Sorrento
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SORRENT
Natur! du warst die Freudenspenderin meiner Jugend und schmücktest meine Erinnerungen mit deinen Kränzen. Schon als Knabe war ich nirgends froher, als in deinen Armen. Ich suchte dich auf im Schatten des Tannenwalds, am murmelnden Bach, in der dunkeln Felsschlucht, in Feld und Au; der erste Sonnenstrahl grüßte mich auf dem Berge, und im Abendthau bestieg ich die Höhe, um den ersten Blick des aufgehenden Vollmonds zu genießen. Die Natur war mein Katechismus, und am Sternenhimmel las ich die Gebote Gottes.
Und als ich herangewachsen war zum Jüngling, da warst wiederum du es, die mich das Ränzchen schnüren und wandern hieß, um deine Herrlichkeit auch in der Ferne zu sehen. Du zeigtest mir die Ufer des Rheins, die Thäler des Harzes, die Triften Holsteins und die Ebenen Niederlands mit ihren Heerden und einem Volke, ausgeprägt unter dem Stempel der Freiheit.
Als Mann führtest du mich in fremde Länder und auf die Wogen des Oceans. Wie groß und hehr bist du mir da erschienen! Im Spiegel des Weltmeers sah ich die Unermeßlichkeit Gottes, im Rauschen der Wogen vernahm ich Psalmen, in den Stürmen ahnete ich die Zukunft meines eigenen Geschicks. Wenn ich in mondheller Nacht auf dem Verdeck stand, dann umschwebten mich die Gedanken an Ewigkeit, Unsterblichkeit und Menschenbestimmung, keimten die Pläne und Vorsätze für künftige Tage und für große und hochgesteckte Ziele. Damals sah ich in Allem Harmonie, und Harmonie war in allen Dingen meines eigenen Wesens. Jede Naturschönheit riß mich zur Bewunderung hin für den Schöpfer und in die Saiten einer reichen Seele und eines weichen Gemüths schlagend, entlockte sie ihnen helle Tone. Noch war nichts verstimmt unter dem Hammer des Unglücks; nichts verbittert von tausendfacher Täuschung; nichts zertrümmert durch den Sturz von mühsam erklimmten Höhen; nichts in Unordnung gebracht durch dämonischer Gewalten grausames Spiel. Aus jeder neugeöffneten Pforte der Naturherrlichkeit rief mir die Stimme Gottes entgegen als religiöse Offenbarung, als ewige Weisheit. Mein Herz nahm ihre Lehren mit Andacht auf und mein Verstand stellte aus ihnen die Schatzkammer des Lebens zusammen. Glückliche Zeit! Wie auf Adlerflügeln erhob sich mein Geist in deinen Armen, gütige Natur, und zündete die Fackel an am Feuer des Himmels.
[44] Verlornes Paradies! Nicht mehr folgt meine Phantasie dem Kometenfluge, und die Tage starker Entschlüsse für das aufsteigende Leben sind vorüber. In den matten, langen, düstern Schatten der Abendsonne sitzen Mißmuth und Kummer. Am rauhen Pfade sprießt nur selten noch ein Blümchen, und zagend bringt der Blick in eine dunkle Zukunft. Nur ein Gedanke leuchtet beständig: „Jenseits der Mitternacht ist Morgenroth und jenseits des Grabes ist die Heimath.“ Gedanke – Funke des lebendigen Gottes – du wirst mich nicht verlassen.
Zu den Widersprüchen, deren mein Leben voll ist, gehört auch der, daß ich, dem die Wanderlust von frühester Jugend an als unwiderstehlicher Drang inne wohnte, in ältern Jahren recht geflissentlich darauf hinarbeite, mich mit unzerreißbaren Banden an die Schollen zu fesseln, auf denen ich lebte, und Alles, was ich von der Welt nicht in jüngern Jahren gesehen hatte, meinem leiblichen Auge für immer verschlossen blieb. Nur mit dem geistigen Blick darf ich mich noch umschauen auf Gottes Erde, und indem ich es thue, flackert die Liebe zum Schönen in der Natur oft in ihrer ganzen Stärke auf. Gesegnete Stunden, wo der Geist sich verjüngt und sich aufringt zum Vergessen seines Wehs!
Ov. Met.
