Harper’s Ferry

Der Spitterfall Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Harper’s Ferry
Haus Habsburg
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HARPER’S FERRY

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Harper’s Ferry.




Einer der interessantesten Ströme Nordamerika’s ist der Potomac. Er entspringt auf der Ostseite der blauen Berge (eigentlich blaue Kette, Blue Ridge), dem östlichsten Zug des Alleghany-Gebirgs, unterhalb Oldtown in Virginien, aus zwei Quellen und auf bedeutender Höhe. Bei Westport, wo der Savage-River sich mit ihm vereinigt, steht seine Wassermasse 1160 Fuß höher, als da, wo er, nach einem Laufe von 219 Meilen, die Grenze erreicht, bis zu welcher die Seefluth durch die Chesapeake Bay heraufsteigt. Daher ist er ein mächtig fallender Strom, der durch das stärkste Felsgerippe der Erde sich seinen Weg bahnte. Seinen ersten größeren Sturz thut er bei den sogenannten Houre-Falls. Von da bis fünf Meilen tiefer muß er einst eine furchtbare Arbeit gehabt haben. In seine tobenden Fluthen dringt mit mächtigem Andrang sein größter Kampfgenosse ein, der Shenandoah, der, 200 Meilen die westlichen Wände der blauen Berge entlang daherstürmend, einst mit ihm denselben Widerstand fand. Ein breiter Felsendamm gebot hier den vereinten Fluthen Halt! und stemmte sie zum See an. Es mag damals ein anderer Niagara am jenseitigen Abgrund des Felsengürtels in die Einsamkeit der Urwälder gedonnert haben. Aber der Tropfen wird Herr über den Stein. Die Wasser fraßen und rissen, brachen und verschlangen Fels um Fels, bis sie den Damm durchbohrt hatten hinab bis zum Grund ihres eigenen Bettes. Und als später Menschen kamen, sahen sie wohl noch die Spuren des ungeheueren Kampfs, aber sie bauten Häuser an den Strom, es entstanden Städte, Wege wurden gebahnt, für das Schiff, das der Wogensturz zerschmettert hätte, Kanäle seitwärts gegraben, Brücken gebaut über die breiten Fluthen, und so vollendeten Natur- und Menschenkräfte Das, was Dir, lieber Leser, unser schönes Bild zeigt. Noch heute bekunden die vom Fuß bis zum Gipfel furchtbar zerklüfteten, drohend über den Strom hängenden Felsen die Riesenkräfte, die hier sich Bahn gebrochen haben, und gegenwärtig gilt diese Stromschlucht unweit Harper’s Ferry für eines der großartigsten Naturwunder Nordamerika’s und ist das Ziel unzähliger Reisender.

[50] Harper’s Ferry heißt der Ort, welcher im Bilde vor uns liegt. Seinen Namen mag er daher haben, daß hier ein Ansiedler Harper eine Fähre zum Uebersetzen der Reisenden hielt. Jetzt führt eine 800 Fuß lange Brücke über den Strom und verbindet hier Virginien mit Maryland. Der Ort selbst ist unregelmäßig gebaut, dehnt sich am Fuß eines Hügels aus und gewährt mit seinen malerischen Hintergründen von mehren Seiten einen prächtigen Anblick. Obgleich die Einwohnerzahl 5000 noch nicht übersteigt, so haben doch vier christliche Sekten ihre Kirchen und Bethäuser hier. Auch das Geschäftsleben hat neben die Naturwunder seine kolossalen Bauten gestellt. Die Wasserkraft, die einst den granitnen Arm der blauen Berge zerbrach, dreht jetzt gehorsam im Menschendienste die Räder großer mechanischer und Manufaktur-Etablissements. Am bedeutendsten ist die Gewehrfabrik und Kanonenbohrerei. Das hiesige Arsenal für die Vereinigten Staaten bewahrt durchschnittlich 80-90,000 Stück Musketen. Diese Kampfstätte der Natur ist ohne Zweifel der rechte Ort für die Lehre: Rüste für den Krieg, so bewahrst Du Dir den Frieden.

Nicht bloß zerstörend-schaffende Kräfte tobten hier sich aus, auch künstlerische Launen hatte die Natur und stellte einen Gegenstand dar, der die Augen aller Reisenden auf sich zieht. Auf der Marylandseite der Felsenwand hängt hoch eine Klippe über den Potomac, in welcher die Hand der Natur das vollkommen ähnliche Bildniß Washington’s ausgeprägt hat. Nicht bloß amerikanische Augen wollen hier den größten und besten Mann der Nation im Felsenbilde sehen; Jeder erkennt auf den ersten Blick nicht bloß annähernde, sondern fest und bestimmt die edlen, erhabenen Züge, die zugleich den großen Charakter des Mannes widerspiegeln. Natürlich ist dieses Naturspiel für Tausende ein weit stärkerer Anziehungspunkt, als alles Andere in dem wunderreichen Erdwinkel. – Uebrigens wird im Britischen Museum ein ähnliches Natursteinbildniß des Dichters Chaucer aufbewahrt, welches wenigstens darthut, daß die Natur den Amerikanern kein Unicum geschenkt hat.