Die Niagarafälle

Gräfenberg in Schlesien Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band (1860) von Friedrich Hofmann
Die Niagarafälle
Der Drachenfels am Rhein
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NIAGARA FALL
(ALLGEMEINE ANSICHT VOM CLIFTON HOUSE)

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NIAGARA-FALL
(HORSESHOE-FALL)

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TABLE ROCK
AM NIAGARA-FALL.

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DIE SCHNELLEN DES NIAGARA

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Die Niagarafälle.




Wie die Alpen und das Meer, die Sahara und der Nil mit seinen Pyramiden, so gehört auch der große Katarakt Nordamerika’s – der Niagara, d. h. „Donner der Gewässer“, wie ihn die rothen Menschen tauften, die einst an seinen Ufern wandelten – zu den typischen Bildern der Größe und Erhabenheit, und wie sich in den kalten, starren und schweigenden Alpen in gewissem Sinne der stabile Charakter der alten Welt ausspricht, so bildet der Niagarafall, das majestätische Symbol der Bewegung, des nie rastenden Lebens und des widerstandlosen Fortschritts im Naturgemälde Amerika’s einen vor allen andern charakteristischen Zug.

Weit, über alle Welt erstreckt sich des Niagara Ruhm. Ihn nennt der Knabe, wenn er das Gewaltigste bezeichnen will, von dem er gelesen und gehört hat und an dessen Vorstellung seine Phantasie erlahmt; – und wenn des Jünglings Gedanken bei den Herrlichkeiten der Natur verweilen, dann steht der Niagara vor seinem Geiste, von geheimnißvollem Zauber umflossen, und weckt in ihm die Sehnsucht nach den Weiten der Welt. Für Hunderttausende ist sein Anblick ein Ziel ihrer Wünsche, und ungeheuer ist auch der Strom von Pilgern, der nach diesem Wallfahrtsorte alljährlich sich ergießt. Aus allen Theilen der alten wie der neuen Welt kommen sie heran, Tausende und aber Tausende, deren einzige Hoffnung und einziges Interesse der Niagara ist. Gedrängt sitzen sie in den Waggons der Eisenbahn, die von Buffalo nach den Fällen führt, alle in ahnungsvoller Stimmung und mit gespannter Erwartung dem langersehnten großartigen Schauspiel entgegenharrend. Die Vorstellung desselben absorbirt alle andern Sorgen und Interessen. Näher und näher kommt man dem Ort. Die Unterhaltung stockt; man lauscht und lugt in die Ferne. Allmählig läßt sich ein dumpfer Donner vernehmen, wie bei uns an Sommerabenden, wenn am fernen Horizont ein Gewitter aufsteigt. Alles schweigt, selbst der nie rastende Yankee setzt hier seiner Geschäftigkeit eine Pause. Jetzt erscheint eine Art Nebelsäule, gleich stehenden wirbelnden Wolken. [98] „Das sind die Fälle!“ heißt’s und alle Hälse recken sich darnach aus. Inzwischen wird das Donnern von Minute zu Minute gewaltiger. Endlich ist das Ziel erreicht, die Wagen halten. Man springt heraus und, eilt, Alles vergessend, zu den Fällen. So stehen in den Sommermonaten Tag für Tag die Schaaren der Neuangekommenen den Wundern dieser Wasserwelt gegenüber, befangen und halbbetäubt hineinstarrend in das unendliche Wogen, Stürzen, Donnern, Lichtglänzen und Wolkenwirbeln, das ganze lebensvolle, Geist und Seele durchdringende Schauspiel, bis man sich allgemach vom ersten Eindruck gesättigt fühlt und nun nach einem Unterkommen sucht in einem der zahlreichen Hotels, die den Niagara umstehen, um nach einiger Erholung die einzelnen Theile des gewaltigen Ganzen mit Muße zu betrachten.

