Chur (Meyer’s Universum)

Der Sund Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Chur
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Chur.




Lichtenberg sagt: „Es kommt nicht darauf an, ob die Sonne in eines Monarchen Staaten nicht untergeht, wie sich Spanien ehedem rühmte; sondern was sie während ihres Laufes in diesen Staaten zu sehen bekommt.“ – Und im alten Buche der Lebensweisheit steht: „Ein fruchtbarer Garten ist mehr werth, als die größte Wüste.

Es gibt aber der Wüsten mancherlei. Die Natur hat sie hingelegt zu Wasser und zu Land. Wasserwüsten wird der Seemann nur jene Theile des Oceans nennen, welche dem menschlichen Verkehr verschlossen sind, sie mögen noch so heitere Paradiese sein für warm- und kaltblütige Ungeheuer. Soweit der Kiel die Fluth durchschneidet, ist fruchttragendes Meer, das die entferntesten Nationen zu Geschäftsfreunden macht und eine Gemeinsamkeit ihres Strebens ermöglicht für die höchsten Ziele. – Auch die Wüsten des Festlandes trennen; mühvoll und zwischen tausend Gefahren hin zieht die Karawane von Quelle zu Quelle, nur eine Rast- und Labestätte suchend, um diesen Schauern der Natur zu entfliehen. Mehr als in den Eiswildnissen der Pole ist der Mann, den der Drang zur Erforschung und Beglückung verborgener und verwahrloster Völker unter den senkrechten Strahl der Sonne treibt, hier dem Kampf ausgesetzt mit unbesiegbaren Kräften der Natur und der ungezähmten Natur des Menschen, der auf den Inseln und an den Borden der Wüste wohnt. Das aber ist der Trost, daß hier die Natur der stärkere Feind ist. Anders steht der Freund der Menschheit vor den Völkerwüsten: die macht der Mensch allein!

Oder ist der Ausdruck zu hart für die Erscheinung, die von der Geschichte uns so oft vorgeführt wird und noch in der Gegenwart ihren breiten Boden hat, die Erscheinung, daß auf dem weiten Raume manches Volkslebens nur Oasen von Freiheit, Bildung und ihrem Glück zu erkennen sind und alles Dazwischenliegende diese Oasen nur umgibt, um sie desto beneidenswerther zu machen? Hat noch Niemand ein Land gefunden, in welchem er Tage lang nur seufzend arbeitende Menschen sah, denen der Schweiß aller Anstrengung weiter nichts abwarf, als die nothdürftige Erhaltung des thierischen Theils ihres Menschenlebens? Gibt es wirklich keine Länder [66] mehr, wo Menschen, Geschöpfe Gottes wie wir, sogar zum eisernen Vieh gezählt werden können? Freilich stehen, seitdem das Christenthum die Begriffe von Gottheit und Menschheit veredelt und den großen, die ganze neuere Civilisation beherrschenden Gedanken der Gleichheit und Gleichwürdigkeit aller Menschen vor dem höchsten Wesen ausgesprochen hat, Sklavenstaaten, ob kaiserliche oder demokratische, auf der tiefsten Stufe sittlicher Kultur und sind Gegenstände der Klage, Mahnung und Verachtung aller Menschenfreunde; – aber nicht minder groß sind die Wüsten, wo, ohne leibliche Sklaverei, dem Geiste des Volks die Bildung vorenthalten wird, die allein den Menschen aus dem Thierstand erhebt und ihn fähig macht, die Gaben des Fleißes und der Natur in Freiheit zu genießen, menschlich glücklich zu sein! Ueberall, wo nur Einzelne dieses Glücks theilhaftig sind auf Kosten Vieler, ist noch Völkerwüste, unwürdig der Religion, durch welche Europa Weltbeherrscherin geworden ist, und von höchster Gefahr für diese Religion selbst und die gesammte Civilisation. Das Schlimmste ist aber, daß es nur solche Völkerwüsten sind, von denen der Mensch sich rühmen kann, daß in ihnen die Sonne nicht untergeht, und sie sind reich an Allem, was nur immer Land- und Wasserwüsten schrecklich macht: an tausend Mühseligkeiten für die Karawanen des Fortschritts, an unvergleichlichen Gefahren und Kämpfen für den Mann, den der Drang zur Beglückung verwahrloster Völker unter ihre Sonne treibt, und reich endlich an hohnlachenden Paradiesen für warm- und kaltblütige Ungeheuer.

