Der Spitterfall
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DER SPLITTERFALL
Wenn ich das liebliche Bildchen mit den frischen Baumgruppen und den zersplitternden Wasserstrahlenbündeln lange betrachte, so nenne ich es „Splitterfall“, wie der Künstler, und fühle mich in einen Gebirgswinkel meiner lieben Steiermark versezt, wo es so schön ist! Da springt, wie der allerlöseste, prächtigste Junge, ein Alpenbach vom hohen Bachergebirg herab, rennt unmuthig zwischen bebautem Ackerland hin, um mit der ausgelassensten Freude in eine stundenlange Felsenschlucht zu stürzen, wo er im arg zerwühlten Bette Burzelbäume schlägt und Sprünge macht zum Grausen. In dieser Schlucht war meine Lieblingsstätte da, wo die klaren Perlen der Hudina-Wellen am lustigsten und mit rauschendem Jauchzen über die Felstrümmer rollen. Hier besuchte ich meinen Bach zu jeder Jahreszeit, im Frühjahr, wenn der schmelzende Schnee des Gebirgs ihn aufbrachte und die Eisschollen ihn so erzürnten, daß er sie zerschmetterte; im Herbst, wenn der Regen ihm sein reines Gewand verdarb, so daß er bitterböse mit ihm davon rannte; im Sommer, wenn er stiller ging, aus Freud’ an den herrlichen Blumen, die er küßte; und im Winter, wenn er mächtige Orgelpfeifen von glitzerndem Eis in seinen kalten Fingerchen hielt und eigentlich doch lachte, wenn’s ihn auch fror.
Jetzt, wo wieder der dunkle Kranz heimathlicher Tannenwälder zu mir herüber sieht, fühle ich die Thüringer Natur des Bildchens stärker hervortreten. Die Felsen kommen meinem Auge nun kleiner, die Wasserstrahlen niedlicher vor, und die Bäume sind offenbar noch jung. Mag nun der Fall da mehr Aehnlichkeit haben mit dem, welchen die kleine Thüringische Spitter, unweit Tambach im Gothaischen, in wasserreichen Tagen macht, oder mit meinem Hudina-Sprung in Steiermark, das ist mir einerlei. Das Bild ist lieblich auch ohne Porträtähnlichkeit, und falls es die Physiognomie beider Fälle darstellte, so wäre das wieder kein Wunder; die Erde ist groß und reich genug, um Zwillingsähnlichkeiten auch in der Natur vorräthig zu haben.