihm Unmuth einflüstert über menschliche Schwäche, Kleinheit und Vergänglichkeit, so gedenke er seiner Mitgeschöpfe, die sich mit ihm in die Herrschaft der Erde theilen, des Thieres, dem die Grenzen seines Daseins noch enger gezogen, dem die Bedingungen seiner Existenz noch sparsamer zugemessen, das nie die Zone verläßt, die der Schöpfer ihm angewiesen hat. Auch das ist ein naher Gedanke da, wo nichts an Menschengröße und Menschenwerk erinnert, wo der Urzustand der Natur so ganz und gar die Seele erfüllt und in so gewaltigen Erscheinungen auf die Sinne wirkt, daß der Mensch in sich nichts mehr gewahrt, als das unendlich kleine, nichts bedeutende Geschöpf in der unendlichen Reihe der Schöpfungswerke, als das verirrte Atom in dieser Welt von Riesenkräften und Riesengestalten. – Und bescheidener sucht er seinen Weg abwärts zu der kleinern Welt, der er physisch angehört.

Das Berner Oberland erhebt sich von den beiden großen Reservoirs der Aar, den Brienzer und Thuner Seen, fächerförmig gegen Süden zu der Kette der Jungfrau, des Mönch, Eiger, Wetterhorn, Schreckhorn etc., die mit ihren Firsten 10–12,000 Fuß in die Wolken ragen, und die Wasser der Aar von denen der Rhone, den deutschen von dem wälschen Strom scheiden. Zu den beiden genannten Wasserspiegeln senden die Berner Alpen [43] zahllose Fälle, Bäche und Bergströme hinab, die, Kinder des ewigen Schnees und der Gletscher, theils jählings über die himmelhohen Abhänge sich stürzen, theils tosend und brausend ihre Bahn durch die wilden verstürzten Felsschluchten brechen, theils kokett über die weichen Matten rieseln oder anmuthig an sanften Thalgeländen und über helle Kiesel dahinrauschen. Es sind vier Hauptthäler, welche von den Ufern der Seen hinauf zum Kamme des Gebirges führen, daß der Aar (Haslithal), das von Lauterbrunnen, das Simmenthal und das von Grindelwald. Diese Thalgründe, an Charakter weit von einander verschieden, bezeichnen die eigentliche Physiognomie des Landes, wie die verschiedenen Furchen und Züge den Charakter eines Antlitzes, und sind die natürlichen Wege zu den wunderbar mannichfaltigen Reizen dieser gesegneten Natur. Das Haslithal, von der wilden Aar durchbraust, zeigt alle Schrecknisse eines tobenden Alpenstroms, alle Verheerungen von Bergstürzen und Lavinen, und führt in seinem oberen Theil zu einer Scenerie, zu der alle dämonischen Gewalten sich vereinigt haben müssen, um eine Stätte des Entsetzens, der trostlosesten Oede, der verlassensten Wildniß aus ihr zu schaffen. Den Platz im Jenseits, wo Heulen und Zähneklappern der ungerechten Seelen harrt, kann keines Höllenbreughel Phantasie schrecklicher erdenken, als die Wiege der Aar, vom Ausfluß des Aargletschers bis zur Grimsel. Dagegen scheint das Thal der Simmen die liebliche Heimath der heiteren Berg- und Wassergeister zu sein, ein weiter blumiger Grund, die Berggehänge vom Sammt der Matten bekleidet, ein lustig plätschernder, geschäftig Mühlen treibender Waldbach, dem verlangend von allen Seiten und Höhen junge Bächlein und klare Quellen zurieseln, auf und an den Bergen grünende Gehölze, üppige Fruchtbarkeit in der Thalebene und auf viele Stunden Entfernung dicht bewohnt und bebaut, von vielen tausenden wohlgedeihender Rinder und zahlreichen Heerden feinwolliger Schafe belebt. Von einer reizenden Eigenthümlichkeit ist das unter allen Punkten der Schweiz wohl am meisten besuchte und gepriesene Lauterbrunnenthal, ein enger, von senkrechten Felswänden eingeschlossener, wasserreicher Grund, in den in hunderten von Kaskaden die von den ferneren Gebirgen entsendeten Gewässer sich jählings hinabstürzen, die kahlen Felsenmauern mit silbernen Bändern garnirend. Grindelwald, das Thal der schwarzen