Baden-Baden (Meyer’s Universum)

DXXXXII. Teheran in Persien Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DXXXXIII. Baden-Baden
DXXXXIV. Der Maskenball im Opernhaus in Paris
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BADEN-BADEN

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DXXXXIII. Baden-Baden.




Wer zur Saisonzeit durch die prachtvollen Säulenhallen, durch die Promenaden und englischen Anlagen, durch die in feenartigem Glanze schimmernden Säle des Kurorts Baden-Baden wandelt, vergißt, daß er sich in einem Landstädtchen befindet, welches einem kleinen deutschen Fürsten angehört: er fühlt sich in eine Hauptstadt des Kosmopolitismus versetzt, in welcher die sogenannte Elite der Nationen unsers Welttheils ein Lustlager aufschlug. Allenthalben, in Promenaden, an Buden und Laden, in Hallen und Sälen, an Menschen und Thieren siehst du die ausgesuchteste Pracht zur Schau gestellt, Lust und Genuß sind die Firmen auf allen Schildern und Stirnen, und wenn mitunter ein Kranker in einfachem Gewande zwischen der rauschenden Menge dahin schleicht, so ist dieß nichts Störendes; liegt doch der Gedanke nahe, daß auch anderwärts nicht lauter Gesunde wohnen.

Und wer sind die Hunderte und Tausende, welche die wandelnde Bevölkerung dieses Ortes bilden? Wer sind diese glücklichen Menschenkinder, welche, unbekümmert über das Links und Rechts mit seiner Sorge und seiner Noth, harmlos der Zukunft entgegentanzen? Wer sind die Vollbürger in diesem Schlaraffenlande?

Antwort: Die Aristokratie Europa’s, die Aristokratie nach allen ihren Abstufungen, von der der Geburt und des Geldes an bis hinauf zur Aristokratie des Genies. Denn hier haben ihre Vertreter sowohl die feinste Bildung, wie die Aufgeblasenheit der hohlen Arroganz, das körperliche Siechthum, wie die geistige Zerfahrenheit und die trostlose öde Blasirtheit, und rings um die Peripherie dieses Kreises zieht die Gewinnsucht eine doppelte Mauer, während zwischen allen Radien hin die Gaunerei ihre Schleichwege bahnt.

DaS durch Jahrhunderte klug und keck durchgeführte Streben der Gewaltigen in der Vernichtung aller der reinen Natur entkeimten Verhältnisse in Staat, Kirche und Familie erblickt hier sein glänzendes Resultat zu einem Gesammtbild vereinigt, wie es kaum ein anderer Punkt Europa’s in so engem Rahmen darbieten kann. In diesem Spiegel sieht die alte Europa, was unter Kamm und Scheere der Höfe und deren Schleppenträger, Adel, Pfaffen und Beamten, endlich aus ihr geworden ist.

Betrachtet diese Elite der Gesellschaft recht in der Nähe, tretet in ihre Privatzirkel, begleitet sie auf die Promenaden und auf gemeinsamere Ausflüge zu den nahen zahlreichen Lustorten, folgt ihnen in die Säle zu Bällen [90] und Reunionen nach und stellt euch hinter sie am grünen Tische; haben sich eure Augen an den anfangs gar blendenden Glanz gewöhnt, so merkt auf, welches Triebrad die vielen großen und kleinen Räder dieser Gesellschaftsmaschine in Bewegung seht? Es ist ein Doppelrad: die asiatische Schwelgerei und die europäische Lüge.

Wer blickt noch nach Asien, um eine Satrapenwirthschaft zu erspähen? Wer sucht noch nach Verbrechen des Harems im Morgenlande? Das Ausgesuchteste von Beiden bietet uns die europäische Aristokratie von Lissabon bis Petersburg in ihren Palästen und Wanderzelten, daheim und auf ihren Geschäftsreisen, d. h. ihrem hastigen Jagen nach Reizung und Befriedigung der ermatteten Begierden, nach Ausfüllung der langen leeren Stunden so vieler langer leerer Tage des Jahrs, nach Ausspinnung der in der Verzweiflung über das ewige Einerlei ihres faden Lebens angeknüpften Intriken, der ärgern Pläne nicht zu gedenken, deren schauderhaftes Gelingen in unseren Tagen manche Königskrone und manchen Fürstenhut an den Pranger des Abscheus genagelt hat. Wahrlich, der Orient ist mit all seinen Erbärmlichkeiten eingezogen in die höhern Regionen des Abendlandes, in denen Prunksucht und Faullenzerei das von Millionen fleißiger Hände unter Hunger und Mühsal Zusammengebrachte genußlos verpraßt.