Um so freudiger begrüßen wir ein Fleckchen der alten Erde, in dem freilich die Sonne jeden Tag auf- und untergeht, ja, das sie mit einem Blick überschaut, aber der thut ihr wohl! Das ist ein Ländchen, wo, umgekehrt von der Wüstenregel, auf Kosten Einzelner Viele glücklich geworden sind. Und schön ist das Ländchen! Ich habe es mit den leuchtenden Augen beseligenden Hochgefühls durchschritten und kann Dir was davon erzählen.

Wie gekrönte Herren hat auch das Ländchen zwei Titel, einen kleinen und einen großen; mit jenem heißt es einfach „Graubündten“, mit diesem aber: „Republik der drei Bünde im hohen Rhätien.“ Das strahlt stolz wie Alpenglühen! Und stolz zu sein haben die Männer von Bündten zwei und ein halbes Recht: ein ganzes, auf ihr Land, ein ganzes, auf ihre Geschichte, und ein halbes, auf ihre Verfassung.

Es ist ein Land voll Pracht und Wunder der Natur. Als ob die Schöpfung hier ihren Centralalpenschmuckkasten aufgestellt hätte, bietet Graubündten alle Herrlichkeiten, Schrecknisse und alle Anmuth der gesammten Schweiz innerhalb seines Granitrahmens, der höchstens 140 Geviertmeilen umschließt. Wer aus der Höhe, aus der Vogelperspektive einen Blick hinabthun könnte, der sähe auf ein wahrhaftes Netz von Gebirgen und Thälern und [67] könnte seine Freude haben am Zählen der Gletscher. Gegen 2500, in ihrer Verkettung wohl kaum noch ganz erforscht, bilden dort die unerschöpflichen Wasserbehälter für Europa’s größte und schönste Ströme. Hunderte von köstlichen Bächen, klar und stürmisch wie die gesundeste Jugend, brechen durch furchtbare Felsschluchten sich ihren Weg, oder hüpfen und rieseln zwischen den lieblichsten Matten hin oder schlängeln und wälzen sich durch reizende Thäler, wo bald die Aehren der besten Frucht wogen, bald Kastanienwälder Deinen Pfad beschatten, bald Weinlaub die Hügel und Füße der hohen Berge schmückt. Hier heißt es richtig: Herz, was magst Du? Alle Klimate von der milden mittleren bis zur kältesten Zone ziehen ihre Luftstreifen vom tiefsten Thale bis zum höchsten Eishorn. Du kannst Dir im höchsten Sommer die untröstliche Temperatur von Spitzbergen ersteigen. – Eine Ordnung und Eintheilung in dieses Chaos, wie es den solcher Großartigkeit gegenüber gar schwachen Sinnen des Menschen erscheint, bringen die Hauptthäler, welche drei großen Strömen dienstbar sind: dem Rhein, der Donau und dem Po. Die Quellen des sogenannten Hinterrheins haben wir (Bd. XI, S. 164: Rheinwaldgletscher) bereits gesehen; wir haben ihn begrüßt am Ende unserer Splügenfahrt (Bd. XVIII, S. 3 ff., Die Straße über den Splügen) und werden ihn in einem der nächsten Hefte begleiten vom Postdorfe Splügen durch die Viamala bis nach Reichenau. Hier braust vom Gotthardt her der Vorderrhein herzu, der den Mittelrhein (eigentlich Rhein de Medels) bereits aufgenommen hat, und der ganze Rhein ist fertig und strömt nun im schönen breiten und immer belebteren Thale dem Calanda entlang in südöstlicher Richtung bis in die Nähe von Chur, von wo er, die rein nördliche Richtung einschlagend, seinem Bodensee zueilt. Zur Donau stürmt durch das Engadin der Inn, der für sie die Wasser der höchsten Gletscher und Alpenseen des Landes sammelt, und jenseits des Septimer, Splügen und Bernhardin stürzen alle Bäche der Adda und dem Ticino zu, deren Gewässer, im Po vereint, durch Europa’s blühendsten Garten der Adria entgegenfließen.