Die Fälle des Niagara sind in ihrer jetzigen Gestalt das allmählige Werk von Jahrtausenden. Die ganze ungeheure Wassermasse, welche sich im Nordwesten der neuen Welt in tausend Flüssen und Seen ansammelt, findet sich zuletzt im Oberen See vereinigt, geht von da durch tiefe Durchlässe in den Huronsee, aus diesem in den Erie- und Ontariosee und ergießt sich endlich im St. Lorenzostrom in den Ocean. Wie jeder dieser Seen etwas tiefer liegt als der vorige, so steht auch der Wasserspiegel des Ontario 330 Fuß unter dem des Eriesee. Der Kanal, welcher beide Seen verbindet, ist der etwa 30 engl. Meilen lange Niagarastrom. Ruhig fließt er anfangs in seinem Kalksteinbette durch die ebene, mit dichtem Wald besetzte Gegend dahin, bis etwa in der Mitte seines Wegs die Ebene sich gegen den Ontariosee hin neigt und dadurch der Lauf des Stromes merklich beschleunigt wird. Diese Neigung der Ebene zieht sich wohl 7 Meilen lang fort, dann senkt sich mit einem Male das Terrain mehre hundert Fuß tief, in einer Ausdehnung von vielen Meilen, quer über den Strom hin. Auf der Kante dieser Absenkung starren hie und da Felsbänke zu Tage, deren Linie man diesseits und jenseits des Flusses weithin verfolgen kann. Durch dieses Riff mußte nun in der Urvorzeit der Niagara hindurch, und dann den kühnen Satz in die Tiefe machen, mit dem er den größten Theil der Höhe, um welche der Ontario tiefer liegt als der Eriesee, auf einmal hinabsprang. Gegenwärtig ist sein Ansehn verändert. Das ganze Bett und die Ufer des Flusses bestehen nämlich aus klüftigem Kalkstein, unter welchem Schichten weichen Schiefers liegen. Indem nun das Wasser in alle Fugen und Spalten der Kalksteinschichten eindrang und deren weichere Grundlage, den Schiefer, lockerte und losspülte; indem die zurückprallenden Wogen und die in ihnen treibenden Baumstämme unten mit ungeheurer unablässiger Gewalt an die Felsen, an denen sie herabgestürzt waren, anschlugen: wurde erst der unten liegende Schiefer, dann eine Lage Kalkstein nach der andern unterwühlt, losgebrochen, herabgestürzt, zertrümmert und aufgelöst, und der Wasserfall rückte immer weiter nach dem Eriesee hinauf. Auf diese Weise entstand allmählig das jetzige Tiefthal, das von jener Absenkung des Bodens bis zum nunmehrigen Ort der Fälle in einer Länge von 7 Meilen in dern felsigen Grund eingerissen ist, auf dessen Boden nun der Strom niederbraust.

[99] Der ganze Katarakt wird durch eine kleine waldige Felseninsel, die sich aus dem Strom unmittelbar bei seinem Falle erhebt und Goat-Island (Ziegeninsel) heißt, in zwei ungleiche Hälften getheilt. Der stärkere Strom ist der auf der Canadaseite. Tobend und schäumend schießt das Wasser auf der geneigten Fläche vorwärts und fällt endlich, am Ende der Insel, 160 Fuß tief in einen Felsenkessel nieder, dessen weites Halbrund von einem Ende zum andern 1600 Fuß mißt. Dies ist der große canadische oder Hufeisenfall (Horseshoefall). Auf der amerikanischen Seite hat sich der Strom in mehre Arme getheilt, die brausend und pfeilschnell um und durch die Insel eilen, und zuletzt nahe bei einander von gleicher Höhe herabstürzen. Mit dem Hauptstrom fallen sie jedoch nicht in gleicher Linie, sondern in einem fast rechten Winkel und kehren so ihre ganze Breitseite von 800 Fuß dem jenseitigen Ufer zu. Die Breite der Insel zwischen beiden Fällen beträgt 1500 Fuß, so daß man vom äußersten Ende des amerikanischen Falles bis zum Ende des Hufeisenfalles eine weitgekrümmte Linie von ungefähr 4000 Fuß mißt.