Ja, genußlos! Besuchen wir die gerühmten Salons der Exclusiven und beobachten sie während der gepriesenen Saisonzeit der Bäder, was tritt uns da allorts entgegen? Zunächst die Mode, der Eitelkeit und Beutelschneiderei stets kränkelndes Kind, für das enorme Summen verwendet werden, ohne daß es je zu einem gesunden, festen Zustand gelangt. Das schadet nicht. Es veranlaßt doch den Ausdruck von Vergnügen in der stets geputzten vornehmen Welt, man freut sich über ein anderes Bändchen, ein anderes Fältchen, einen anderen Schnitt, eine andere Farbe, und warum nicht? Man muß ja vergnügt seyn, dazu ist man vorhanden. Schmückt sich doch auch der Wilde mit buntem Gestein, der Indianer tätowirt sich und die Pfauenfeder ist des Chinesen höchste Zierde. Aber Genuß, den Genuß der Gebildeten, der Edelen (und dazu rechnet sich ja die gesammte Aristokratie) erkennen wir darin nicht. – Tretet in die Salons, in denen der Luxus die Schätze aller Welttheile zusammengeschleppt hat, in denen dem Auge, den Ohren, dem Gaumen entgegen kommt, was nur fähig ist, ein Beglaubigungssiegel auf das Zeugniß über den Reichthum des Besitzers zu drücken, euch erfaßt ein doppeltes Staunen: über die zahllosen Herrlichkeiten der Erde und – über die gleichgültigen Gesichter Derer, auf deren Wink diese Pracht zusammengetragen wurde. Ist Das doch Alles nur da, damit Andere eine huldigende Verwunderung aussprechen, und ist es doch plebejisch, über Dinge, deren baarer Werth tausend arme Familien beglücken würde, ein anderes, als das alltägliche Gesicht zu zeigen. Hier darf das innere Vergnügen der Exclusiven nicht hervortreten. Wie bürgerlich wäre das, wie gemein! – Belauscht das aristokratische Geflüster ihrer [91] Conversation. So feine, vornehme Leute, die von ihrer Höhe auf das Volk tief herniedersehen, gewiß bewegen ihre Gedanken sich stets in edelster Haltung um die erhabensten Gegenstände; gewiß erkennen und durchforschen sie, denen der Staaten Lenkung bis daher allein in die Hand gegeben war, die Mittel zur Menschenbildung und Volksbeglückung; gewiß sind sie mit den Schöpfungen unserer großen Geister, mit den Meisterwerken der Künste, mit den Fortschritten der Wissenschaften, mit den Bewegungen im Völkerverkehr innig vertraut und in ihren Kreisen darauf bedacht, mit ihren reichen Mitteln allenthalben zu helfen und zu fördern. Denn wem viel gegeben ist, von dem wird man viel fordern. – Weit gefehlt! Es gab eine Zeit, wo man allerdings den Schein einer solchen Höhe von Bildung und Gesinnung für die Aristokratie zu retten wünschte; als der Schein durchsichtig wurde, hielt man es nicht mehr der Mühe werth, der Kanaille gegenüber sich zu verstellen. Und so erkannte man bald genug in dem Salongeflüster das fade Geschwätz, die hohle Wortklauberei, das Spiel mit glatten Schmeicheleien, jene Zungentändelei, über welche männiglich sein Entzücken zu gestehen pflegt, während die ganze Gesellschaft sich gegenseitig in möglichste Entfernung wünscht. – Seht sie an langen, von Geld und Silber schimmernden Tafeln sitzen, seht sie im Ballsaale in den von Edelgestein funkelnden Reihen stehen, immer klirrt die Fessel der Etikette um die hochwohl- und hochgebornen Glieder; seht sie in geschmackvoller Einfachheit zu einem Gotteshause, seht sie in gewähltem Kostüm in die freie Natur eilen, immer regelt der strenge Zollstab des minutiösesten Anstandes jede Bewegung der Hand und gestattet keiner Herzensregung ihren unmittelbaren Ausdruck; nur am Spieltisch, wo die Leidenschaft jene Bande zerreißt, und wohl in der Einsamkeit, aber nur in der sichersten, tritt nackt hervor der Regent dieses bis zur Wurzel verunstalteten und aller Ursprünglichkeit entfremdeten Lebens.

