Hohentwiel in Oberschwaben

CCCCLXXXVIII. Pozzuoli Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
CCCCLXXXIX. Hohentwiel in Oberschwaben
CCCCLXXXX. Neufchatel
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HOHENSWIEL

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CCCCLXXXIX. Hohentwiel in Oberschwaben.




Von den geheimnißvollen Gestaden, an welchen die Gefährten des Odysseus ruhen und der ewig lärmende Vulkan seine Werkstätte hat, versetze ich den Leser in des Schwabenlandes stille, heimische Waldgründe, in das eigentliche Geburtsland des deutschen Geistes, auf die Lieblingsbühne vaterländischer Sage und Geschichte.

Jenseits der Alp, einem rauhen, wasserarmen Kalkgebirge, welches Würtemberg von West nach Ost durchzieht, breitet sich ein romantisches Bergland aus. Es ist dies Oberschwaben, dessen südliche Marken bis an die Buchten des Bodensees und in die nördlichen Kantone der Schweiz reichen.

Die Krone dieser Landschaft und des ganzen Schwabenlandes ist der Hägau (der Gau der Höhen) – eine Bergebene mit einem Kranze von Porphyrfelsen. Fast jeder der letztern trägt das Gemäuer tausendjähriger Burgen und Vesten. Die höchste unter diesen einstigen Hütern des deutschen Landes ist Hohentwiel.

Das Entstehen dieses Schlosses läßt sich bis an die Grenze der Römerzeit verfolgen. Geschichtlich wichtig wurde die Burg schon im 10. Jahrh. Damals war sie nämlich der Sitz der schönen und strengherrschenden Herzogin Hedwig von Alemannien, welche das Zepter über ganz Schwaben bis zum Neckar hin führte und es festhielt, bis dem Lande wieder ein Herzog ward. Seit der Zeit war Hohentwiel ein Eigenthum der schwäbischen Fürsten, bis es, nach Conradins unglücklichem Ende, der Kaiser Rudolf, der Habsburger, als heimgefallenes Lehen seinem Kanzler Klingenberg verlieh. Die Klingenberger behaupteten sich im Besitz bis 1538. In diesem Jahre kam es durch Kauf an das herzogliche Haus Würtemberg. Hierauf wurde es sehr erweitert und befestigt. Im dreißigjährigen Kriege und im spanischen Erbfolgekriege vergeblich belagert, erwarb sich das Schloß den Ruf der Unüberwindlichkeit, verlor ihn aber 1800 durch eine schimpfliche Uebergabe an die Franzosen unter Vandamme, der das Pulver, welches gegen die Angreifer zu verschießen die Besatzung nicht den Muth gehabt hatte, in die Kasematten bringen ließ und die Veste in die Luft sprengte. Seitdem liegt sie in Ruinen.

Zur Ueberschauung des Schwaben- und des Schweizerlandes, zumal des vorderen Alpenzugs, wird dieser isolirte Hochlandsgipfel häufig bestiegen.

Hinan führt aus dem mit üppigen Wiesen und einem schönen Waldbach geschmückten Thale ein bequemer Fahrweg; die Meisten wählen aber den steilern Fußpfad durch die Rebengelände, welche den Fuß des Felskegels rings umgürten. Er bringt zu einer Schenke, welche auf nicht ganz halber Höhe neben einer Försterwohnung [68] und einem Meyerhofe steht und wo gewöhnlich gerastet wird. Hinter dem Wirthshause, auf mauerartiger Felsumwallung, liegt der Friedhof mit den wenigen Ueberresten einer kleinen Kapelle, und manches versunkene Steinkreuz mit unleserlichen, uralten Schriftzügen gibt hier dem Alterthumsfreund Stoff zur Forschung. Wahrscheinlich war er die Ruhestätte der Burgbewohner, und der Meyerhof gehörte wohl ehemals zur Kaplanei.