Wer das eigentliche Hesperien (die Italia felix), das Göthe’s Lied besingt, kennen lernen will, muß von Neapel aus das 20 Miglien entfernte Vorgebirge Campanella, das Promontorium Minervae der Römer, besuchen. Als eine Halbinsel tritt es weit in’s Meer hinaus und scheidet den Meerbusen von Neapel von dem von Salerno. Auf drei Seiten vom Meere und auf der vierten von hohen Felsen umschlossen, bildet es ein natürliches Amphitheater, dessen Arena einige Miglien im Durchmesser hat und 20,000 Einwohner faßt, von denen 5000 in Sorrento und 15,000 in den Dörfern wohnen, welche die kleine Landschaft bedecken. Dieses, von unterirdischem Feuer, dessen Esse der Vesuv ist, erwärmte Plätzchen ist ein wahrer Treibgarten und das fruchtbarste Stück Italiens. Hier ist jede Felsnische ein Gärtchen, und jedes Eckchen, wo ein Korb voll Erde haften kann, pflegt die Menschenhand. Hier wiegt die schlanke, tropische Palme ihre hohe Blätterkrone in den Lüften und es prangt die Blüthenpyramide der Aloe in den Spalten des Gesteins; Myrthen und andere duftende Sträucher grünen und blühen immerdar und Wälder von Oliven wechseln mit Zitronen-, Orangen- und Weingärten ab, wozu die seltsam ausgezackten Kalkfelsen, die bald als Thürme, bald als Mauerzinnen, bald als Thiergestalten sich darstellen, [45] die Staffage bilden. Gewöhnlich wählen die Touristen von Neapel aus den Wasserweg nach Sorrento, und die täglich abfahrenden Barken bieten dazu immer Gelegenheit. Wer aber die kleine Fußreise von Kastellamare aus nicht scheut, wird sich tausendfach belohnt finden und sehen und bewundern, was unter Denen, welche jährlich Italien bereisen, den Meisten verborgen bleibt. Es scheint ein Paradoxon; aber es ist darum nicht weniger wahr: Italien, das am meisten bereiste Land der Erde, ist großentheils noch eine Terra incognita. Fast keine Beschreibung geht weiter, als zur Schilderung Dessen, was an den Heerstraßen liegt; eine Miglie darüber hinaus beginnt eine neue Welt. Unter Tausenden hat nicht Einer den Muth, sie zu erforschen. Fahrbare Straßen verbinden in Italien freilich nur die größeren Städte; die übrigen sind schlecht, die meisten sind bloße Saumpfade oder Fußwege, die Wirthshäuser abscheulich, und die Schreckensgeschichten von Räubern und Banditen werden zu Drachenhütern der verborgenen Schönheiten des Gebirgslandes. So kömmt es, daß die große Mehrzahl der Reisenden sich damit begnügt, die einladenden Formen der Bergketten, welche unter öfters wechselnden Namen die Heerstraßen, Wächtern gleich, umstellen, aus der Ferne zu bewundern, oder daß sie ihre Ausflüge auf wenige nahe gelegene Orte beschränken, zu denen gebahnte Wege führen und deren guter Ruf den Gedanken an persönliche Gefährde nicht aufkommen läßt.
Mit Hülfe der Eisenbahn von Neapel nach Kastellamare kann man die Tour nach Sorrento recht bequem in einem Tage machen. Von Kastellamare geht man zu Fuß, um sich des Schönen ganz zu erfreuen. Die Landschaft ist wirklich eine Reihe von Paradiesen, durch Schluchten und Felsmauern von einander geschieden. Die Haine der Orangen, Zitronen und Granaten beugen sich unter der Last ihrer Früchte, der Duft ihrer Blüthen erfüllt die Luft, und die Felsen sind mit dem üppigsten Grün bekleidet und geschmückt mit bunten Blumen. Bald starren sie empor als Pyramiden, bald als schlanke Obelisken; bald bilden sie Grotten, oder weite Zelte, ausgeschlagen mit farbigem Moos wie mit grünem oder violettem Sammet und goldenen Frangen. Auf jedem Vorsprung entzückt die Aussicht auf das Meer, auf den Golf von Neapel mit dem rauchenden oder flammenspeienden Vesuv, auf die lebenden und todten, die blühenden und begrabenen Städte an seinem Fuße. Zuweilen sind die Felsmassen hinabgerollt in’s Meer und bilden kleine Inselchen, um welche her Barken mit dem Fange von Springkrebsen und Schaalthieren beschäftigt sind, die sich in jener Spalten flüchteten.
Sorrento selbst prangt mit seinem Kastell gar schon auf hohen, von tiefen Schluchten zerrissenen Felsen. Das Städtchen ist ein Labyrinth von engen, unregelmäßigen Straßen, deren Häuser sich oft durch Arkaden, welche von einer Seite zur andern reichen, einander stützen. Die größern Räume in denselben sind zum bessern Schutz gegen die häufigen Erderschütterungen gewölbt und die Kirchen und andere Hauptgebäude durch dicke Strebepfeiler gestützt, die nichts desto weniger durch die Menge Spalten und Ritzen erkennen [46] lassen, wie unzuverlässig der Schutz ist, den diese Waffen gegen die Gewalten der unterirdischen Erdgeister gewähren.
Sorrento ist uralt. Viele Häuser stehen noch auf römischen Substruktionen. Außer einigen schönen Säulen, welche die Altäre von ein Paar Kirchen zieren, sind jedoch keine der Alterthümer sehenswerth. Die Stadt erlag schon im 5ten Jahrhundert der Zerstörungswuth der nordischen Völker und ward im 9ten Jahrhundert von den Sarazenen wiederholt verwüstet; auch die Erdbeben trugen dazu bei, sie ihres alterthümlichen Schmucks zu entkleiden. – Dauernder ist ihr Ruhm, ein Lieblingssitz der Musen zu seyn, die einen Kranz von Namen um Sorrento geflochten haben, der nie verwelken wird. Tasso, Petrark, Boccaz schrieben in Sorrento unsterbliche Werke; Salvator Rosa, Spagnoletto, Lanfranco und Caravaggio hatten daselbst Werkstätten; Domenichin und Guido Reni suchten hier, nachdem sie ermüdet den Pinsel niedergelegt hatten, ein Asyl am Busen der herrlichsten Natur. So ward Sorrento für Poesie und Kunst ein heiliger Ort, und manche Fackel ist hier angezündet worden, welche das Menschengeschlecht noch erfreuen, erwärmen und erleuchten wird in späten, kommenden Zeiten. –