Ein Land von solcher Beschaffenheit kann nicht stark bevölkert sein und muß in seiner Bevölkerung ganz besondere Eigenthümlichkeiten zur Geltung bringen. Die Natur hat ihre Gaben nirgends auf so kleinem Raum ungleicher ausgetheilt. Es kämen recht gut dort Rhein- und Lappländer in geringer Entfernung nebeneinander fort. Während in Ober-Engadin der eisige Winter neun Monate dauert und oft im Hochsommer Schnee fällt, die Viehzucht der einzige Nahrungszweig ist und die Armuth die junge Kraft der Gebirgler in die Fremde treibt, sitzt in anderen Thälern die Wohlhabenheit in lachenden Fluren und freut sich beim eigenen Wein. Wen aber nicht eigener Boden nährt, den nährt der Durchzug, mit welchem Verkehr und Reiselust die Straßen beleben. So sind Aecker und Weinhügel, Straße und Saumweg, Alme und Wald, Bach, Fluß und See die vorzüglichsten Nahrungsquellen. Der Reichthum unter der Erde lockt keine Hände herbei, das Fabrikproletariat ist dem Lande [68] noch fremd, die Freiheit geht noch ungetrübt durch alle Thäler und wohnt noch glücklich bei der Armuth auf den Bergen, deren Zwingburgen alle gebrochen sind.

Es ist nicht immer so gewesen; die Männer im Lande mußten die Freiheit sich hart erkämpfen. – Wir wollen nicht mit den Gelehrten streiten, wer die ersten Bewohner dieser Bergwelt waren. Gehen wir gleich dahin, wo das Licht der Geschichte uns leuchtet. Da sehen wir drei durch Sprache, Sitte und Berge getrennte Völker sich in die Thäler des Landes theilen: Deutsche, Romanen und Italiener, alle drei wiederum geschieden in ebenso viel selbstständige Gemeindewesen, als die trennende Bergnatur auf den Höhen, an den Abhängen und in den Thälern und Schluchten nur immer Raum zu abgeschlossenen Niederlassungen vorräthig hatte. Diese von der Natur gebotene Abgeschlossenheit ward der Grundzug im Charakter des ganzen Volks vom hohen Rhätien. Jede Gemeinde regierte sich selbst, machte sich Gesetze, die, unaufgeschrieben, von Mund zu Mund forterbten, und kümmerte sich um die nächsten Nachbarn so viel und so wenig, als um die Welt draußen, der man nicht bedurfte und vor welcher Jahrhunderte lang Unwegsamkeit der beste Schutz war und die Gletschermauern sie verbargen. Auch die Zertrümmerer des Römerreichs schonten den wunderlichen Staatsbau und ließen ihn in Allem so, wie sie ihn fanden. Aus diesen glücklichen Urzuständen wurde das Volk gerissen, nicht durch das Christenthum, sondern durch die habgierigen Pfaffen, und nicht durch das Königthum, sondern durch den herrschgierigen Adel. Was man dem Volke zur Erhebung und zum Schutz errichtet hatte, Betzellen und Kapellen, Wachthürme und Burgen, das ward in ungerechten Händen zum Mittel der Unterdrückung, Aussaugung und endlich der vollständigen Knechtung desselben. Als die Frankenkönige ihres Reiches Grenzen um das hohe Rhätien zogen, erstand Kloster um Kloster, jedes reich ausgestattet mit Hab und Gut der umwohnenden Gemeinden, die Landschaften wurden als Lehen an Feldoberste und Hauptleute vertheilt, und die Wehren und Warten verwandelten sich in Zwingburgen. Hochalemannien hieß damals das Land, nach seinem Obervoigt, dem Herzog von Alemannien. Als das Reich zerfiel, wurden auch hier die Diener zu Herren, und reichsfreie Grafen und Ritter beherrschten mit der Geistlichkeit Hand in Hand ein Volk, das nur noch aus Leibeigenen, Zinsbaren und Freigelassenen bestand. Die Freien im beherrschten Lande waren zu zählen. Nur die Gemeinden der höchsten unzugänglichsten Bergthäler waren entweder unentdeckt geblieben oder, als zu unbequem für den Arm der Tyrannei gelegen, vergessen worden; und diese bewahrten die Kunde von der alten Freiheit und Unabhängigkeit des ganzen hohen Rhätien treu wie eine heilige Legende.