An hohen, ausgehauenen Felswänden hin geht es fort bis an den Eingang eines dunkeln, wohlerhaltenen Thorgewölbes. Dieses führt in den Vorhof. Welch ein Anblick! Steintrümmer und Felsklumpen, die das sprengende Pulver abriß, liegen regellos und wild durch einander. Es sind die Ueberbleibsel der Kaserne, eines Wirthshauses, einer Apotheke und der Bastei, die den Eingang schützte. In der Mitte des Platzes steht noch, übermauert und unversehrt, der Ziehbrunnen der Veste, von großer Tiefe.

Steil und immer steiler geht der Weg zwischen Felsen fort bis zur zweiten Umwallung, jenseits welcher ehemals eine Zugbrücke zur eigentlichen Veste leitete. Jetzt ist ein hölzerner Steg über den mit Schutt und Steinblöcken bis zur Hälfte gefüllten Graben gelegt. Seitwärts gelangt man auf einem treppenförmigen Pfade auf die Zinne einer Schanze – und mit Zittern sieht man sich da am Rande einer senkrechten Wand von mehr als 400 Fuß Höhe. Hier ist die Aussicht schön! Die Burgen der Nachbarhöhen: Staufen, Stoffeln, Hohenkrähen, Mägdeberg, möchte man mit den Händen greifen, so nahe scheinen sie. Ihre Felssäulen erinnern an die Bilder der sächsischen Schweiz: nur mangelt dort die großartige Scenerie des Fernen.

Noch einmal geht’s bergauf – zu der Stelle, wo die dritte Zugbrücke stand, deren Graben die innerste Burg umgab. Letztere enthielt das Haus des Kommandanten, die uralte herzogliche Wohnung und den sogenannten Klosterbau – ein Gebäude unsicherer Herkunft, das später als Kaserne diente. Kreuzgewölbe, halb verschüttet, führen unter demselben hin und eine Menge Ornamente, welche an byzantinische Kunst erinnern, sind die unzweideutigen Zeugen von dem hohen Alter dieses Theils der Burg. Ihr schönster Ueberbleibsel aber ist die Kirchruine, deren zierliche Fenster, Portalwölbungen und reiche Ornamente die Blüthenzeit des deutschen Baustyls verrathen. Der Thurm derselben ragt noch hoch über alles Andere hinaus; doch die zehn Glocken, welche einst von da herab zur Andacht riefen, verloren ihr Stimmrecht an die unzählige Menge Raben, Eulen und Geier, welche ihre gemeinschaftliche Wohnung daselbst aufgeschlagen haben. Alle diese Ruinen der innersten Burg werden von einem großen, schön gepflasterten Hofraum eingeschlossen, in dessen Mitte alte Linden grünten, unter welchen die Besatzung der Veste zu exerziren pflegte. – Die Zerstörungslust der Franzosen hat glücklicher Weise gerade da etwas gelinder gehaust; viele Räume sind noch zugänglich und theilweise, Dank ihrer festen Bauart! gut erhalten. Im Rittersaale sind noch nicht alle Spuren der ehemaligen Pracht verwischt; an Thürgewänden, Kaminen und Gesimsen sieht man künstlichen Zierrath, und in den schön geformten Fensternischen lassen mancherlei [69] Ornamente eine Meisterhand erkennen; was aber alle Herzen erfreut, ist die herrliche Aussicht aus den offenen Fensterluken auf die Burgen, die Seen, die Gebirge. Eine noch schönere ist dem Wagenden vorbehalten; ich sage, dem Wagenden; denn sie will mit einiger Gefahr erkauft seyn. Wer folgt mit hinauf zur luftigen Krähenwohnung, auf des höchsten Thurmes Zinne? Wohlan! die schwanke Leiter ist bald erstiegen und durch eine Bresche, welche mehr die Hand der Zeit, als die zerstörende des Pulvers, in die Mauer gerissen, erklimmen wir die Spitze.