Ja, so weit hat sich das Leben dieser Aristokratie in der Zeiten Lauf von den Gesetzen der Natur entfernt, so tief ist die Kluft zwischen dem, was die Vernunft gebietet, und dem, was das Herkommen, die Hofsitte und die Sucht, anders zu seyn und sich anders zu gebärden, wie das Volk, geworden, daß die Erscheinung einer Mannes- oder Frauengestalt, wie des Volks gesund erhaltener Sinn sie achtungswürdig preist, zu den Ausnahmen der exclusiven Kaste gehört, und daß die Verstellung, das falsche Wesen, die Lüge die zerrissenen Fugen derselben nothdürftig zusammenhalten muß. Gleich den Volksbedrückern des Morgenlandes sog die Mehrzahl der Leute dieser Kaste am Marke des Volks, aber ärger noch als jene, weil kleinlicher, habgieriger und bedürfnißreicher, spekulirten sie auf den Pfennig des Volks, mochte er aus den Staatskassen oder auf noch leichterem Wege zu erlangen seyn. Die einträglichsten Posten besetzten sie; wie die Aemter verwaltet wurden, war in den meisten Staaten ihre geringste Sorge. Mußten doch selbst neue Aemter geschaffen werden, wenn Einer von altem Adel nicht anders „standesmäßig“ unterzubringen war. Und dennoch sah bis noch vor wenig Wochen ein der Art aus dem Volksbeutel genährter Mann der Aristokratie mit hoch erhobenem Halse auf die „Bürgerlichen“ [92] herab, und nicht wenige solcher Leute sind es auch, welche in den Bädern mit dem Volksgut die Lüge des Reichthums durchführen, während der fleißige Bürger für sie arbeiten, darben und steuern muß. Die Sitte des Orients behagte der Aristokratie, und mit Ingrimm blickt sie nach der andern Seite der Welt, wo das Volk seine Sonne leuchten sieht: die Sonne der geachteten Menschenwürde und der Freiheit.

So ist’s. Alle Feinde der Volksfreiheit blicken hoffnungsvoll nach Osten; dort winkt ihr Heil. Die Macht, die es dort wahrt und wieder in die Länder der europäischen Mitte bringen soll, ist längst gewählt, auf ihrer Fahne steht: „Absolutismus um jeden Preis.“ – Das Volk und alle Freunde der Freiheit blicken nach Westen; dort winkt die blaue Fahne mit den silbernen Sternen, und hell strahlt ihre Inschrift über den Ocean: „Freiheit und Gleichheit!“

Und warum steht jene Fahne so hoch und fest? – Weil ein Volk sie hält, daß seit dreien Generationen das Glück ächter, reiner demokratischer Jugend- und Volksbildung genießt. Dort heischt die Lebensregel: „Lerne, so viel du kannst, du brauchst es!“ der Schulbefehl in den meisten europäischen Staaten aber lautet: „Lerne, was du sollst, nicht was dir und der Welt nützt.“ Dort – freie Bewegung aller Kräfte des Geistes und Körpers –hier ängstliches, lauerndes Prüfen und Zügeln, Hemmen und Schieben nach besonderen Regierungsplänen; – dort der Blick des Lehrenden und des Lernenden auf einen ehrwürdigen, großartigen Staatsbau hingerichtet, – hier die Staatsmaschine den Blicken der wißbegierigen Jugend möglichst verhängt, bei strenger Strafe über die „Unberufenen,“ welche an dem Vorhang ziehen ; – dort Lehre und Leben Hand in Hand; – hier Schule und Praxis, Lehre und Bedürfniß in ewigem Hader; – dort eine Volksgeschichte, groß in der Vergangenheit und groß in der Gegenwart, – hier eine von diplomatischem Lug und Trug und dynastischem Eroberungsgelüste gemachte Geschichte, in welcher man die Nationen wie Heerden, von einer Schlachtbank zur andern, getrieben sieht, um in den friedlichen Zwischenakten geschoren, ausgesogen, gequält und mit leeren Versprechen und Zusagen gehöhnt und getäuscht zu werden: – eine elende und schmachvolle Vergangenheit und keine genießbare Gegenwart, denn alles Heil für uns liegt ja im Hoffen auf den folgenden Tag.

Gottlob, die Völker sind endlich erwacht. Wanken sie auch, noch halbträumend, unsicheren Schrittes ihrer so spät angebrochenen Zeit entgegen, ihre Hoffnungen können nicht mehr zu Schanden werden, ihre Augen, jetzt noch von der langen Nacht getrübt, sie werden strahlen im Lichte der Sonne, die im Westen leuchtet und von dorther aufgegangen ist über alle Völker Europa’s.

