Römischer Aquädukt in Segovia (Spanien)

DLXVII. Der Neptunstempel in Pästum Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DLXVIII. Römischer Aquädukt in Segovia (Spanien)
DLXIX. Die Kirche des Ivan Velikoi im Kreml zu Moskau
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RÖMISCHER AQUAEDUCT in SEGOVIA

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DLXVIII. Römischer Aquädukt in Segovia (Spanien).




„Roma schenkte den Strom; Roma, die Mutter des Ruhms.“

Das Volk der Gracchen ist vergangen, der Staub der Cäsaren ist verweht; ein anderes Rom steht auf den sieben Hügeln und eingezogen ist ein anderes Geschlecht: wohin sie aber blicken die Nationen des ehemaligen Weltreichs, sey es in ihre Gerichtsstuben, sey es in ihre Gesetzbücher, sei es in ihre Staatseinrichtungen, in ihre Schulen, in ihre Sprachen: überall sehen sie noch lebendig das alte Rom, die alte Weltbezwingerin.

Roms Zeit war Herrlichkeit und Schrecken. Es war die Zeit der großen Tugenden und der großen Laster, die Zeit, da viele Völkerleben erstarrten im Eise der Gewaltherrschaft einer einzigen Stadt. Die Idee einer Universalmonarchie, sie wurde durch Rom allein zur vollen Geltung gebracht. Zehn Jahrhunderte lang wuchs der Riese des Kapitals fort, bis er seine Glieder ausstreckte über drei Viertheile der damals bekannten Erde. Das Schwert war sein Hirtenstab, die Völker seine Heerden. Folgerecht, unerbittlich, mit eiserner Härte zerstörte er bis aus den Grund das eigenthümliche Wesen der Nationen; Sitten, Kultus, Sprache und Verfassung verschwanden unter seinem Tritt und römisches Leben trat an ihren Platz. Dreißig Generationen hindurch dauerte zum Jochen der Welt das Kriegen und Siegen. Dreißig Geschlechter feierten auf dem Kapital Triumphe, sahen die Bürger in Siegerkronen, mit Trophäen beladen, über das Forum ziehen, sahen fremde Könige in Ketten und feindliche Feldherren gebunden am Siegeswagen, sahen herbeiströmen alle Schätze der Erde, – aber auch alle Blutschuld mit ihnen, welche lastet auf der Unterjochung und Beraubung der halben Menschheit. Die Vergeltung ließ nicht lange aus sich warten. Während der Adler des kapitolinischen Jupiters allwärts Herrschaft übte, und als man sich’s am wenigsten versah, ward es plötzlich wüst im Hause des Donnerers selber, und das Schicksal der abgesetzten Götter der bezwungenen Nationen, die er im Pantheon versammelt hatte, ward sein eigenes Loos. Gerade als seine Macht am größten schien – fielen Glaube und Vertrauen von ihm ab und er verschwand vor dem enttäuschten [4] Volke wie ein Schemen. Es war das eine Zeit furchtbarer Bewegung. Von innern Kämpfen zuckte das Weltreich, Mordbrenner wütheten in Rom, die Parteien zerfleischten sich, Proskription und Plünderung waren an der Tagesordnung, die Straßen schwammen vom Blut der Hingerichteten oder Erschlagenen. Grauenvolle Tage gingen über die Weltstadt hin und bei allem Glanze war kein Segen, kein Glück, kein Trost und keine Freude in Rom mehr zu finden. Gewichen war der Glaube an die Macht der Götter, Verachtung schlug ihre Altäre und ihre Priester, die Tempel wurden der Menschen Spott. In dieser sternlosen Nacht ging plötzlich ein neuer Lichtträger auf: Jesus Christus. Die milde und erhabene Lehre von einem ewigen Gott, welcher die Menschen liebt und mit Liebe richtet, von Unsterblichkeit und ewiger Vergeltung, floß in die Völkerherzen wie ein Strom des Balsams und des Trostes, und das Kreuz, von der Schädelstätte am Jordan hergetragen, wurde aufgerichtet auf dem Golgatha des alten Kultus. Es wurde ein Zeichen der Versöhnung der Menschen mit dem Himmel, das Zeichen einer neuen Zeit!

