Der Sund (Meyer’s Universum)

St. Charles am Missouri Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Der Sund
Chur
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DER SUND

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Der Sund.




Der Sundzoll ist abgelöst. Die gute alte Europa hat „eine schöne Geschichte“ mehr in ihrem Tagebuch. Soll ich sie Euch mittheilen, so vergönnt mir dazu die Einleitungsworte der großen Heldenmähr von der Buxtehuder Heide.

Düsse Geschicht is lögenhaft to vertellen, Jungens, aber wahr is se doch! Denn mien Grootvader pleggt’ jümmer darbi to seggen, wenn he se vertellen deh: „Wahr müt se doch wesen, mien Söhn, anners kunn man se jo nich vertellen.“ De Geschicht hett sick aber so todragen.“ Es war einmal vor uralten Zeiten ein großes Wasser, und das war naß. An dem Wasser wohnte ein Seekönig, was man zu Lande damals Räuberhauptmann nannte. Der fuhr auf dem Wasser mit seinen Gesellen und sahe Alles für sein Eigenthum an, was auf dem Wasser daher schwamm, so weit es naß war. Da starb der Seekönig, als er alt genug war, und sein Sohn wurde ein Landkönig, was man Landesvater nennt. Der nahm nicht das Eigenthum selber, das auf dem Wasser daher schwamm in fremden Schiffen, aber er gebot ihnen, vor ihm stille zu stehen und ihm den Zehnten ihrer Habe zu geben für das Wasser, auf dem sie fuhren, weil es noch immer so naß war, wie zu seines Vaters-Seekönigs Hochseligen Zeiten. Und da zahlten sie, wie sie auf den Schiffen daherkamen, der Eisbär und der Braune, das Einhorn und die Adler, der Hahn und auch der Michel, den sie den dummen schalten. Und dumm genug war er, aber nicht so sehr, wie die Andern glaubten. Die waren aber schlechte Nachbarn, und Niemand war schlechter gegen ihn, als das Einhorn und der Braune. Die redeten mit dem Landkönig im Geheimen zu ihrem eigenen Besten, und dem Michel machten sie weiß, das Wasser sei zu naß für ihn, denn sie wollten ihn ganz auf’s Trockne bringen. Der Braune zahlte aber seinen Zehnt, weil er dachte, den Landkönig noch zu beerben sammt seinem nassen Wasser; das Einhorn behauptete mit großer Ernsthaftigkeit, das Wasser sei nur sein Element; und die Andern, groß und klein, nickten dazu. So bezahlten sie dem Landkönig das Wasser fort und fort. Da kam ein Adler gefahren weit über Meer. Der rief dem Michel schon von Weitem zu: Sei gescheidt, das Wasser ist überall naß und frei, so weit es naß ist! Zu dem Landkönig aber sagte er: Soll ich zahlen nach [62] Deinem Recht, so zahle ich mit eisernem Gelde, das kugelrund ist! – Da steckten die Andern die Köpfe zusammen, und der Michel – der Michel erhub die schwere Faust und schlug damit – nicht auf die linke Seite, wo sein großes Schwert hängt, sondern auf die rechte, wo sein klein ledern Geldbeutelein steckt. Er ist halt zu gut von Gemüth! Darum verspotten ihn die Andern. Hat er nicht auch der kugelrunden eisernen Münzen die schwere Meng’ und könnt’ damit zahlen, daß Alle genug hätten? Sie wissen das wohl, die Andern. Darum thaten sie Alle die Beutel auf vor dem Landkönig, und der Michel behielt sein Eisernes und gab schönes blankes Silber hin für das nasse Wasser! – So ist’s geschehen in Europa und – düsse Geschicht is lögenhaft to vertellen, Jungens, aber wahr is se doch!


