Wheeling

Grindelwald (Meyer’s Universum) Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Wheeling
Misda
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WHEELING in VIRGINIA

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Wheeling.




In Amerika, dem Land der Sklaverei mit der Freiheitsmütze, dem konstitutionsstolzen Land ohne Gerechtigkeit und Gesetz, dem gelobten Land der Korruption, des Eigennutzes und der Dollarjägerei, der Wiege des Schwindels und geheiligten Betrugs, dem Vaterland des Rowdyismus, des modernen Faustrechts und der Freibeuterei, des licensirten Unglaubens und der Gottesleugnerei, dem Asyl von Zucht- und Tollhäuslern, von Demagogen, Dieben und Mördern. So pflegt man beredter Weise dieses Land heut zu Tage zu kennzeichnen. – Sieht das schmucke Wheeling denn auch aus, wie Gewächs eines solchen giftathmenden stinkenden Sumpfes? Ihr Lästerer von Amts- oder Unverstandswegen, die ihr jenes Land so eifrig schmäht, und ihr Leichtgläubigen und Bethörten, die ihr so eifrig die Lästerungen nachbetet, schaut her; schaut näher, ihr Splitterrichter und vergeßt nicht des Balkens in eurem Auge, fegt vor eurer eigenen Thüre, ehe ihr den Nächsten mit Koth bewerfet. Allerdings besteht in Amerika Sklaverei der Schwarzen; wer anders hat sie aber dahin gebracht, als eine mit Erleuchtung sich brüstende, Civilisation und Humanität im Munde führende europäische Großmacht, die heute noch – freie Einwanderung, so ist’s umgetauft, mit Negern und Kulis treibt und Millionen armer Hindus auf ihren Zucker- und Indigoplantagen, in ihren Reis- und Baumwollfeldern, in ihren Wohnungen und auf ihren Schiffswerften nichts Besseres noch Anderes als Sklavenarbeit verrichten läßt. Und hat nicht in Europa Jahrhunderte lang Leibeigenschaft bestanden? und war noch bis vor Kurzem und ist theilweise noch heute der zins-, robot- und frohndenpflichtige Weiße etwas Besseres? Endlich, besteht denn die Freiheit so manches Freien bei uns in etwas Anderem, als der Freiheit, zu verhungern, wenn er nicht für seinen Brodherrn arbeitet um das ihm zugemessene schmale Stückchen Brod, in Schlesien, im Erzgebirge, in so vielen Fabrikdistrikten Deutschlands, in den belgischen Spinnereien und Spitzenfabriken, in den englischen Kohlenwerken, auf den Gütern der irischen Großen, wo überhaupt nicht, mehr oder minder? So wahr die Thatsache ist, daß das materielle Loos des Schwarzen in Amerika von jedem europäischen Handlöhner und selbst Fabrikarbeiter beneidet zu werden verdient, so kann doch nur der bornirteste Verstand und das vertrocknetste Herz darin eine Vertheidigung der Sklaverei suchen; man wisse aber auch, daß nirgends mehr, als im eigenen Land dieses fluchwürdige Institut, diese Erbschaft [46] Europa’s, verwünscht und beklagt wird, daß nirgends tiefer die Nothwendigkeit ihrer Beseitigung erkannt und nirgends energischer und aufopfernder für letztere gekämpft wird. Obgleich noch kein Jahrhundert alt, ist die Sklaverei für Amerika’s innere Politik seit lange schon die glühende Frage, die allen Patrioten auf den Herzen brennt und über Kurzem in offenen Flammen auflodern wird, um dieser Erbsünde los zu werden, koste es, was es wolle. Amerika wird nicht so viele Jahrzehnte dazu gebrauchen, als Europa sich Jahrhunderte damit fortgeschleppt hat. Es ist ferner wahr, daß das Gesetz dort häufiger mißachtet und das Recht öfter ungestraft verletzt wird, als bei uns, aber es fragt sich dennoch, ist der Werth der Gesetzlichkeit da höher, wo solche aus freier Selbstbestimmung eines Volks hervorgegangen und deshalb dem Schutz der eigenen Bürgertugend und Bürgerpflicht anvertraut ist, oder da, wo die Unfreiheit des Volkswillens, die aufgezwungene eigene Unmündigkeit oder politische Theilnahmlosigkeit im Gesetz nur eine ihm gebotene Verordnung erkennt, und was ist eine solche Bürgertugend und Gesetzlichkeit werth, die auf Schritt und Tritt von einer bewehrten Schildwache gehütet und von der Furcht vor der Strafe und dem weitreichenden Arm der Polizei geleitet wird? Ist das aber nicht in den meisten europäischen Staatensystemen mehr oder minder der Fall? Dafür seufzt auch Amerika nicht unter der schweren Wucht eines kolossalen Regierungsapparats, unter dem Druck eines großen Beamtenheeres, unter der Willkürherrschaft einer allmächtigen Polizeigewalt, unter einer kaum erträglichen Schuldenlast und der Presse Gut und Blut verzehrender Steuerlasten wie so mancher europäische Staat. Allerdings empört dort manche That der Rohheit, mancher Akt der Selbsthülfe das sittliche Gefühl und leihen Dolch und Revolver der verbrecherischen Absicht oder der ungezähmten Leidenschaft dort häufiger ihre Hülfe, als hier zu Lande, aber ist der souveräne Trotz, die ungebrochene Thatkraft, die rasch auflodernde Energie der Leidenschaft nur des Mißbrauchs fähig, sind sie nicht zugleich auch eine bessere Garantie für den Fortschritt der Nation, für die Sicherheit ihrer Freiheitsgüter, für eine muthvolle Begegnung drohender Gefahren, für eine kraftvolle, wenn auch stürmische Entwickelung ihrer staatlichen Zukunft, als der zahme, in Ruhe und Sicherheit eingelullte, auf den Schutz der berufenen Regierungsgewalten vertrauende Sinn? Das gelobte Land der zügellosen Dollarjägerei und rücksichtslosen Selbstsucht, heißt es ferner; ja, gelobt sei dies Land, in dem der spekulative Geist, das in jeder Menschenbrust wohnende Verlangen nach materieller Wohlfahrt freie, durch keinen Koncessions- und Zunftzwang beschränkte, durch keine Schlagbäume, durch keine landesherrlichen Verordnungen gesperrte, nicht durch Konvenienzen, Herkommen, Standesvorurtheile vorgezeichnete Bahnen vor sich hat und ein unermeßlich großes, an Erfolgen unbeschreiblich fruchtbares Feld, auf dem Derjenige die ersten Preise erringt, dessen Fleiß, Fähigkeiten und Unternehmungsgeist ihm den ersten Rang im allgemeinen Wettlauf einräumen; was Wunder, daß dabei die Schwachen, Zaghaften und Trägen unter die Füße gerathen und zertreten werden da, wo nur die eigene Thatkraft, Selbstvertrauen und Energie Berechtigung [47] finden? Nur Diejenigen, die daran Mangel leiden, mögen die Bequemlichkeit einer vorgeschriebenen und vorbereiteten Carrière vorziehen und ihre Beförderung im Leben von ihrer Reihenfolge auf der Anciennitätsliste erwarten. Ob an den übrigen gerügten Gebrechen des öffentlichen und Geschäftslebens, Bestechlichkeit, Schwindel und Betrug, Amerika die alte Welt übertreffe, dürfte erst erwiesen werden, wenn sich die geheimen Archive der Diplomatie, die Korrespondenzen der Verwaltungsräthe unserer Eisenbahnen und Kreditbanken, die Geheimnisse der Börsen und Börsenleute an die Oeffentlichkeit kämen und wenn alles Entdeckte so schonungslos entblößt würde, als es die amerikanische Presse thut; daß sich Europa aber eben so toll im Veitstanz des Schwindels zu drehen weiß, haben die Erlebnisse unserer Zeit mehr als einmal dargethan. Dieses lange Kapitel gebührend auszuführen, gebricht uns hier der Raum, es sei nur noch angedeutet, wie natürlich es ist, daß bei der unbeschränkten Freiheit individueller Entwickelung auch die Schwächen, die Laster und Leidenschaften der Menschen üppiger wuchern, als unter der fortwährenden Obhut gebotener Sittlichkeit, und daß jene Mißgestalten und krankhaften Erscheinungen schamloser und ekelerregender auftreten, als unter der Maske der Heuchelei und Tünche der Decenz. Im Grunde sind die Uebel und ihre Wirkungen dieselben: so muß jeder Unbefangene urtheilen, der die beiderseitigen Zustände aus eigener Anschauung kennt, und wenn man dann die Bilanz zwischen den Vorzügen und Nachtheilen hüben und drüben abwägt, so neigt sich entschieden das Zünglein nach der Seite Amerika’s. Und solchen Thatsachen gegenüber werden Schmähungen und Verwarnungen dem Hoffnungsdrang nach einer besseren Zukunft, welcher alljährlich hunderte von Auswanderungsschiffen bevölkert, weder steuern, noch andere Richtungen anweisen können.

