Adrianopel
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ADRIANOPEL
Es sind trübsinnige Eindrücke im erhabensten Style, welche die Großstädte der europäischen Türkei auf den abendländischen Reisenden machen. Inmitten einer Natur, über die alle Zauber der Schönheit gegossen sind, unter einem Himmelsstriche, wo Alles, wie die Sage geht, von bewundernswürdiger Güte und Sanftheit ist, Luft und Erde und Thier, Alles – bis auf den Menschen, – da dehnen sich, über Thäler und Hügel hin, jene Riesenbaue mit ihren Moscheen und Palästen, Zinnen und Thürmen ohne Zahl, stolz und gewaltig, und dennoch, trotz des blendenden Glanzes, von unheimlichem Aussehen, tausend Spuren des Verfalls an sich tragend, wie belastet vom Fluche des Untergangs und gebrandmarkt von all’ den Greueln, welche im Laufe von Jahrhunderten in und außer den Mauern der Mensch hier verübte, und deren Erinnerungen den Wanderer auf Tritt und Schritt, wie schwarze Schatten, verfolgen. So ist Stambul, so auch Adrianopel oder Edreneh, wie die Türken sie nennen, die zweite Stadt des Reichs.
Auch ihre Lage ist von hoher und berühmter Schönheit, und wer droben auf der Galerie eines der schlanken Thürme steht, welche sie zieren, und den Blick schweifen läßt über die Stadt und die buntfarbige Landschaft, über der das tiefe Blau eines südlichen Himmels ruht, genießt eines entzückenden Anblicks. Da liegt zu Deinen Füßen im weiten Thal der Maritza, über sieben sanfte Anhöhen sich hinziehend, das kaum übersehbare Häusermeer. Zierlich gewunden und in verschiedene Arme sich theilend, schlängelt der blaue Fluß durch die Stadt, und Gruppen von Grün, in allen Schattirungen und allen Formen bis hinan zur schwarzen Cypresse, leuchten anmuthig zwischen den flachen rothen Dächern hervor, über deren Gewirr die schwärzlichen Mauern und Thürme und, wiederum aus dem Schatten gewaltiger Bäume, die weißen Minarete und blanken Kuppeln der Moscheen majestätisch sich erheben. Dichtbelaubte Gärten mit schimmernden Landhäusern, lachende Weinberge, Rosenwäldchen und strotzende Saatgefilde bilden in lieblichem Wechsel die Umgebung der Stadt und locken den Blick in die Ferne, bis er sich hier ins Unendliche verliert, dort von den blauen Bergen des Balkan begrenzt wird.
Entzückt stehst Du vor dem reizenden Bilde, betroffen von dem mächtigen Eindruck der Stadt; vor Deinem Geiste aber rollen sich die Bilder der Geschichte des denkwürdigen Volkes auf, das hier haust: wie es [72] hervorbricht aus dem Innern Asiens, ein reißender Bergstrom die Niederungen überschwemmt, Städte zerstampft, Reiche erobert, das Banner seiner Herrschaft aufpflanzt in drei Welttheilen, ganz Europa beben macht durch den Klang seines Namens – und, halb Grausen, halb Bewunderung im Herzen, steigst Du von Deiner luftigen Warte nieder. Dich verlangt, diesem kühnen Volke näher zu treten, die blendende Stadt, einen Mittelpunkt seines Reichs, in der Nähe zu schauen. Du willst ihre 40 Moscheen, ihre Bollwerke und Prachtbauten, alle die Denkmale ihrer Größe bewundern, willst Dich in das Wogen ihrer Bevölkerung mischen, an ihrem Schaffen und Genießen, ihrem Wagen und Gewinnen Dich erfreuen, und Du wirfst Dich hinein in das Labyrinth von Häusern, das Du aus der Höhe eben überblickt hast. Welche Täuschung! Da siehst Du das Gras wachsen auf den Straßen, siehst die Gebäude wie verlassen stehen, hier verfallende Paläste, dort Reihen in Schmutz versinkender Baracken, halb eingestürzte Zinnen und Thürme, von dunkelgrünem Epheugeranke dicht umwuchert; siehst Gärten verödet und verwildert, Trümmer ehemaliger Wasserkünste halb versunken unter dem Schatten riesiger Bäume, in deren Wipfeln das Volk der Vögel jubilirt und sich des Tages freut, unbekümmert um