Mit dem Sunde wären wir nun fertig und abermals auf ewige Zeiten. Aber warum kann ich nicht von dem Bilde loskommen, so langweilig oder – so würdig seines Gegenstandes es auch ist? Davon trägt in diesem Augenblick der Klang eines Posthorns die Schuld. Da unten fährt der rothe Wagen durch den Werragrund und der Postillon bläst die bitter klagende Weise vom „Schleswig-Holstein stammverwandt!“

Braver Schwager, Du beschämst viele mächtige Herren in dem weiten deutschen Reiche! An das größte Verbrechen, das abermals am deutschen Volke begangen wird, mahnst Du von Thal zu Thal die pochenden Männerherzen mit Deiner Melodie des vaterländischen Jammerlieds. Wie sind die Töne dieses Volksgesangs einst erschallt auf den deutschen Sängertagen und haben Tausende begeistert zu lange Zeit verboten gewesenen Gefühlen, und zuerst wieder erhoben zu dem Stolz auf ein gemeinsames Vaterland! Und wie klangen diese Töne unter dem Donner der Geschütze und in der Siegeshoffnung deutscher Heere und ihrer hohen und gefeierten Führer! Die Fahnen aller Farben Deutschlands entfalteten sich bei diesen Klängen, und selbst auf dem Meere erschallten sie in bewaffneten Schiffen, die mit des „Reichs“ dreifarbigen Wimpeln prangten! Wo ist die Zeit hin? Sind’s denn schon hundert Jahre her? Lebt Niemand mehr von den edlen Helden, die dort fochten, von den Fürsten und Prinzen, die dort für Deutschlands Ehre das Schwert führten? Oder war es dort nur ein Spiel der Eitelkeit, ein Gladiatoren-Schaustück für diplomatische Passionen? Sind nicht Thaten geschehen der Unsterblichkeit werth? Ist nicht das edelste Blut dort in Strömen geflossen? Ist alles Gedächtniß daran in Deutschland mit unter den Hammer gekommen, als das Kind des höchsten Wunsches und des weltkundigen Bedürfnisses der Nation vertrödelt wurde bis auf den letzten Anker?

Blickt hin nach Schleswig-Holstein! Betrachtet das Bild recht genau, das dort vor den Augen aller Völker steht. Es ist die gelungenste Darstellung einer großen Sünde an der Nation. Und doch ist es nur eine [63] schlechte Kopie. Das Original ist im Jahre 1648 vollendet worden; sein Meister hieß „Westphälischer Friede.“ Als man das Bild zu Münster aufstellte, hat das ganze Volk geweint! Dort quillt des Dichters Klage:

O Deutschland, Deutschland, heil’ge Eiche,
     Wie stehst du da so ganz entlaubt!
Das Feuer schlug durch deine Zweige
     Und Ast um Ast ward dir geraubt!

Der Krieg hat deine Pracht zernichtet,
     Da kam der Friede – über dich!
O, wie hat der dich zugerichtet,
     Du armer Baum, erst jämmerlich!

Was dir gelassen Sturm und Flamme,
     Das ward des Friedens schnöder Raub;
Er riß die Aeste dir vom Stamme
     Und trat die Zweige in den Staub!

Und auf dem Gipfel, drüber nimmer
     Ein Doppeladler herrschend kreist,
Sitzt nun, umglänzt von eitlem Schimmer,
     Zu Thron der Zwietracht böser Geist.

Wenn auch mit frischen Blätterzweigen
     Sich schmückt der Aeste öder Raum:
Dein böser Geist will nimmer weichen,
     Germania, du armer Baum!

Oder ist das nicht mehr derselbe Geist, der in Deutschland sein zweihundertjähriges Jubiläum im Jahre 1848 feierte? Wäre das heutige Bild von Schleswig-Holstein nicht das jüngste seiner Werke? Ist’s doch dem so ähnlich, welches der Westphälische Friede vom deutschen Elsaß ausführte! – Der Nachhall der alten Klage geht erschütternd durch die deutschen Herzen. Die Diplomatie hat von den großen Bewegungen der neuesten Zeit nichts gelernt. Sie weiß noch immer nicht, daß die Statistik um einen neuen Theil vermehrt worden ist, der ebenso sorgsam studirt als beachtet sein will. Das ist die Statistik des Volksgefühls! Welche Steuerlast ein Volk ertragen kann, das ist oft erprobt worden; nie aber ist es der Diplomatie zu Sinne gekommen, den Grad der Verstimmung, des Mißmuths, des Zorns, des bitteren Wehes zu messen, bis zu welchem ein Volk gereizt werden kann durch rücksichtslose und ungestrafte Angriffe auf die Nationalehre. In dieser Beziehung ist’s doch anders und besser in Deutschland geworden:

