Der Rheinwaldgletscher und die Quelle des Hinterrheins

DXVIII. Die Kirche St. Germain d’Auxerre in Paris Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
DXIX. Der Rheinwaldgletscher und die Quelle des Hinterrheins
DXX. Der Ausstellungs-Palast für Industrie und Kunst in München
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DER RHEINWALD-GLETSCHER IN DER SCHWEIZ
(Die Rheinquelle)

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DXIX. Der Rheinwaldgletscher und die Quelle des Hinterrheins.




Ein Bild aus der Alpenwelt! –

Nirgends wird die Kunst so zum Stümper, als wenn sie der Natur in ihrer einfachen Größe begegnet. Ihre Aufgabe ist überall leicht, wo Putz und bunter Flitter ihre Palette beschäftigen und die Koketterie der Formen ihrem Stift zu thun gibt. Es ist nicht schwer, Bilder zu schaffen voller Draperie und Maske, hinter welcher keine Verkörperung, kein Mienenspiel, kein Dollmetsch großer Affekte, kein Verräther gewaltiger Schöpfungsthätigkeit sichtbar ist und noch leichter wird es gelingen, Genre-Bildchen zu malen, Bildchen, wie sie die Natur aufgestellt hat überall, und zum Copiren gleichsam schon in Rahmen hängen. Versteigt sich aber der wahre Künstler in die Regionen der Hochalpenwelt zu den Zeugen des ersten Akts der Schöpfung, in jenes starre, stille Reich der ewigen Kälte, wo keine bunte Szenerie die Sinne fesselt und nur flüchtige, ätherische Nebelgestalten um die glänzenden Eishörner und grauen Felszacken huschen, – vernichtet wird er dastehen und sein Vorsatz, da droben ein Bild zu malen, wird ihm vorkommen, wie ein kindischer Einfall, oder wie eine Lästerung Gottes. – Nur der Stümper – der wird auch da keck und ungerührt nach seinem Farbkasten greifen – und gewiß ein Stümper ist es gewesen, der das Skizzenbuch für unser Bildchen aufschlug.


An der östlichen Seite vom Gebirgsknoten des Sankt Gotthardt, an dessen Abhang nach Graubündten zu, hinter dem Muschelhorn, wo ungeheuere Eismassen um die Füße unersteiglicher Firnen lagern, prangt der Rheinwaldgletscher – 4548 Fuß hoch. Geborsten und zerklüftet nach allen Richtungen rinnt, quillt und rieselt aus seinen tausend Sprüngen und Ritzen, wie aus geöffneten Adern, krystallhelles Wasser hervor und stürzt sich in kleinen Kaskaden hinab zur Tiefe. Dort unten, zwischen umherliegenden Felsblöcken, sammelt es sich zu einem schäumenden Bach, der rasch durch immergrüne Matten den Thälern des Graubündtner Landes zueilt. Dieß ist die Wiege des Hinterrheins, eine Wiege überaus herrlich und des Stromes würdig, an dem die Freiheit ihre ältesten Wohnsitze gebaut hat. Dreizehn hohe, stäubende Wasserfälle, in denen das Licht sich in allen Farben bricht, steigen von den Firnen zu seinem Bette nieder und einigen ihre Fluthen jubelnd mit den seinigen. Wie ein [165] junger Herkules zerdrückt er hier schon seine Schlangen, indem er hemmende Felsblöcke wegräumt, hausdicke Eisschollen durchbohrt und unter weit überhängenden Steinwänden weg sich den Pfad zum herrlichen Rheinwaldthal hinab wühlt, wo er mit den Zwillingsbrüdern, dem Vorder- und Mittel-Rhein, seine Vereinigung feiert. Der junge Rhein ist eines freien Volkes rechtes Abbild. Bei jedem Widerstande, den er in seinem Laufe erfährt, braucht er seine Kraft, reißt das Pfahlwerk aus seinen Ufern, untergräbt die Dämme und führt ganze Strecken fruchtbaren Wiesenlandes mit fort. Jedes Jahr erneuert sich zwar das Streben, den Strom in Fesseln zu legen; – große Felsblöcke werden an sein Ufer gewälzt, spitzige Balken 20 bis 30 Fuß tief eingeschlagen und durch starkes Flechtwerk verbunden, mitten in dem Strome Kopfwehren aufgerichtet, seine Gewässer zu trennen und, getrennt, zu zwingen; aber jedes Jahr reißt er seine Fesseln in Stücken. Und wie er, so sind die Menschen, die ihm anwohnen. Sie hüten ihre Rechte mit Argusaugen. In keiner Gegend der Schweiz findet die Freiheit entschlossenere Männer, in keiner auch hat der freie Mann ein so passendes Gepräge. Sein offner Blick kommt aus dem offnen Herzen. Zu stolz, sich zu verstellen, und zu muthig, seine Gefühle zu verbergen, spricht jede Muskel seinen Gedanken mit aus, und er mag lieben oder hassen, spielen oder lachen – so lieben und lachen, hassen und zürnen Arm und Wange, Hand und Fuß mit. In seiner Hütte jubelt die Freude froher als in Palästen, sie sitzt Bettlern im Gesicht. Ungebeugt trägt selbst die Armuth den Nacken, denn hoch stützt ihn die Freiheit. Diese lebt bewußtvoll im Volke und mit Würde tagt sie auf den Landgemeinden, obschon sie oft barfuß geht und in schlechtem, leinenen Kittel. Da spricht sie und rathet, da ordnet sie und herrscht und straft – und alles das, ohne einen Pfennig dafür zu fordern: denn in Graubündten ist die Obrigkeit ein Amt der Ehre und nicht ein Amt des Geldes, und als das Produkt des Vertrauens der frei wählenden Bürger gilt sie den Besten als eine Zierde.