Jene Aristokratie aber, der Wurm, welcher seit so vielen Jahrhunderten am Marke der Völker nagt und ihr Leben zu einem dauernden Siechthum verkehrt, aus welchem Glück, Freudigkeit und Wohlbehagen verbannt ist, sie stirbt unter dem Odem der Zeit dahin, und auch in Deutschland ist ein dauernder Bestand für sie nicht mehr [93] zu hoffen. Mag sie immer noch stolz ihr Haupt recken, oder mag sie mit verstellter Schlauheit emsig dem Volke schmeicheln; es wird ihr, dieser glitzernden Genossenschaft von Leibeigenen im Dienste der Höfe und der Lüge des Lebens, nichts helfen. Ihre Standesehre ist vor dem Volke hingeschwunden für immerdar, und daß historische Recht ihres Besitze findet im Rechtsbewußtseyn der Nation keinen Glauben mehr. Entkleidet von dem trügerischen Nimbus sieht sie in diesem gepriesenen historischen Rechte nur den verjährten Mißbrauch und das altersgraue Unrecht. Vor den Revolutionen hat kein Recht der Verjährung Gültigkeit. Schnell fahren sie über die Jahrhunderte bis zum Ursprung des Mißbrauchs hin und fordern unerbittlich den geraubten Besitz zurück. Wie sie in Frankreich den Baronen vordem mit einem Federstrich den ganzen Feudalbesitz abgefordert hat, so wird sie auch in Deutschland zu rechter Stunde mit den Lehnträgern der Usurpation kurze Abrechnung halten. Nicht auf ein Flickwerk hat’s die Zeit abgesehen, wie man den Fürsten und der Nation wohl weiß machen möchte; nicht auf halbe Arbeit, die nur mechanisch theilt und Ungleichartiges gewaltsam zusammen bindet; nicht auf Palliative für das kranke Leben, sondern auf dessen gründliche Heilung. Die Aristokratie der Geburt ist daß älteste Krebsgeschwür am deutschen Volkskörper. Es muß entfernt werden, sollte es auch herausgebrannt werden müssen, damit der Körper wieder in frischer Gesundheit erblühe. Darum, ihr Angehörigen der Geburtsaristokratie, ihr von Adel und ihr Standesherren, laßt euch rathen! Harrt nicht, bis von der Revolution, die doch nun einmal als eine unleugbare Thatsache in die Gegenwart getreten ist, mit euerm Unrecht auch euer Recht hinaus geworfen werde! Bedenkt, daß Alles, was mit seinem Bestande auf Mißbrauch und Schlechtigkeit angewiesen ist, nicht mehr Gnade vor der öffentlichen Meinung findet. Darum werft die Thorheit des leeren Hochmuths auf blos conventionelle Vorzüge, den Trödel äußerer Auszeichnung mit dem ganzen dünkelhaften Junkerthum, das ja ohnehin der Spott des Volks geworden ist, von euch, flieht den langweiligen Müssiggang der Höfe und die faden, kahlen, flachen, leeren, im Grunde so gemeinen Zirkel der blasirten Welt, und wer Adel der Gesinnung wirklich im Herzen trägt, der rette den letzten Rest von Achtung, die euerm Stande noch anklebt, durch die Metamorphose zum wahren, rechten, tüchtigen, ehrenfesten Bürger und wirke als solcher im regen öffentlichen Leben, in der Gymnastik der Volksbewaffnung, in der Schule der Wissenschaft und in Allem, was das Volk achtet und ehrt und was beiträgt zu seinem Wohle. Ihr habt ebenfalls Ketten zu brechen: wären sie auch vergoldete. Brecht sie, die schimpfliche Leibeigenschaft eueres im Hofdienst, in Tand und Schein der Etikette und in leeren conventionellen Formen aufgehenden Lebens und – vor allem Andern! – wendet euch ab von dem Phantom eures historischen Rechts, das, außer euch selbst, keinen Menschen mehr täuscht. Wartet nicht, bis man euch Rechte aufzugeben nöthigt, welche keine sind; sondern reicht sie dem Volke als freiwilliges Opfer dar und sucht euch damit des Volkes Dank zu erwerben. Für eine erzwungene Gabe wird niemals Erkenntlichkeit getauscht. Das Schicksal der französischen [94] Aristokratie in der ersten Revolution ist eine furchtbare Warnung und sie sollte an euch um so weniger verloren gehen, da sich die deutsche Revolution, allen Verständigen sichtbar, rasch derselben Lebensstufe nähert, auf welcher der französische Volkssenat stand, als er die Vernichtung der Feudalrechte verfügte. Da hilft kein Zögern und kein Widerstand; nur ein Zuvor- und Entgegenkommen kann nützen und den Verlust mindern. Oder glaubt ihr, ihr von Adel und