Die Boyneburg in Hessen
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DIE BOYNEBURG
Ansicht von der Datterpfeife.
Da, wo die Chaussee von Kassel nach Eisenach bei dem Marktflecken Bischhausen in das weite fruchtbare Werrathal tritt, erblickt man auf einem der höchsten Berggipfel, welche von der entgegengesetzten Seite das Thal umgürten, weitläufige Ruinen. Wohl eine halbe Viertelstunde lang dehnen sie sich aus in allerhand Gestalten, bald als Giebelwände, bald als die Reste von runden, oder viereckigen Thürmen, die, selbst ohne Zusammenhang, bald durch Hochwald getrennt, bald von ihm verborgen werden. Schon der Ruinen Umfang deutet an, daß es kein gewöhnliches Ritterhaus sey, welches hier gestanden hat; kein Horst adeliger Schelmen, die durch Straßenraub und Diebstahl den Besitz gegründet haben, in welchem die Enkel sich brüsten. Nein! die Boyneburg war eine jener uralten deutschen Reichsvesten, aufgerichtet, um die Gauen und Kaufleute zu schirmen gegen die Schnapphähne und Wegelagerer, um zu zügeln und zu züchtigen die Jünger des Faustrechts und um den Kaisern, wenn sie im Reiche umherzogen, Recht zu sprechen, Fehde zu schlichten, Unbill zu strafen, oder Rath zu pflegen über Reichs- und Landesangelegenheiten, zur Hofburg zu dienen. In solchen Reichsvesten, deren es über zwanzig gab, spielt die deutsche Geschichte der thatenreichsten Zeit, und auch an die Boyneburg knüpft sich manches Ereigniß geschichtlicher Bedeutung. Mancher Reichstag wurde hier gehalten, manches für die Gestaltung deutschen Volksthums wichtige Gesetz hier erlassen, mancher Friede hier geschlossen und mancher Kriegszug hier verabredet, das Reich zu schirmen vor innern und äußern Feinden; auch mancher große und wackere Mann wurde hier geboren und erzogen, eine Zier des Vaterlandes in früheren Jahrhunderten und von deutschen Herzen noch in fernen Zeiten geehrt. Darum sind die Boyneburg-Trümmer auch eine Wallfahrtsstätte für uns geblieben, und ihre grauen Mauern sind der Magnet, welcher alljährlich viele wandernde deutsche Jünglinge und Männer vom Wege ab, den dunklen Waldpfad hinan auf die lichte Höhe führen, wo jeder Stein eine Legende erzählt und wo nebenbei ein prachtvolles Rundgemälde überrascht und belohnt. Gar herrlich ist die Aussicht von der höchsten Trümmer selbst, die man, obschon nicht ohne einige Mühe und Gefahr, ersteigen kann.
