Der Drachenfels am Rhein (Meyer’s Universum)

Die Niagarafälle Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band (1860) von Friedrich Hofmann
Der Drachenfels am Rhein
Moline
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DRACHENFELS am RHEIN

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Der Drachenfels am Rhein.




„Am Rhein!“ – Ob links, ob rechts am Ufer, daß deutsche Herz pocht lauter, so oft es heißt: „am Rhein!“ Mit dem Rhein ist des Deutschen Herz zusammengewachsen, er ist die Liebe, die Sehnsucht, die Freude und der Stolz der Nation, – und der Quell dieser unbegrenzten Zuneigung liegt tiefer, als auf der Oberfläche der schönen Landschaftsbilder, die seine Gestade schmücken. Auch von den übrigen deutschen Strömen ist keiner, der ganz von landschaftlichen Reizen geflohen wäre, ja einzelne, wie Donau, Main, Elbe und deren Nebenflüsse prangen mit viel besuchten und bewunderten Bilderreihen, aber nur die Bewohner ihrer Gebiete, ihre einheimische Umgebung nennen sie ihr eigen und sind stolz auf sie: der Rhein allein ist das Herzensgut aller Deutschen, das beweist der Schatz von Liedern, mit dem die Nation ihren Liebling preist, das beweist noch mehr die geschichtliche Thatsache, daß einig die Deutschen stets am raschesten wurden, wenn der Rhein, Deutschlands Strom, bedroht war.

Um kein anderes Gestade ist so viel deutsches Blut geflossen, wie um das des Rheins, seitdem es jenseits der Vogesen zur Manie geworden, die französischen Grenzpfähle in der Mitte des Rheinbettes zu suchen. Vor den Zeiten Ludwigs XIV. und des dreißigjährigen Kriegs galt der deutsche Strom als ein ungefährdetes Kleinod des Reichs, hielt doch der Kaiser mit Straßburg den Schlüssel zum Rheinthor in fester Hand. Aus jenen Tagen klingen auch die Rheinlieder offenbar harmloser. Erst dem bedrohten Rhein wandte die Nation sich mit einem Gemeingefühle zu, dessen man sie kaum noch für fähig hielt: sie fand sich wieder in der gemeinsamen Sorge um einen großen vaterländischen Verlust. Die nationale Erkenntniß der natürlichen Zusammengehörigkeit der alten staatskünstlich getrennten Reichsglieder entsprang aus der Gefahr, die den Rhein bedrohte, und gleichzeitig quoll aus dem Volksherzen die romantische Liebe zum Rhein mit frischer Kraft. Und jeder scheele Blick Frankreichs machte in ganz Deutschland den alten Zorn auflodern um die Schmach, daß trotz 1813, 14 und 15 die Fluthen des deutschen Rhein noch immer welsches Land bespülten, fester und fester wurzelte die Ueberzeugung, daß keine Sicherheit um Deutschlands Macht und Friede sei, bis Arndts Wort sich erfülle: „Der Rhein ist Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze.“

Wenn wir aber dennoch mit wachen Augen erkennen müssen, daß in deutschen Landen offene Feinde deutscher Vaterlandsliebe ihre gräflichen Häupter auf den Schultern tragen, und offener Verrath am Vaterland von solchen gezettelt wird, die berufen sind, über des Vaterlandes Sicherheit zu wachen; wenn die Nation wieder einmal [106] erfahren muß, daß man da, wo man vor zwanzig Jahren am lautesten „Sie sollen ihn nicht haben etc.“ singen ließ, jetzt Mißtrauen und Verfolgungssucht gegen Männer nährt, deren Verbrechen abermals darin besteht, Deutschland einig, groß und stark zu wollen; wenn man noch heute nicht zu der Einsicht fähig ist, daß der Bestand der deutschen Nation wichtiger ist als Alles, was sonst noch innerhalb der Nation Bestand hat; wenn endlich vor der erschreckenden Nähe und Wucht der Gefahr die Diskussion über den Schutz der Grenze von einem grünen Tische zum andern getragen wird, während das alte Mainz, das wehrlose Bollwerk Deutschlands, der letzte Schlüssel des Rheins, in süßem Friedensschlummer rostet – da ist’s wohl erklärlich, warum in Unmuth und Sorge des ganzen Volkes Blick und Herz sich wiederum nach dem Rhein wenden.

