Der Hundskogel am Hintersee

Burg und Stadt Caernarvon in Wales Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Der Hundskogel am Hintersee
Alton in Illinois
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Der HUNDSKOGEL am HINTERSEE

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Der Hundskogel am Hintersee.




Lieber Leser, hast Du schon einmal vor einem jener dunkeltiefen Alpenseen gestanden, die in dem granitnen Gürtel des Gebirgs wie Edelsteine in der Sonne glänzen, bald tiefgrün lockend, bald sehnsuchtblau, bald mit weißlich-grauem unheimlichem Spiegel? Groß sind sie nicht, die Flächen ihres Gewässers, aber die Tiefe thut’s und der köstliche Rahmen um das Glas, hinter welchem die Sagenwelt die Wohnstätten ihrer gefährlichsten Geister verborgen hält. Dieser Rahmen besteht entweder ringsum aus den schroffsten Felsenwänden, die mit ihren Schluchten, Gesimsen und Terrassen über dem Seespiegel emporsteigen, wie die ungeheueren Mauern eines Doms, über welchen die Bergkegel sich als Kuppeln wölben, prächtig wiederstrahlend in der Fluth vom Portale bis zum Thurmknauf, oder die stillen Wasser laufen, dem entfernteren Auge kaum merklich, mit dem Wiesenteppich zusammen und sind, so weit das Baumrevier reicht, geschmückt mit Kränzen dunkeler Rothtannen und Gruppen der Zirbelkiefer. – Ich habe manchem dieser Seen in die finsteren Augen geblickt, aber der Alpenmann Tschudi ist auch zu den obersten Wassersammlern hinaufgestiegen und erzählt davon gar Wundersames. Diese Wassersammler, sagt er, nähren sich meistens von großen Gletscherfeldern, gönnen an ihren Ufern höchstens ein Paar mageren Weiden, Heckenkirschen- und Erlenbüschen ein dürftiges Daseyn oder lagern ganz todt zwischen dem grauen Felsgeschiebe. Sie haben ein düsteres und tiefernstes Ansehen. Gewöhnlich ohne alle Wellenbewegung mit dunkelgrünen Farbentönen, stimmen sie zum öden Geiste der Felsenlandschaft. Kein Nachen, kein Flößchen hat sie je berührt, keine Seerose ihre breiten Blätter auf ihrem Spiegel gewiegt, kein Fisch zieht durch die grünen Tiefen, kein Wasservogel, oft nicht einmal ein Frosch, sitzt an dem steinigen Ufer. Den größten Theil des Jahres deckt sie Schnee und Eis, und manches flache ausgewölbte Becken friert bis auf den Grund zu. Mühsam und langsam thaut der Frühling oder gar erst der Sommer sie auf, und kleine Eisfelder schwimmen noch auf ihnen, wenn schon die Alpenrosenbüsche ihrer Felsen freudig die Glockensträuße im Winde wiegen. Dabei hat eine große Anzahl dieser Hochseen keinen sichtbaren Abfluß. Das Wasser fällt in einen oft durch kreisende oder wirbelnde Wellenbewegung angezeigten Trichter, arbeitet sich kürzere oder längere Zeit durch die Kanäle im Innern des Gebirgs und springt oft erst in großer Entfernung wieder zu Tage. Manche Seen haben auch keinen sichtbaren Zufluß und nähren sich von unterirdischen Quellen. Beide Erscheinungen vermehren [80] das mystische Dunkel, das über diesen stillen Fluthen schwebt. Viele dieser Wasserschalen sind selbst in den nächsten Thälern unbekannt, einige wurden von den ältesten Bewohnern der Alpenländer religiös verehrt, und an diesen Kultus lehnt sich das Reich der Sage, mit deren Gestalten der gläubige Bergbewohner Fels und Schlucht und die Tiefe belebt. Die Seen der mittlern und untern Alpenregion sind die Spülbecken und Läuterungskessel der von oben herkommenden Bergbäche, die in ihnen ihr Geschiebe absetzen. Bis zur Tannengrenze hinauf sind alle Seen mit sichtbarem Abfluß auch belebt von Forellen, Groppen und Ellritzen, und das kluge Völklein der Stockenten sucht an ihnen sein Versteck. Manche Seen sind äußerst malerisch gelegen, bisweilen von reichen Arvenschlägen umkränzt und spiegeln in ihren klaren Fluthen oft die prächtigsten Alpenstöcke ab. Mit Einem Wort, ein schöner Alpenhochsee ist ein Augenlabsal, und wer sich in kürzester Zeit an recht vielen erfreuen will, dem rathe ich, in das Bündnerland der Schweiz zu gehen, wo deren noch bis zu 7240 Fuß Höhe ü. d. M. zu finden sind. – Willst Du aber durchaus denjenigen sehen, welcher aus unserem Bilde herausschaut, so wandere nach Salzburg. Dort kennt Jedermann das Almenthal, und im Almenthal liegt Grünau, und bei Grünau liegt der Hintersee. Dort erkundige Dich, wo der Hundskogel steht. Wohnen gar gute Leute im Ländel, die sagen Dir gern den Weg zu dem See da; ich weiß ihn selber nicht.