Wie allenthalben, wo das Recht gestorben ist, war auch hier das Gewissen einzelner Machthaber der einzige Schirm des armen Volks; solcher Guten fanden sich immer, aber wenige. Die Mehrzahl der Ritter und Pfaffen scheute sich nicht vor den bösesten Thaten. Obwohl es nun damals weder mißliebige Zeitschriften gab, [69] noch die Stimme von Freiheitspredigern erschallen konnte, so kam es doch zur Revolution. Das Volk ertrug alle Pein des Leibes und der Seele, so lange sie erträglich war. Als aber der Herr von Fardün dem Landmann Johann Chaldar, den er mit den Seinen am Mittagstische traf, aus dem Hohne des Uebermuths in die Schüssel spie, wer würde da nicht den Unmenschen gepackt, seinen Kopf in das besudelte Gefäß gestaucht und die Zornworte gerufen haben: „Nun friß, was du gewürzet hast!“ Chaldar that es, und das Zeichen zum Aufruhr war gegeben. Der Kampf war kurz, denn das starke, muthige Volk war einig. Die Feuer, die aus den erstürmten Burgen aufloderten, erschreckten die Uebelthäter und ermuthigten die Edlen zu guten Thaten. An der Letzteren Spitze stellte sich der fromme Bischof Hartmann von Chur. Er, der lange im Stillen über die Greuelthaten der Ritter getrauert, begrüßte den endlich erwachten freien Sinn des Volks mit Jubel. Aus freiem Antrieb führte er in seinem Gebiete die Republik ein und schloß ein Schutz- und Trutzbündniß mit seinen Bauern gegen den Adel. Die dankbaren Männer nannten dem Bischof zu Ehren diese freie Vereinigung den Gotteshausbund. Die Feuer loderten weiter, die Flamme leuchtete auch dem Oberland. Die Bauern stifteten dort heimlich einen zweiten Bund, und auch dort ward die Pflugschar zum Schwert. Da trat der Abt von Disentis versöhnend zwischen die Reihen, bewog die Grafen und die Barone, den ungleichen Kampf mit dem stärkeren Volke aufzugeben und, zur Wahrung der gegenseitigen Rechte, mit den Gemeinden einen Bund zu schließen. Dies geschah zu Truns unter einem Ahornbaum, der noch heute steht als ein Denkmal dieses Grauen Bundes, so genannt, weil er mit den Grafen (Graven, Grauen) geschlossen ward. Dieser Bund gab dem ganzen Lande den Namen Graubündten. Ein Theil der heutigen Gemeinden desselben stand damals unter den Toggenburgern. Nach dem Tode des letzten Grafen (1436) begann ein Erbkrieg, dem sich jene Gemeinden klug und einfach dadurch entzogen, daß sie sich für Freie erklärten und einen dritten Bund stifteten, den später so genannten Zehngerichtenbund. So hatten Muth und Einigkeit in der kurzen Frist von 1396 bis 1436 ein aller Menschenrechte beraubtes Volk zu einem freien erhoben, und so sind auf Kosten Weniger einmal Viele glücklich geworden. Gleichwohl war der Volkssieg, in Folge des Bundes mit den Grafen und Freiherren, nur ein halber; der Adel selbst sorgte dafür, daß er ein ganzer wurde. Im Jahre 1450 stifteten gegen die Bauernbündnisse die Ritter des Landes einen schwarzen Bund. Da begann der Vernichtungskampf, der mit der Zerstörung aller Burgen und Warten des hohen Rhätiens endete. Das Volk aber fühlte, daß ihm eine größere Einigung Noth thue, und so traten im Jahre 1471 zu Vazerol die drei selbstständigen Bünde der Bauern zusammen zu dem ewigen Bund von Graubündten.