Lange vorher schon, ehe die Kaiser selbst sich zum Christenthum bekannten, war der Einfluß der Christuslehre im Weltreiche herrschend geworden. Der größere Theil der Gebildeten waren heimliche Christen. Christus Lehre war das Band, das die edelsten Menschen vom Pontus bis zu den Säulen des Herkules zusammenknüpfte, und unter ihrem Einfluß erlitt der Geist, welcher die römische Staatsordnung leitete, eine große Umwandlung. Dieser Wechsel war für die Nationen ein Wechsel des Segens.

Roms staatliche Macht stand damals auf dem Gipfel. Die Lust an Eroberung war gesättigt und das Christenthum verdammte den Länderdiebstahl. An die Stelle des Staatsprinzips Raub kam das Prinzip Erhaltung. – Die Fürsorge des Reichs richtete sich zunächst auf größere Sicherung der Grenzen; es entstanden jene ungeheueren, auf große Strecken fortgeführten Befestigungen in Schottland, Thracien, Asien und Deutschland, welche im Volksmund, wegen ihrer Größe, Werke des Teufels heißen. Da nun das Reich nach Außen gesichert war, konnte sich die Thätigkeit der Regierung für die Verbesserungen im Innern mit voller Kraft entfalten. Die mit dem Schwert überwundenen Völker, nunmehrige Insassen und Glieder des großen Staats, sollten aller Vortheile theilhaftig werden, welche ein Weltreich durch die Einheit der Macht, der Gesetze und der Verwaltung gewähren kann, sie sollten so mit dem stärksten Band, dem eigenen Interesse, an den Bestand des Reichs festgeknüpft werden, und dieser Wille bethätigte sich in jener großartigen Weise, welche sich in Allem zeigt, was Rom unternahm. Die römischen Heere, welche nicht zur Bewachung der Reichsgrenzen gebraucht wurden, erhielten an den Werken des öffentlichen Nutzens Beschäftigung; die Legionen mußten Straßen erbauen, Kanäle graben, Ströme austiefen zur Schiffahrt und Häfen anlegen für den Handel: – sie stählten ihre Kraft durch die harten Arbeiten des Friedens für die des Kriegs. Alles, was zur materiellen Wohlfahrt und zur geistigen Entwickelung der [5] Provinzen beitragen konnte, wurde vom Staate auf die liberalste Weise befördert. Handel und Gewerbe erfreuten sich unbeschränkter Freiheit; der Ackerbau wurde seiner Lasten enthoben und blühte, vom Handel unterstützt, rasch empor; Wohlstand und Reichthum verbreiteten sich mit außerordentlicher Schnelligkeit durch’s ganze Reich und Kunst und Wissenschaft und ihre Anstalten fanden Aufmunterung. In den rasch wachsenden Städten der Provinzen erhoben sich Prachtgebäude, die mit den schönsten und größten Roms wetteiferten: Theater, Bäder, Hallen für Volksversammlungen, Gerichtshöfe, Tempel, Kirchen und Triumphbögen: Werke, deren Ueberreste nach fast zwei Jahrtausenden als die Zeugen Roms die Welt in Erstaunen setzen.

