Teheran in Persien

DXXXXI. Die Veste Vano (Ivano) in Tyrol Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DXXXXII. Teheran in Persien
DXXXXIII. Baden-Baden
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TEHERAN

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DXXXXII. Teheran in Persien.




Persien! – dein Name führt mich in der Zeiten Anfang, an die Pforte der Geschichte. Dort ist Iran, welches die Geheimnisse unsers Ursprungs bewahrt; dort blühete, nach der Sage, der Garten, den die Stammältern des Geschlechts bewohnten; dort welkte und dorrte der Baum des ersten Verbots; dort wurde im Brudermord der Krieg geboren; dort lallte die Sprache in den ersten Tönen der menschlichen Stimme; dort wurden die ersten Künste gelehrt von des Lebens Nothdurft, und dort trieb der Menschengeist die ersten Keime zu der Wunderblume des menschlichen Wissens, die jetzt, nach vielen Jahrtausenden, ihre Blätterpracht entfaltet; dort kämpfte das junge Geschlecht seine Titanenkämpfe mit dem Himmel, und dort führte der erste seiner Kriege mit den Elementen es an den Rand [86] der Vernichtung, damals, als Gott seine Wasserfluthen über die sündige Menschheit spie, und dort rettete die erste Barke die letzte Familie auf des Ararats Höhe. – Auch bauten in Iran sich die Menschen die ersten Hütten und in Iran suchen wir die ersten schwachen Anfänge und Grundlagen der Gesellschaft, die ersten Gesetze, die ersten Versuche zum Bau der Staaten. Dort kamen die Helden und Eroberer auf, dort die ersten Sänger, die ihre Thaten verewigten; dort führte das Recht des Starken zur Herrschaft des Einen über Viele, – dort hat die Monarchie ihren Ursprung, von dort zogen die ersten Verbreiter ihrer Lehre mit dem Schwerte aus und wurden Gebieter über fremde Lande. So entstanden die Reiche in Indien, Aegypten, Palästina, in Syrien und Saba, in Kleinasien und Phrygien; von da aus begannen die reichbegabten Lieblinge Gottes, die Griechen, ihre Mission, die Herrschaft des Geistigen über das Leibliche für immer zu befestigen und die ganze Erde mit den Schätzen der Bildung und Gesittung zu beglücken, und dort ist das Urbild jenes Torso zu suchen, des Gewaltigen, welcher sich zum Streite gürtete, vor dem die Könige wichen und die Völker ihre Häupter beugten; und dort hat auch die spätere Zeit noch einen Heros geboren – Cyrus – welcher die Welt in Ketten zu legen sich vornahm. Mit Cyrus, dem Begründer der persischen Macht, die er zum Weltreich zu erheben trachtete, der Crösus besiegte, Babylon eroberte und ganz Kleinasien unterwarf, tritt erst die eigentliche Geschichte Persiens an den hellen Tag, und nie ist sie auch glänzender gewesen, als unter ihm und seinem Nachfolger Cambyses, welcher Aegypten dazu bezwang und Cypern und Tyrus unterjochte. Die nach ihnen kamen waren Thoren oder Tyrannen, saßen auf ihren Stühlen und handhabten das Zepter wie ein Schwert, oder, in ihrer Macht und Herrlichkeit übermüthig, spielten sie die Götter und waren nur darauf bedacht, wie sie den unterworfenen Völkern unzerreißliche Fesseln anlegen möchten. Der Sturm, mit dem Alexander die Reiche der alten Welt niederwarf, machte auch dem der Cyrus-Dynastie ein Ende. Es herrschten fortan die Seleuciden, welchen, nach kurzem Bestande, die Alsaciden als Beherrscher des Perserreichs mit fast fünfhundertjähriger Dauer (bis 229 n. Chr.) folgten. Die gewaltigen Kämpfe mit dem römischen Weltreich beginnen in diesem Zeitraume und füllen das erste Jahrhundert der nachfolgenden Dynastie der Sassaniden aus, welcher Persien bis zur arabischen Herrschaft gehorchte. Die Kultur der frühern Zeiten artete unter den immerwährenden innerlichen und äußern Kriegen aus; die Städte des Alterthums, verheert, verödet und verlassen, verschwanden von der persischen Erde und das Volk verwilderte. Einzelne der Sassaniden waren mächtige und gewaltige Männer; aber sie waren Meteore, Flammenschweife hinter sich herziehend und die Länder, die sie überzogen, düngend mit dem Blute der Völker. Kosru II. unterjochte ganz Mittelasien, drang bis in’s Herz von Afrika, kettete Aethiopien und Lybien und ließ, ein anderer Timur, die Araber seine schwere Hand fühlen. Solche Verheerungszüge konnten zwar glänzende Eroberungen vollbringen, aber keine dauernde Herrschaft begründen. Die Kraft des persischen Volks [87] verblutete in den Schlachten und Kämpfen, und das Reich wurde nach dem Tode dieses zweiten Kosru die Beute der Schwäche und Verwirrung. Die Letzten der Dynastie wurden zum Spielball der Parteien und des innern Haders. Die Zwietracht beherrschte sie, sie würgten sich unter einander und der Staat gerieth in den Zustand der Fäulniß und Auflösung. Um das Verderbniß zu beschleunigen, sandte nun das Schicksal die Löwen aus dem Saracenen-Lande. Den Koran in der einen, das Schwert in der andern Hand, stürmte der Nachfolger des Propheten, Omar, das wehrlose Reich, und, ausrottend die alte Religion und Herrschaft, errichtete er auf den ruinenbedeckten Todtenhügeln des persischen Landes den Stuhl der arabischen Herrschaft, umpanzert von dem Schilde des neuen Glaubens und gekräftigt durch die neuen Ideen, welche nun durch das ganze Geisterreich des Orients flutheten. Nahe an 600 Jahre (von 636–1220) hat die arabische Herrschaft in Persien bestanden, bis Dschingischan mit seinen zahllosen Mongolen- und Tartarenhorden losbrach aus seinen Steppen und den Welttheil zerstörend und zertrümmernd überschwemmte. Vor diesen Völkerwogen verging die arabische Macht in Mittelasien gänzlich und Persien blieb den Mongolen fast 200 Jahre lang preisgegeben, während welcher Zeit Alles unterging, was von den frühern Kulturepochen noch übrig war. Timurlan war der letzte mongolische Herrscher, und dann traten turkomannische an ihre Stelle, die mehre Dynastien in schnellem Wechsel gründeten. Persien war damals wie ein herrenloses Gut, das bald Der, bald Jener in Besitz nahm, aussog und wieder einem Andern, Stärkern überlassen mußte. Erst gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts ergreift wieder ein großer Mann das verwaiste Zepter: Schah Abbas (1587–1629). Er ordnet das Reich und bringt durch glückliche Kriege viele von den an die Nachbarn verloren gegangenen Provinzen wieder zurück. Seine Dynastie endigte 1747 mit Schah Nadir, der vergebens Persien noch einmal zu einer großen Macht erhoben hatte. Nadir wurde ermordet, und nach seinem Tode zerfiel Persien in vier Reiche, die sich einander befehdeten und niemals wieder vereinigt worden sind. Das Reich der Afghanen herrscht in Cabul und Afghanistan; Georgien ward, nach kurzer Unabhängigkeit, allmählig eine Beute der Türken und Russen, und vom eigentlichen Persien gingen, bis auf die neueste Zeit, in einer Reihe unglücklicher Kriege mit den Letztern die besten Provinzen im Norden des Reichs verloren. Persien, als Staat jetzt eine Ruine, schwach und wehrlos nach Außen und im Innern unter der Geißel der krassesten Despotie seufzend, die das Regiment in ein beständiges Plündern und Rauben, Pressen und Quälen verkehrt hat, wird zur sicheren Beute Rußlands, sobald England, von der Noth in seinem eigenen Hause bezwungen, sich aus Centralasien zurückziehen muß und die Absichten des moskowitischen Weltreichs in diesen Regionen nicht mehr in Schach halten kann. Dieser Zeitpunkt aber kann über Nacht kommen, denn die irische Schuld Englands ist zum Himmel hinangewachsen und der Tag, wo Gott richten wird zwischen der armen unterdrückten Schwester und der knechtenden, ist gewißlich nahe.

