Die Emporengemälde aus der Sophienkirche
| ← Ezechiel Eckhart, der Erbauer der Hoflößnitz | Die Emporengemälde aus der Sophienkirche (1909) von Otto Richter Erschienen in: Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912) |
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Das Innere der Sophienkirche bot früher mit seinem reichen Schmuck an Grabdenkmälern, Gedächtnistafeln, Totenschilden und Gemälden einen eigenartigen, malerischen Anblick. Dies zeigen anschaulich die jetzt in der Stadtbibliothek aufbewahrten 12 Wasserfarbenbilder, die der Hoforganist Kirsten in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts durch den Maler Kannegießer vom Äußern und Innern der Kirche hat aufnehmen lassen. Die erste Empore war mit 18 in Ölfarben ausgeführten Darstellungen aus der Lebens- und Leidensgeschichte Christi geschmückt, neben jedem dieser Historiengemälde befand sich eine Schrifttafel mit einer Erläuterung in Versen. Bei einer verständnislosen Restaurierung im Jahre 1834, der ein großer Teil des künstlerischen Schmuckes der Kirche zum Opfer fiel, ließ man auch die etwas verblichenen Emporenbilder auffrischen: die damit beauftragten Maler Lindau, Oertel und Wolf suchten dabei eine größere Fernwirkung der Bilder durch kräftige Übermalung, besonders der roten und blauen Farben, zu erzielen, die alle Feinheiten der alten Malerei vernichtete. Seitdem machten die Bilder allerdings keinen erfreulichen Eindruck, zumal nachdem manche von ihnen beim Maikampfe 1849 durch Kugeln beschädigt worden waren. So war es möglich, daß ihnen bei dem Umbau des Kircheninnern im Jahre 1875 der leitende Architekt Professor Arnold jeden Wert absprach und ihre Entfernung veranlaßte. Der Verein für Geschichte Dresdens erhielt die Bilder auf sein Ansuchen zur Aufbewahrung überlassen, mußte sie aber 1881 auf Verlangen des Rates zurückgeben, da er sie nicht in angemessener Weise unterzubringen vermochte. Die 18 Tafelgemälde waren, wenn auch größtenteils in Stücke zerbrochen, noch vollständig vorhanden, von den ursprünglichen 18 Schrifttafeln aber nur 12[1]. Später gelangten sie in das neubegründete Stadtmuseum und wurden durch den Konservator Karl Müller wieder zusammengefügt, gereinigt und mit Rahmen versehen. Neuerdings hat die Verwaltung des Museums durch den Maler Karl Jantzsch auch die grobe Übermalung aus dem Jahre 1834 entfernen lassen, so daß die Bilder jetzt glücklich wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt sind.
Über die Herkunft dieser Bilder herrscht eine falsche Meinung, deren Urheber wohl Ch. Ch. Hohlfeldt ist: er hat im „Sammler“ (S. 198) 1837 behauptet, sie seien ursprünglich in der alten Frauenkirche gewesen und erst 1738 bei Verlegung des evangelischen Hofgottesdienstes [36] in die Sophienkirche dorthin versetzt worden[2]. Nach J. G. Michaelis’ Dreßdnischen Inscriptiones (Vorwort) befanden sich allerdings in der alten Frauenkirche Deckengemälde mit biblischen Darstellungen, aber von den von ihm aufgezählten 20 Bildern stimmen nur 2 dem Stoffe nach mit solchen aus der Sophienkirche überein. Überdies ist es schon aus äußeren Gründen unwahrscheinlich, daß so lange und schmale Bildtafeln Bestandteile einer Holzdecke gewesen sein sollten. Vermutlich sind die Deckengemälde der Frauenkirche schon bei deren Abbruch im Jahre 1727 mit zugrunde gegangen.
Die noch vorhandenen 18 Bilder sind von Anfang an in der Sophienkirche gewesen. Nach Ausweis der Sophienkirchrechnungen wurden sie 1625 von den Dresdner Malern Sigmund Bergt und Zacharias Wagner auf die Emporenbrüstungen gemalt[3], und zwar von vornherein in Ölfarben; die bei der Reinigung darunter entdeckten Spuren von Leimfarbe rührten nur von Ornamenten her, mit denen die Brüstungen vorher bemalt gewesen waren. Die Verse auf den Schrifttafeln waren von dem Rektor der Kreuzschule Georg Hausmann gedichtet[4].
Die beiden Maler der Emporenbilder sind nicht ganz unbekannt. Sigmund Bergt (nicht Bergk, wie in der Rechnung steht), vielleicht ein Sohn des 1574 zum Bürger aufgenommenen Malers Friedrich Bercht aus Chemnitz, war für den kurfürstlichen Hof viel beschäftigt[5] und hatte u. a. 1621 die neue Orgel der Frauenkirche ausgemalt[6]. Zacharias Wagner, ein geborner Dresdner, Bürger seit 1609, seit 1638 Ratsmitglied und Stadtrichter in Altendresden (gest. 13. [18?] Jan. 1658), war ebenso wie Bergt bei dem Ausbau des Innern der Sophienkirche noch anderweit beschäftigt und hatte insbesondere 1624 ein vom Bildhauer Hans Stilling geschnitztes Kruzifix bemalt[7]. Er ist der Vater des bekannten Reiseschriftstellers Zacharias Wagner, der, 1614 in Dresden geboren, anfangs Zeichner und Kupferstecher, später Beamter im holländischen Kolonialdienst, Gouverneur der Kapkolonie und Vizeadmiral einer holländischen Flotte, 1668 in Amsterdam starb[8].