ihr Standesherren, daß jetzt, nach der Umkehr, der in Umwandlung und Neugestaltung begriffene deutsche Staat auf Unkosten der Nation zu euerm separatistischen Vortheil sich ordnen könne? Das wäre die gröbste Täuschung und zugleich die gefährlichste, der ihr euch hingeben könntet. Wähnt nicht, daß aus dem jetzigen Chaos des deutschen öffentlichen Lebens das alte heilige Reich erstehen wird wie ein Phönix aus dem Feuer und mit ihm wiederkehren werden für euch die goldenen Tage der Ehren und der Lust, die ihr unter den Schwingen des Reichsadlers so lange genossen habt. Mögen alle Zeichen der todten Herrlichkeit – Reichsapfel und Kaiserkrone, Zepter und Purpurmantel – in Frankfurt zur Schau gestellt werden, mögen sie Sympathieen erwecken, mögen wohlmeinende Männer für die Größe der deutschen Nation unter der Majestät eines kaiserlichen Hauptes schwärmen und die Versöhnung aller Interessen im Schatten derselben versuchen: – die Revolution geht ihren Gang fort und es kann nichts nützen, daß man ihr Todtes und Abgethanes als eine lebendige Geburt in den Schooß legt. Nein, der stille Krieg des deutschen Volkes mit seinen Regierungen, welcher der gewaltigen Explosion unserer Tage um mehr als ein halbes Jahrhundert vorausgegangen ist, wird nicht sein Ziel in einer staatlichen Ordnung finden, welche Unversöhnliches zusammen schmiedet und den Kampf der feindseligen Elemente nur verlängern und verderblicher machen müßte. Die Revolution hat einmal ihren Trennungs-, Auflösungs- und Zersetzungsprozeß in Deutschland angefangen und sie wird ihn vollenden, was auch geschehen mag, ihn aufzuhalten. In diesem Prozeß müssen aber alle Unterschiede des Rangs und des Standes verloren gehen und die Aristokratie der Geburt wird bei uns ganz gewiß so vollständig verschwinden, als sie in Frankreich verschwand. Während soviele tüchtige, brave und wohlgesinnte Männer sich abmühen mit dem Plan zum allmähligen Umbau des alten, aus den Fugen gegangenen deutschen Bundeshauses, dürfte es ganz und gar zusammenstürzen und kein Plan wird dann mehr passen, es wird nichts zu thun seyn, als, ohne Rückblick auf die alten, abgethanen Verhältnisse und ihre Zeit, von Grund aus neu zu bauen mit neuen Steinen. Dann – wenn auch nicht früher, – wird man zugestehen, daß die Regierungsformen in Deutschland, wie sie bisher bestanden, keineswegs in Allem zu Recht bestehende gewesen sind, daß vielmehr ein Regiment der Gewalt und der Usurpation vielfach da gewesen ist, indem Fürst, Beamte und Aristokraten Alles waren, der Bürger aber nichts, und daß das, was man bisher in Deutschland bürgerliche Ordnung genannt hat, öfters der That nach nichts weiter war, als eine Tyrannei, die sich unter der gleißenden Hülle der Gesetzlichkeit und der dezenten Form zu verbergen wußte. Noch ist unser Sinn befangen durch die [95] Gewohnheit der langen Censurnacht, in der wir das Leben hingebracht haben: wir sehen bei hellem Tage und mit offenen Augen nicht den ganzen Moder und die Fäulniß unserer Zustände und das Gewimmel der Maden und Molche in unserm Staatsleben; – und wer möchte auch darnach schauen in den ersten Stunden der heiligen Begeisterung für deutschen Volkes Freiheit und Unabhängigkeit und für Alles, was den Menschen, den Bürger, die Nation ehren und erheben kann! Aber dieser Frühling des Gefühls geht vorüber, wie jeder Frühling – der weinigen Gährung muß die essigsaure auf dem Fuße folgen. Dann werden wir wohl Manches belächeln, was jetzt als groß gedacht und klug entworfen auf der Tagesordnung der Gegenwart steht, und mit bitterer Ironie werden wir auf das Thun und Streben von Männern zurückblicken, die, obgleich der großen Mehrzahl nach, gewiß mit der redlichsten Absicht, sich der fruchtlosen Mühe unterziehen, Unvereinbares zu einigen und gegnerische Interessen zu verbinden und zu versöhnen. Das Sprüchwort sagt: im Kampfe mit der Dummheit richten selbst die Götter nichts aus: – die Allmacht selbst aber vermag nichts gegen die Trennungskraft von Elementen, Ideen, Begriffen und Zuständen, welche das ewige Naturgesetz geschieden hat.