Die Gründung des Schlosses, das in der ältesten Zeit Bomöneburg geheißen, verliert sich, wie der Ursprung des Boyneburgschen Geschlechts, in die Dämmerzeit der Sage. Schon im zehnten Jahrhundert saßen daselbst Grafen Bomöneburg-Northeim. Als mächtige Dynasten herrschten sie weithin durch Hessen [59] und im Thüringer Lande. Ein Graf Otto I. wurde von der Kaiserin Agnes, der Vormünderin ihres Sohnes, Kaiser Heinrichs IV., im Jahre 1061, mit dem Herzogthum Bayern beliehen. Dieser Otto war ein strebsamer, gewaltiger Mann, welcher, nicht nach Volks-, sondern nach Fürstenfreiheit trachtend, an dem Bau der Reichsverfassung rüttelte und, sich auflehnend gegen die Reichsobergewalt, die Saat der Zerwürfnisse zwischen Kaiser und Fürsten emsig ausstreute. Nachher als Hochverräther vor den Reichstag nach Goslar geladen, sollte er seine Unschuld im Gottesgericht, im Zweikampfe mit seinen Anklägern, beweisen; – er kam jedoch nicht, und wurde in Folge dessen durch Reichsbeschluß seines Herzogthums entsetzt und in die Acht erklärt. Dies führte zum offenen Kampfe Otto’s gegen das Reichsoberhaupt, der lange Jahre gedauert hat und dem Reich Zerrüttung brachte, bis er durch die mörderische Schlacht bei’m Kloster Hohenburg (9. Juni 1075) für Otto unglücklich endigte. Von allen Bündnern verlassen, lieferte er sich nun dem Kaiser selbst als Gefangener aus; jener aber, großmüthiger als unsere kleinherzige Gegenwart begreifen kann, machte den Rebellen zum Reichsstatthalter von Sachsen, während Otto seine beiden ältesten Söhne dem Kaiser als Geiseln und Bürgen seiner Treue übergab. Nach Otto’s Tode wurden die Boyneburg’schen Herrschaften und Besitzungen an seine zahlreichen Söhne vertheilt und das Geschlecht zerfiel in mehre Linien. Bis daher war das Stammschloß, die Boyneburg, freies Eigenthum gewesen. Heinrich V. aber erhob es, mit Bewilligung seiner Besitzer, wegen der günstigen Lage desselben, zur Beobachtung der unruhigen Sachsen und der wegelagernden Ritter in der Nachbarschaft, zu einer Reichsveste, deren erbliche Obhut er den Boyneburgs anvertraute.
Das nun auf Reichskosten erweiterte Schloß wurde mit einer stattlichen kaiserlichen Wohnung geschmückt und erfreute sich fortan der öfteren Anwesenheit des Reichsoberhaupts und der Fürsten, welche dieses begleiteten. Ritterliche Spiele und glänzende Feste hatten ein Echo in den Mauern, wo jetzt das Rothschwänzchen nistet und das Käuzchen sich wohnlich eingerichtet hat. 1141 kam das Schloß, nach dem Aussterben der ältesten Linie, an einen Almarus von Boyneburg – den Ahnherrn der in Franken und Hessen, in Bayern und Sachsen jetzt noch blühenden Zweige des uralten Dynastengeschlechts, welches den Wissenschaften Forscher und Förderer, dem Staate weise Berather und dem Vaterlande Feldherren und Helden in die Schlacht zu allen Seiten gegeben hat. Ein Boyneburg (Kurt, der kleine Hesse genannt,) führte die Heere Karls V. gegen Italien zur Demüthigung päpstlicher Anmaßung, und erstürmte 1527 Rom; zwei Boyneburge trugen den Cardinalshut; ein Boyneburg stand selbst einmal auf der Kandidatenliste zur deutschen Königswahl.
Aber der Glanz des Geschlechts konnte, trotz der Größe Einzelner, doch dem Verbleichen nicht entgehen. – Im zwölften und dreizehnten Jahrhundert dehnten sich seine Besitzungen von den Alpen bis nach Friesland und den Niederlanden aus; aber keine kluge Hauspolitik hielt sie zusammen – Erbtheilungen und Zersplitterungen brachten [60] das Geschlecht herab, während andere, ebenbürtige Familien Fürstenthümer und im Laufe der Zeit selbst Kronen erwarben. Schon 1192 spaltete sich der Stamm in den der schwarzen und den der weißen Fahne, und zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts traten eine Menge Seitenzweige hervor, die sich nach den Schlössern nannten, welche sie bewohnten. Fehden mit den mächtiger gewordenen Rivalengeschlechtern und die bis in die neue Zeit reichende systematische Unterdrückung, welche von deutschen Fürstenhäusern geübt wurde, thaten das Uebrige, die Boyneburge vom Glanze vergangener Jahrhunderte zu entkleiden. Durch unglückliche Prozesse verloren sie den größten Theil ihrer Erbgüter an die Fürsten, in deren Ländern sie lagen, und ihr Territorialbesitz in Deutschland sank von 21 Geviertmeilen mit einer Bevölkerung von 40,000 Einwohnern allmählich auf vereinzelte Güter und eine kleine Herrschaft herab. Noch einmal schien dem Hause ein neuer Stern aufzugehen, als Kaiser Leopold I. einem Boyneburg die reichsgräfliche Würde verlieh, eine Würde, „ – welche (wie es im Diplom hieß) die Vorfahren schon seit undenklichen Jahren geziert hatte.“ Aber der neue Glanz hatte keinen Erben, denn der, den er umgeben, starb kinderlos und die Agnaten thaten nichts, um die ausdrückliche Bestimmung der kaiserlichen Urkunde, „daß die gräfliche Würde nie wieder in dem Hause untergehen sollte,“ zur Geltung zu bringen.