Wir stehen damit allerdings noch lange nicht bei der Gegenwart; wie allenthalben, wo ein Volksleben auf seinem Entwickelungsgang mit Aristokratie und Hierarchie zu kämpfen hat, spann auch in Graubündten sich [70] Streit an Streit und klirrten die Waffen bald mitten im Lande, bald jenseits der Grenzen. Der Selbstständigkeitstrotz der Bauern hielt selbst den Entwickelungstrieb aus dem rohen Gemeindeleben zur staatlichen Ausbildung lange nieder, und erst 1820 gelang es der Partei der Patrioten, eine neue Verfassung in’s Leben zu rufen, die hinsichtlich der Gerichtsorganisation im Jahr 1850 durch die rastlosen Bestrebungen des Reformvereins wesentliche Verbesserungen erfuhr. Der Kanton wurde dadurch, statt der früheren 26 Hochgerichte und Gerichte, in 14 Bezirke eingetheilt, an die Stelle der Hochgerichte und Gerichte traten Kreisgerichte, und statt des früheren kleinen Raths, der aus drei Mitgliedern (einem aus jedem der drei Bünde) bestand und die vollziehende Gewalt bildete, wurde eine Regierung mit ausgedehnteren und bestimmter begrenzten Befugnissen an die Spitze der Republik gestellt. Haben wir in diesem Ländchen den schönsten gothischen Aufbau demokratischer Staatsform vor uns, sehen wir, wie jede Gemeinde sich selbst regiert, jeder Bund seine eigenen Rechte wahrt und endlich die höchste frei gewählte Spitze in der Vereinigung der drei Bünde zur Republik im hohen Rhätien aufragt, erkennen wir, wie in der Natur des Graubündtnerlandes die gesammte Schweiz, so auch im Volksleben die Eidgenossenschaft hier im Kleinen wieder, freuen wir uns der aus diesem Unabhängigkeitsstolz erwachsenen kernhaften Charaktere, die in den gesunden, starken Leibern sitzen und aus den selbst im weiblichen Geschlecht scharf ausgeprägten Gesichtern hervorblicken, so überkommt uns dagegen wieder nur zu oft das Gefühl der halben Befriedigung zwischen diesen Bergen. Nur Freiheit und Bildung schafft ein ganzes Menschenglück. Wie weit die Völker mit Bildung ohne Freiheit vorwärts gelangen, kann der Leser jeden Tag selber beobachten; daß aber Freiheit ohne Bildung eben so schlimm ist, dafür zeugt gar Manches in diesem sonst so beneidenswerthen Lande. Die Schuld daran trug die Verfassung, und deshalb gestattete ich oben den Graubündtnern nur ein halbes Recht zum Stolz auf dieselbe. Die Gemeindesouveränität geht hier zu weit, und zwar deshalb zum Schaden des Ganzen, weil jeder einzelnen Dummheit Thür und Thor aufgethan ist. Nur Bildung macht wahrhaft frei; der Unwissende ist, mitten in seiner Freiheit, der Knecht jeder List. Aristokratie und Hierarchie sind thatsächlich in Graubündten niedergekämpft, die Gewalt Roms ist männlich, muthvoll und glücklich zurückgeschlagen, aber der schlaue Pfaffe herrscht doch, und der kluge Holzhändler und der italienische Viehhändler verderben so viel am Land und Volk, ziehen beiden so viel Saft und Kraft aus, als weiland der Junker. Und dies Alles ist die strafende Folge der Vernachlässigung der Volksschulen. Die souveräne Gemeinde muß nicht auf gute Lehrer und fleißigen Schulbesuch halten, sie braucht’s nicht, sie will’s nicht und thut’s auch nicht, und sie folgt in ihrem Bauerntrotz darin genau dem, was der katholische Klerus mit Gewalt durchsetzen würde, wenn er sie hätte. Die Gemeindesouveränität hilft ihm aber noch bequemer zu seinem volks- und freiheitsfeindlichen Ziel. Alles, was von der Regierung ausgeht, ist vortrefflich, ihre Anordnungen und Unternehmungen bezeugen einen großen, überblickenden Geist, dafür reden [71] am lautesten die Steine, die ungeheueren Straßenbauten in den Alpen, Werke, mit welchen die kleine Republik sich stolz neben ihren mächtigen Nachbar stellen kann. Die Regierung hat jedoch ihren besten Halt in der gebildeten Jugend, im Reformverein, und nur durch diese wird der geistige Zusammenhang Graubündtens, dieses Bundesstaats, mit dem Staatenbunde der Eidgenossenschaft vermittelt. Aber vorwärts geht es an der Hand der Freiheit. Trotz des hartnäckigsten Widerstandes eines ultramontanen Klerus sind dem Schulwesen nachhaltige Verbesserungen zu Theil geworden und zwar zunächst durch Gründung eines aus Reformirten und Katholiken gebildeten gemeinschaftlichen Erziehungsraths, durch Errichtung einer für beide Konfessionen bestimmten Kantonsschule und endlich durch Hebung des früher vom Bauerndünkel oft auf’s Unwürdigste hinabgedrückten Schullehrerstandes. Hoffen wir, daß die Dampfkraft, die in kurzer Zeit auf ihren eisernen Straßen vom Bodensee bis nach Graubündtens Hauptstadt und weiter in’s Alpenreich dahin stürmen wird, auch dem geistigen Fortschritt des edlen Bündtnervolks einen neuen, unaufhaltsamen Zug verleihe!

