Nizza in Savoyen

DLXX. Der Giralda in Sevilla Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DLXXI. Nizza in Savoyen
DLXXII. Der Tower in London
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NIZZA

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DLXXI. Nizza in Savoyen.




Nicht einem Strom oder einem Sturzbach gleicht das gewöhnliche Leben der Reichen; es ist ein Bach, der still durch Blumengründe fließt, und mit tausend Liebkosungen schmeichelt der Sorgenfrei so gern der Natur einige Jahre mehr Lebensdauer ab. Wer so das Erdendaseyn nach seiner Länge mißt, der komme nach Nizza! Hier, auf diesem sonnigen Plätzchen, an der schönsten Meerbucht, welche die Alpen mit ihrem Schilde vor jedem rauhen Lüftchen schützen, feiert der Frühling Feste mitten im Winter. Der Mandelbaum entfaltet seine rothen Blüthen schon im Januar, und die reinste Luft, die das ganze Jahr hindurch weht, kräftigt und hebt die Lebensgeister, wie an keinem Ort der Erde. Darum eilen auch in dem Spätherbst Menschenschaaren, wie Zugvögel, aus dem Norden her, die sich vor der rauhen Hand des heimathlichen Winters flüchten, und es schlagen in Nizza das letzte Zelt ihrer Erdenwanderung Viele auf, denen alles Gold in ihrem Vaterlande nicht die Bedingungen erkaufen kann, ein schwaches oder sieches Leben länger zu fristen. Greisen, hektischen und entnervten Menschen ist Nizza ein letzter Trost. Aber nur der Reichthum kann ihn erkaufen, denn der Aufenthalt ist in Nizza theurer, als selbst in Palermo.

Nizza war schon zur Römerzeit wegen der Heilkraft seiner Luft in großem Ruf. Das alte Nicäa, eine Niederlassung der Massilier, wurde von den Römern in der Zeit Cäsars zum Reiche geschlagen und zum Waffenplatz gemacht, um die unruhigen Ligurier zu zäumen. Nach dem Sturze Ost-Roms und nachdem es Gothen und Vandalen verheert hatten, kam es an die Grafen der Provence und von diesen an Savoyen, dessen Schicksale es seither getheilt hat. Der Wiener Kongreß gab es dem sardinischen Königshause zurück.

Nizza ist eine nicht sehr betriebsame, an Kirchen und Klöstern aber desto reichere Stadt von 24,000 Einwohnern, häßlich und winkelig im ältern Theil, um so freundlicher und schöner aber in der Neustadt, wo die fremden Gäste ihre Wohnungen nehmen. Es hat zur Winterszeit ein ganz großstädtisches Treiben. Sehr schöne, auf Kosten der Gemeinde sorgfältig erhaltene Spaziergänge durchschneiden die lieblichen Umgebungen nach allen Richtungen. Berühmt ist die Terrasse am Meere hin – und der Korso vor dem königlichen Schlosse, wo sich die vornehme Welt an heitern Tagen versammelt. Eine Viertelstunde von der Stadt liegen die malerischen Trümmer des alten Nicäa, unter welchen sich die eines Amphitheaters befinden, das 8000 Zuschauer fassen konnte: ein schönes Denkmal einstiger Größe und Blüthe. Auch das neue Nizza hat ein Theater; aber es steht öde: die Nacht des Glaubens, die in Nizza von mehr als 300 Geistlichen sorgfältig unterhalten wird, ist dem fröhlichen Spiel des Lebens abhold und liebt Dichter und Mimen nicht.