Der Totaleindruck, den die Niagarafälle, von einem geeigneten Punkte aus betrachtet – wir wählen Cliftonhouse, ein großes Hotel auf der Canadaseite, dem „großen Falle“ gerade gegenüber – machen, ist der der Grandiosität, verbunden mit einer unbeschreiblichen Lieblichkeit, die trotz aller Gewalt und donnernden Größe den vollen Zauber der Schönheit über das Ganze verbreitet. Mit unglaublicher Hast sieht man das Wasser heranschießen; dem Sturze nah sammelt es sich in einen einzigen festen Strom; auf der Kante scheint es zu stocken, als zaudere es, den Sprung zu wagen; dann senkt es sich mit stolzer Majestät und doch mit einer unendlich anmuthigen Bewegung steil hinunter in die Tiefe. So hat die Natur wie überall über ihre gewaltigsten Gebilde, über die Gletscher am Alpenjoch, über die Bergriesen der Jungfrau und des Montblanc, auch über den ungeheuern Sturz des Niagara noch ein Lächeln ihrer Anmuth gegossen, und je länger man in seiner Nähe weilt, um so gewisser zieht mit dem Gefühl des Feierlichen und Erhabenen, daß den Beschauer nie verläßt, ein heiterer Friede, eine poetisch-frohe Stimmung in die Seele.

Ueberraschend ist die Leichtigkeit, mit welcher man allen Theilen des Niagarafalles sich nähern kann. Sonst sind Gegenstände übermäßiger Größe und Erhabenheit in der Natur so oft in unnahbare Abgeschiedenheit gerückt oder nur mit Anstrengung und Gefahr ist ihnen beizukommen. Wohl haben Menschen auf dem Gipfel des Montblanc gestanden, aber es war die Heldenthat kühnen Wagnisses und unsäglicher Anstrengung und kann nie Sache der Alltäglichkeit werden. Der Niagara dagegen ist bei aller Ungeheuerlichkeit zugänglich wie der Bach, der durch unsern Garten fließt; von allen Seiten, in der Höhe wie in der Tiefe, kann man ihm nahen; ja selbst unter dem Wasser gestattet er Zutritt. Daher die vielen reichen Einzelpartien, in die das Gebiet seiner Katarakte zerfällt, und die mehre Tage zu einem auch nur flüchtigen Genuß erfordern. Den vornehmsten derselben [100] wollen wir hier unsern Besuch abstatten. Im Allgemeinen hat die amerikanische Seite der Fälle mehr Abwechselung und Mannichfaltigkeit, dagegen bietet die englische einen obgleich immer gleichmäßigern, doch auch immer gleich erhabenen Anblick. Man sieht von hier aus die Fälle stets in ihrer vollen Breite, während sie sich drüben, auf dem jenseitigen Ufer, sei es oben oder unten, immer nur von der Seite dem Beobachter darstellen.