Der Anteil jedes der beiden Maler an dem Werke ist nicht schwer zu bestimmen. Wie aus Gurlitts genauer Beschreibung der Bilder, der auch der vollständige Wortlaut der Schrifttafeln beigefügt ist[9], zu ersehen, sind es zwei Reihen: Nr. 1 bis 12 Passionsdarstellungen und Nr. 13 bis 18 Darstellungen aus der Jugend Jesu von der Anbetung der Hirten bis zur Taufe im Jordan. Die beiden Reihen unterscheiden sich aber nicht bloß in der Größe der Bildtafeln, sondern rühren auch unverkennbar von zwei verschiedenen Händen her. Schon diese Verschiedenheit hätte genügen sollen, um die seit Hohlfeldt geltende Meinung umzustoßen, daß die Bilder von Heinrich Göding, mit dessen sonstigen Werken sie ohnehin wenig gemein haben, gemalt seien. Da nach Ausweis der Kirchrechnungen Zacharias Wagner an der Herstellung der Bilder in geringerem Umfange als Bergt beteiligt war, so müssen ihm die 6 Darstellungen aus der Jugend Jesu zugeschrieben werden. Sie zeichnen sich vor den etwas harten 12 Passionsbildern Sigmund Bergts durch flottere Malweise, mehr Ausdruck und Bewegung in den Figuren, geschicktere Wiedergabe von Lichtwirkungen und bessere Ausführung des landschaftlichen Teiles aus und erweisen ihren Urheber Zacharias Wagner als einen Maler von mehr als handwerksmäßigem Können.
Möge aber der künstlerische Wert der Bilder eingeschätzt werden wie er wolle, die Tatsache allein, daß sie zwei und ein halbes Jahrhundert hindurch zur religiösen Erbauung unsrer Vorfahren beigetragen haben, sichert ihnen ein dauerndes Recht auf die pietätvolle Behandlung, die sie jetzt im Stadtmuseum erfahren.
- ↑ Sophienkirchrechnung 1834. – Ratsakten B. II. 111 c und B. III z Vol. III.
- ↑ Hohlfeldt hat anscheinend eine Angabe in den Dreßdnischen Merckwürdigkeiten von 1738 (S. 77), wonach im September 1738 an den Emporen der Sophienkirche „die sauber gemahlete Historie des Lebens Jesu mit denen darbey befindlichen Schrifften wieder angebracht“ worden sei, fälschlich so aufgefaßt, als ob diese Bilder aus der zehn Jahre vorher abgebrochenen Frauenkirche hergerührt hätten, während es sich doch nur um die Wiederanbringung der Bilder von den kürzlich abgebrochenen alten an den neu angelegten Emporen der Sophienkirche handelte.
- ↑ Sophienkirchrechn. 1625/26: 153 Fl. 6 Gr. Sigmundt Bergk und Zacharias Wagner Malern von der langen Reihen der Borkirchen Anfang am Eck Eines E. Raths Stuhl, als zwölf große und zwölf kleine Feld, in die großen Anfang die Geburt Christi and dann folgende die Passion Christi, in die kleinen aber schöne Carmina mit vorgulter Schrift, was sich uff eine jede Historia schicken thut, ingleichen die obigen darauf stehende Gitter und Sprengwerk . . . . .gemalet . . . . . 60 Fl. Sigmundt Bergk Malern von der Borkirchen, uff welcher der Herrn Hofräthe Stühle stehen, als vier [muß heißen: sechs] große und sechs kleine Felder, in die großen gleichfalls folgende die Historien der Passion Christi, in die kleinen aber folgende Carmina mit vorgülter Schrift, item das Sprengwerk . . . . 10 Gr. einem Weibe, welche die Borkirchen umhero auswendig gewaschen, als der Maler anfing zu malen.
- ↑ Sophienkirchrechn. 1625/26: 1 Fl. 3 Gr. den Rectori der Schulen alhier, daß er etliche Verslin gemacht zu den Historien, so an die Borkirchen gemalet.
- ↑ Mitteilung von Ernst Sigismund.
- ↑ Gurlitt, Bau- und Kunstdenkmäler Heft XXI S. 50.
- ↑ Sophienkirchrechn. 1624/25: 22 Fl. 12 Gr. Hanß Stillingk Bildhauer vor ein geschnitten Crucifix an Kreuz beneben Johannis und Maria sampt einen geschnitten Berg, darauf es stehet, welches uffs Gitter den Schulerchor gesetzet ist . . . . 45 Fl. Sigmundt Bergk von Schulerchor zu malen . . . . 19 Fl. Zacharias Wagner Malern von den Crucifix Johannis und Maria, welches uff den Schulerchor gesetzet, uff Alabaster Art gemalet und geblanieret, item was nötig daran vorgüldt, das Crucifix aber ganz vorgüldt . . . .
- ↑ Allgemeine deutsche Biographie Bd. 40 S. 383.
- ↑ Bau- und Kunstdenkmäler Heft XXI S. 48–50.