Der Neptunstempel in Pästum

DLXVI. Der Barbarigo-Palast in Venedig Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DLXVII. Der Neptunstempel in Pästum
DLXVIII. Römischer Aquädukt in Segovia (Spanien)
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Der
NEPTUN-TEMPEL

in Paestum.

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DLXVII. Der Neptunstempel in Pästum.




Den Touristen sind die erhabenen Ruinen von Pästum, der einst so mächtigen Sybaritenstadt, gewöhnlich das Endziel ihrer italischen Wanderung.

Die Entfernung derselben von Neapel ist 14 Meilen oder 45 Miglien, und schon der Weg dahin ist lohnend. Er geht über Pompeji, Nocera, durch die schönen Thäler von Cava und Vietri nach Salerno, von da [186] durch das einsame, romantische Gebirge nach Eboli zum königlichen Jagdschlosse Persano. Von hier aus ist die Gegend menschenleer; große Büffelheerden weiden in den Thälern und der Anbau verschwindet. Der Selefluß wird auf einer alten Römerbrücke überschritten, und gleich hinter derselben, von einer Anhöhe, sieht man das Ziel zu seinen Füßen: eine Ebene, überwachsen mit Disteln und Cactus, aus welcher die weißen Säulengruppen der Tempel und die grauen Gemäuer eines Theaters ragen. Wie Gespenster starren sie aus der schweigsamen Fläche und zeichnen ihre Gestalten am Horizonte ab. Welch ein Contrast dieses Anblicks mit den Worten des Ausonius:

Vidi Paestana gaudere rosaria cultu
Exoriente nova roscida lucifera.

Tyrrhener waren es, die Pästum gründeten, ehe noch Romulus seine Burg auf dem Hügel des Capitols erbaute. Die Tyrrhener wurden durch Sybariten vertrieben, welche der Stadt den Namen Posidonia gaben. Handel und Wandel erhoben sie bald zu Reichthum. Nach einem Kriege mit den Lucanern wurde sie diesen Unterthan, welche ihrerseits (274 Jahre vor unserer Zeitrechnung) Rom wieder unterlagen, das eine Colonie hersandte und der Stadt den ältesten Namen – Pästum – zurückgab. Sie theilte fortan die Schicksale des Weltreichs, sank mit demselben, wurde von den Gothen verwüstet und im Jahre 915 von den Sarazenen, welche die Einwohner vertilgten, so gänzlich zerstört, daß sogar ihr Name und das Daseyn ihrer Ruinen verscholl. Erst vor einem halben Jahrhundert lenkten reisende Engländer die Aufmerksamkeit auf die herrlichen Trümmer, und spätere Forschungen und Nachgrabungen der Antiquare bewiesen, daß sie das alte Pästum sind, welches man aufgefunden. Noch ist die Ringmauer von ältester cyklopischer Bauart kenntlich; sie hat einen Umfang von anderthalb Stunden und an einzelnen Stellen eine Höhe von 50 Fuß bei 16 Fuß Dicke. Vier Thore, nach den vier Weltgegenden gerichtet, bildeten den Eingang. Außerhalb, nach Norden, war die Nekropolis: Ruinen von Grabdenkmälern bedecken dort eine weite Fläche. Das Innere aber bildet einen Schutthaufen, mit Gestrüpp und Stachelgewächsen überwachsen, und nichts ist mehr kenntlich, als die Ueberbleibsel der Tempel.

Der Tempel des Neptun ist das Imposanteste in diesem Friedhofe eines untergegangenen Lebens. Die Ruine macht im Grundriß ein längliches Viereck von 160 Fuß Länge und 72 Fuß Breite, auf dem, in 4 Reihen, vierundfünfzig canellirte Säulen dorischer Ordnung stehen. Ein ungeheurer Architrav trug das nicht mehr vorhandene Dach. Beide Frontseiten endigen in einer Vorhalle, jede getragen von 4 Säulen, und die Friese zierten Bildwerke, welche zerstört sind. Ruhe und Kraft, Festigkeit und Würde, wie sie den ältesten dorischen Tempelbauten eigen sind, sprechen sich durchweg in diesen Formen aus. Je mehr man diese Trümmer betrachtet, desto größer wächst das Erstaunen über das Riesenhafte des Baues, der weniger für die Schönheit, als für die Ewigkeit berechnet scheint.