Wir verlassen Cliftonhouse und folgen einem steilen Pfad hinab zum Strom unterhalb der Fälle. Ein Dampfer führt von hier zum andern Ufer. Wir ziehen jedoch vor, uns eine gute Strecke unterhalb des Falles in einem kleinen Boote in die auch da noch vielbewegten Wellen zu wagen. Wie eine Nußschale wird unser Fährniß in dem brodelnden Kessel hin und hergeschleudert, jeden Augenblick droht das wilde Element uns zu verschlingen oder an die Uferfelsen zu schleudern. Aber furchtlos halten wir das Steuerruder fest und gelangen glücklich in des Stromes Mitte. Hier, tief zu den Füßen der Fälle, von den Wogen geschaukelt, stellt sich uns das ganze Landschaftsbild in erschreckender Größe dar. Wir befinden uns in einem tiefen Felsenthal, zu beiden Seiten zerklüftete Felswände von 160 Fuß Höhe, vor uns der große Hufeisenfall. Rechts an der englischen Seite starrt das nackte finstere Gestein; diesem links gegenüber, auf Amerika’s Seite, ist die Felswand wie mit einem breiten weißen Schleier durch den andern Fall verhangen, der, näher betrachtet, sich noch in verschiedene Ströme dicht neben einander zertheilt. Zwischen diesem und dem Hufeisenfall, dessen glänzende Wasserfluthen wie von der Hochebene eines Gebirgs herabströmen, sieht man die vordere Seite der grünbewaldeten Ziegeninsel, an deren äußerstem Ende nach dem großen Falle zu, mitten im Wasser, jedoch durch eine Brücke mit der Insel verbunden, ein steinerner Thurm sich erhebt. Hoch auf beiden Ufern erblickt man nichts als Waldesgrün, aus dem Gasthöfe, Mühlen, Landhäuser und hundert andere Gebäude wie weiße Thürme auf Berges Höhe emporragen. Der amerikanische Fall links prasselt auf gewaltige Felsblöcke herab; der große Hufeisenfall dagegen scheint in eine tiefe Kluft hinein zu stürzen. Zwischen beiden und von einem Ufer zum andern schäumt und brodelt die wildeste Fluth, und dicht vor den Fällen wogt und rollt hin und her ein Wolkenknäuel, der oben in der Luft wie durchsichtiger grauer Dunst, unten über dem kochenden, Schaummassen aufschleudernden Wasser wie dichtgeballter hellweißer Nebel erscheint. Und über all den schäumenden, tobenden, brausenden, zischenden und gischenden Wogen schwebt, wie ein Zeichen des Friedens, ein weit geschwungener Regenbogen; jede Sekunde droht ihn der Wolkendunst aufzulösen und vermag ihn doch nur feuriger anzufachen. – Auch ein niedlicher Dampfer fährt den Strom hinauf bis nahe an die Fälle hinan und die Fahrt auf demselben gewährt denselben Genuß. Nur dringt man noch weiter vor in den Nebeldunst und Wellenschwall und sieht sich zuletzt in Wolken, Wasser und Wogengebrüll ganz verloren. Wenn dann ein Windstoß die Nebelwolken zertheilt, dann sieht man auf einen Moment die glänzende Mähne des Niagara hoch oben schimmern – ein wunderbarer Anblick!

[101] Wir kehren an’s Ufer zurück und erklimmen die Höhe wieder. Dort ragt, dicht vor dem Hufeisenfall, der Tafelfelsen (Table rock), der die prächtigste Ansicht des Katarakts von oben gewährt. Er ist 115 Fuß hoch und ragt mit seinem obern Theile frei in die Luft hinein; nach unten ist er vom Wasser zu einer tiefen Höhlung ausgebrochen und ausgewaschen, über der sich von Zeit zu Zeit Blöcke los lösen und in den Abgrund stürzen. Der Gipfel des Felsen ist glatt wie eine Tafel, und der Blick von da in die Tiefe des Wasserfalls, mitten hinein in die gleitenden, schießenden, stürzenden Wogen, einzig. Dunkelgrün erscheint oben das Wasser und die Sonne spiegelt sich hell in dem steilen Katarakt; etwas tiefer ziehen weiße Schaumstreifen hin und her; unten ist Alles schimmernd weiß, zersplittert in Millionen von Güssen und Tropfen, während den Fuß des Wogensturzes, ewig über- und durcheinander sich wälzend, die weißen Schaumwolken umhüllen. Schaut man über den Fall hinweg nach seinem andern Ende, wo der Thurm steht, so erscheinen auf diesem die Leute auffallend klein und man erkennt daran erst recht, welche ungeheure Wassermasse sich dazwischen hinwälzt und wie hier, gleich wie in den Alpen oder auch in der Peterskirche, alle Höhen und Entfernungen das Auge so unglaublich täuschen. Dies ist wohl ein Grund, weshalb Manche, die mit einer fertigen Vorstellung zum Niagara kommen, beim ersten Anblick seiner Fälle, sich getäuscht finden und erst nach genauerer Betrachtung das Wunder an gewaltiger Macht und eigenthümlicher Schönheit, an welche keine Vorstellung hinanreicht, sich ihnen enthüllt.