Unter diese Werke sind auch die Wasserleitungen zu rechnen. In der That gehören sie zu den größten und ehrwürdigsten Unternehmungen, welche den Geist Roms charakterisiren und das menschliche Genie gefaßt und ausgeführt hat. Fast jede bedeutende Stadt im Römerreiche hatte einen Aquädukt. Während in unserer, ihrer Kultur sich so hochbrüstenden Zeit selbst die Hauptstädte großer Reiche Mangel an gutem Trinkwasser leiden müssen, anerkannten die Römer die Herbeischaffung des besten, gesündesten Quellwassers für eine unerläßliche Staatspflicht, und sie übten sie mit einem Luxus, ja, mit einer Majestät, an welche wir nicht einmal zu denken wagen. Hat auch hier und da ein Architekt der Neuzeit sich erkühnt, die Alten nachzuahmen: so gehören doch diese schwachen Werke fast nie dem öffentlichen Wohl; sie wurden errichtet um der Laune einer Maitresse, oder der Prunkliebe der Könige willen, sie sind Monumente des fürstlichen Uebermuths, der Verhöhnung des Volkselends, der bodenlosen Verschwendungssucht. Ihr Anblick kann nur betrüben oder erzürnen: erfreuen kann er nicht. Ein Ludwig XIV. mochte wohl Aquädukte über Thaler und Ströme hin bauen und ferne Gewässer nach seinen Schlössern und Gärten leiten, um kindische Wasserkünste zu nähren, oder plätschernde Springbrunnen oder Seen zu füllen, um die Gondeln seiner Höflinge zu tragen: doch den Großstädten seines Reichs ließ er Trinkwasser aus verfaulenden Holzröhren zufließen: für’s Volk waren seine Werke nie. – Doch selbst diese angegafften Werke der unsinnigsten Verschwendung: was sind sie, trotz der Millionen, die sie gekostet haben, anders, im Vergleich zu jenen Römerbauten, als Kinderspiel gegen Männerwerk? Während die römischen Aquädukte nach 20 Jahrhunderten noch Bewunderung erwecken und durch ihre Festigkeit der Ewigkeit Trotz zu bieten scheinen, sind jene meistens schon verfallen. –

Die Bauart dieser Römerwerke war von jeher für den Architekten eine Fundgrube des Studiums, an der er lernen konnte, wie man die höchste Zweckmäßigkeit mit Grandiosität ohne Verschwendung und Eleganz mit der äußersten Dauer, zu verbinden hat. Vitruv und Frontin haben uns beschrieben, wie die römischen Baumeister bei der Anlegung der Aquädukte zu Werke gingen. War zuerst die Wassermenge, welcher man bedurfte, ermittelt, so prüfte man mit größter Sorgfalt, oft bis zur Entfernung von 10 Meilen, alle Quellen, welche [6] über dem Niveau des Orts lagen, wohin man sie führen wollte, sowohl nach ihrer Stärke als nach ihrer Zusammensetzung. Der Hauptzweck: das gesündeste Trinkwasser, welches zu erlangen war, herbeizuschaffen, wurde niemals dem Kostenpunkte geopfert. Wenn nun die Frage, welche Quellen herzuleiten seyen, ermittelt war, so erfolgte die Leitung selbst mittelst sorgfältig gemauerter Kanäle, in denen das Wasser in metallenen Röhren, oder in Rinnen von Quadersteinen lief. Traf man auf Berge, so wurde der Kanal durch dieselben geführt; traf man auf Thäler, so ruhete er auf Bogen, die, brückenähnlich, aus ein, zwei oder drei Bogenreihen über einander bestanden und bisweilen eine Höhe von 150 Fuß erreichten. In gewissen Zwischenräumen sammelte sich das Wasser, der Klärung und Verstärkung des Drucks wegen, in großen Behältern (Piscinae). An seinem Bestimmungsorte wurde es in besondern Brunnenhäusern (Castella), welche große überwölbte Bassins einschlossen, aufgefangen und von hier aus mittelst metallener Röhren in die verschiedenen Stadttheile, in die Bäder, Häuser, Gärten etc. geleitet. Für die Benutzung wurde eine billige, die Kosten der Unterhaltung deckende, Abgabe an den Staat entrichtet.

