Die Tempel zu Gokul in Indien

DLXXIX. Sorrento Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DLXXX. Die Tempel zu Gokul in Indien
DLXXXI. Miletus
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Der GROSSE TEMPEL in GOKUL
(Ostindien)

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DLXXX. Die Tempel zu Gokul in Indien.




In Indien, dem alten Heimathlande der Menschheit, steht auch die Wiege der religiösen Sage. Wie der Garten der Erde dort noch zu dieser Stunde blüht, so setzt die Tradition das alte Paradies in dieses sonnige Palmenland. In ihm sprießen jene heiligen Symbole des Gottesglaubens wie Lebensbäume, ja selbst für die Lehre des großen Weisen von Nazareth hat das Auge gelehrter Forschung schon längst unzweifelhafte Keime in Indien aufgefunden. Kamen nicht die Weisen und Könige, welche das Wunderkind der Armuth angebetet, aus dem fernen Morgenlande, wie uns die heilige Schrift selbst erzählt, und sehen wir Zeichen des Christenthums und seiner Priesterschaft, Kreuz, Mitra und Krummstab, nicht noch heute an indischen Tempeln und Monumenten? Die meisten Religionen haben Wurzeln in jenem Sonnenlande, wo Gottesglaube und Poesie zuerst geblüht auf der Erde. Indien ist die Heimath aller menschlichen Entwickelung und die Quelle des Lichts, das der Menschheit bis an’s Ende leuchtet.

In der Gegend von Gokul, einer kleinen Stadt am Dschumnah, etwa 3 Meilen von Muttrah, ist das berühmte Bindrabund, das Nazareth Indiens, wo Krischnah, der zur Erlösung der Menschheit zur Erde gesandte Gott, 1300 Jahre vor Christus geboren wurde. Noch zeigen die Braminen, die Hüter der heiligen Traditionen, die Orte seines Wirkens, die Plätze, wo er gewohnt, gelebt und gelehrt hatte. Sie spielen dieselbe Rolle, wie in Palästina die Kustoden der christlichen Heiligthümer, und auch der Stein mit den Fußabdrücken fehlt nicht, von dem der Gott die Heimreise in den Himmel antrat. Ein jeder dieser durch die religiöse Sage geweihten Orte ist ein Wallfahrerziel, eine Zöllnerstätte für die Gläubigen, eine unversiegliche Goldquelle für die Braminen; und jeder ist geziert mit einem Tempel und Priesterwohnungen. Die Menge derselben und ihre mannichfaltigen, oft seltsamen Formen, ihre Umgebung von Baumgruppen oder einzelnen Palmen, charakterisiren die Gegend in ganz eigenthümlicher Weise. Nicht weniger als 200,000 Pilgrime kommen jährlich aus allen Theilen Indiens nach diesem „heiligen Lande“, um dem Andenken des Erlösers Opfer zu bringen und sich in den Fluthen des Dschumnah die sündige Seele zu reinigen. Auch da ist jedes Gotteshaus eine Ablaßbude, jeder Priester ein Tetzel: das Volk aber ein Spielball des Aberglaubens, und die Religion eine Larve, hinter welcher der schnödeste Betrug, unerkannt von der Menge, frech durch Jahrtausende schreitet.

[48] Was der Dichter von der „Herrschaft des Teufels in Spanien“ erzählt hat:

„Zu verdummen das Volk, zu knechten das Land,
Steckte Satan die Teufel in’s – Priestergewand,“

gilt auch von Indien, und gilt überall, wo Pfaffen Menschen am Gängelbande halten.