Lust und Leid der Menschen; Du siehst das armselige schläfrige Treiben der Märkte und Straßen; das monotone, freude- und interesselose Leben der Einwohner, die, aus Juden, Türken, Griechen und Armeniern bunt zusammengesetzt, im weiten Umfang der Stadt sich verlieren, wie in einem weiten Mantel ein dürrer Körper; siehst ihr mühevolles Ringenum ein karges Stück Brod, ihre ganze klägliche Existenz unter Schmutz, Lumpen und Ungeziefer; nirgends frisch pulsirendes Leben, nirgends ein geistiges Interesse, überall nur furchtbare Oede, Verfall und Verkommenheit, Stumpfheit, Noth und Verlassenheit überall, auf jedem Gesicht, an jedem Giebel, in jedem Winkel. Da ergreift ein peinliches Gefühl von Trauer und Melancholie Dein Gemüth, Du gedenkst Deines fernen Deutschlands mit seinen hohen Reichthümern, seiner Literatur, seinem Wissen, seinem Verlangen und Ringen nach geistigen Gütern – und Du verstehst mit einem Male das Voltaire’sche[1] Witzwort, das vom „kranken Mann“ spricht unter den Staaten Europa’s.
Wohlan! Durchfliege noch einmal die Blätter jener Geschichte, deren Bilder Dir vorhin in so imponirendem Licht erschienen, und der Verfall dieses Reiches wird Dir als eine nothwendige Folge klar werden, als ein Schicksal, das Religion, Staatseinrichtung und Volkscharakter vereint herbeiführten. Der Islam ist ein Kind Arabiens. In den wilden unzugänglichen Steingebirgen dieses Landes, in seinen Sandwüsten mit ihren sternenfunkelnden Nächten und der öden und erhabenen Einsamkeit, dort ist seine Heimath; dort, überhaupt in Asien, [73] hat er noch heute seine volle Lebenskraft. Er ist das Herzblut der Race, des Klima’s, der socialen und sittlichen Anschauungsweise jener Länder und jener Menschen. Unter europäischen Himmel verpflanzt, neben abendländische Kultur, das phantastische Kind der Wüste neben den nüchternen Sohn christlicher Civilisation, war er der Baum, der auf ungeeignetem Boden verkümmert: der Türke verlor seine Glaubensgluth und Glaubenskraft und nahm zum Ersatze dafür nichts als den Auswurf westlicher Gesittung. In Europa muß und wird der Mohammedismus untergehen. Nicht mindere Schuld aber, als diese religiösen Verhältnisse, trägt am trostlosen Zustande des Staates der Charakter des türkischen Volkes überhaupt. Der Türke ist mit dem Araber, seinem Glaubensgenossen, nicht auf einerlei Stufe zu stellen. Die Araber sind ein edles, reichbegabtes Volk, von wilden starken Gefühlen, aber zugleich eiserner Gewalt, sie zu bändigen. Wo sie gebildete Länder eroberten, erlangten sie allenthalben schnell einen bedeutenden Grad von Civilisation. Der Türke dagegen ist geblieben, was er war, der ungeschlachte, aller Kultur und Sitte unzugängliche Barbar. Die ganze gewaltige Laufbahn dieses Volkes, sein Ruhm und seine Triumphe sind nichts als die Siege des Schwerts, die Erfolge der rohen Gewalt. Wie rauhe Bergluft in milde Thäler stürzte die Horde aus ihrer Steppe über die civilisirten Länder her. Der rohe Nomad sieht den gebildeten Weichling zu seinen Füßen; durch Raub und Mord werden die schönsten Frauen seine Beute; vor seinem Schwerte sinken blühende Städte in Trümmer, die herrlichsten Länder werden zur Wüste unter dem Hufschlag seiner Pferde; Verheerung, Rauch und Trümmer bezeichnen seinen Pfad; aber dieser Pfad führt ihn aus den Zelten der Wüste auf die weichen Polster der griechischen Großen, aus Armuth zu überschwenglichem Reichthum, aus Unbedeutendheit auf den Thron der Weltherrschaft. Sein Schwert ist der Schrecken der gebildeten Welt. Mit seinem Schwerte triumphirt er über Geist und Civilisation, Bildung und Schönheit. Was Wunders, wenn er, arm an Ideen, wie er ist, Geist und Kultur verachtet, der Menschlichkeit Hohn spricht, mit der Brutalität