Dresdner Leben um 1804
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Moritz Schelcher, der 1795 als Sohn eines Zeichenmeisters in Dresden geboren war und 1863 als vormaliger Gutsbesitzer hier starb, schreibt in seinen 1856 aufgesetzten Lebenserinnerungen (handschriftlich im Besitze des Herrn Geheimen Rates Dr. Walter Schelcher) über das Dresdner Leben zur Zeit seiner Kindheit u. a. folgendes:
Zunächst gab es in Dresden drei Wachtparaden. Früh 9 Uhr von 60 bis 80 Mann von den Gardeducorps zu Pferde vor dem Königlichen Schlosse an der katholischen Kirche. Gleich darauf von der alten Schweizergarde am Taschenberge. Um 11 Uhr war dann die große Infanterie-Wachtparade auf dem Jüdenhofe vor der alten Bildergalerie mit Fahnen und großer Musik. Mein seliger Vater versäumte keinen Tag dort zu erscheinen; es war der Sammelplatz aller Neuigkeiten, die Erholungsstunde, wo nur Luft, nicht wie jetzt bayrisches Bier geschluckt wurde.
Die Schloßgasse wimmelte zu jeder Tagesstunde von prachtvollen Uniformen der Garderegimenter, von [128] Prachtequipagen mit Läufern in reich mit Silber- und Goldtressen besetzten Livreen in allen Farben, von feinen Damentoiletten. Es gehörten diese Spaziergänge nur der ganz feinen Welt an, sie erstreckten sich täglich von der Schloßstraße über die Brücke, die Allee auf und ab und so zurück. Am Eingange der Allee stand eine grüne Bude, einige Salons enthaltend, worinnen eine Konditorei befindlich. Diese war der Sammelplatz der hohen, feinen Welt; bei schönem Wetter standen Tische und Stühle bis auf die halbe Allee, nur von Offizieren, Gesandten, Adel und den feinsten Damen besetzt. Die Bänke in den Brückenpfeilern waren bei schönen Abenden vollständig besetzt von der zweiten Klasse der feinen Welt, höchstens, aber selten, von einer ehrbaren Bürgersfrau mit ihren Töchtern. In der Tat bot eine Promenade vom alten Schwarzen, später Bautzner Tore über die Allee, Brücke, Schloßstraße bis nach dem Alten Markte, wo alle Gruppen ihren Ausgang fanden, den interessantesten Genuß.
Zu jener Zeit gab es nur drei Hotels in Dresden. Das erste, wo nur regierende Häupter, Fürsten, Grafen, hoher Adel logierten, war das Hotel de Pologne, das zweite der Goldne Engel, das dritte der Goldne Helm, jetzt Hotel de France. Hotel de Saxe gehörte, wie Stadt Berlin, damals der Lüneburgsche Gasthof, die Goldne Krone neben British Hotel, nur zu den Gasthäusern zweiten, sogar dritten Ranges, während in der Scheffelgasse noch das große und das kleine Rauchhaus dritten Ranges sehr frequentiert waren. Sonst gab es nur Herbergen und ganz kleine Gasthäuser für Ausspannungen im Innern der Stadt, dagegen ein großartiges, Schwarzens Kostehaus in der Schloßgasse, welches von früh bis zum anderen Morgen gestopft voll von Militär, Adel und feiner Herrenwelt war. Dann spielten die Italiener Longo, Sala, Pusinelli usw. große Rollen, machten enorme Geschäfte, ebenso einige Konditoreien, Engelhardts, Orlandi, sowie Schokoladenstuben. An Bierstuben in Töpfchen (!), wie jetzt, war nicht zu denken; es existierten die feineren für Beamte, Advokaten und dergleichen Stände nur im Konsistorio in der Schloßgasse, dann im alten Kriegskollegium, wo jetzt die Hofapotheke ist, im Finanzkollegium, im Prinzenpalais bei den Hausmännern, die fremde z. B. Reibersdorfer, Flöhaer, Reinsberger Biere zu verzapfen ein ausschließliches Recht hatten. Diese Stuben erhielten sich fort bis 1831, wo die Konstitution und Städteordnung es aufhob. Aber alle diese Orte, die ich von 1816 an auch mit besuchte, waren höchst angenehm hinsichtlich der Gesellschaft, ebenso im Landhause und im Schlosse bei den Hausmännern. Sonst existierte in jedem Brauhause eine viel besuchte Bierstube.
Die Vorstädte und die Friedrichstadt waren abgelegen und leblos, die Neustadt außer der Allee tot in allen Straßen, nur die Meißner Gasse war wegen der Leipziger Poststraße viel belebt. In der Kaserne lag nur eine Kompagnie Artillerie, sonst lauter alte Weiber und alte Jungfrauen, die als Pensionärinnen freie Wohnungen hatten; es glich dort einem Kloster, dagegen war der Jägerhof erstaunlich lebhaft, weil zu jener Zeit die Jägerei eine große Rolle spielte und der Kurfürst jeden Mittwoch und Sonnabend auf die gewöhnlichen Jagden nach Moritzburg, Fischhaus usw. fuhr, außer den vielen großen Jagden, die im Lande bis Thüringen abgehalten wurden.
Die Antonstadt existierte damals nicht, dieser Teil hieß der Neue Anbau. Es standen nur kleine Häuser mit Gärtchen vereinzelt bis an das Linckesche Bad, dann ging der Wald schon an. Zwei bedeutende Gasthäuser, der Löwe und die Drei Linden, hatten enormen Fracht- und Meßverkehr; zu jener Zeit kamen ganze Reihen kleiner Holzleiterwagen, mit polnischen Juden besetzt, von Polen zur Messe, die alle dort rasteten. Dann existierte Kammerdieners und die Grüne Tanne auf der Königsbrücker Straße, sonst wenig Kneipen. Der Anstrich des neuen Anbaues war gemütlich und ländlich, Altbodens und die Brezel, beide Biergärten, waren die famosen, von den Dresdner Bürgern viel besuchten Sauerbratenorte.
Um Dresden herum galten Strehlen und Löbtau, weil man dort und auf dem Türmchen, der Spiegelschleife, der Sorge Dorfbier bekam, als Hauptvergnügungsorte für die gewöhnliche Klasse der Bewohner. Mit 15 Pfennig lebte man dort auskömmlich, eine Kanne Bier 6 Pfennig und 9 Pfennig für Brot, Butter, Käse. Das Rote Haus vor Strehlen, der Große Garten beim Fasanenwärter, jetzt Große Wirtschaft, ingleichen Hofgärtners, sowie auch Reisewitzens Garten und das Forsthaus gehörten den höheren Ständen, nur das alte Feldschlößchen wurde mehr von gemischtem Publikum besucht.