Gegenwärtig schätzt man die Gesammtbevölkerung Graubündtens auf 90,000, von denen ungefähr 52,000 der reformirten, die übrigen der katholischen Kirche angehören; der Sprache und Nationalität nach gehören 42,000 zu den Romanen, 36,000 zu den Deutschen und 12,000 zu den Italienern. Graubündten ist demnach auch in dieser Beziehung das verjüngte Spiegelbild der dreisprachigen Eidgenossenschaft.

Zu Chur wanderte ich am Abend eines Herbstsonntags ein, die beste Zeit,um eine Stadt lieb zu gewinnen. Noch steht das Bild vor meinen Augen und belebt mir den hübschen Stahlstich, der es so treu und lieblich wiedergibt. Ich kam vom Südwesten her, dem Hintergrunde unseres Bildchens. Zur Linken sah ich Feldsberg, das Dorf, welchem der einsturzdrohende Calanda zu europäischer Berühmtheit verhalf. Je näher der Stadt, je breiter wird das Thal zwischen dem Calanda und dem Rhein,dem hier von Chur her die Plessur zustürzt, und den Churwalder Bergen. Reihen und Gruppen freundlicher, heiterer Menschen wandelten vor den Thoren, die Buben jagten sich im Feld und die Mädchen tanzten auf dem Rasen, Musik erscholl im Freien und Gesang von den Höhen. Da hat man es leicht, mit warmem Herzen anzukommen bei Herrn Arnold zum Steinbock in der Vorstadt, die man freundlich nennen kann. Sobald man jedoch Graben und Mauern der Innerstadt erblickt, erwartet man nichts modern Helles und Angenehmes in den Straßen, und man wird nicht überrascht, Alles hübsch krumm und düster, zusammengedrückt und unsauber zu finden. Es ist eben eine alte Stadt, die ihre jüngeren Glieder vor den Thoren ausstreckt. Früher nahmen die hier das Rheinthal beherrschende Stätte drei Castra ein: Marsoila, Spinoila und Ymburg. Um letzteres, an dessen Stelle jetzt das Rathhaus steht, gruppirten sich die Bürgerhäuser, aus welchen die Stadt entstand. Die Römer nannten sie Curia. Zur deutschen Kaiserzeit bis 1498 war sie freie Reichsstadt. Die Reformation wurde 1526 hier eingeführt und erregte den Zorn des Bischofs in so hohem [72] Grade, daß er sich mit dem Abt von St. Lucien und mehren weltlichen Herren heimlich verband, um die reformirte Bevölkerung Churs zu vertilgen. Der arge Plan ward jedoch verrathen und der Abt zum Tode verurtheilt und enthauptet. Oesterreicher und Franzosen trugen oft, namentlich während des dreißigjährigen und des letzten französischen