Jedes Rheinbild ist jest ein beredter Sprecher für nationales Bewußtsein und von jedem Ufer unseres Stromes dringt uns eine Fülle deutschen Geistes, eine Innigkeit deutschen Gemüths entgegen, im Leben des Volks, in seinen Sagen, seinen Liedern, in seiner Arbeit, seiner Lust und seiner Klage. Unser Bild führt uns in das Paradies des ganzen Rheingebiets, zum Siebengebirge und seinem gefeiertsten Felsenkranze. Zwischen Bonn und Unkel sammelt jeder Rheinreisende seine herrlichsten Erinnerungsschätze, das Auge schwimmt in einer beständigen Wonne des Schauens; da, wo das Siebengebirge mit seinen Felswänden an den Strom herantritt, sammelt der sonst alpenrüstige rasche Strom seine grünen Wasser zum klaren stillen sinnigen See, als ging es ihm recht schwer an, von dieser Stätte zu scheiden; hier sann und sang ein Dichter:

     „Der burggekrönte Drachenfels
Ragt hoch am vielgewundnen Rheine,
     Es spült die Fluth des mächtigen Quells
Um weinumrankte Felsgesteine;
     Die Hügel all im Blüthenglanz,
Die Felder reich an Korn und Weine,
     Die Städte rings im bunten Kranz
Mit ihrer Mauern weißem Scheine:
     Dies Alles eint zum Bild sich hier,
Ach, doppelt schön, wärst du bei mir!

     Wie stolz der Fluß hier schäumt und rollt,
Welch Reiz auf diesem Zaubergrunde!
     Denn, tausendfach sich schlingend, zollt
Er neue Schönheit jeder Stunde!
     Ach, könnt’ ich immer leben hier!
Klingt seufzend es aus jedem Munde;
     So theuer der Natur und mir
Ist wohl kein Ort in weiter Runde:
     Doch glänzte mehr der Strand des Rheins,
Ach, säh dein liebes Aug’ in meins!

Für den zu Berg Fahrenden ist der Drachenfels mit dem schräg gegenüberliegenden Godesberg das malerische Thor der schönen Rheingegenden, – so sagt Simrock, der Dichter und Sagensänger des Rheins.

Die sieben Bergzinnen, welche dem Siebengebirge den Namen geben, sind bekanntlich der Nieder- oder Nonnenstromberg, der Himmerich, der Oelberg, der Löwenberg mit der Löwenburg, der Wolkenberg mit der Wolkenburg, der Strom- oder Petersberg und der Drachenfels mit seinen Burgtrümmern, der zu einer Höhe von 1473 Fuß angegeben wird.

[107] Von diesen Sieben ist der Drachenfels der besuchteste. Sein Panorama ist, gerade seiner geringen Höhe wegen, durchaus malerisch schön. Für den rechten Genuß der reizenden Inseln, welche hier der Rhein umschließt, der vielfachen Windungen, mit welchen er in der blühenden Ebene zwischen Bonn und Köln dem Blick entschlüpft, für die Betrachtung der Dampf- und Segelschiffe, welche uns wie Kähne, und der Kähne, die uns wie Nußschalen vorkommen, ist dieser Standpunkt der geeignetste. Noch geeigneter ist er, um in die deutsche Sagen- und Heldenzeit zurückzuschauen. Dahin führt schon sein Name und seine Umgebung. Nach der ältesten Sage war es der berühmte Held Siegfried, König im Niederlande, welcher sich mit dem hiesigen Drachen in Händel einließ; anders ist die spätere christliche Auffassung, welche neuerdings erst durch einen Bauersmann aus Honnef einen praktischen Abschluß erhalten hat. Nach seiner Meinung fiel der Drache des Berges so lange alle vorüberfahrenden Schiffe an, bis endlich einmal ein Boot voll Pulver daher schwamm, das, vom Feuerathem des Drachen entzündet, ihn zerschmetterte. Der Untergang des Ritter-, insbesondere des Raubritterthums durch die Schießwaffen, hat somit ebenfalls seine Sagengestaltung am Rhein erhalten.

Noch bedeutender tritt die deutsche Heldensage hier auf. Der zweite große Held unserer epischen Lieder, Dietrich von Bern, verrichtet hier glänzende Thaten: er bestand hier den Kampf mit Herrn Eck und seinen Brüdern Fasolt und Ebenrot, die es mit den neun Königinnen vom Grippigenland hielten. Diese wohnten auf der Drachenburg. Das deutsche Heldenbuch erzählt ihr Schicksal in dem Gedichte: Ecken Ausfahrt. Wir erkennen hier die riesigen Gestalten der Nibelungenwelt wieder, denn: „nachdem Dietrich Ecken im Zweikampf getödtet und seine Rüstung angelegt hatte, stürmt er, das Haupt des Erschlagenen in der Hand, den Drachenfels hinan, dessen Weinterrassen ihm als Stiegen dienen.“ Welch Bild eines Kecken, der über solche Felsentreppe schreitet! Und wie herrlich steht diese Kraft der Dichtung den Burgen des Rheins! Die germanische Phantasie schwelgte hier in ihrer liebsten Luft.

