Gräfenberg in Schlesien

Blick auf Hudson und die Catskill-Berge Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band (1860) von Friedrich Hofmann
Gräfenberg in Schlesien
Die Niagarafälle
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GRAEFENBERG
in Schlesien.

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Gräfenberg in Schlesien.




Das war ein segenbringender Rippenbruch! Ich glaube, wenn fünfzig Doktoren der Philosophie ihre Köpfe zusammensteckten, um der Welt einmal eine Wohlthat zu ersinnen, sie brächten nicht den hundertsten Theil von dem zu Stande, was jener schlichte Bauer mit seiner gebrochenen Rippe der Menschheit Gutes leistete. Wer die Geschichte nicht kennt, dem ist sie bald erzählt:

Vor einigen Jahrzehnten lebte in einem Gebirgsdorf Schlesiens ein junger Landmann, ein schlichter, fleißiger Mensch, still mit der Bewirthschaftung seines Gütchens beschäftigt. Dem begegnete das Unglück, unter die Räder seines Wagens zu gerathen und darob mehre Rippen einzubüßen. Lange schleppte sich der Mann mit seiner Wunde, die Genesung wollte nicht von Statten gehen. Da kam er auf den Gedanken, kaltes Wasser, das krystallrein aus vielen Quellen in der Umgegend sprudelte, als Heilmittel anzuwenden. Sieh da, es bekam ihm, und indem er beharrlich seine Kur fortsetzte, sah er sich bald hergestellt und fühlte sich kräftiger und lebensfrischer denn zuvor. Sinnig und nachdenkend von Natur, hielt er es fortan dankbar mit dem Wasser und begann die Heilkraft desselben auch an andern Personen zu erproben, immer mit gleich günstigem Erfolg. Bald erzählte man sich weit und breit von der wunderbaren Kunst des Mannes, und von allen Seiten kamen Kranke und Leidende herbei, um durch seine Hülfe zu genesen. Nach den Erfahrungen, die er bei seinen Kuren machte, bildete er sich ein System über die verschiedenartige Anwendung des Wassers in den verschiedenen Krankheitszuständen, legte Douchen, Wellen- und Sturzbäder an, errichtete endlich, als es an Platz gebrach für die zu beherbergenden Gäste, ein stattliches Kurgebäude und entfaltete nun, ausschließlich seinem Unternehmen sich widmend, eine großartige Thätigkeit viele Jahre lang. Seine Erfolge waren glänzend, und bald erscholl der Ruf der jungen Anstalt über ganz Europa. Aus allen Ländern strömten Hülfesuchende herbei, und Tausende. die elend gekommen waren, verließen gesund und froh den stillen anmuthigen Gebirgsort, mit dankbarer Pietät das Andenken des Mannes im Herzen hegend, dem sie die Herstellung ihrer Gesundheit und die Wiedererlangung der Freude am Leben verdankten. Wer war der seltene Mann, der so Großartiges in’s Leben rief? Er hieß Vinzenz Prießnitz, und das [96] Dorf, das er zum segenspendenden Wallfahrtsort erhob, ist Gräfenberg in Oesterreichisch-Schlesien, die erste und berühmteste Kaltwasserheilanstalt und Mutter von hundert gleichen und ähnlichen in allen Ländern der Erde.

Prießnitz war kein „Studirter“, er wußte nichts von System und Schule; er war ein Mann von klarem gesunden Verstand und energischem Handeln. Für den Sitz der Krankheiten hielt er unreine Säfte, falsch gemischtes Blut und dergl., und die Basis seiner Behandlung bildete die Naturheilkraft. Er suchte die Lungen zu kräftigen durch Bewegung in frischer Gebirgsluft, die Verdauung durch gesunde Nahrung unter Vermeidung aller Gewürze, Spirituosen etc., die Haut durch Schweiß und Kälte. Das sind die Grundzüge seiner Methode, und mit diesen einfachen Mitteln, konsequent und richtig angewendet, erzielte er seine großen und staunenswerthen Erfolge. – Wie es in Deutschland zu geschehen pflegt, wo man so gern schwärmt: man gerieth über die Kuren Prießnitz’ zunächst in einen Taumel, in eine wahre Kaltwassermanie. Man überstürzte sich, man pries laut das kalte Wasser als ein Universalheilmittel, ja Prießnitz selbst, von seinen eigenen Erfolgen geblendet, dehnte den Kreis seiner Wirksamkeit manchmal zu weit aus und blieb daher in einzelnen Fällen nicht frei von ungünstigen Ergebnissen seines Verfahrens. Dem Rausch folgte sodann eine eben so weit gehende Ernüchterung. Man trat gegen die neue Kurmethode auf, verdächtigte, verlachte sie und suchte sie in Mißkredit zu bringen, ohne daß man jedoch das Wahre und Gute an ihr zu unterdrücken vermochte. Die Wasserheilkunde hat sich seitdem auf die Grenzen beschränkt, die ihrer Wirksamkeit von der Erfahrung gezogen sind; aber innerhalb dieser Grenzen wird sie, immer mehr geläutert durch neue Erfahrungen und unterstützt durch wissenschaftliche Forschungen, als eine unschätzbare Bereicherung unsers Heilschatzes sich behaupten und der Name Prießnitz wird in der Geschichte der Wissenschaft unsterblich sein.

Die Kolonie Gräfenberg liegt, 1900 Fuß hoch, an einem gleichnamigen Berge, unfern von Freiwaldau, dessen weites Thal einen der reizendsten Punkte der Sudeten bildet. In der Umgegend erheben sich die stattlichen Häupter des Gebirgs, die Goldkoppe, die Nesselkoppe, der doppelgipfelige Gräfenberg und (hinter den auf dem Bilde dargestellten Kurgebäuden) der Hirschbadkamm. Mehre derselben reichen mit ihrem Scheitel bereits in die kalten Regionen, wo der Baumwuchs aufhört und das Moos beginnt, aber alle sind auf zweckmäßig angelegten Waldwegen leicht zu ersteigen und belohnen die Mühe durch prächtige und großartige Fernsichten. – In der Nähe der Kolonie steht das kleine im gothischen Styl ausgeführte Mausoleum von Prießnitz, der im Herbst 1851 hier starb. Die Leitung der Anstalt führt seitdem sein Sohn.