Löwen in Dresden 1568

Zur Geschichte des George Bähr-Hauses Löwen in Dresden 1568 (1910) von Oswald Artur Hecker
Erschienen in: Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912)
Dresdner Leben um 1804
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Löwen in Dresden 1568.
Von Dr. phil. O. A. Hecker.

Der ehemalige Privatsekretär des Kurfürsten Moritz, Joachim Faust, hat uns in einem umfangreichen Aktenbündel viele wertvolle Zeugnisse über seine Tätigkeit aufbewahrt, die dann später nach seinem Tode wegen ihrer Wichtigkeit vom Staate beschlagnahmt worden sind[1]. Neben dem vielen politisch Wichtigen findet sich in dieser Hinterlassenschaft auch eine große Menge kulturgeschichtlicher Dokumente. Mancher bekannte Name der Zeit taucht da in ganz anderem Zusammenhange auf, als wir ihn zu sehen gewohnt sind – Hieronymus Lotter z. B., der berühmte Erbauer des Leipziger Rathauses, zeigt sich hier in der Eigenschaft als praktischer Weinhändler – aber gelegentlich kann man hier vor allem auch einen Blick tun in das alltägliche Getriebe der großen Menge, von dem uns sonst keine Kunde in Sage und Geschichte klingt. Joachim Faust scheint sich in den fünfziger Jahren des 16. Jahrhunderts in Dresden vielfach – ob des Verdienstes wegen bleibe dahingestellt – mit der Briefstellerei für den kleinen Mann, der des Schreibens selbst unkundig war, befaßt zu haben, und da zieht nun wohl meist dessen Not und Sorge in seinen Episteln an uns vorüber, aber wir begegnen doch auch gelegentlich anderen Äußerungen ihres Empfindens, z. B. einem rührenden Pflichteifer um das übertragene Amt, wenn es andern auch noch so überflüssig scheinen mochte. Im folgenden gebe ich zwei solcher Briefe wieder, die Faust für den Löwenwärter des Kurfürsten August entworfen hat und die dessen Fürsorge um die ihm anvertrauten Tiere gegenüber der Gleichgültigkeit des Kurfürsten treulich widerspiegeln. Sie reden in ihrer Einfachheit eine so selbstverständliche Sprache, daß sie wohl keines weiteren Kommentars bedürfen:

I. An den Kurfürsten; ohne Ort, undatiert. Gnedigster furst und herr.

Nachdeme E. kf. G. einen jungen lowen und eine junge lobin anhero geschick und darbei mir, dieselben anzunemen, gnedigst haben schreiben lassen und begert, daß ich denen, so dieselben anher bracht, um die wartung, was ihnen teglichen zu geben von noten, auch der forigen baider, dem großen lowen und lowin, zur notturft geraichet werden, befragen sollte, darmit ihnen nicht uberfluß vorgeworfen und von dem vorigen lewenwarter vielleicht zu seinem vorteil vergeben sein mochte etc., habe ich in aller untertenigkeit entpfangen, verlesen und dem zu untertenigster folge mich alsbalde mit demselbigen lewenwarter nach aller notturft unterredet und von ihme vernommen, nachdem sein herr der landgraf [127] zu Hessen auch ein paar alter lewen hat, derer warter derselbige, so die jungen anhere bracht, sei, daß alle tage zwanzig pfund schepfes oder kalbfleisch beiden uf zweimal des tages als des morgens um 9 ohr, des abends aber um 5 ohr das fleisch, und alle gebet eine stunde hernacher das trinken geben wird, welcher gestalt dan E. kf. G. lauen alhie mit wartung der speise und trinkens auch geschicht. Demnach aber der landgraf, daß es teglichen uf einen lawen zuviel, gedaucht und den lawenwarter derhalben beredet und aber der warter untertenigst gegenbericht vorbracht, daß solche 20 pfund von einem, sonderlichen aber vom lauen uf einen tag, so mans ihme gebe, ufgefressen wurde, hat S. f. G. sich gemusiget, selbs dabei zu sein, da man das fleisch ihnen vorgeworfen, und habens S. f. G., daß es also, wie der lauenwarter gesagt, ergangen selbs gesehen. Den jungen aber, weil sie noch klein, gib man ein desselbigen fleisches vier pfund des tages. Dieweil aber die junge lowin krank anherbracht, wie solches E. kf. G. cammersecretarius Johann Jhennitz[2] gesehen, daß sie mit den hinterfußen nicht wol furtgekonnt, ist sie gestorben. Ich habe aber, vor E. kf. G. mit untertenigstem zucht zu schreiben, den abdecker holen und daß es alsbald in mein beisein ufhauen lassen. Da man gesehen, daß die lunge und leber ganz und gar zufaren, auch ums herz ein nesterlein herum gewesen und der meister gesagt, daß sie der gebresten halben zu leben nicht gemugt. Ich habe zu obgemelten E. kf. G. secretarien geschickt, ihnen bitten lassen, sich nicht zu beschweren und herab zu kommen, weil er aber gleich in der ratstuben gewesen, haben ihnen andere E. kf. G. geschefte daran verhindert, das alles E. kf. G., darmit dieselbige, daß es an der wartung, wie vor augen, kein mangel sei, auch wes ich uf mein fleißiges nachfragen vom hessischen lowenwarter berichtet, gnedigs ansehen wegen, in allem untertenigsten gehorsam, derer ich mit leib und gut zu dinen beflissen, unangezeigt nicht habe lassen wollen.