Die imposantesten und riesenhaftesten Nquádukte besaß Rom selbst. Hier und in der Umgebung der Stadt, wo sich die Pracht und der Pomp des Weltreichs zusammendrängten, wurde auch der Bau der Wasserleitungen zur größten Vollkommenheit gebracht, und namentlich in der Kaiserzeit bot er Erscheinungen dar, die an das Unglaubliche grenzen. Mehre führten das Wasser 20 bis 30 Stunden Wegs herbei, über eine Menge Thäler und durch den Leib der Berge hin. „Wenn wir,“ berichtet Plinius, „die Wassermenge betrachten, welche durch die sämmtlichen Aquädukte für den Gebrauch der vielen Bäder, Fischteiche, Springbrunnen, künstlichen Seen und Wasserfälle, für die unzähligen Wohnungen, für die Gärten und Villen der Umgebung herbeigeführt wird; wenn wir die Werke selbst mustern, welche diesem Zwecke dienen, diese mächtigen Kanäle, die in hoch über einander gewölbten Bogen, wie Giganten, von Berg zu Berg über die Abgründe schreiten und weite Thaler überbrücken, oder auf großen Strecken unter Fels und Wald hinkriechen, oder Städte und Schlösser auf ihren Rüden tragen, dann muß man selbst in Rom, das des Wundervollen so viel schauen läßt, sagen, es gibt nichts Staunenswürdigeres auf der ganzen Welt.“ Rom hatte nicht weniger als 14 Aquädukte. Der älteste war die Aqua Appia, erbaut 305 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Schon 40 Jahre nachher führte die berühmte Leitung des M. Curius Dendatus die herrlichen Quellen um Tibur vereinigt nach Rom. Sie ist 8 Stunden lang und fast ganz unterirdisch. Jetzt sind von allen noch drei übrig. Diese versorgen jedes Haus, so wie alle öffentlichen Brunnen, die meisten Gärten und Landhäuser des heutigen Roms auf’s reichlichste mit Wasser. Alle andern sind Ruinen, welche der Landschaft um Rom zur eigenthümlichsten und großen Zierde gereichen. Nichts geht über den Anblick dieser mit Epheu und wildem Gebüsch umkleideten Ueberreste, welche in langen, oft wenig unterbrochenen Reihen von allen Seiten über Berg und Thal der ewigen Stadt zuziehen.

[7] In der Periode der Kaiserzeit, als das Reich im Innern mit wenigen Ausnahmen Frieden genoß und diese seine Segnungen in tausend Beziehungen entfaltete, wurde die Wohlthat der Aquädukte auf fast alle große Städte der Provinzen übertragen. Noch sind viele Hunderte in Trümmern übrig, oft die einzigen Erkennungszeichen eines untergegangenen großartigen Gemeindelebens, von dem selbst der Name verschollen ist. Andere erfüllen noch jetzt ihre Bestimmung und werden vielleicht noch spätere Völker tränken.

So der Aquädukt in Segovia. Er führt die bei Ildefonso entspringenden Quellen des trefflichsten Wassers gesammelt zum höchsten Punkte der Stadt, welche er an der tiefsten Stelle in kühnen, doppelten Arkaden überschreitet. Seine Wassermenge wäre genügend für eine Bevölkerung von 100,000; ungefähr so viel zählt die Römerstadt. Das neue Segovia ist freilich nur ihr Schatten. Schlechte Hütten lehnen am Gemäuer der Eroberer, und eine gedankenlose Menge treibt sich umher, die den Riesen nicht einmal angafft, aber von weitem schon aus Respekt den Hut zieht, wenn der Alkalde über die Gasse geht. Man möchte grollen über den Kontrast, und unwillkürlich wirft sich die Frage auf: wo ist da der Fortschritt der Kultur in zwei Jahrtausenden zu suchen? Es schneidet dir diese Frage in’s Herz, wie der Laut eines Verdammten, und dein Blick ruht traurig auf dem Römerbau, den die Natur mit Epheu und Ginster und Gräsern und blühenden Schlinggewächsen bis hinan auf den obersten Rand wie einen Liebling geschmückt hat! Stehen aber nicht auch die Ruinen von Palmyra in einer Wüste und füttert nicht der Araber sein Roß im Allerheiligsten der thebaischen Tempel? Bedenke! Alle Kultur ist wandernder Natur, und in dem Drama der Menschheit die poetische Gerechtigkeit zu finden, muß man sie nicht in den einzelnen Szenen suchen. Zertrümmerte Welten fliegen um jede Sonne, und vergeblich rollen die Scherben einander nach, sie finden sich nicht wieder: ihre Sehnsucht nach Wiedervereinigung bleibt ungestillt. Grolle deshalb nicht über den Urheber der Weltordnung; du weißt ja nicht, warum die Scherben sich jagen! – Betrachte das Ganze und fasse das All, und wenn du das thust, wirst du hinsinken, und anbeten, und Vertrauen fassen, und glauben:

Der die Pracht
Der Welt gemacht,
Der den Sternen
In ew’gen Fernen
Die Pfade schrieb:
Er ist die Lieb’.