Wir dürfen die canadische Seite nicht verlassen, ohne noch einen Gang zu thun – vielleicht den fabelhaftesten, den man auf unserm Erdball machen kann: – die Fahrt hinter den großen Fall. Der Felsen, an dem das Wasser nieder fällt, neigt sich nämlich, wie der Tafelfelsen, etwas über, und da die ganze Wassermasse in einem festgeschlossenen dichten Strom steil niederstürzt, so bleibt unten zwischen dieser und der innern Felswand ein Zwischenraum, in den man, bei gesunden Nerven und guten Augen, mit einiger Vorsicht recht wohl eindringen kann. „Man wird dazu“, erzählt ein Reisender, der diesen eigenthümlichen Gang wagte, „in einem Hause oben auf der Canadaseite ausgerüstet, indem man alle Kleidung sammt Hemd und Schuhzeug ablegt und ölgetränkte Jacken und Beinkleider anzieht. Auf einer Wendeltreppe steigt man aus dem Hause zum Strom herunter und klettert dann mühsam über und durch die Felsblöcke, zwischen Gestein und kochendem Wasser, dem Führer nach. Es kommen aber bald so viele Sturzbäder von oben herab, daß man am ganzen Leibe trieft, und ich fand es bequem, mich des widerwärtigen Matrosenanzugs ganz zu entledigen; nur die groben Filzpantoffeln zog ich wieder an, weil das Gestein unter den Füßen zu scharf war. Die Wasserstürze kamen immer stärker und bald befanden wir uns ganz hinter dem Wasserschleier. Dieser läßt nur ein fahles Licht durch und man fühlt anfangs einen eigenen Schauer, als schreckte die Natur des Menschen zurück, sich so mitten in ein Element zu wagen, in welchem sie nicht leben kann. Wir gingen eine ziemliche Strecke hinter dem Wasser weg, vorsichtig –  [102] denn ein falscher Tritt hätte uns in den Abgrund gestürzt. Endlich ließ das stürzende Wasser keinen Durchpaß mehr. Da standen wir nun, mit den Händen uns am Gestein haltend, das Gesicht der ungeheuren, dicht vor der Nase wirbelnden Wasserwand zugekehrt. Der Athem wurde mir beklemmt und wir gingen etwas rückwärts, einen breitern Platz zum Stehen suchend. Streckt man die Hand oder den Stock hinein in den stürzenden Wasserschwall, so werden sie von ihm gewaltsam niedergeschlagen. Man steht offenbar auf einem vorspringenden Felsrande, vor und unter welchem sich noch ein weiterer Kessel aushöhlt, in den das Wasser fällt, sonst müßten die Wogen da, wo sie niederprasseln, stärker zurückprallen. Das Gestein an der Felswand hinter dem Wasser ist ziemlich locker und ich schlug mir mit leichter Mühe Stücke zum Andenken ab. Als wir endlich wieder an die freie Luft kamen, fühlte sich die Brust erleichtert und holte tief Athem. Es war mir, als wäre ich erst jetzt mit dem alten Niagara vertraut geworden.“ – Ein Seitenstück dazu ist auf amerikanischer Seite die sogenannte Windhöhle, eine Felsengrotte unmittelbar unter den Fällen, zu der man von Goat-Island aus auf hölzernen Treppen gelangen kann. Wagnisse dieser Art sind es, welche die Eindrücke des Niagara, die Größe und Majestät seines Bildes in der Ferne und in der Erinnerung wesentlich erhöhen.

