Pozzuoli

CCCCLXXXVII. Die Boyneburg in Hessen Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
CCCCLXXXVIII. Pozzuoli
CCCCLXXXIX. Hohentwiel in Oberschwaben
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PUZZUOLO

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CCCCLXXXVIII. Pozzuoli.




In der Ewigkeit ist ein Jahrhundert wie eine Stunde, und ein Jahrtausend wie ein Tag. – Was wir Alterthum nennen, ist der Zustand von gestern, und was wir groß und erhaben heißen von Menschen und von Werken der Menschenhand: – wie Sonnenstäubchen fliegt’s von dannen und andere Sonnenstäubchen ziehen ihnen nach. Aber wenn auch alle Erdengröße nur Schein ist und leerer Wahn, wenn auch im unendlichen Raume nichts absolut groß erscheinen kann, außer die Unendlichkeit selbst und außer Gott, – (denn der sichtbare Sternenhimmel wird da zum Punkte, und eine Milchstraßenbahn zu einer Spanne!) – so ist es doch in der geheimnißvollen Natur des Menschen tief begründet, daß er so gern an seinem kleinen Ich Großes sucht und in den vergänglichen Werken seiner Hände seine Apotheose feiert.

Darum wird er auch stets mit besonderem Wohlgefallen das Alterthum betrachten. Die Zeit hat hier Alles auf den Kothurn gestellt, die Jahrtausende liegen wie Vergrößerungslinsen auf Menschen und Thaten, Werken und Zuständen. Es wirkt hier eine optische Täuschung in umgekehrtem Verhältniß, deren Vortheil die Gegenwart entbehren muß.

Jene Lust an der Betrachtung und an der Bewunderung des Alten schickt die civilisirte Welt wallfahrten nach Griechenland und Italien. Rom allein ausgenommen, ist in diesem letzteren Lande keine Gegend für den Alterthumsfreund anziehender, als die um Pozzuoli, und keiner darf sie unbesucht lassen, der sich das Bild der alten Italia vervollständigen will. Die alten Bauwerke bestehen zwar nur noch in Ruinen und viele liegen begraben im Meere: – denn bald brennend, bald fluthend arbeiten hier chaotische Kräfte an ihrer Zerstörung; was aber davon sichtbar ist, beweist, daß Das, was Sueton und Tacitus über die Größe, Pracht und Verschwendung der Römer bei den Bauten ihrer Landsitze berichteten, keine Fabel sey. In den aus ihren Gräbern erstandenen Städten Pompeji und Herkulanum lernt man das häusliche Leben und den Baustyl des römischen Bürgers in der Provinz kennen; die Ruinen um Pozzuoli muß man aber sehen, um das Leben der Kaiser und der Großen der Siebenhügelstadt zu erforschen.

Von Griechen aus Samos gegründet, im zweiten punischen Kriege von den Römern unterworfen, dann zum Lieblingswohnort ihrer Vornehmen erkoren, – erwarb sich Pozzuoli in der Kaiserzeit den Beinamen: [64] Klein-Rom. Nach dem Falle des Reichs barbarischen Völkern preisgegeben, seines Glanzes entkleidet und von ihnen verwüstet, sank es zu einem Fischerdorfe herab. Jetzt ist es ein am Busen von Bajä anmuthig gelegenes Landstädtchen von 8000 Einwohnern, welches nichts Merkwürdiges aufzuweisen hat, als die Reste der Vorzeit.

Das imposanteste Zeugniß von seiner einstigen Größe ist das Amphitheater. Es konnte über 40,000 Menschen fassen. Seine Form war jene des römischen Colliseums, ein Oval, und es war aus Quadersteinen in zwei Stockwerken erbaut, welche Säulengallerien verzierten. Jahrhunderte lang wurde von den Neapolitanern dieser Riesenbau als Steinbruch ausgebeutet. In seinem zerbrochenen Gehäuse hat jetzt der heil. Januarius eine Kapelle, der, wie die Legende erzählt, hier auf Befehl Diokletian’s den wilden Thieren vorgeworfen wurde, die ihn aber verschonten, worauf er enthauptet wurde. Unterirdische Kanäle standen mit dem Lago d’Averno in Verbindung, um, wenn das Amphitheater zu den naumachischen Spielen benutzt wurde, die Arena in einen See zu verwandeln.

