Die Kirche St. Germain d’Auxerre in Paris

DXVII. Constantinopel Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
DXVIII. Die Kirche St. Germain d’Auxerre in Paris
DXIX. Der Rheinwaldgletscher und die Quelle des Hinterrheins
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KIRCHE ST SULPICE D’ AUXERRE
in Paris

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DXVIII. Die Kirche St. Germain d’Auxerre[1] in Paris.




Paris ist arm an Denkmälern seiner Kindheit. In den verheerenden Kriegen und politischen Umwälzungen, denen die Hauptstadt von Frankreich so oft preisgegeben war, brachen die meisten ihrer alten Bauwerke zusammen, oder der modelaunige Sinn der Franzosen hat sie dermaßen von Grund aus modernisirt, daß ihnen oft nichts als ihre Stätte eigen geblieben ist.

Die Kirche St. Germain l’Auxerrois ist eine der frühesten Ansiedelungen des Christenthums in Gallien. Ihre Gründung schreibt man dem König Childebert und seiner Gemahlin zu. Sie geschah zu Ehren des heil. Vincent gegen Ende des sechsten Jahrhunderts und die Statuen des königlichen Paars sind noch heute über dem Eingang des Tempels zu schauen. Lange Zeit war derselbe die einzige Parochialkirche im nördlichen Paris und er soll früher den Namen „St. Germain le Rond“ getragen haben. 886 stürmten beutesüchtige Schaaren der Normänner die Seine herauf und raubten und verwüsteten auch in den Mauern dieser Kirche. Hundert Jahre später (998) stellte sie König Robert reicher und schöner wieder her und weihte sie dem heil. Germain l’Auxerrois (d’Auxerre), dessen Name ihr geblieben ist.

Jener für das kirchliche Interesse eifrige Fürst erhob das Gotteshaus zum Rang einer Kathedrale und dotirte ein Domkapitel, das aus einem Dekan, zwölf Canoniken, zwölf Kaplanen, Vikaren und Ministranten zusammengesetzt war. Im vierzehnten Jahrhundert wurde ein neues, größeres Chor eingebaut, und einige Jahre später begann der Thurmbau, der 1423 unter Karl VII. zur Vollendung kam.

Ganz in der Nähe des Louvre und der Tuillerien gelegen, wurde sie als paroisse royale angesehen und empfing in den glanzvollen Zeiten Ludwig’s XIV. häufig die pomphaften Aufzüge des Hofes, wenn es dem Könige gefiel, dem Herrn der Welten die Cour zu machen. Noch wird die Kanzel gezeigt, von der herab Massillon und Bourdaloux ihre salbungsreichen Reden hielten.

Die damaligen, in der Umgebung des Hofes lebenden Künstler: Boulogne, Lebrun, Coypel, Warin etc., wetteiferten unter einander, den Tempel zu schmücken; doch ist das Verdienst dieser anspruchsvollen Werke weit [161] geringer, als die Schätzung ihrer Zeit, und der Untergang der meisten in der Schreckensperiode der großen Revolution ist für die wahre Kunst kein großer Verlust. Der alles nivellirende Genius der Gleichheit, welcher, wie nach den Thronen der Könige, auch nach dem Throne Gottes seinen Arm ausreckte und die Religion als ächte Sansculottin an die Straßenecken consignirte, warf Putz und Schmuck aus den Kirchenpforten und schloß sie zu. Auch diese Phase ging vorüber. Als der Terrorismus verendet war, zogen die Priester wieder ein und Meßglocke und Weihrauch, Litanei und Gebet übten ihr altes Recht. Die Restauration machte St. Germain von neuem zur Hofkirche, eine Gunst, die ihr jedoch nach dem Sturz der ältern Bourbons genommen wurde. Von dieser Zeit an war ihre Priesterschaft dem Geiste der Julirevolution ein abgesagter Feind, und sie benutzte jede Gelegenheit, diese Gesinnung mit Ostentation zu offenbaren. Bei einem solchen Anlaß, bei der Feier des Todestags des gemordeten Herzogs von Berry, im Februar 1831, war es, als sie ihren Haß gegen die neuen Zustände so unverholen predigte, daß das gereizte Volk, von Indignation gegen die verwegenen Priester erfüllt, diese aus dem Tempel jagte und dann tobend über das Gebäude selbst herfiel und es geschleift hätte, wären ihm nicht die Bajonette zu Hülfe gekommen. Die Kirche wurde nun geschlossen und sie blieb es bis 1838, wo sie die Regierung dem Kultus zurückgab. Bei dieser Gelegenheit empfing sie in ihrem Innern eine sehr prächtige Ausschmückung, welche um so mehr gefällt, da sie im alterthümlichen Geiste des Bauwerks ausgeführt ist.