eines rohen Emporkömmlings sich dem Genusse ergibt, und das Schwert sein Glaube, seine einzige Beschäftigung bleibt? In der That, auf Unduldsamkeit und stete Eroberung war die Herrschaft der Türken gegründet, und so Lange der Schreckensstrom ihrer Kriegsfahrten und Raubzüge in frischer Kraft dahin brauste, so lange stand es wohl und sicherum ihr despotisches Regiment. Aber jede physische Kraft wird endlich erschöpft und bricht zusammen, wie jeder Genuß in sich selbst sein Grab findet. Jener gewaltige Strom verlief sich allgemach, und das Reich sah sich eingedämmt zwischen die Staaten der europäischen Christenheit zu friedlichem Gedeihen. Der Barbar der Steppe verlor sein Schwert, und mit ihm Alles. Ohne geistiges Leben, ohne Anbau im Innern zu weiterer Entwickelung, ohne alle Rücksichtsnahme auf die Forderungen, welche Zeit und Nachbarn stellten, eingerostet in seinen Reichs- und Glaubensformen, bot der Staat das Bild des starren orientalischen Despotismus, und die täglich um sich greifende Schwäche und Versumpfung setzte unaufhaltbaren Verfall als sein unvermeidliches [74] Loos außer Zweifel. Das ist das Leiden des „kranken Mannes“, das die Türkei schon seit hundert Jahren zum Spielball auswärtiger Politik macht, und dessen Symptome dem Wandrer in jenem Lande aller Orten entgegentreten, an keinem aber stärker und ergreifender, als in Adrianopel. Kehren wir jetzt dahin zurück.
Die Stadt ist alt und hat wechselvolle Schicksale im Laufe der Zeit erlebt. Ursprünglich hieß sie Uskadama und war die Hauptstadt der alten Bessier. Ihren jetzigen Namen führt sie von Kaiser Hadrian, der sie neu aufbaute und vielfach verschönerte. An dem Punkte gelegen, wo die verschiedenen Pässe des Hämus zusammentreffen, war sie dem Andrängen aller Völkerschaften ausgesetzt, welche Beutelust oder abenteuerlicher Sinn über das Gebirge nach dem Süden führte. Von Gothen und Bulgaren erlitt sie wiederholte Plünderung und Verheerung; auch die Kreuzfahrer unter den Komnenen nahmen über Adrianopel ihren Weg. Endlich im Jahre 1360 bemächtigte sich Murad II. der schon damals nicht unbedeutenden Stadt, und sie war fortan, bei ihrer für militärische, politische und merkantile Zwecke äußerst vortheilhaften Lage, bis zur Eroberung von Konstantinopel Residenz der Sultane und Mittelpunkt des gesammten Osmanenreiches. Jetzt begannen für sie dieTage des Glanzes. Bald schimmerten die kupfernen Dächer zahlreicher und prunkender Moscheen weit hinaus in die Gefilde, Paläste und Schlösser entsprangen dem Boden, Gärten entstanden mit Villen und Lustsitzen, Wasserleitungen und künstlichen Springbrunnen, Befestigungswerke wurden aufgeführt, großartige Bäder von Marmor geschaffen mit domartigen Vorhallen, Märkte und Khane gebaut, Klöster, Schulen, Spitäler und andere Stiftungen errichtet, Brücken in kühnem Schwung über den Fluß geworfen, die Stadt alljährlich vergrößert und verschönert. Der Tribut gezüchtigter Völker, die Beute aus eroberten und verheerten Ländern, die Schätze von hundert verwüsteten Städten, die Trophäen zahlloser Siege, Alles floß hier zu unermeßlichem Reichthum zusammen und wurde von den Großen des Reichs in orientalischer Genußsucht, Weichlichkeit und Prachtliebe vergeudet. Jagdzüge und Jagdfeste, mit unerdenklichem Pompe von den Sultanen veranstaltet, belebten die Umgegend; die Einwohner (deren Zahl sich damals auf mehr als 300,000 belief, während sie jetzt kaum 90,000 beträgt) thaten sich hervor in den Künsten des Ostens, ihr Rosenöl und Rosenwasser, ihre Seidenzeuche, ihre feine Seife, ihre Scherbete und ihr Zuckerwerk wetteiferten mit den berühmtesten Erzeugnissen des Orients, und gefeierte Dichter sangen Hymnen zum Preise der Stadt und ihrer Bevölkerung.