Werfen wir nun einen Blick auf BadenBadens Landschaft und Stadt.

Im schwäbischen Gebirge, dem dunkeln Schwarzwalde, hat sich das Murg-Flüßchen ein tiefes Thal gegraben, welches, ohne auf Großartigkeit Anspruch zu machen, doch eine Menge Naturschönheiten in sich vereinigt. Streckenweise unbewohnt, wild, schauerlich, öde und still, lärmt und klopft an andern Orten das rührige Leben der Schneidemühlen, Poch- und Hammerwerke und aus Stollen und Halden in der Thalwand guckt der verborgene Fleiß des Bergmanns. Die prächtigen Wälder, die bis zum Thalgrund hinabsteigen, bestehen aus Fichten und Weißtannen und alle Schluchten und Höhen dampfen von den Meilern der Köhler und den Oefen der Kienrußbrenner und Theerschweeler, welche hier im innungsmäßigen Verbande stehen.

Eine schmale Kette kegelförmiger Waldberge trennt das Murgthal mit seinen anspruchlosen Bewohnern von dem betäubenden Geräusch der großen Welt in dem besuchtesten Kurort des Welttheils. Baden-Baden brüstet sich mit einer Kurliste, die schon bis auf 27,000 Namen in einer Saison anstieg: Besuchende, nicht Kranke. – Kaum der zehnte Theil wird vom körperlichen Wehe hierher geführt; die übrigen lockt das Vergnügen; tausende das Spiel.

Die Gegend ist schön. Die Bucht, an deren Rand der freundliche Ort gebaut ist, wird von einem Halbkreis von Bergen umgeben, auf deren Gipfel das Grau verfallener Burgen mit dem Grün des Waldes anmuthig wechselt, und umsäumt von Rebgeländen und Obsthainen, aus denen die Menge niedlicher Häuschen [96] herausschaut, zwischen welchen da und dort ein schloßartiger Landsitz oder eine prunkende Villa sich hervorhebt. Die Stadt selbst hat sich zur Sommer-Residenz des begehrlichsten Reichthums und des Adels anständig eingerichtet; eine Menge palastähnlicher Gebäude schmücken die Straßen und Plätze. –

Der Ruhm der badener Heilquellen ging schon durch die römische Welt. Septimius Severus, Caracalla, Heliogabel hatten Wohnungen bei den Thermen, und der glänzende Hof der Imperatoren trug vor 1600 Jahren in Baden ein vielleicht noch üppigeres Leben zur Schau, als die Gegenwart. Noch geben eine Menge Trümmer und Merkmale von der Anwesenheit der alten Weltbeherrscher Kunde: – Thermenreste, Mosaiken, Inschriften auf Meilenzeigern und Grabsteinen, Gefäße und Münzen.

Die Quellen, welche aus dem Gneis der Terrasse des sogenannten Schneckengartens hervorsprudeln, sind in ihrer Zusammensetzung und ihren Wirkungen den wiesbadener Thermen ähnlich. Sie gehören zur Klasse der muriatischen und ihre Heilkraft äußert sich vorzugsweise in den Krankheiten des Lymph- und Drüsensystems, bei Skropheln, hartnäckigen Rheumatismen, Lähmungen und in den Leiden, welche aus der Schwäche der Verdauungsorgane entspringen. Man braucht den Brunnen als Bad in allen Formen, am häufigsten als Douche. Ein frisches, kräftigendes Stahlwasser, das in der Nähe quillt, unterstützt den Gebrauch der Thermen und öfters mit großen Erfolgen.

Die Saison beginnt im Mai, ihre Glanzzeit füllt den Juli aus, und in den ersten Septembertagen veröden Salons und Promenaden. Doch bleiben immer kleine Winterkolonen zurück, meistens englische Familien, die, von der herrlichen Gegend gefesselt, nicht selten für mehre Jahre sich hier niederlassen.