Ein bloßer Schutthügel bezeichnet jetzt die Stelle des einst so berühmten, mit hundert Säulen geschmückten Dianentempels. Desto besser ist der Tempel des Augustus erhalten; er dankt dies dem Umstande, daß auf dem Altar, wo die Statue des Kaisers zur Verehrung ausgestellt war, das Bild des Gekreuzigten steht. Der Tempel ist nämlich die Kathedrale von Pozzuoli geworden. Er ist ganz von Marmor aufgeführt und mit griechischen Säulen korinthischer Ordnung verziert, die ein trefflich gearbeitetes Architrav tragen. Würde dieser schöne Bau aus der besten Zeit von den Zuthaten des christlichen Kultus, die ihn entstellen, befreit, so würde man an ihm eines der interessantesten und vollkommensten Muster des römischen Tempelstyls besitzen.

Die Ueberreste des einst so berühmten Molo von Puteoli, eines großen Werkes des Alterthums, zeigen sich noch in dreizehn, aus dem Meere hervorragenden, ungeheuern Pfeilern. Hier ankerten die Handels- und Kriegsflotten der alten Welt, und von diesem Hafendamme aus führte der Wahnsinn des Caligula jene stundenlange Schiffbrücke über das Meer nach dem jenseitigen Bajä, um, wie Sueton berichtet, eine Prophezeiung zu widerlegen, nach welcher er so wenig Kaiser werden als über das Meer reiten würde. Der Narr ließ die Brücke pflastern und ergötzte sich dann mehre Tage daran, auf derselben hin und her zu reiten, eine Lächerlichkeit, die dem Staate Millionen kostete, aber gewiß damals eben so viele Bewunderer gefunden haben wird, als die unnützen und unsinnigen Königs- und Kaiser-Spielereien späterer Zeiten, wodurch man das Vermögen betrogener Völker vergeudet.

Bajä und Puteoli glänzten einst als die ersten Kurorte der römischen Welt. Luxus und Verschwendung waren in einer kaum faßlichen Größe dort entfaltet. Die von Julius Cäsar, Pompejus, Marius, von Lukull, [65] Cicero, den Kaisern und fast allen Großen Roms unter dem bescheidenen Namen von Villen erbauten Paläste enthielten Alles, was die Phantasie für üppigen Lebensgenuß erdenken mag. Schon zu Horazens Zeit war der Raum der Landschaft zu enge geworden, um alle die prächtigen Landsitze zu fassen.


– – – Sepulchri
Immemor struis domos,
Marisque Bajis obstrepentibus urges
Summovere litora.
 (Od. II. 18.)

Das umlaufende Glück führte diese Herrlichkeit weg; nur Trümmer verkündigen sie noch, Säulenschäfte und Marmorblöcke, die aus dem wüsten Gesträuch dich anschauen, Mauerreste, an welche Sturm und Wogen seit anderthalb Jahrtausenden zürnend schlagen. Am Meere, wo die üppigsten Gärten in voller Pracht dufteten, haucht jetzt die Malaria aus weiten Sümpfen den Tod, und Tempel- und Thermen-Reste blicken dich an wie ungeheuere Sarkophage einer vergangenen Welt. Die verwesende Gestalt eines Merkurtempels läßt einen Bau, ähnlich dem des römischen Pantheons, erkennen; von dem der Diana Lucifera steht noch ein Theil der Cella, und das berüchtigte Haus der Venus, mit seinen duftenden Gärten und seinen umarmenden, weichen Priesterinnen, ruht, mit Dornen überwachsen, im Staube.

Etwas landeinwärts ziehen die Reste eines Herkulestempels ihren leichten Umriß auf die Bläue des Himmels, und ein altes Gemäuer, nicht fern davon, ist das Grabmal der Agrippina. Nero, der Tyrann, ließ sie, seine Mutter, hier ermorden. Der Vesuv hat dieses Schauergrabmal mit seiner Asche hoch eingeschneit, und dichtbelaubte Bäume suchen es zu vergittern. Die Natur ist schämiger, als die Menschen.

