Burg und Stadt Caernarvon in Wales
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CAERNARVON CASTLE
Ein englisches Zwing-Uri in dem einst freien Fürstenthum der Kymren kann Caernarvon Castle in zwanzig Jahren das 600jährige Jubiläum seiner Erbauung feiern.
Die Walliser gehören zu den Völkern, deren Nationaleigenthümlichkeiten in Sitten, Rechten und Sprache vor den Gewaltschritten fremder Eindringlinge immer weiter zurückweichen mußten, trotz des Widerstandes nach jedem Kampf an Boden verloren, aber trotz alles feindlichen Machtgebots immer noch genug vom Untergang retteten, um den Freunden und Forschern der Geschichts-, Volks- und Sprachkunde reichen Stoff für Studien und Darstellungen zu bieten. Zwei Thatsachen sind es aber vor Allem, die den Walliser an die Seite der gegenwärtig in Sprach- und Nationalitätskämpfen begriffenen Völker stellen, dem stolzen und mächtigen England gegenüber: der Sachsenhaß erbt, wie in Irland, auch in den Herzen der Walliser fort, trotz dem, daß dem Lande schon seit drei Jahrhunderten mit den Lasten auch alle Rechte, Freiheiten und Wohlthaten der englischen Staats- und Gerichtsverfassung zu Theil wurden, der alte Haß erbt fort und hat in unseren Tagen den originellsten Ausbruch gefunden in den Zerstörungszügen der Rebekka und ihrer Töchter. Der Sprachkampf dagegen hat sich vor der Hand auf den unantastbaren Boden der Wissenschaft zurückgezogen: gelehrte und patriotische Gesellschaften und Vereine suchen von den Sprach- und Literaturschätzen des kymrischen Volkslebens zu retten, was unter dem französisch-sächsischen Druck noch erhalten und den Ausrottungsplänen der Regierung gegenüber lebendig oder lebensfähig bewahrt worden ist. Wie bei den Czechen in Böhmen und den Flamändern in Belgien knüpft sich allerdings an den Gedanken der Bewahrung zugleich der der Wiederherstellung der sprachlich-geschichtlichen Erinnerungen, Bedürfnisse und Ansprüche des alten im Lande heimischen Stammes. Endlich tritt uns auch in Wales die Erscheinung entgegen, daß das Flachland und der Kreis der höheren Stände dem Einfluß des Fremden zugänglicher waren, als das Volk des Gebirgs; wir finden in Südwales englische Sprache und Sitte vorherrschend, während in Nordwales die Berge sich, wie überall, als Festungen des heimischen Volksthums bewährt haben.
[77] Um diesen Festungstrotz zu brechen, baute der englische König Eduard I. im Jahr 1277 die Veste Caernarvon. Der Kampf Englands um Wales beginnt jedoch schon zur Zeit der angelsächsischen Könige, im 10. Jahrhundert. Schon damals mußten die Fürsten von Wales, deren stets mehre von einander unabhängig im Lande regierten, einen jährlichen Tribut in Geld und Wolfshäuten an die Könige in England entrichten. Entschiedener wurde der Widerstand, als Wilhelm der Eroberer Englands Herr wurde und die Normannen auch Wales zu überschwemmen drohten. Damals mußten gegen die Walliser, wie in Deutschland gegen die hereinbrechenden Slavenvölker, in England Markgrafen zum Schutz der Grenze eingesetzt werden. Die Uneinigkeit der wallisischen Fürsten unter sich brach mit dem Wohlstand des Volks die Macht zur Abwehr des stärkeren Feindes. Von der Mitte des 12. Jahrhunderts an, wo Heinrich II. in England König war, enden die blutigen und besonders im Norden mit erbittertster Hartnäckigkeit geführten Kämpfe um Unabhängigkeit mehr und mehr mit Niederlagen der Walliser, bis endlich Eduard I. die Unterwerfung des Landes und aller seiner Fürsten vollendete. Das geschah, wiederum nach harten Gefechten und Hinrichtungen, im Jahre 1283.
