Independence-Courthouse

Chur Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Independence-Courthouse
Schloß Amboise an der Loire
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

INDEPENDENCE-COURTHOUSE
(MISSOURI)

[73]
Independence-Courthouse.




Aus einer der ältesten Städte der europäischen Centralalpenwelt versetzt unser Bild uns an die äußerste Grenze europäischer Kultur im nordamerikanischen Freistaat Missouri. Wenn der Reisende die großen und für die Schifffahrt beschwerlichen und gefährlichen Krümmungen des Missouristroms zwischen Lexington und Bluffton mit dem Dampfboot überstanden hat, so gelangt er, am ehemaligen Fort Osage vorüber, endlich nach Weyne City, einem durch die dort herrschende drückende Hitze berüchtigten Ort, von welchem aus eine Fahrstraße nach Independence führt. Die Entfernung von Missouri bis dahin beträgt ungefähr vier Meilen. Zehn bis zwölf Meilen von Independence in der Richtung der Santa-Fé-Straße liegen die letzten Farmen am Rande der großen Prairie, und einige Tagereisen weiter theilt sich die Straße nach Oregon von der nach Neu-Mexiko und Chihuahua, das wir Seite 25 dieses Bandes beschrieben haben.

Diese Lage erhob die Stadt zu dem, was sie noch ist, zu einem wichtigen Grenz- und Speditionsplatz, welcher in der Befriedigung der Bedürfnisse aller Handels- und Emigrantenzüge, die ehedem von hier allein nach Neu-Mexiko und Utah, Kalifornien und Oregon gingen, eine immer frisch sprudelnde Quelle des Erwerbs hatte; denn früher war Independence in dem alleinigen Besitz des Verkehrs über die „Plains“, wie die großen westlichen Ebenen hier genannt werden. Machen ihm nun auch gegenwärtig das zwölf Meilen weiter am Missouri hinauf gelegene Westport, ferner Fort Leavenworth, Weston, Saint Joseph, Council Bluffs und Kanesville den Rang in dieser Beziehung streitig, so hat sich doch bis heute Independence den Hauptzug zu erhalten gewußt. Die an sich kleine Stadt ist daher zu manchen Zeiten des Jahres außerordentlich belebt. Wenn die Schaaren der Auswanderer nach Kalifornien sich hier sammeln, gleicht das Leben und Treiben in den Straßen und im Freien einem dauernden Jahrmarkte; die Kalifornia-Karavanen beziehen nämlich Lager vor der Stadt. Diese selbst ist förmlich umgeben mit einer Wagenburg, denn hier werden in großen Werkstätten all die Frachtwagen gebaut, auf welchen der Reisende mit Hab und Gut durch die tausend Meilen der Wildniß zieht. Deshalb ist auch der Handel mit Maulthieren und Zugochsen hier von großer Bedeutung.

Independence zählte im Jahre 1852 mit seiner nächsten Umgebung ungefähr 4000 Einwohner, welche sieben Kirchen unterhielten und sich in fast ebenso viele Sekten theilten. Die Methodisten zerfielen wieder in südliche und nördliche, von denen jene die Bibel für, diese gegen die Sklaverei benutzten. Die armen Neger [74] selbst predigen, als südliche Methodisten, für die Sklaverei! – Unser Bild führt uns in die Mitte der Stadt vor das Gerichtshaus, und die Staffage mit den reitenden Ladies und den Fuhrwerken aller Art läßt einen Blick zu in das Straßenleben dieser äußersten Station der Völkerwanderung unserer Tage.