[88] Teheran, welches an Ispahans Stelle seit einem halben Jahrhundert zur Hauptstadt des Reichs und Residenz des Schahs erhoben worden ist, gibt in seiner Erscheinung das treue Bild vom Ruin des Landes. Der Ort ist selbst großentheils Ruine, obschon die jüngste der persischen Städte. Man denke sich einen Haufen von zehntausend schlechten Lehmhütten, planlos, wie es der Zufall gegeben, in winkligen, engen, stinkenden Gassen zusammen gebaut, aus denen sich da und dort die Kuppel einer Moschee, daß Dach einer Kaserne und die Gebäude der Residenz des Schahs, einige Pappeln und bis an die Gipfel gestutzte Platanen heraus heben. Ein trockener Graben mit einer breiten Lehmmauer umgibt die Stadt, die man von keiner Seite betreten kann, ohne von dem Anblick der tiefsten Armuth, des Schmutzes und des Elends betroffen zu werden. In allen Gassen liegt der Schutt eingestürzter Häuser, über welchem die Bevölkerung gleichgültig sich den Weg bahnt. Nirgends ist eine Spur von Erhaltungssinn oder Ordnung zu finden: – leblos und traurig schleichen die Menschen dahin, Verzagtheit und Verschlossenheit im Ausdruck, Unlust bei allem Thun und Treiben. Es ist einem Jeden in’s Antlitz geschrieben, daß der Mensch hier nichts ist als ein Spielzeug der Laune seines Gebieters, daß weder Personen noch Eigenthum die mindeste Sicherheit und Gewähr haben und daher Niemand mit der Zukunft Rechnung führt. Gedankenlos lebt man hin von einem Tage zum andern, ungewiß, was das Geschick der nächsten Stunde verhängen wird. –

Teheran hat kaum 40,000 Einwohner – wie wenig für die Hauptstadt eines Reichs, das fast zweimal so groß als Deutschland ist und eine Bevölkerung von 14 Millionen zählt! – Ein Drittel der Stadt nehmen die Gebäude der Residenz mit den Kasernen und der Citadelle ein. Der Säbel ist hier das Zepter. Der Schah hält sich eine berittene Leibwache von 8000 Mann, und ein Theil derselben ist stets in der Ausführung seiner Verfügungen zur Steuererhebung begriffen, die der Fürst im ganzen Lande militärisch betreibt und welche nichts weiter ist, als ein System der Brandschatzung und Erpressung, unter dem die letzten verborgenen Quellen des Wohlstandes und des öffentlichen Glücks vertrocknen.