Aber noch ist uns von diesem Bilde ein bedeutender Zug unbekannt: die Stromschnellen oberhalb der Fälle. Sie allein schon hätten den Fluß weit und breit berühmt gemacht. Sie entstehen, indem die ungeheure Wassermasse des breiten Stromes auf der schiefen Ebene, die, je näher dem Falle, um so mehr sich neigt, mit rasendem Ungestüm über die scharfen Felsblöcke dahintost, und von diesen in Strudel, Wirbel und Kreisel, in Schaum und Gischt gepeitscht und zerrissen werden. Die Hauptschnellen finden sich zwischen Goat-Island und dem amerikanischen Gestade, von wo mitten durch die Schnellen eine Brücke nach der Insel führt. Auf dieser Brücke zu stehen und hinein zu schauen in die unabsehbare, ruhelos wogende Wasserfläche, hinein zu horchen in das endlose Klingen und Rauschen der Fluthen, ist ein erhabener Genuß. Es ist, als hätte den Strom hier eine Ahnung seines Falles gepackt. Im tollsten Jubel kommen die Wogen herangeschossen, wie unbändige Riesenrosse mit fliegenden weißen Mähnen, schäumend, brüllend, hochaufsprühend. An einigen Stellen beharren die Wirbel und brechenden Wogenkämme mit dumpfem Gurgeln; die andern stürzen in wildem, verzweifeltem Drange weiter. Nur mit dem stürmenden Meer ist dieses Schauspiel zu vergleichen, und wie dieses gibt es eine Ahnung des Unendlichen, des uferlos ewig wallenden Weltalls.

Aber das Erhabene nicht allein, auch die ganze Lieblichkeit des Niagara häuft sich um diese Stelle, um Goat-Island. Schau das Grün der Bäume, deren Zweige am Rande des kleinen Eilands friedlich sich schaukeln über den rasenden Wellen; schau die stillen, heimlichen Plätzchen im östlichen Theile der Insel oder die schattigen Buchten auf der Südseite, wo unter dichtem Laubgewölbe der Strom sich einen engen Durchlaß gegraben hat; [103] schau all diese Kontraste der wildesten Scenerien der Natur mit ihren sanftesten und lieblichsten Gebilden: – und du wirst die Schönheit und Poesie dieses Ortes tief empfinden. Dort kannst du unter den Bäumen sitzen, und während deine Blicke dem Laufe des Wassers folgen, das, eben noch zerrissen und gepeitscht in den Schnellen, jetzt, unmittelbar vor seinem Sprung in die Tiefe, eine merkwürdige Ruhe gewonnen hat und klar und lustig über den seichten Felsengrund dahin hüpft: – während dem hörst du aus ungesehener Tiefe herauf das majestätische Brausen des Katarakts. Es sind dieselben Wellen, die einen Moment zuvor sanft plätschernd deine Füße netzten und die nun, kaum 20 Fuß von dir entfernt mit ihren Millionen Schwestern über die Felsenbrüstung in den Abgrund stürzend, den ungeheuersten Wasserfall bilden. Hast du dich dann in den waldbewachsenen Flanken von Goat-Island satt ergangen, dann ersteige die Gallerie des steinernen Thurms, der, nach dem großen Falle zu, kühn auf der Felsenkante, über welche die Wasser hinabstürzen, errichtet ist. Da stehst du Aug in Aug mit dem Strom, du schwebst über dem Katarakt. Die Situation ist unbeschreiblich, und unbeschreiblich das Gefühl, das dich packt. Ein tiefes menschliches Interesse spricht zu dir aus dem feierlichen Wallen des Stroms, wie er dem Absturz sich naht, es ergreift dich wie eine Tragödie. Du siehst das Bild eines Helden, der ruhig und unaufhaltsam in sein Verhängniß geht. Aber verfolge ihn weiter, – bis zur Katastrophe; sieh ihn hinabtauchen in den unsichtbaren Abgrund, und erkenne auch in dem Regenbogen, der über der Tiefe schwebt, ein Symbol glorreicher Auferstehung. Wasser, das freundliche bewegliche Element, ist nicht allein das Bild des Lebens, sondern auch dessen, was dem Leben erst Werth verleiht – der Freiheit. Daher wird es jeder sinnvolle Amerikaner als eine besondere Gunst der Natur ansehen, daß gerade im Herzen seines Vaterlandes der mächtigste und prächtigste Katarakt der Erde stürzt und donnert.