Lütschine, vereinigt wie ein kunstvoll gefaßtes Geschmeide fast Alles, was die Schweiz an Naturschönheit aufzuweisen hat, das Erhabene und Liebliche, das Wildromantische und freundlich Malerische, das Schreckhafte, Imposante, Vernichtende der großartigsten Eis- und Schneeregion, und das Auge und Herz Erquickende und Erfrischende heiterer fruchtbarer Alpenvegetation, von Allen gleichsam ein ausgesuchtes Spezimen in glänzendem Schliff. Grindelwald ist das Bijou des Oberlandes. Auf weiter, üppig grünender Thalebene, über die die malerischen Hütten, Obstgärten und selbst Getreidefelder der Grindelwäldner zerstreut sind, erhebt sich der Gebirgsstock des Eiger bis zur Höhe von 12,000 Fuß; in kühn geschwungenen Umrissen und mit majestätischer Ruhe schauen die blendend weißen Piks des Riesenkammes auf die blühende Landschaft. Seine östliche Flanke umgürtet der untere Grindelwald-Gletscher, [44] ein im Sturm erstarrtes Meer, die bekannteste, weil zugänglichste, aber auch vielleicht die bizarrste und interessanteste aller verwandten Eisbildungen; er füllt mit seiner ganzen Breite von 1½ Stunde die schroff gespaltene Schlucht zwischen dem Mattenberg und Eiger aus und setzt bis zu den Schneefeldern der Vischerhörner und des Finsteraarhorns fort, welche aus dem Hintergrund über ihn hervorragen. Die Schrecken und Schauer der Gletscherwelt sind nicht zu schildern, wie Jeder eingestehen muß, der sie empfunden hat. Wenn der kühne Tourist auf dem Grindelwalder Eismeer glücklich so weit vorgedrungen ist, daß die Aussicht nach dem Thalgrunde rückwärts ihm entschwindet, nach dem einzigen Fleckchen, das die wild erregte Phantasie noch mit der kürzlich verlassenen Region der Lebenserscheinungen versöhnt, dann stürmen die Eindrücke der furchtbaren Umgebung so unaufhaltsam, so unwiderstehlich auch auf das stärkste Gemüth ein, daß alle Kraft der Vernunft dazu gehört, um nicht dem Gedanken zu unterliegen, daß man in eine Welt des ewigen Todes, in ein Alles verschlingendes, Alles vernichtendes Grab ewigen Eises versetzt sei. Nicht nur erbebt das Auge vor den allerwärts umherstarrenden Eiskolossen von bizarrster Gestalt und verwegenster Gruppirung, nicht nur gähnt der Tod aus tausend Schlünden und Abgründen auf jeder Spanne Wegs, nicht nur erdrücken den Blick die bald senkrechten, bald überhängenden Felsenmassen von schwindelnder Höhe, rechts und links, auch das Ohr wird unaufhörlich erschreckt vom unterirdischen Donner zusammenbrechender Eisgewölbe, vom schrillen Krachen und unheimlich widerhallenden Echo der sich spaltenden Eisdecke, von dem Getöse der Gletscherbäche, welche durch die Spalten stürzen oder unter der verrätherischen Brücke ungesehen dahin brausen, oder in Sommerszeit von den furchtbaren Schneemassen und Lavinen, die sich häuptlings an den Schneewänden lösen und mit erschrecklichem Dröhnen sich auf das gebrechliche Eisbette stürzen. Das Gefühl der Gefahr, das Bewußtsein der eigenen Hülflosigkeit und Verlassenheit, das hier jede, wenn nicht durch Gewohnheit oder Indolenz abgestumpfte Natur überwältigt, ist dem des schiffbrüchig im Sturm, in Mitten des Oceans Treibenden zu vergleichen, entbehrt aber des letzten mit dem Leben vermittelnden Elements, der Empfindung der Bewegung. Um so unendlich unheimlicher, unerträglicher ist der Eindruck jener todten, starren Gletscherwelt.

Der Grindelwaldgletscher schiebt seine Moräne bis zur Thalebene vor. Wenige Schritte von dem Eisthor, aus dem die schwarze Lütschine ihre schaumigen Wasser hervorwälzt, spottet eine üppige Alpenflora des dräuenden Memento mori und reifen schmackhafte Erdbeeren. So nahe wohnen die Schrecken des Todes und die Lust blühenden Lebens in dieser wunderbaren Natur beisammen.