Mit dem Geschlechte und dem Reiche verfielen auch deren Burgen und Vesten. – Das Haus, wo Friedrich I. und mehre Kaiser vor und nach ihm Hof gehalten hatten, war schon im 15. Jahrhundert verfallen und kaum noch wohnbar. Um 1202 hatte es aufgehört, eigentliche Reichsveste zu seyn; denn in diesem Jahre verlieh Kaiser Adolf, der Nassauer, durch einen Akt schnöder Ungerechtigkeit und des Hasses gegen die Boyneburge, ihr Stammschloß, die Reichsburg, dem ersten Landgrafen von Hessen, der dadurch zum Rang eines Reichsfürsten gelangte und von dieser Zeit an in den Reichsversammlungen Platz nehmen durfte. – Im Widerstande gegen diese schreiende Ungerechtigkeit und in der langen Fehde, die sich zwischen Hessen und dem tapfern reichsfreiherrlichen Geschlechte entspann, verblutete dasselbe seine beste Kraft und verlor die Hälfte seiner Besitzungen. Erst im Jahre 1460 kam zwischen dem Landgrafen Ludwig von Hessen und den Boyneburgs ein Vergleich dahin zu Stande, daß letztere ihr Stammschloß und die dazu gehörige Herrschaft von Hessen zu Lehn empfingen. Noch 1792 gehörte die Burg der Linie Boyneburg-Hohenstein; freilich nur als Ruine, denn das dreißigjährige Kriegswetter hatte sie zerstört; als aber jene Linie im genannten Jahre ausstarb, nahm Hessen ihre Güter in Anspruch, behauptete sich auch durch einen Prozeß im Besitze von einem Theile derselben und stand im Begriff, den Rest zur Ausstattung der vom Kurfürsten mit einem Fräulein von Schlotheim (nachherigen Reichsgräfin von Hessenstein) erzeugten Söhne käuflich zu erwerben, als 1806 Napoleon’s Schwert die letzten morschen Pfeiler des alten Reichs zerschlug und dieses zusammenbrach. Vor dem Eroberer wurde der Kurfürst landesflüchtig, [61] und nach seiner Rückkehr hatten gänzlich veränderte Verhältnisse dem Gegenstande der Unterhandlung seine Wichtigkeit genommen.
Das Schloß, dessen weitläufige Trümmer die Plattform eines hohen Berges bedecken, welcher sich 1800 Fuß über der Meeresfläche erhebt und von dem man, vor der Mediatisirung so vieler deutschen Reichsstände, über zwanzig Territorien erblicken konnte, erwarb sich noch in diesem Jahrhundert in den Kreisen der Wissenschaft einige Aufmerksamkeit als achtwöchentlicher Aufenthalt des berühmten Astronomen von Zach, welcher von hier aus eine Triangulirung zur topographischen Aufnahme Thüringens und Hessens leitete.