Unterhalb der Fälle bildet das Strombett ein weites Tiefthal, in welchem die ganze Wassermasse etwa 5 Meilen weit fortschießt, rauschend und schäumend mit starkem Gefäll bis zum Wirbelpfuhl (Whirlpool). Das Felsgestade zu beiden Seiten bilden jähe Abstürze, hier zerklüftet, dort ausgewaschen; häufig ragt und hängt das Gestein in allerlei Platten und Zacken hoch über dem Strombett. Ueber der dunkeln Felsschlucht hängt, anderthalb Meilen unterhalb der Fälle, leicht und zierlich eine Drahtbrücke in einer Höhe von 230 Fuß über dem Wasser und mit 800 Fuß Spannung. Vor dem Wirbelpfuhl scheint unter dem Wasser das letzte Riff zu sein, über welches die Fluth fällt, um in einem ungeheuern Kessel in tausend Wirbeln umherzukreisen. Aus diesem fließt dann der Strom ruhig und glatt in verhältnißmäßig niedern Ufern hinab bis zum hellen Seespiegel des Ontario.


  [104] Pater Hennepin, ein spanischer Missionär, brachte zu Ende des 17. Jahrhunderts der Welt die erste Kunde vom Niagarafall. Jetzt ist die Umgebung mit Ansiedlungen aller Art reich gesegnet, besonders mit Gasthöfen, die den großartigsten Naturgenuß mit allem Comfort des Lebens zu verbinden möglich machen. Auch an Fabriken und Werkhäusern fehlt es bereits nicht. Im Uebrigen ist die Umgegend ohne Interesse. Das amerikanische Städtchen an den Fällen, eigentlich Manchester, gewöhnlich aber schlechtweg Niagara-Falls genannt, wurde 1809 angelegt. Es enthält eine Menge von Geschäften, Verkaufsläden, Werkstätten und Mühlen und läßt ganz das erregte amerikanische Leben und Treiben erkennen im Gegensatz zu dem gesetzten und ernsten Wesen der canadischen Bevölkerung am jenseitigen Ufer.

Interessant ist die Frage um die Zukunft des Niagarafalles. Da nämlich die einschneidende und spülende Thätigkeit des Wassers, welche bereits die tiefe Schlucht ausgegraben und den Kataraktum so viel dem Eriesee näher gerückt hat, unausgesetzt fort geht, so ist der Zeitpunkt unausbleiblich, in welchem der Strom sein Bette bis hinauf zu seinem Ausflusse ausgebrochen hat und zwischen dem Erie- und Ontariosee nichts mehr übrig ist, als eine lange tiefe Schlucht, in welcher die ungeheure Wassermasse schnell vorwärts drängt. Die Menschen werden dann in den Büchern lesen von der Herrlichkeit der Niagarafälle und sich die Stellen zeigen, wo vor Zeiten der Strom hinabstürzte; aber sie werden sich selbst des gewaltigen Schauspiels nicht mehr erfreuen. Nun, in unsern Tagen wird dieses Ereigniß nicht eintreten, auch nicht in den Tagen unserer Kindeskinder. Der Geolog Lyell berechnet, auf vielfältige Beobachtungen gestützt, daß der Strom, um zu jenem Ziel zu gelangen, 75,000 Jahre brauche, wie er 35,000 Jahre gebraucht habe bis zu seinem jetzigen Standpunkt. Nach den Meinungen andrer Naturforscher sind selbst diese Zeitraume noch viel zu gering angegeben. Tausende und aber Tausende von Generationen werden also noch ungeschmälert dieses prächtigste Naturschauspiel genießen können, und die majestätische Stimme des Niagara wird forttönen und – hoffen wir, nie ein Prediger in der Wüste – sein „Vorwärts“ hineindonnern in die Lande und in die Herzen der Menschen.