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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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könnte seine Freude haben am Zählen der Gletscher. Gegen 2500, in ihrer Verkettung wohl kaum noch ganz erforscht, bilden dort die unerschöpflichen Wasserbehälter für Europa’s größte und schönste Ströme. Hunderte von köstlichen Bächen, klar und stürmisch wie die gesundeste Jugend, brechen durch furchtbare Felsschluchten sich ihren Weg, oder hüpfen und rieseln zwischen den lieblichsten Matten hin oder schlängeln und wälzen sich durch reizende Thäler, wo bald die Aehren der besten Frucht wogen, bald Kastanienwälder Deinen Pfad beschatten, bald Weinlaub die Hügel und Füße der hohen Berge schmückt. Hier heißt es richtig: Herz, was magst Du? Alle Klimate von der milden mittleren bis zur kältesten Zone ziehen ihre Luftstreifen vom tiefsten Thale bis zum höchsten Eishorn. Du kannst Dir im höchsten Sommer die untröstliche Temperatur von Spitzbergen ersteigen. – Eine Ordnung und Eintheilung in dieses Chaos, wie es den solcher Großartigkeit gegenüber gar schwachen Sinnen des Menschen erscheint, bringen die Hauptthäler, welche drei großen Strömen dienstbar sind: dem Rhein, der Donau und dem Po. Die Quellen des sogenannten Hinterrheins haben wir (Bd. XI, S. 164: Rheinwaldgletscher) bereits gesehen; wir haben ihn begrüßt am Ende unserer Splügenfahrt (Bd. XVIII, S. 3 ff., Die Straße über den Splügen) und werden ihn in einem der nächsten Hefte begleiten vom Postdorfe Splügen durch die Viamala bis nach Reichenau. Hier braust vom Gotthardt her der Vorderrhein herzu, der den Mittelrhein (eigentlich Rhein de Medels) bereits aufgenommen hat, und der ganze Rhein ist fertig und strömt nun im schönen breiten und immer belebteren Thale dem Calanda entlang in südöstlicher Richtung bis in die Nähe von Chur, von wo er, die rein nördliche Richtung einschlagend, seinem Bodensee zueilt. Zur Donau stürmt durch das Engadin der Inn, der für sie die Wasser der höchsten Gletscher und Alpenseen des Landes sammelt, und jenseits des Septimer, Splügen und Bernhardin stürzen alle Bäche der Adda und dem Ticino zu, deren Gewässer, im Po vereint, durch Europa’s blühendsten Garten der Adria entgegenfließen.
Ein Land von solcher Beschaffenheit kann nicht stark bevölkert sein und muß in seiner Bevölkerung ganz besondere Eigenthümlichkeiten zur Geltung bringen. Die Natur hat ihre Gaben nirgends auf so kleinem Raum ungleicher ausgetheilt. Es kämen recht gut dort Rhein- und Lappländer in geringer Entfernung nebeneinander fort. Während in Ober-Engadin der eisige Winter neun Monate dauert und oft im Hochsommer Schnee fällt, die Viehzucht der einzige Nahrungszweig ist und die Armuth die junge Kraft der Gebirgler in die Fremde treibt, sitzt in anderen Thälern die Wohlhabenheit in lachenden Fluren und freut sich beim eigenen Wein. Wen aber nicht eigener Boden nährt, den nährt der Durchzug, mit welchem Verkehr und Reiselust die Straßen beleben. So sind Aecker und Weinhügel, Straße und Saumweg, Alme und Wald, Bach, Fluß und See die vorzüglichsten Nahrungsquellen. Der Reichthum unter der Erde lockt keine Hände herbei, das Fabrikproletariat ist dem Lande
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 106. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/116&oldid=- (Version vom 27.12.2025)