Aber nicht nur mit den Waffen der Gewalt mußte Eduard I. den Trotz der Walliser brechen, er suchte durch List sie sogar mit ihrem Stolz an sich zu ketten, und auch die desfallsige der Geschichte längst einverleibte Sage vermehrt die historische Wichtigkeit von Caernarvon Castle. Die Häupter und Angesehensten des Volks von Wales hatten dem Könige gesagt, daß sie nur einen wälschen Mann zum Herrn haben wollten. „Gut“, sprach Eduard I., „ich werde euch einen solchen verschaffen.“ Hierauf hielt seine Gemahlin Leonore durch „das Thor der Königin“, wie es noch heute heißt, einen feierlichen Einzug in das feste Schloß Caernarvon und genaß daselbst eines Knäbleins. Dasselbe nahm alsbald der König auf den Arm, trat vor die versammelten Häupter der Walliser, zeigte ihnen den Königssproß von Caernarvon und sprach die wälschen Worte: „Eych dyn!“ – zu deutsch: – „Das ist der Mann!“ d. h. der wälsche, welchen ich euch versprochen habe. Seitdem führt jeder Erstgeborene der Herrscher von England den Titel „Prinz von Wales“, und seitdem sind die Walliser, mit einer einzigen Unterbrechung im Jahre 1400, der englischen Krone gehorsam geblieben.
Das feste Schloß von Caernarvon, welches unser Bild zum Hauptgegenstande hat, ist von den vielen militärischen Bauwerken Eduards I. das geräumigste und herrlichste gewesen. Noch jetzt macht es mit seinen dicken festen Mauern und seinen vielen Thürmen einen imposanten Eindruck. Der höchste dieser Thürme heißt der Adlerthurm; man steigt auf 158 Stufen bis zu der Zinne, von welcher aus der Blick weit über die Menai-Straße, die Meerenge im Hintergrunde unseres Bildes, und jenseits derselben über die Insel Anglesea hinschweift und auf das Meer und seine Pracht hinaus. Die Stadt Caernarvon liegt unmittelbar an der Menai-Straße, durch welche das gebirgige Festland von Wales getrennt wird von Anglesea und seinen fruchtbaren Ebenen. Sie ist [78] die Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft von Wales und war früher, ihrer nun dahingeschwundenen Festigkeit wegen, der Regierungssitz von Nordwales. Eine der größten Städte des Landes ist sie noch; ihrer theils einheimischen, theils von England eingewanderten Einwohner mögen 9000 sein. Die Sehenswürdigkeiten von Stadt und Umgegend sind, das Schloß ausgenommen, nicht architektonische, sondern montanistische Bauten: die berühmten Thonschiefersteinbrüche, die für Nordwales dasselbe sind, was das Eisen für Südwales, d. h. Hauptlebensfrage. Sie werden in Caernarvon großartig ausgebeutet. Ueberall sind in dieser Gegend die Berge von Schieferbrüchen angenagt. Ein einziger solcher Steinbruch beschäftigte schon 1842 gegen 2500 Menschen, hat seinen besondern Hafen sammt geneigten Flächen und Eisenbahnen und machte seinen damaligen Besitzer (Lord Penrhyn), trotzdem, daß die Anlagen von Hafen und Bahnen über 2 Millionen Gulden kosteten, zum steinreichen Mann. Der Schiefer von Nordwales ist so trefflich, so farbfest und elastisch und bricht in so großen Stücken und Tafeln, daß er sogar zu Schränken, Schreibtischen und andern Mobilien in den geschmackvollsten Formen verarbeitet werden kann. Die Hauptmassen dienen zu Dachziegeln, Kaminstücken, Rechentafeln, Tischplatten und – Grabsteinen. Dieser scheinbar an sich so unbedeutende Artikel verdankt, nach Kohls Bemerkung, seine außerordentliche Wichtigkeit einem gewissen ächtenglischen Wörtchen, das man, erzählt er, in allen englischen Fabrik- und Handelsstädten vor jeder Waare, nach deren Handelsziel man sich erkundigt, immer und immer wieder hört. Das Wörtchen „All over the world, Sir!“ d. h. Ueber die ganze Welt hin, Herr! – Wenn man in Birmingham einen Knopfmacher fragt, wohin seine Knöpfe gehen, so antwortet er: Ueber die ganze Welt hin, Herr. Fragt man einen Töpfer in den Töpfereien von Stafford, wohin diese Art Töpfe kommen, so heißt es: Nach Amerika hin, nach Ostindien, nach Europa, „in der That, Herr, über die ganze Welt.“ Und in Caernarvon besinnt sich vor seinen Schiefersteinen Keiner bei Deiner Frage: Wohin mit all’ dem Schiefer? lange auf die stolze Antwort: All over the world, Sir!