Für den Architekt war die Kirche St. Germain l’Auxerrois von jeher eine der anziehendsten pariser Sehenswürdigkeiten. Der Baumeister kann in ihr den Styl von 9 Jahrhunderten studiren, denn jede Restauration, jeder Anbau zeigt die künstlerische Eigenthümlichkeit der Zeit, in der sie entstanden. Die Kirche ist fünfschiffig und hat überdieß viele Seitenkapellen. Acht und dreißig Rundsäulen tragen die Deckengewölbe. Ihr Inneres macht eine großartige, überraschende Wirkung. Am prächtigsten ist der Chor mit seinen kühnen, spitzbogigen Kreuzgewölben und von dem Schiffe durch ein vergoldetes Eisengitter geschieden, zu dem Lebrun die Zeichnung fertigte. – Auch als Todtenstätte ist die Kirche merkwürdig; man liest viele berühmte Namen auf ihren Grabsteinen: Malherbes, Mad. Dacier, Stella, Coypel, Caylus u. A. Die schönsten Monumente gingen jedoch in der Revolutionszeit zu Grunde.

St. Germain l’Auxerrois steht auch noch auf einem andern Blatte geschrieben, als in dem Chronikon des pariser Clerus und im Nekrolog künstlerischer und literärischer Celebritäten. Sein Name ist der Prolog zu einer Schauer-Tragödie des Jahrtausends und in seinen geöffneten Pforten erblickt man die Thore des Abgrunds, aus dem einst die höllischen Geister stiegen, welche mit dämonischer Gewalt Frankreichs Volk zum Brudermord trieben.

[162] Am 24. August 1572 schlägt der Glöckner von St. Germain l’Auxerrois an und – die Bartholomäusnacht beginnt. Die Coligny’s fallen und die Rochefaucaulds und die Perigny’s und nach ihnen noch 700,000 Hugenotten – alle gemordet auf das Geheiß ihres Königs, der sie schützen sollte, alle gemordet auf den Rath der Priester des Herrn, welcher das Gesetz der Liebe und Duldung predigt in jedem Akt seiner Schöpfung.

O ihr Priester! Ihr, die ihr den Honig im Munde führt und den Stachel im Herzen: – sprecht uns nur noch vom Verfall des Glaubens und von Verödung eurer Tempel; klagt uns nur, daß sich das Volk lossage von euch, nicht mehr hören mag eure hohlen Worte der Heuchelei, nicht mehr sehen mag den Mummenschanz, welcher mit dem Heiligen ein schnödes Spiel treibt. Sprecht, wer hat die Schuld? Wer anders, denn ihr selber, hat die Pforten des Unglaubens aufgerissen, und wer anders, denn ihr selber, die Last der Mißachtung herbeigezogen, die euch jetzt den Nacken beugt? Seyd ihr es nicht gewesen, die das Christenthum seines schönsten Schmucks entkleideten, haben Andere ihm die Liebe geraubt, haben Andere die Leidenschaften losgekettet und aus der Religion eine Furie gemacht, haben Andere das Kreuz unseres Heilands in Brandfackel und Schwert verwandelt? Wer hat denn seit anderthalb Jahrtausenden, entweder allein, oder im Bunde mit der politischen Macht, die klarsten Quellen des öffentlichen Lebens getrübt, wer hat die Menschen durch den Glauben mit Haß und Argwohn gegen einander erfüllt, wer hat den Völkern abermals durch den Glauben ihre heiligsten Güter entlistet? – Ihr Pfaffen wollt von Christenthum sprechen und wehklagen über den Verfall des kirchlichen Sinns und der Frömmigkeit? Ei so sagt mir doch, wer ist es denn gewesen, der die Religion zum Deckmantel der Habsucht, der Herrschsucht, des Lugs und des Trugs und jeglicher bösen Leidenschaft von jeher gemißbraucht hat? Wer kreuzigt noch jetzt den Herrn alle Tage in seiner Kirche und würfelt um sein Gewand? Wollte Gott, jene Bartholomäusnacht wäre eure ärgste That! Aber viel schlimmere habt ihr begangen, viel schlimmer ist die, daß ihr den tiefen Born im Herzen der Menschen vergiftet, daß ihr das Unglück der Zeit erbrochen und das Siegel eigner Schuld aufgedrückt habt den unschuldigen Völkern. Nur durch die Gemeinschaft mit euch ist die weltliche Macht volksfeindlich geworden; die Künste der Inquisition hat sie nur von euch gelernt. Oder wer anders, als die Pfaffen, haben der Macht gelehrt, die Gedanken in ihrer geheimen Werkstätte im Entstehen zu belauschen, wer ihr gelehrt, edle Männer, die mit ihren Idealen schwärmen, für kaltblütige Verbrecher zu achten, wer sie angewiesen, auf Gesinnungen zu invigiliren, die aus der verschwiegenen Brust noch nicht an den Tag getreten, und Worte zu Hochverrath zu stempeln, die ohne alle Wirkung längst verhallt sind? Wer hat ihr den Argwohn eingegeben, welches Staatsverbrechen sucht überall, wo rechtliche Leute zusammen stehen, und eine Verschwörer-Herberge in dem Hause jedes braven Mannes wittert? Wer hat ihr gelehrt, die Geister gefangen zu nehmen und die Menschen im Staate zu willenlosen Rädern einer Maschine zu machen? „Der Codex der Hierarchie ist das Compendium der neuen Politik“, sagt Canning – ein schweres Geständniß aus einem solchen Munde. –

