Der Maskenball im Opernhaus in Paris

DXXXXIII. Baden-Baden Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DXXXXIV Der Maskenball im Opernhaus in Paris
DXXXXV. New-Orleans
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INTERIORE des OPERNHAUSES in PARIS
(GRAND BAL MASQUE)

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DXXXXIV. Der Maskenball im Opernhaus in Paris.




Die Mitternachtsstunde war angebrochen. Es war Lundi gras, der vorletzte Abend des Karnevals. Die Nacht war kalt, der Himmel glänzte tiefblau, die Sterne funkelten, die Milchstraße – jedes Stäubchen auf derselben eine Sonne – gürtete schimmernd das Firmament und spannte in ruhiger Majestät ihren Bogen über die Weltstadt. Sie schien zu schlummern. Da schlägt die Gespensterstunde – Lärm vertreibt die Stille, Wagen rasseln, die Thüren öffnen sich, die Fenster werden heller, die Straßen belebter, und unter schallendem Gelächter huschen wunderliche Gestalten, nicht Männer, nicht Frauen: – nein! Wesen ohne Namen in den Trachten und Anzügen aller Völker, aller Stände, aller Zeiten, verlarvt durch das Gedränge. Wo gehen sie hin diese Helden und Könige Hand in Hand mit der Zigeunerdirne und dem Bettelweib? Wohin eilt jene Kassandra im Arm des Tartüffe diese römische Matrone geleitet durch einen Abbé vom Hofe des Regenten? – Alle haben nur ein Ziel: – das Opernhaus. – Dort ist heute die Maskerade, an der halb Paris Theil nimmt; das große Narrenfest und Jeder, der fünf Franken entbehren kann, will heute ein Narr mit seyn, oder sich doch ergötzen am Narrenspiel. – In dem ungeheuern Raum des Opernhauses strömt das blendende Licht von 80 Girandolen herab, die Logen und Bänke füllen sich; doch noch ist’s still: nur tausend und aber tausend Blicke kreuzen sich forschend und spähend in dem Chaos der wunderlichen Masken. – Auf einmal zittern die Mauern und schlagen die Herzen, ein Posaunengeschmetter, wie der Todtenruf am jüngsten Tage, gibt die Losung, mit den, Sturm der Töne ist losgelassen der Sturm der Lust und der Tollheit. Wie im Veitstanz reißt’s die Massen in den Wirbel, ein Delirium ist Alle überkommen, der Fanatismus des Vergnügens hat die Seelen gepackt, diese Wesen, diese Larven, Männer und Frauen, sie jauchzen und hüpfen, und Eins das Andere umschlingend werfen sie sich in das Durcheinander des formlosen Tanzes. Das Vergnügen wird zur Trunkenheit, die Trunkenheit zur Raserei: in immer schnellerm Takte treibt die Musik die Massen im Kreise, bis gänzliche Erschöpfung zu einer Pause nöthigt. Aber kaum haben die wüthenden Tänzer ausgeschnauft, so beginnt das Orchester von Neuem, das Pandämonium der Lust erbebt wieder unter den Füßen der Larventräger, und so geht es fort bis zum hellen Tage. – Das Opernhaus ist in der Karnevalsnacht wirklich ein Tollhaus zu nennen. Paris aber, dies aufgeschlagene Buch der Weltgeschichte, wer erkennt es in diesem taumelnden Wirrwar der Nichtigkeit und des Scheinlebens wieder? – Wer sieht in diesem Bilde den tausendarmigen Riesen, welcher, wenn [98] er seine Glieder reckt und umwendet, die Welt erzittern macht, daß alle Throne wanken? den Heros, der nur den Arm zu heben braucht, um den Welttheil aus seinen Ketten zu erlösen? Dies das eine Bild der pariser Welt, – und dann das andere, wo das Volk die Tuilerien stürmt; dort Larven, hier Wesen der Wirklichkeit; dort die Lüge, hier die Wahrheit; dort die Jäger der Lust, hier der Blousenmann bei harter Todesarbeit; dort der Fanatismus des Vergnügens, hier die lebensverachtende Begeisterung für die Freiheit: – bei der Betrachtung beider Bilder wird es einem klar, daß es zwei Völker in Paris gibt, die nichts miteinander gemein haben, als – den Namen. Und wie in Paris, so in Berlin, so in Wien. Wer hat hier auf den Barrikaden gestanden? war’s das Volk der Salons, der Oper und der Logen, oder war’s das Volk der Werkstätte und der Straße? – Das ist immer so gewesen und wird auch künftig immer so seyn. Behüte uns in Deutschland nur der Volksverstand vor den dummen Streichen, welche die Franzosen in den Kinderjahren ihrer Freiheit machten, damit wir nicht, wie sie, die Revolution dreimal von vorn anfangen müssen, um die errungene Freiheit aus der Salon- und Larvenwelt zu retten, die sie aus den Armen des Volkes zu sich lockt, um – sie zu erdrosseln. Wir sind leider auf dem besten Wege, es mit einer „besten Republik“ à la Louis Philippe zu versuchen. An Talenten für die Rolle des Bürgerkönigs hat Deutschland keinen Mangel und deutscher Glaube ist stark.