„Es geht ein heil’ger Sturm von Stadt zu Stadt.
Sie spüren’s all’, erwacht aus schwerem Traume:
Deutschland ist eins und jeder ist ein Blatt
Am riesengroßen Wunderbaume!
Schon grollt man jedem fremden Uebermuth,
Es zürnt der Süden, ist der Norden fröhnig!

Und nicht bloß der Süden, ganz Deutschland zürnt! Es ist zu Entsetzliches, was dort geschieht, es erregt das Kopfschütteln und Hohnlächeln von ganz Europa! Wir müssen uns vom Franzosen deshalb beäugeln, vom Engländer bewitzeln und vom Russen – bedauern lassen! Gälte es in Schleswig-Holstein nichts, als die dänische Ausstöberung [64] des deutschen Geldsacks, so würde wahrlich die Theilnahme der Nation nicht eine so allgemeine und so hoch gespannte sein. Da ginge eben der Klingelbeutel des Unglücks bei uns herum, wie wir das gewohnt sind. Aber es gilt den höchsten Gütern des Lebens und der Ehre der Nation: der deutschen Zukunft und Macht in den Marken unseres Nordens, dem deutschen Geist, der deutschen Bildung, dem deutschen Familienglück, dem deutschen Gebete, dem deutschen Recht! – Deshalb ist’s des Volkes Stimme, die mit Max Freiweg ausruft:

Wie lang’ soll denn seufzen ein deutsches Stück Land
Noch unter dem Drucke frech knechtender Hand?
Wie lang’ soll ihm bleiben sein Loos?
Wie lang’ soll noch Willkür und schnaubende Wuth
Zerstören der Tausende Glück und Gut?
 Schießt los!

Ihr Herrn, die Ihr leitet der Völker Geschick,
Wie lange noch haltet Ihr zaudernd zurück
Und leget die Händ’ in den Schooß?
Wie lang’ soll noch bleiben ein deutscher Stamm
Der Fremden Spielball, das Opferlamm?
 Schießt los!

Und sind wir vielleicht nicht Mannes genug,
Zu scheuchen den Alv und zu bannen den Fluch?
Was kümmert uns Russ’ und Franzos’!
Macht der auch dazu ein saures Gesicht,
Laßt’s Euch nicht verdrießen, das kümmert uns nicht!
 Schießt los!

Wir schießen gleich mit und ziehn wieder aus
Mit Freuden zum Kampf, zum gerechten Strauß
Und schlagen mit wacker drauf los!
Gleich blitzt aus der Scheide der blinkende Stahl,
Platzt endlich die Bombe, ertönt das Signal:
 „Schießt los!“

So pocht’s unter dem Bürger- wie unter dem Waffenrock. Aber – Geduld ist des Deutschen erste Bürgerpflicht, und wir sind längst daran gewöhnt, das Herz zusammenzuschnüren, wenn es schreien will. Solange noch nach althergebrachter Weise in den goldenen Salons die Galanteriedegen graciös und rücksichtsvoll nach allen Seiten unter den Diplomatenfräcken herumwackeln und die Statistik des Volksgefühls keinen Platz auf den grünen Tischen unserer Staatenlenker gefunden hat, so lange wird auch der Postillon sein Klagelied Tag und Nacht vergeblich blasen.

So verzeiht mir denn, daß ich mich zu dieser patriotischen Abschweifung habe verlocken lassen. Es geht mir eben wie dem armen Soldaten „zu Straßburg auf der Schanz“, den das Alphorn, das von seinen Heimathbergen herübertönte, zum Ausreißen verführte. Seht – ich bin auch nicht Schuld daran, – das Posthorn hat’s mir angethan!