Zu den blühendsten Hauptquartieren des deutschen Wanderzugs gehört Wheeling, eine Zollhafenstadt auf der Landenge, welche Virginien dem Ohio entlang zwischen Pennsylvanien und Ohio eingeschoben hat. Es ist für den Flußhandel der bedeutendste Stapelplatz zwischen Pittsburg und Cincinnati und der Terminus mehrerer Eisenbahnen. Die Stadt ist erst seit den dreißiger Jahren, also seit den deutschen Masseauswanderungen in Folge der Julirevolution und deren Nachwehen, in ihre Blüthezeit getreten. Im Jahr 1820 zählte sie erst 1600 Einwohner, 1850 nahe an 12,000, und gegenwärtig schätzt man an 20,000. Die lebhafte Schifffahrt auf dem Strom und der Reichthum an Steinkohlen in der Nähe bedingen die Ausdehnung ihres Handels und die Art ihrer Industrie. Sie entsendet auf dem Ohio an 50 eigene Dampfboote und übt in Eisengießereien, Nagel-, Baumwoll-, Glas-, Papier- und Maschinenfabriken eine umfangreiche Gewerbsthätigkeit. Die schöne Drahtbrücke, die wir auf dem Bilde sehen, verbindet Wheeling mit dem Staat Ohio; sie schwebt 150 Fuß über dem Flußspiegel und ihre Spannung, eine der längsten in der Welt, mißt 1010 Fuß.