Die Kapelle von Coldspring am Hudson

DCCLXIII. Tiflis Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCLXIV. Die Kapelle von Coldspring am Hudson
DCCLXV. Die Geroldsauer Kaskade bei Baden-Baden
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CHAPEL OF OUR LADY
BEY COLDSPRING

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DCCLXIV. Die Kapelle von Coldspring am Hudson.




In Amerika schmücken sich die Ströme nach der Mode, und meist eben so geschmacklos als die Frauen. Europa hatte eine große Vorzeit, die in festen Burgen, prächtigen Abteien und herrlichen Domen an jedem Strome ihre Fußtapfen zurückließ. Wie aus dem Felsen gewachsen lugen die alten hohläugigen Raubnester des Rheins auf uns herab, und die stolzen Giebel der Klöster und Schlösser und schlanken Thürme der Kathedralen beschauen unverwandt ihre künstlich verschlungenen Knäufe und Kreuzesblumen im Spiegel der Gewässer. Die Jahrhunderte aber zausen vergeblich am Schmucke dieser Denkmäler, welche bald der fromme, bald der frevlerische Sinn aufgerichtet haben, der Nachwelt zur Erbauung wie zum Hohn. Der jungen Zeit der neuen Welt ist diese kunstvolle Steinmetzen-Arbeit zu beschwerlich und langweilig. In Nordamerika liegt hinter der Neuzeit nicht eine lange Kulturgeschichte, sondern bloß die Indianer-Legende. Die Architektur seines Alterthums beschränkt sich auf das luftige morsche Zelt in den Jagdgründen, dessen Grabmäler auf ein paar Stangen in offener Prärie, dessen Brücken auf den leichten Canoe. Solche Monumente lassen nicht einmal eine Spur für die nächste Generation zurück.

Auch die Holländer, welche zuerst die Ufer des Hudson ansiedelten, haben nichts Bleibendes und Großes hinterlassen. [36] Ihre vergängliche Bauart aus Holz und Fachwerk hat gar frühzeitig diese Architekturanfänge wieder verfallen lassen und jetzt gilt eine Dutch Cottage am Hudson als eine Seltenheit, und sie bewahren keine Geschichte, die älter ist, als die der Freiheitskriege. Als später Luxus und Comfort ihre Ansprüche erweiterten, wanderte der Styl der französischen Chateaux ein. Ein Nachbar ahmte dem andern nach, und überall noch ragen die hohen Zinnen, blinkenden Pavillons und prunkenden Thorfahrten, freilich nur Zimmer- und Tüncherarbeit, keck aus dem Grün ihrer Umgebung. Versuche, sie auch mit dem Zopf ihrer Zeit zu dekoriren, schnurgerade Alleen und winkelrecht gehauene Laubgänge anzulegen, scheiterten an der Widerstandskraft der jugendfrischen und freiheitsgewohnten Natur. Alle diese Anlagen à la Notre sind parkmäßig umgewildert. – Sodann folgte der griechische Tempel oder vielmehr der griechische Portikus, der seinen Stammbaum von der Vereinigten-Staaten-Bank in Philadelphia und einem offenen Briefe des Direktors derselben, Nik. Biddle, ableitet, in dem er das Publikum versicherte, daß es nur zwei große Wahrheiten in der Welt gäbe, die Bibel und die griechische Architektur. So rasch, wie das Ansehn und die Macht der Bank, verbreitete sich auch die Nachäfferei ihrer Bauart über das ganze Land, und wo nur immer eine Kirche, eine Bank, ein Gerichtshaus, ein Gefängniß, ein großes Wohnhaus, ein Rathhaus oder eine elegante Cottage gebaut wurde, da mußten die Friese der Akropolis, die Kuppel des Pantheon und die Säulenordnung des Theseustempels herhalten und wo man eine Thür brauchte, flickte man einen griechischen Portikus zusammen, und jeder Zimmermann- und Maurergehülfe wirthschaftete nach Herzenslust in den Proportionen der perikleischen Architektur.

Diese Richtung des nationalen Kunstgeschmacks hat ihr Vorbild, die National-Bank zu Philadelphia, an Ehre und Ruf lange überlebt; wenn die Flüche, welche das Bankgebäude auf sich geladen, lauter Pfundgewichte wären, sein marmornes Dach wäre längst in Schutt begraben; jetzt dient es als Zollhaus; – aber auch der griechische Styl ist endlich außer Mode gekommen und hat angefangen, einer Neigung zum Gothischen Platz zu machen. Noch 100 Jahre, und die amerikanischen Architekten werden wohl bei den Kunstrichtungen aller Zeiten und Völker die Runde durchgemacht haben. Aegyptische und chinesische debütiren jetzt schon, und die indischen Troglodyten-Bauten werden wohl auch noch an die Reihe kommen.

Die Kapelle von Coldspring ist einer der verlöschenden Funken des allgemeinen Geschmacks für griechische Bauform, und man gesteht ihr gern zu, daß an Anmuth und schönen Verhältnissen sie ihre älteren Schwestern alle übertrifft. Sie wurde von einem reichen Eisenschmelzer für seine Arbeiter gebaut und dotirt, – von einem amerikanischen Brodherrn gewiß ein seltenes und um so ehrenderes Beispiel von Fürsorge für die himmlische Nahrung seiner Leute.