     Hier steh’n wir auf den Zinnen der Felsenveste Twiel,
Da treibet auf der Eb’ne der Blick ein weites Spiel,
Durch Triften und durch Wälder, durch Klöster und durch Städte,
Hier ist kein Ziel zu finden, als grauer Alpen Kette.

     Das Land der AlleMannen, mit seiner Berge Schnee,
Mit seinem blauen Auge, dem klaren Bodensee,
Mit seinen gelben Haaren, dem Aehrenschmuck der Auen –
Recht wie ein deutsches Antlitz ist solches Land zu schauen[1].

Und in der That, eine lachendere, eine reizendere, eine weitere Aussicht kann es kaum von einem Alpengipfel geben, als von diesem Standpunkte. Zu den Füßen öffnet das Schwabenland, öffnen die Kantone Basel, Schaffhausen, Thurgau und St. Gallen ihre landschaftlichen Schätze – ein anmuthiger Wechsel von Berg und Thal, Wald und Wiesen, Ruinen und Schlössern, Städten und unzähligen Dörfern; nahe glänzt der Bodensee wie ein leuchtendes Meer mit seinen Buchten und seinen Garteninseln Reichenau und Meinau, mit seinen Ufer-Städten, Flecken und Dörfern, – ihrer mehr als hundert. Man sieht den Rhein, wie er, noch mehr See als Strom, sich gegen Stein fortwälzt, wo er hinter hohen Felswänden verschwindet; dann kommt er wieder – in sanfter Schlangenwindung zieht sich sein Silberband bis nach Schaffhausen hin, um abermals sich hinter Wald und Fels zu verstecken. – Die Prachtpartie der Vista aber geben die südlichen Fernen, ist die Ueberschau der Alpen. Das Auge herrscht über die ganze Kette, von den Berner Gipfeln bis zu den Riesen Tyrols. In Erstaunen und Ehrfurcht versunken, schaut man auf diese Welt von Pyramiden, auf diese Hieroglyphen-Schrift, mit welcher der große Gott die Urgeschichte seiner geschaffenen Erde schreibt, – für den Menschen ein Stoff des würdigsten Forschens und der erhabensten Offenbarung. („Auf den Bergen tritt der Mensch, wie das Kind auf einen Schemel.“ Hippel.) Man sieht viele der hohen, nackten [70] Riesen vom Fuße bis zum Scheitel und manche himmelan strebende Firn, die in ewigem Eise starrt. Die kälteste Brust bleibt nicht kalt bei diesem Anblick, und eine empfindsame Seele schmilzt in unaussprechlichen Gefühlen. – Wohl dir, wenn du allein hinauf klettertest und kein profaner Begleiter dich stört. So allein, entrückt dem Getümmel der Welt: – wie nahe dünkt dich dann die ferne Wohnstätte, wie klein wird dir dann dein Kummer, wie leicht die irdische Bürde! Reiner schaut dich hier die kommende Sonne an, und wenn sie schon lange gesunken ist, strahlt noch ihre Glorie auf den Firnen und es weidet sich das Auge noch an ihrem Nachglanze, bis er von Bergstaffel zu Bergstaffel, von Zinke zu Zinke hinan allmählich verlischt. –

Kein Genuß gleicht einem solchen auf hoher Warte einer herrlichen Natur. Keiner ist schöner, keiner reiner, keiner läßt seligere Eindrücke zurück. Wer, der ihn gekostet hat, blickt zurückgekehrt in die Strudel seiner Geschäfte, oder in den monotonen Wirbel conventioneller Vergnügungen – nicht oft mit Sehnsucht zu den erstiegenen Höhen und zählt die dort verbrachten Augenblicke zu den glücklichsten? Wer aber Gleiches noch nicht genossen hat, der eile, daß auch er sagen kann mit uns Andern:

„Auf den Bergen wohnt der Friede,
     Auf den Bergen wohnt die Freude,
Auf den Bergen lebt die Freiheit,
     Schlingt den Ehrenkranz um Beide.“




  1. Gedichte von G. Schwab, II. Bd. S. 182.