Nicht ein Wohnsitz blos, auch eine Wiege der Freiheit ist das Quellland des Rheins. Vor ein halbtausend Jahren stiegen die Hirten der Alp, welche der junge Strom netzt, hinab in die weitern Thalgelände und schwuren mit den Männern Ober-Rhätiens den grauen Bund. Barone, Grafen, Edle, Aebte und Bischöfe nisteten in den Gebirgsthälern und übten rohe Gewalt und frechen Raub an den alten Gerechtsamen und der alten Freiheit des Volks, und kränkten es durch unerträgliche Hoffart. „Ein Mensch ist von der Natur und von Gott so viel wie der andere“ stand geschrieben in ihrer Urfehde, und des Zustands Widerspruch mit dieser einfachen Wahrheit konnten die festen Seelen nicht gewöhnen. Drum thaten sich entschlossene Männer zusammen, erschlugen ihre Vögte und Freiherren, vertrieben die Aebte und verbrannten die Klöster und Burgen. So sind die Graubündtner damals frei geworden, wie ihre Väter es vordem gewesen, und so hat der graue Bund sein Grütli so gut, wie die Eidgenossenschaft der drei Urkantone.

[166] Es ist in unserer Zeit des Schilderns viel über schweizerische Zustände und an reichlichem Auftrag der Schattenfarben ist selten ein Mangel. Macht doch Mancher gar ein Nachtstück daraus und staffirt es dazu mit Höllen-Breughel-Fratzen, daß Einem wehe wird. Ich meines Theils denke, in einem Volke, wo Glauben und Wissen der Freiheit so in Bein und Fleisch hinein gewachsen sind und wo der Freiheitstrieb sich so consequent entwickelt hat, als im Schweizervolke, ist das Wieder-Zurechtfinden eine unerläßliche Folge von jedem Absprung. Auch der junge Rhein, nachdem er sich auf Feldern und Wiesen getummelt hat, wenn ihn das Kraftgefühl sticht, findet jedes Mal sein Bett wieder. Parteiungen und Streit ist die nothwendige Folge jeder Freiheitsübung. Reiben müssen sich Stein und Stahl, daß der Funke herausbreche, die Mutter des wärmenden und erhellenden Feuers – und wehe Euch Schweizern um Eurer Freiheit, wenn Ruhe und Stille einziehen in Euer öffentliches Leben und die Nachbarn sagen: – „Ihr seyd glücklich.“