II. An die Kurfürstin.

Durchlauchtigste hochgeborne kurfurstin und frau[3], E. kf. G. sint meine untertenige gehorsame dinst mit hochstem fleiß zuvorn bereit. Gn. kf. und frau, E. kf. G. kann ich alles gehorsams unangezeigt nicht lassen, daß E. kf. G. zuvorn vermelt mit ubergebung einer kleinen supplicacion, die lauen belangend, daß der an drei junge wieder wurden, und ir also neune zusammenkommen und aber uf die drei junge kein fleisch geben wird. Weil aber an dem fleisch, so uf die sechs alten lauen geordent und teglichen einen gulden austregt, die sechs alten lauen nirget genuge haben, die drei junge davon auch erhalten werden mussen und kf. Durchläuchtigkeit, mein gn. kf. u. herr, darauf teglichen mehr nicht zu verordenen lassen gn. bedacht, wurden die lauen verderben. Und nachdem die drei jungsten leuen fornen im hoflein, da der lebenwarter aus und eingehen muß, aus ursachen, wann man die zu den elter leuen tet, von ihnen zerrissen werden mechten, itzo in verwahrung sind, so ist doch der besorg, dieweil die lauen so wachsen, daß sie einsten den lauenwarter durch ergrimmung zureißen mechten, und das gewelbe, darinnen die ersten lauen, ehe das lauenhaus gebauet wurden, noch vorhanden und gar an dem itzigen lauenhause gelegen, das nur an einem holzenen stackeit oder gitter mangelt, konnten die leuen darein gebracht und ohne [zerstört] oder schadentuung jemandes dorin [zerstört, vielleicht: verwahrt] werden. Derwegen ich Peter Gehanzen (!) den zimmermann, daß solch gegitter zu vorkommung schadens zu machen hoch vonnoten angezeiget. Der bericht mich, daß heut von hochgedachten m. g. kf. u. herrn, allen bau zu tun, ganz vulgar inen zu halten, befelich kommen sei, habe E. kf. G. aus untertenigster pflicht ich unangezeit nicht lassen wollen, gehorsamster bitt, wes E. kf. G. weiters hirein getan haben wellen, mich des genedigs zu berichten. Dat. Dresden, Montags den 19. juli ao. 68.


  1. Hauptstaatsarchiv, Loc. 9667. Etliche Herzog Moritzen zu Sachsen alte gemeine Landhendel Bl. 316 ff.
  2. Hans Jenitz, der bekannte Geheimsekretär erst des Kurfürsten Moritz, dann nach seinem Tode auch seines Bruders, des Kurfürsten August.
  3. Die Kurfürstin ist die bekannte Mutter Anna.