Misda
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MISDA
EINE OASE IN DER SAHARA
Das Bild einer Oase in der Sahara. Auf der großen Karavanenstraße, welche von Sudan durch die Wüste nach Tripolis führt, bildet das Thal von Misda eine wichtige und gesuchte Raststätte. Vom Eintritt in die Wüste an (Ain Sarah) wird dieses Thal nach sechstägigem Ritt erreicht, einem Ritt durch großentheils baumleere, wasserlose Ebenen, von kahlen Sand- und Kalkhügeln und steinigen öden Thälern durchzogen, arm an Weideplätzen, reich an brennendem Wüstensand. Dennoch zeigt die öde Strecke mancherlei Spuren früheren Anbaus, namentlich noch hin und wieder zerstreute römische und maurische Baureste, an Stellen, denen jetzt jede Bedingung zu menschlicher Existenzfähigkeit gebricht. Die Brunnen, welche damals Fruchtbarkeit an solchen Orten erzeugten, sind seitdem versiegt und der Sand, das Element der Wüste, hat Besitz von der Stätte genommen. Auf Strecken dieses Wüstenbinnenlandes sind sogar noch römische mit Inschriften versehene Meilensteine sichtbar, welche in regelmäßigen Entfernungen die Richtung einer ehemaligen Poststraße bezeichnen.
Das an und für sich traurige Bild einer Wüstenstadt mag an Leben und Interesse gewinnen, wenn wir unseren berühmten Landsmann, den Reisenden Barth, es selbst schildern lassen: „In der Nähe (erzählt er) der nach erschöpfendem Ritt unter afrikanischer Sonnengluth sehnlichst erwarteten Station wurde es nun lebhafter. Eine Sklavenkafla mit 25 Kameelen und etwa 60 Sklaven, meist weiblichen, den unglücklichen Erzeugnissen der Landschaften, welchen wir entgegen rückten, zog an uns vorbei. Endlich betraten wir einen kleinen Engpaß, der sich in das Thal von Misda öffnete. Die kleine Wasserrinne, welche die mit Kieseln bestreute Thalebene durchzieht, war mit Batumbäumen umsäumt. Drei Meilen weiter hatten wir die kleine Oase selbst erreicht. Mit einiger Freude erfüllte mich der lange entbehrte Anblick schöner reifender Gerstenfelder, die künstlich bewässert und regelmäßig angebaut waren und von Dattelpalmen umschlossen wurden. Wir zogen zwischen den zwei getrennten Quartieren oder Dorfschaften, die sich in das beschränkte Gebiet der Oase theilen, hindurch und lagerten hinter dem unteren Dorfe, auf einem sandigen Platz, nahe bei einem Brunnen, welcher früher ein jetzt verlassenes Gartenfeld bewässert hatte. Eine Karavane von Kaufleuten, die von Fesan mit Sklaven ankam, um nach Tripolis zu gehen, lagerte am entgegengesetzten Ende der Oase.“
[49] „Misda scheint eine sehr alte Niederlassung der Eingeborenen von Nordafrika, der Berbern, zu sein. Selbst jetzt, obwohl vielfach mit Arabern vermischt, haben sie nicht ganz ihr Berberidiom verloren. Die Brunnen sind von geringer Tiefe und das Wasser wird mit Hülfe von Rindern heraufgezogen; da es aber gegenwärtig nur noch drei Exemplare dieser werthvollen Thiere hier gibt, so werden bei weitem nicht alle Brunnen benutzt, die benutzt werden könnten. Daß der Anbau in früheren Zeiten ungleich ausgedehnter war, beweisen zur Genüge die Brunnenpfeiler, welche auf ansehnliche Entfernung sich in die Ebene hinaus erstrecken. Das Dorf besteht, wie schon bemerkt, aus zwei Quartieren, deren Bewohner früher in beständiger Fehde mit einander lebten. Die westliche Dorfschaft ist die bei weitem größere; hohe runde Thürme mit Reihen von Schießscharten geben ihr den Charakter einer Befestigung. Die Doppelmauer, absichtlich in vielen Winkeln gebaut, ist sehr verfallen, ebenso liegt ein Theil der Häuser im Schutt. Trotz seines Verfalls zählt der Platz noch an 100 waffenfähige Männer. Der Umfang des Dorfes, ein nahe gelegenes kleines Palmenwäldchen eingeschlossen, mißt ungefähr ½ Stunde. Etwa 400 Schritte entfernt, liegt das zweite kleinere Dorf; nahe dabei eine Gruppe von kleinen Gärten, mit einer Mauer umgeben, aber in vernachlässigtem Zustand. Zu diesem Quartier, welches im Innern weniger verfallen ist, gehört ein großes, maurisches Kloster, dessen Bewohner aus acht heiligen Tauben und einem alten gelehrten Araber bestehen, der sie hütet. Von besonderer Wichtigkeit als Karavaneneinkehr ist diese kleine Oase noch deshalb, weil in ihr zwei Hauptstraßen, die eine von Murzuk, die andere von Ghadames, zusammen treffen. Ein solcher Verkehr bedingt auch den Charakter der Bewohner. Diese sind wohlwollend und erfreuen sich des Rufes großer Redlichkeit.“
Dem genannten kühnen Berichterstatter verdankt die Wissenschaft hauptsächlich die Kunde von diesem mittleren Oasenzug der Sahara, namentlich in der von Europäern bisher noch nicht betretenen Richtung von Murzuk über Air und Agades nach Kairo. Spätere Blätter führen uns dahin zurück. Verlassen wir für diesmal das trostlose Wüstenbild mit der malerischen Vorstellung, welche unseres Dichters Worte von ihm geben:
Sie liegt vor Gott in ihrer Leere
Wie eine leere Bettlerfaust.
Die leeren, trocknen Wasserrinnen,
Die ausgefahrnen Gleise, drinnen
Der Karavanen Rad sich wand,
Die Pfade, die die Thiere traben,
Sind, von der Gottheit selbst gegraben,
Die Furchen dieser Bettlerhand.