[163] Und nun, da die Zeit eurem Systeme das letzte Stündlein läutet, nun, da alle Räder eurer Maschine ausgelaufen sind und sie tückisch jeden Dienst versagt, den man ihr ansinnen will: – nun schreit ihr Zeter! und wißt euch nicht zu helfen. Indem ihr Finsterniß, Heuchelei und Aberglauben statt Licht, Frömmigkeit und Gottesfurcht in die Seelen gepflanzt, müßt ihr nun sehen, wie euer Christenthum in Dissonanz mit der Zeit gekommen ist, und nachdem ihr verschmäht habt, auch nur die leisesten Gegensätze zu binden, müßt ihr mit Schrecken gewahren, daß sie nun jeder Lösung spotten. Jetzt, da die Brunst allenthalben lichterloh gen Himmel schlägt und euer Haus verzehrt, sieht man euch mit ringenden Händen zusammenlaufen und Leitern und Hacken holen, und Spritzen zerren, und Gemeinschaft machen mit Allen, die nur helfen wollen. Conzile und Synoden ruft ihr zusammen, die Brandgeister zu beschwören: umsonst! sie können nur eure Rettungslosigkeit verkündigen. Gerade sie, in welche man jetzt Alles zusammendrängt, Alles zusammenschleppt, was sich innerlich ausschließt, gerade diese Conzile machen dem Volk den schwindelerregenden Wirrwar deutlich und geben der Masse die Ueberzeugung, daß nicht einmal mehr die Fähigkeit vorhanden ist, durch eine tiefgreifende Maßregel einer weitern Zersetzung im kirchlichen Chaos vorzubeugen. Die babylonische Sprachenverwirrung ist das Symbol dieser Versammlungen. Jeder Verstand wird da durch einen Unverstand aufgehoben, jede Kraft von einer Gegenkraft verzehrt, jede Bewegung durch eine antagonistische gehemmt; und in unnützen Deliberationen zerfließt jede Anstrengung, bleibt jede individuelle Kraft ohne Wirkung. Das Volk spottet dieses Treibens; sein Herz ist ihm längst abgewendet, es hat ihm unwiderruflich den Stab gebrochen, es hat nach eurem Schatten-Christenthum ohne Liebe und ohne Wärme keine Sehnsucht. Alle priesterlichen Künste vermögen nichts mehr gegen die Macht der Natur und ihrer Offenbarung, nichts mehr gegen die Verbreitung jener wahren Erkenntniß Gottes, die nach tausendjährigem Schlummer in priesterlichen Fesseln bei den Völkern von Neuem in ihre Rechte und in den Kreis des Bewußtseyns tritt und in der einfachen Lehre unsers Heilandes ihre Stütze findet. Keine Synode hält es auf und kein Congreß. Dem Verfall des falschen Christenthums, das die Pfaffen gemacht haben, dem stemmt sich alle Gewalt und alle List vergeblich entgegen. – Ja! der Gottesglaube, von dem jeder Grashalm predigt – dieser ächte Glaube, den die Priesterwelt zum dürren Genist gemacht hat, – Er muß wieder grünen und frische Zweige auswerfen und eine neue Krone gen Himmel treiben, in der sich Tugend und Glückseligkeit ihre Nester bauen. So muß es werden – und so wahr, wie Gott geoffenbart ist in seiner Welt, so wird es werden; – aufhören wird endlich das Welken und Dürren in unsern heiligsten Gefühlen! – Wenn das geschieht, dann wird vielleicht grüner Epheu meine Urne umranken – aber ihr Jüngern, ihr mögt es erleben! –




  1. Nicht St. Sulpice d’Auxerre, wie unter einer Anzahl Abdrücke durch ein Versehen des Stechers zu lesen ist.