Von all’ den Bauwerken, welche aus jener Zeit noch vorhanden sind als die Zeugen des entschwundenen Glanzes, ist Weniges mehr sehenswerth. Etwa die Citadelle, die mit ihren 16 Thürmen die Stadt beherrscht, der Bazar mit 6000 Gewölben, das alte und neue Serai und einige Moscheen, z. B. die Murads II. mit ihrem berühmten Vorhofe, dessen zwanzig Kuppeln von 70 der kostbarsten, aus den Ruinen von Athen und Cyzicus hierher geschleppten Marmor- und Granitsäulen getragen werden. Mehr aber noch als diese verdient unsere [75] Aufmerksamkeit die in der Mitte der Stadt auf einer Anhöhe gelegene und Alles überragende Moschee Selims II., und ihr Bild läßt uns mit einem würdigen Eindruck von der Stadt des Hadrian scheiden. Diese Moschee, deren Bau in Folge eines Gelübdes nach der Eroberung von Cypern (1466) unternommen wurde und die Summe von 13 Millionen Piastern verschlang, wird von Sachkundigen für die prachtvollste des ganzen Orients erklärt. Sie bildet ein Viereck von 180 Fuß nach jeder Seite, mit einem Vorhofe von gleichem Umfang, dessen drei freie Seiten (die vierte bildet die Façade der Moschee) vierundzwanzig von Säulen gestützte Kuppeln zieren. Das Dachgewölbe der Moschee, außen mit Blei bedeckt, auf der innern Seite mit vielfarbigen Steinen zierlich ausgelegt und von Fenstern durchbrochen, übertrifft an Größe und Höhe das der Aja Sofia in Konstantinopel, und noch weit über dasselbe empor ragen die vier prachtvollen Minarete, von deren Galerien aus man die reizende Aussicht genießt, die wir oben beschrieben. Im Innern des Tempels, das nur mit entblößten Füßen betreten wird, sind weder Bilder noch Statuen, noch Altäre, noch Grabdenkmale zu sehen; nur arabische Inschriften, Sprüche aus dem Koran, Namen heiliger und frommer Männer, meist in Gold und in kolossalem Maßstabe ausgeführt, schmücken die Wände. Auf dem weißmarmornen und mit Teppichen bedeckten Fußboden liegen hie und da auf besondern Gestellen große und prächtig ausgestattete Exemplare des Koran, und eine Quelle des herrlichsten Wassers sprudelt in der Mitte der Moschee, schön in Marmor gefaßt, unter einem säulengetragenen Gewölbe. So drückt sich erhabene Einfachheit, Ruhe, Größe und Einheit des durchgehenden Gedankens aus, im Style des Ganzen wie in der Ausschmückung des Einzelnen, und der Eindruck ist durchaus gewaltig. Gewaltig am Tage, wenn durch die 250 Fenster der Kuppel das Licht der Sonne niederströmt, gewaltiger noch in den feierlichen Nächten des Ramazan, wenn der Tempelraum im Glanze von zwölftausend Lampen wiederstrahlt, und so zur großartigsten Verbildlichung der Aufschrift wird, welche seine Pforten ziert:
- ↑ Der Philosoph von Ferney brauchte den Ausdruck zuerst in seinen Briefen an die Kaiserin Katharina von Rußland, um ihren byzantinischen Gelüsten zu schmeicheln.