Die Sage rankt freudig um diese Ruinen und ihr Immergrün schmückt das todte Gestein mit dem Gewande des Lebens. Unter vielen ist folgende in Aller Mund. „Auf eine Zeit lebten auf der Boyneburg drei Fräulein zusammen. Der jüngsten träumte in einer Nacht, – es war in der Leidenswoche, – es sey in Gottes Rath beschlossen, daß sie im Wetter sollte erschlagen werden. Des Morgens erzählte sie ihren Schwestern den Traum, und als es Mittag ward, stiegen Wolken auf, die immer größer und schwärzer wurden, also, daß Abends ein schweres Gewitter am Himmel hing und ihn bald ganz zudeckte. Das Wetter leuchtete, der Donner rollte von fern und kam näher und näher. Als nun das Feuer von allen Seiten herabfiel, sagte die älteste: „„ich will Gottes Willen versöhnen, liebe Schwester, und den Tod für Dich leiden!““ und darauf ließ sie sich einen Stuhl hinaus tragen, saß draußen einen Tag und eine Nacht und erwartete, daß der Blitz sie träfe. Aber die Blitze schlugen rechts und links ein, doch sie traf keiner. Da stiegen am zweiten Tage die Wetterwolken von neuem auf, und der Regen prasselte, und der Donner brüllte, und die Blitze zuckten, daß es gräßlich zu hören und zu sehen war. Und am zweiten Tage ging das zweite Fräulein hinab und sprach zur jüngsten: „„ich will Gottes Willen versöhnen, liebe Schwester, mir sey der Tod für Dich beschieden!““ und saß draußen den zweiten Tag und die zweite Nacht. Aber die Blitze verzehrten sie nicht. Doch schrecklicher noch tobte das Wetter am dritten Tage, und der Hagel und die Fluthen verwüsteten die Fluren und Gründe, daß alle Bewohner der Gegend wehklagten und heulten lauter als das Wetter. Da sprach die dritte, die jüngste: „„Nun ist mir Gottes Willen deutlich; ich allein bin’s, die sterben muß: des Herrn Wille geschehe!““ Und sie ließ sich den Pfarrer holen, der ihr das Abendmahl reichen und die Schläfe salben mußte mit dem heiligen Oel – und auch der Richter ward herbeigerufen, vor dem sie ein Testament machte und stiftete: daß alle Leute, die dem Schloß Boyneburg unterthan waren, an ihrem Todestage gespeist werden sollten unter Gottes freiem Himmel auf ewige Zeiten. – Nachdem dies niedergeschrieben war, drückte sie ihren Siegelring drei Mal auf das Pergament, stand auf und stieg hinab in den Hof und setzte sich auf den Sessel und in dem Augenblick fuhr ein Blitz auf sie herab und tödtete sie.“ –
[62] Und bis auf den heutigen Tag, nach so vielen Jahrhunderten, erhalten am grünen Donnerstage alljährlich alle erwachsenen Personen in den zum Schloß Boyneburg gehörenden Dörfern eine Spende an Brod und Speck, nachdem der Pfarrer zu Datterode (der die Einkünfte der ehemaligen Schloßkaplanei genießt) Gottesdienst gehalten und der gottergebenen Stifterin gedacht hat.
Ehe ich die Feder niederlege, lege ich, ein Bürger von Geburt und Gesinnung, die Hand des Freundes in die meiner lieben Boyneburge und fasse sie mit aufrichtiger Achtung und Liebe. Immer wird mir die Zeit theuer bleiben, wo ich ihrem Kreise angehörte, einem Kreise schöner, offener Herzen, in denen es keine verborgene Falte für mich gab. Fünf und zwanzig Mal brachte seitdem der Frühling Leben und Freude in die Natur, schüttelte der Sommer seine Schätze in ihren Schoos, sah ich des Herbstes Reichthum und des Winters schützende Schlummerdecke: aber mitten in den Wechseln und Kämpfen, die andere Verhältnisse um mich formten und fast in jedem Lustrum mich mit neuer Wandlung umgaben, blieben meine Gefühle für jene edlen Menschen unwandelbar. Unverwischt stehen die Bilder der Lebenden auf der Tafel des Herzens und mein liebender Gedanke umfaßt die Schatten der Geschiedenen.