Kriegs, ihre Waffen durch das Thal und vor und in die Stadt. Seitdem hat der Friede seine Werkstatt hier aufgeschlagen und mit seinem Gedeihen die rüstigen Bewohner gesegnet, deren Zahl sich auf 6000 belaufen mag. Chur ist als Hauptort des Bündtner Kantons Sitz der Behörden und höheren Bildungsanstalten. Die Domkirche, mit der Residenz des Bischofs im höheren (östlichen) Theil der Stadt gelegen und mit eigenen Ringmauern und Thoren versehen, stammt aus dem achten Jahrhundert. In diesem Stadttheil, dem bischöflichen Hofe, liegen ferner mehre Domherrnkurien, ein Kapuzinerhospiz, das bischöfliche Seminar und das ehemalige Prämonstratenserkloster St. Lucien, das zur Kantonschule veredelt worden ist. In dem tieferliegenden Stadttheil ist das weltliche Regiment, die reformirte Kirche und der Gewerbfleiß vorherrschend. Dort sehen wir die drei protestantischen Kirchen, das Regierungsgebäude, das Rathhaus mit der Stadtbibliothek, die Stadtschule u. s. w. Zur Belebung der Stadt trägt besonders der blühende Transitohandel zwischen Italien und Deutschland bei, für den der Kanton ungeheuere Summen aufwendet, die durch die großen Alpenstraßen über den Splügen und Bernhardin in Anspruch genommen werden, und denen nun die Eisenbahn noch zur Seite tritt. Die Industrie beschränkt sich auf Baumwollenweberei und Zinkblech- und Messingfabrikation. Außer den kleinen bürgerlichen Gewerben beschäftigen Landbau und Viehzucht viele Hände. Einen eigenthümlichen Erwerbszweig lernte ich andern Tags auf meinem Wege nach Meyenfeld kennen: den Schmuggelhandel, der mit Salz von Graubündten nach Tyrol getrieben wird. Ein Vertrag verpflichtet nämlich die österreichische Regierung, dem Kanton Graubündten jährlich eine bestimmte und bedeutende Menge Salz zu einem Preise zu liefern, der bei weitem billiger ist, als in Oesterreich selbst. Deshalb kommen nun die armen Tyroler über die hohen Alpen herüber, um auf den furchtbarsten und halsbrechendsten Gemsjägerpfaden mit äußerster Lebensgefahr die österreichischen Salzsäcke in ihr Land zurückzutragen. Mit einem dieser armen Lastträger ging ich bis jenseits Zizers. Als er seine bittere Klage über das traurige Stück Brod, das auf diesem Wege verdient werde, ausgesprochen, schloß er mit ächt tyrolerischem vertrauensvollem Kopfnicken und dem Seufzer: „Ja, wenn das der Kaiser wüßt’!“