Nordwestwärts von Pozzuoli, nach dem Vorgebirge von Miseno zu, geht der Pfad fortwährend über Schutthaufen und Trümmer, bis man zur Piscina mirabilis gelangt, einem unterirdischen Bau, der alles früher Gesehene an Kühnheit übertrifft. Man steigt zu ihm auf 40 Stufen hinab. Er enthält 5 Reihen hoher Zellen, die auf 48 Pfeilern ruhen. Die Tradition macht dieses Werk zu einem Fischbehälter des Lukull; wahrscheinlicher aber war es ein Bad. – Näher dem Meere liegt der Cirkus des Nero, Mauerreste von gewaltiger Dicke und Umfang. Hier wurden die Reiterspiele gehalten, bei welchen Menschenblut in Strömen floß, um die unmenschlichsten Gefühle zu ergötzen. Auf dem misenischen Kap selbst ragen weitläufige Trümmer: sie gehören zu den Palästen des Nero und Lukull; in dem letztern starb der grausame Tiber. Mit Grauen sieht man auf diese Wohnungen, wo die Peiniger der Völker Wollüste trieben und alles Schändliche und Schreckliche thaten. Wie viel [66] Seufzer und Thränen zählen diese Stätten, wie viel unschuldige und edle Menschen mögen hier verhöhnt, zertreten, durchbohrt worden seyn! – – Stille, stille! diese Trophoniushöhlen des gekrönten Lasters schließe der Gedanke nicht auf. –

Zwischen dem Vorgebirge von Miseno und Pozzuoli stehen die Ruinen eines zweiten Palastes des Nero auf hohem Uferrande, und unter demselben sind die bei den Alten so berühmten warmen Bäder – noch jetzt theilweise zugänglich und deren Heilkraft von Landleuten noch immer versucht. Ihr Eingang ist, stollenartig, unter einer hohen Felswand. Ein langer, ausgewölbter, schlüpfriger Gang führt zu einem in den Fels gehöhlten, zirkelrunden Becken von 6 bis 10 Fuß Tiefe und 60 Fuß Umfang, in welchem das Wasser eine Wärme von 70 Grad Reaumur hat, den Kochpunkt also nicht ganz erreicht. Der heiße Dampf füllt schon von fern alle Räume, und verbunden mit der Wärme des Felsens selbst setzt er den Besucher schnell in den stärksten Schweiß. Man bemerkt viele Seitengänge, welche wahrscheinlich in andere Dunstbäder führen; aber Niemand wagt sie zu betreten, denn das Mauerwerk derselben ist größtentheils eingestürzt.

Fort aus diesen dunkeln, unheimlichen Badehöhlen! fort aus dem Staube der Tyrannenherrlichkeit und hinauf auf Miseno’s Felszunge, hinauf zum labenden Ausblick in die große Natur! Schmal und von der Brandung vielfältig ausgezackt tritt das Vorgebirge weit in’s Meer hinaus, und auf seinem Scheitel grünt’s und blüht’s beständig; denn dieser Fels, wie die ganze Gegend, ist vom unterirdischen Feuer erwärmt, und wenn der kurze Winter Neapels die fernern Höhen weiß kleidet, bleibt hier kein Schneeflöckchen liegen. Der Blick beherrscht beide Meerbusen mit ihren Inseln, die Küste von Gaeta bis Sorrent, den Vesuv, und an hellen Tagen dringt er bis zur Küste Siziliens. Rückwärts aber öffnet sich der Garten Italiens, die Campagna Felice, überragt von den blauen Gipfeln der Appenninen. – Wenn eine glücklich gewählte Stunde Naturschauspiele und Beleuchtungsscenen schenkt, wie bei Gewitter, Morgen- und Abenddämmerungen; oder eine Mondscheinnacht, wo der silberne Ocean geisterhaft aus der Tiefe heraufblickt, während der ferne Vesuv seine dunkelrothe Leuchte aufsteckt, indeß die Trümmer der alten Welt ihre Riesenschatten auf die Landschaft werfen; oder wenn der Vesuv tobt, ein Sturm unter der Erde rollt, die alten Todtenurnen einfallen und die aufgerüttelte Phantasie wandelnde Geister ziehen sieht: – dann gewährt dieser Standpunkt eine Erinnerung, deren Bild keine Zukunft verwischt. Das Schönste aber gibt ein lichter Frühmorgen, wenn noch die Sternbilder des Himmels scheinen, die goldenen Wolkengebirge im Osten lagern und auf den Wellen unten zitterndes Glockenspiel ertönt: – und dann mag ein Blick auf die Trümmer der Vergangenheit fallen und der Gedanke trösten: Die alte Welt mit ihrer Größe und ihrer Qual liegt im Grabe. Allmächtiger, habe Dank! sie ersteht nicht wieder!