Der Raggozzi-Brunnen in Kissingen

CCCCLXXXV. Der Triumphbogen de l’Etoile in Paris Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
CCCCLXXXVI. Der Raggozzi-Brunnen in Kissingen
CCCCLXXXVII. Die Boyneburg in Hessen
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DER RAKOCZY-BRUNNEN UND DER ARKADEN-BAU IN KISSINGEN

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CCCCLXXXVI. Der Raggozzi-Brunnen in Kissingen.




Ich war schon einmal Ceremonienmeister bei der Präsentation dieses beglückten Kurorts[1][WS 1]. Ein Lustrum ist seitdem vergangen. Während dieser Zeit ist der Ruf seiner Heilquellen durch alle Welttheile gedrungen, und von den äußersten Marken der Erde kommen Leidende, sich zu schaaren an die Tausende, welche alljährlich nach den Kissinger Brunnen pilgern, gläubig und hoffend, wie zu gnadenspendenden Heiligen.

Kissingen ist nicht mehr ein Bad des zweiten oder dritten Rangs. Es ist in die vorderste Reihe eingetreten und in dem ihm zugelegten stolzen Titel „Weltbad“ ist gewiß weniger Anmaßung, als rechtlicher Anspruch zu erkennen. Auch sein Aeußeres hat durch die Rangerhöhung außerordentlich gewonnen. Um den alten, in einem Viereck erbauten Stadtkern mit den kleinen, unansehnlichen Häusern, der noch vor 15 Jahren sich in gar nichts von einem gewöhnlichen fränkischen Landstädtchen unterschied, wachsen nach allen Seiten neue Straßen mit großartigen Gebäuden auf, und, aufgeputzt und dabei viel reinlicher als ehedem, macht das Innere des Orts selbst jetzt einen recht heitern Eindruck. In der Nähe des Kurgartens, zumal sind, wie durch Zauberkraft, eine Menge Paläste entstanden, deren Dekoration und Ameublement die Bestimmung verrathen, fürstlichen Personen zum Aufenthalt zu dienen. In der Kurzeit scheint hier in der That ein Kongreß von Königen versammelt. Luxuriöse Equipagen mit Livreen in allen Farben drängen sich, und Rang und Reichthum wetteifern im Zurschaulegen von Pracht und Eleganz. Das Rendezvous der glänzenden Gesellschaft ist zunächst der Kurgarten, in welchem die drei berühmtesten Heilquellen, der Raggozzi, der Pandur und der Maxbrunnen unter geschmackvoll geformten Pavillons entspringen, und der große Gesellschaftssaal im Arkadenbau, dessen Façade der Stahlstich versinnlicht.

[56] Die rechte Zeit, Kissingen zu besuchen, die Saison, beginnt jetzt etwas früher, als ehedem, schon im Mai. Ich würde den Juni wählen, wenn das Land umher einen Garten bildet, die Wiesengründe in vollem Blumenschmucke stehen, das dichte Laub des Waldes den Spaziergänger in seine Schatten einladet, die murmelnden Bäche Kühlung fächeln und die Wohlgerüche aus den Thälern und von der schon Alpenflora erzeugenden Rhön die Luft würzen und ihr begeistigende Kräfte verleihen. Auch wer sich an der Fröhlichkeit eines muntern, kräftigen Volks ergötzen mag, der komme zur Zeit der Heuerndte her, welche in den Rhöngegenden mit Gesang, Tanz und Scherz begangen wird, wie in den Weinländern der Herbst.

Der größte Schatz Kissingens war von jeher der Raggozzibrunnen; aber wohl Niemand dachte vor einem Menschenalter daran, daß der Gebrauch desselben zu solcher Ausdehnung gelangen könnte. Als wäre er ein universelles Panaceum gegen den die Gegenwart beherrschenden Krankheitsgenius, wird er in jährlich steigender Menge in alle Welttheile verfahren, und wie die Alten an einen Wunderborn der Verjüngung glaubten, so glaubt die heutige Welt durch ihn neues Leben und Erkräftigung zu schlürfen. Ehe noch der Frühling den Bergen ihr weißes Kleid ausgezogen hat, zu Anfang März, beginnt die Füllung des Raggozzi an der Quelle und die Verladung erfolgt in ganzen Karavanen von Frachtwagen nach allen Richtungen. Täglich werden wohl an 10,000 Krüge und Flaschen gefüllt, und es gewährt einen eigenen Anblick, einige und 30 Personen fortwährend mit dieser Arbeit beschäftigt zu sehen. – Mittelst eines sinnreichen Apparats wird das Wasser für lange Seereisen zu besserer Haltbarkeit jetzt mit einer größeren Menge kohlensauren Gases imprägnirt und auch das Verkorken besorgt eine Maschine auf die vollkommenste Weise. Das Füllungsgeschäft und das Versenden des Wassers nehmen erst dann ab, wenn der Sommer naht und die Schaaren der Kurgäste aus allen Zonen und Völkern den Brunnen zu umwogen anfangen. Doch hört es nie ganz auf, und selbst bis tief in den Winter dauert die Verschickung fort, wobei es zuweilen wohl geschehen mag, daß ganze Ladungen mit gesprungenen Flaschen und gefroren den Ort ihrer Bestimmung erreichen.

Zu Ende des Juli ist das Leben der Badewelt gemeinlich am glänzendsten und vollsten. Man zählt dann oft an 2000 Gäste, und die Conversation an den Brunnen und in den Salons bewegt sich in allen Sprachen der civilisirten Erde. Ende August hat sich die vornehme Gesellschaft, welche der Saison Glanz gab, meist entfernt, und was im September noch an Kurgästen da ist, gleicht den zurückgebliebenen Schwalben nach dem Fortzug der übrigen. Jeder Tag macht die Verödung bemerklicher, bis der Spätherbst auch die letzten Gäste verscheucht hat. Dann schließen sich die Gasthöfe; selbst im Kurhause reduzirt sich die Schaar [57] der flinken Kellner auf einen einzigen. Hat dann der Winter das Weltbad eingeschneit, so macht der scheue Hase im Kurgarten Promenade; menschenleer sind die neuen Straßen, menschenleer die neuen Paläste; ihre Eigenthümer leben in den kleinen Häusern des alten Kissingen und erst dann öffnen sie die Thüren und Fensterläden ihrer Hotels wieder, wenn die wärmere Sonne die Wiederkehr der goldgefiederten, fremden Zugvögel als nahe verkündigt.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Seite 85.