Die Martinskirche zu Landshut

Schloß Borgholm auf Oeland Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Die Martinskirche zu Landshut
Adrianopel
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

LANDSHUT
(DIE MARTINSKIRCHE)

[69]
Die Martinskirche zu Landshut.




Erst im altdeutschen oder sogenannten gothischen Baustyle erhielten die Thürme ihre eigentliche architektonische Ausbildung und ihre vollkommen organische Verbindung mit den übrigen kirchlichen oder weltlichen Bauwerken. Sie gehören, als zusammenhängender Haupttheil des Ganzen, ausschließlich der christlichen Baukunst an, und die Idee des altdeutschen Baustyls fand gerade in dem Bau des Thurms ihre rechte Verwirklichung. Die Thürme erheben sich stylgemäß viereckig in mehren Absätzen, die sich, wie Kugler uns belehrt, durch ein reichgegliedertes [70] System von Strebepfeilern aus einander lösen und durch die Anlage bedeutender Fenster belebt werden. Das Geschoß hat, zumeist jedoch nur bei den ausgebildeten Architekturen von Deutschland, eine achteckige Grundform, vor deren Eckseiten wiederum freie Thürmchen, nach dem Princip der Gliederung der Strebepfeiler, emporsteigen. Ueber dem Achteck schießt sodann eine achtseitige Spitze schlank in die Lüfte empor. In dem Organismus dieses Thurmbaues waltet durchaus das Gesetz vor, das Streben nach aufwärts auszudrücken; in ihm erscheint dasselbe in seiner vollsten ergreifendsten Kraft.

In der letzten Hälfte des vierzehnten und besonders im fünfzehnten Jahrhundert erscheint das Aeußere der Thürme ziemlich reich dekorirt, zum Theil aber herrscht auch die schwere Masse vor. Letztere Bauweise findet sich vorzugsweise in den östlichen und insbesondere in den nordöstlichen Gegenden von Deutschland. Eine Ausnahme von dieser geographischen Bestimmung macht die Kirche St. Martin zu Landshut, deren Thurm die Zierde unseres Bildchens ist. Sie ist wesentlich nach jenem nordisch massenhaften Princip behandelt. Der Thurm, 448 Fuß hoch, gehört zu den höchsten in Deutschland. Der Bau des herrlichen Gotteshauses fällt in die Jahre von 1432 bis 1478.

Man kann das himmelaufragende Prachtwerk nicht anschauen, ohne mit Stolz sich der Kühnheit und Kraft des germanischen Geistes zu freuen, und täglich sollte man die deutsche Nation vor ihre Riesenwerke führen, um sie mit dem zu nähren, was ihr bitterster Mangel ist: mit Selbstachtung. – Es war einmal ein Löwe, der war sehr stark und lag sorglos hingestreckt zwischen falschen Nachbarn. Sie fürchteten seine Pranken, so lange aus den Augen ein mächtiger Wille sah. Da ward der Löwe krank und vertheilte in seiner Krankheit seinen Willen an die einzelnen Gliedmaßen. Das war sehr übel gethan. Denn jedes Glied that nun, was es wollte, und die anderen kümmerten sich nicht darum, ja, die falschen Nachbarn rissen von manchem Gliede ganze Fetzen los, ohne daß die anderen thaten, als ob sie etwas mitfühlten. Das Haupt saß recht vergeblich oben darauf, als ob es nur da wäre, um die Glieder zu betrachten. Sogar die kleinsten Nachbarn des Löwen wurden übermüthig und verhöhnten ihn und sprangen bellend an ihn hinan. Das ist so oft schon geschehen und geschieht noch heute und noch morgen! Und innen im Löwen blutet das Herz vor Wehmuth und Zorn. Aber das Herz hat keine Stimme und der Löwe kein Haupt mit einem Willen. Ein Schlag mit der Tatze, und der giftige Kleffer schwiege für immer. Er aber klefft und knurrt und zaust an des Löwen Mähne, und dessen Glieder liegen da regungslos fast zum Erbarmen. Es ist eine recht traurige Geschichte.