An die Drachensage erinnert ferner noch am Drachenfels das Drachenblut und das Drachenloch. Jenes ist der köstliche Wein, der Bleichart, der in der Domkaule wächst, welche unter den aufstarrenden, zackigen, vielfach zerklüfteten Trachytporphyrmassen, die gleich Schilden die südliche Seite des Drachenfelsen decken, den Raum zeigt, wo man die Steine zum großen Dom in Köln gebrochen hat. Und wer in ein Glas voll dieses Weins in der Christnacht die Rose von Jericho stellt, wenn noch so welk und dürr und mit gesenkter staubiger Krone, der wird sehen, was unser Freiligrath sah:

In dunkler Röthe lodert sie und flammt
Wie sie geflammt auf ihrer Heimath Triften,
Und um der Blätter königlichen Sammt
Weht als ein Opfer ihrer Krone Düften.

[108] Das Drachenloch ist eine Felsenhöhle und war wohl lange der Schrecken der Wanderer, bis die Steinbrecher des Dombaues sie mit dem Rauche ihrer friedlichen Feuer schwärzten. So mußte auch dieses Stück Romantik aus dem Siebengebirge entweichen. Aber ein schönes Volkslied bewahren sich diese Berge noch bis heute; es ist der nachbarlichen Löwenburg eigen:

Verstohlen geht der Mond herauf,
Durch Silberwölkchen geht sein Lauf.

Er steigt die blaue Luft hindurch,
Bis daß er schaut auf Löwenburg.

O schaue Mond durch’s Fensterlein,
Schön Trude lock mit deinem Schein.

Und siehst du mich und stehst du Sie,
Zwei treure Herzen sahst du nie.

So innig und sinnig liebt man am Rhein! – Ja, den ganzen theuren Strom entlang ist jede Regung der Natur und der Menschen deutsch, und um so lebhafter begrüßen wir auf dieser Felshöhe ein Denkmal, das von dem letzten Kampfe um diesen Liebling der Nation zeugt: dort ragt die Pyramide empor, welche an den Rheinübergang von 1814 erinnert und dankbar der Landwehrmänner gedenkt, welche in jener für Deutschlands Geschichte ewig geweiheten Neujahrnacht ihren Tod fanden.

Das heutige Geschlecht wird hinter den Kämpfern jener Befreiungsjahre nicht zurückstehen: es fühlt sich stark wie sie und wird, der Alten würdig, sein Kriegsfeld behaupten, wenn abermals der alte Wahn die Welschen bethören sollte, die Grenzen ihres Reichs über die Häupter von vier Millionen Deutschen hinweg nach dem Rhein verlegen zu wollen.

Wir sind seit jenen Befreiungskriegen durch zwei Revolutionen und drei Reaktionen gegangen, eine harte Schule, aber wir haben Etwas gelernt. Wir wissen, daß in der letzten Stunde der Gefahr das Werk unserer Widersacher, das im trägen Frieden wie Unkraut das Volkswohl überwuchert hat, zu Schanden werden muß, daß der Geist der Nation es ist, der dann zu Hülfe gerufen wird, und daß nur Dem das deutsche Führeramt gebührt, der diesem Geiste huldigt. Wie mächtig aber dieser Geist schon jetzt in der Nation lebt, das ist ausgesprochen so mannhaft, als es je in Deutschland geschah, die Nation hat sich wieder gefunden, sie grüßt sich wieder in ihren schönsten Festen, sie führt die entferntesten Söhne zusammen, die schroffsten Familienglieder reichen sich die Hand und lernen sich vertragen, lernen sich lieben, ja, – wiedergefunden hat sich die Nation, und sie wird sich nicht wieder verlieren. Und [109] wenn wir in Deutschland so viele Antinationalgrafenfabrikationskönigreiche wie Bundestagsferien hätten, so soll das kein Jota ändern an unserem Wahlspruch:

Fürwahr, es soll der Rhein –
Und nicht bloß um den Wein –
Der Rhein soll deutsch verbleiben!

H.