Eine Dresdner Kunstgeschichte
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war bei der Bedeutung Dresdens als Kunststadt schon lange ein Bedürfnis, sie konnte aber nicht gut geschrieben werden, bevor nicht Cornelius Gurlitt die Inventarisation der Dresdner Kunstdenkmäler durchgeführt hatte. Jetzt ist uns eine solche Kunstgeschichte in Gestalt von Paul Schumanns „Dresden“ (Berühmte Kunststätten Band 46, Verlag von E.A.Seemann in Leipzig, Preis geb. 4 Mark) bescheert worden. Das Werk beruht auf gründlicher Sachkenntnis und eingehender Benutzung der bisherigen Forschungsergebnisse und gibt ein zuverlässiges und lebensvolles Bild von der glänzenden Entwicklung, deren sich [48] die Baukunst und die bildenden Künste im Laufe der Jahrhunderte in Dresden erfreut haben. Selbständiges Urteil und flotte Schreibweise zeichnen das mit Abbildungen reich ausgestattete Buch aus und machen die Beschäftigung mit ihm belehrend und fesselnd zugleich.
Es liegt auf der Hand, daß es bei der erstmaligen Zusammenfassung eines so umfänglichen Stoffes nicht ganz ohne Irrtümer abgehen konnte. Der Benutzer älterer Schriften kommt gar zu leicht in Gefahr, aus ihnen unrichtige Darstellungen zu übernehmen und es zu übersehen, daß diese in späteren Schriften bereits widerlegt worden sind. Auf einige solche Irrtümer soll hier aufmerksam gemacht werden, damit sie sich nicht von neuem festsetzen.
Schumann gibt (S. 3) an, die Elbbrücke sei schon im 11. Jahrhundert erbaut. Er verdankt diesen Irrtum der Benutzung von Max Försters unkritischer Schrift: Die Geschichte der Dresdner Augustusbrücke (1902), in der die alten Chroniken mit ihren Sagen und Erfindungen als vollwertige Geschichtsquellen behandelt sind. Ich glaubte in meiner bereits 1900 erschienenen Geschichte Dresdens im Mittelalter (S. 15) überzeugend dargetan zu haben, daß die Elbbrücke frühestens gleichzeitig mit der Stadt, also nicht vor dem Ende des 12. Jahrhunderts entstanden sein kann.
Ein zweiter Irrtum betrifft das Moritzmonument. In der Kupferstichsammlung König Friedrich Augusts II. befindet sich ein im Jahre 1591 gefertigtes Wasserfarbenbild des Denkmals vom Hofmaler Zacharias Wehme, das Steche 1883 im Neuen Archiv für Sächsische Geschichte Band 4 veröffentlicht hat. In dieser Darstellung ist das Denkmal von einer Attika mit Giebel bekrönt, auf der fünf Kriegerfiguren stehen; nach beiden Seiten hin schließt sich eine Balustrade an, die mit zehn Wappenschilde haltenden Knaben geschmückt ist. Gurlitt (Kunstdenkmäler Dresdens S. 323) hält das Bild nicht für eine Wiedergabe der Ausführung, sondern für den bloßen Entwurf zu einer damals beabsichtigten Erweiterung des Denkmals, und Schumann (S. 39) folgt ihm darin. Diese Ansicht ist aber irrig. Auf der von Hogenberg gestochenen Ansicht der Stadt Dresden vom Jahre 1572 (wiedergegeben im Atlas zur Geschichte Dresdens Bl. 4) sind die Attika und die Balustraden mit den Figuren ganz deutlich zu erkennen, und noch auf einer Darstellung der Ruinen des Monuments aus dem Jahre 1811 (Kupferstich im Bilderheft zu Klemms Chronik) sieht man die Docken der Balustraden unten an der Festungsmauer liegen. Wehmes Bild stellt also die Wirklichkeit dar und ist offenbar nur die Vorlage für die 1591 erfolgte neue Bemalung, nicht aber für eine Erweiterung des Denkmals. Auch zur Zeit Wecks (vergl. seine Beschreibung Dresdens S. 92) waren die in Stein gehauenen schildhaltenden Knaben noch zu sehen. Die richtige Auffassung des Sachverhalts hat auch Hasche (Geschichte Dresdens Bd. 5 Abt. 2 S. 39), wenn er nach der Schilderung des Abbruchs des Wilsdruffer Torturmes im Jahre 1811 sagt: „Nun erwachte ein besserer Geist unter uns, der Merkwürdigkeiten nicht zertrümmern ließ, sondern zu erhalten suchte, z. E. Kurfürst Augusts Monument am Hasenberge. Es war sonst im Militärbauarchiv ein Bild, schon 1591 gemalt, das alle Personen in damaliger Tracht und Kostüme darstellte; die Inschrift mit goldenen Lettern, die man aber schon 1591 nicht mehr lesen konnte, ward in diesem Jahre erneuert, die Schrift aufgefrischt und schwarz eingelassen“. Übrigens ist die Erhaltung des Moritzmonuments wohl zumeist dem Privatgelehrten M. Karl Friedr. Wilh. Erbstein zu verdanken, der „ein Mann ohne Stimme im Volk, aber mit heiligen Gefühlen für Geschichte, Altertümer, Urkunden und Denkmäler Sachsens, und mit heißen Empfindungen der Liebe für die erlauchten, ehrwürdigen und tatenreichen Ahnen unseres Allerdurchlauchtigsten königlichen Hauses Sachsen auf das reinste und zärtlichste erfüllt“ (!), beim Abbruch der Festungswerke das Denkmal im Dresdner Anzeiger vom 30. Mai 1811 beschrieb und „die Aufmerksamkeit der hohen Gebieter mit bescheidner Schüchternheit“ darauf hinlenkte.
Schließlich noch eine Art Ehrenrettung. Schumann teilt (S. 228) mit, Fürst Repnin habe die Brühlsche Terrassentreppe bauen lassen, weil es ihm unbequem war, daß von dem Garten des von ihm bewohnten Brühlschen Palais kein gerader Weg nach dem Schlosse führte. Dies geht auf eine Behauptung Gust. Müllers (Dresdner Geschichtsblätter Bd. 2 S. 31) zurück, der die gemeinnützige Tat des russischen Generalgouverneurs auf egoistische Beweggründe zurückführen zu müssen glaubte. Wie aber Haug (Geschichtsblätter Bd. 2 S. 113) bald darauf nachgewiesen hat, rührte der gute Gedanke der Erbauung dieser Treppe gar nicht vom Fürsten Repnin her, sondern dieser brachte nur einen Vorschlag zur Ausführung, der bereits vor den Befreiungskriegen von der mit der Abtragung der Festungswerke betrauten sächsischen Kommission gemacht worden war. Etwas anders stellt freilich die Sache der zeitgenössische Hasche (a. a. O. S. 102) dar, indem er vom Jahre 1814 berichtet: „Dieses Jahr ward auch die breite steinerne Treppe auf Brühls Garten, vom Schloßplatze an, erbaut, weil schon 1813 der Doublettensaal auf dem Brühlschen Garten zur griechischen Kirche bestimmt war“, und weiter (S. 123): „Diese Treppe ist, ob sie gleich durch Notwendigkeit erzwungen ward, eine große Bequemlichkeit für viele, die nach Neustadt wollen, und konnte unsern Baumeistern nie einfallen, weil man hier keine Gesellschaft wünschte.“