Der Giralda in Sevilla
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GIRALDA in SEVILLA
„Wehe dem Lande, dessen König ein Kind ist!“ – Dieser Bibelfluch, eine Frucht bitterer Volks-Erfahrung, ward, wie so viele andere Schätze der Weisheit, verhöhnt von den Hausgesetzen der spanischen Könige, und die Nation muß dafür büßen. Rächt es sich schon am Einzelnen, wenn er den Lehren der Erfahrung das Ohr verschließt, um so härtere Folgen werden Völker tragen müssen, wenn sie taub sind gegen die Mahnungen der Geschichte und sich feige oder gleichgültig das Böse aufzwingen lassen von bösen Händen. Der Acker, der die Saat des Unkrauts aufnimmt, trägt keinen Weizen, und wer dem Unrecht die Thüre öffnet, läßt das Unglück in’s Haus. Neun Zehntel alles Volkselends auf Erden kommen daher, daß die Nationen den ersten Widerstand scheueten bei der Einführung verderblicher Staatseinrichtungen, welche ihnen von den Inhabern der Gewalt mit List oder Zwang aufgebürdet wurden. Sie schluckten das Gift, statt die Hand zu zerschlagen, die es ihnen verrätherisch anbot, und sie büßten dann mit einem elenden Leben voll Schmerz und Reue, oft mit langem Siechthum und vorzeitigem Tod.
Davon ist Spanien seit Jahrhunderten ein furchtbares Exempel. Wenn irgend ein Land der Erde den Stempel der Gnade Gottes an der Stirn trägt, so ist es jene Halbinsel. Aber blickt hin, wie dick und schwer hat sich der Fluch des Unrechts darüber gelegt, das seine Gewalthaber ausgestreut! In den blühendsten Garten der Erde verpflanzte Gott ein herrliches Geschlecht, wohlgestaltet und reichbegabt, ausgerüstet mit den edelsten Eigenschaften dreier Nationen, deren jede einmal an der Spitze der Menschheit stand: der Römer, der Araber, der Germanen, und das Land, hinausgestreckt wie die Faust Europa’s, schien bestimmt, die erste Zierde der Freiheit, Macht und Ehre zu seyn in der alten Welt. Was ist aus dieser Faust geworden? Eine zerschlagene, matte, blutige Hand, einst mit Gold und Edelstein geschmückt, jetzt mit eisernen Fesseln behangen.
Es war eine Zeit, wo das spanische Volk alle Welt erfüllte mit dem Glanze seiner Waffen und dem Ruhme seiner Thaten. Im 16. Jahrhundert war keins größer und gewaltiger; keins von einem stolzeren Selbstgefühl, von heißerer Vaterlandsliebe durchdrungen, keins bildungsreicher und der Freiheit würdiger, und sein fester, unerschütterlicher, religiöser Glaube, der alle Fasern seines Lebens durchdrang, flößte ihm jenes Gefühl der Unüberwindlichkeit ein, welches vor keinem Wagniß zurückbebt und die größten Gefahren sucht, nur um sie zu besiegen. Damals war den Spaniern die Erde unter die Füße gegeben, und in der ganzen Nation war der stolze Gedanke [15] lebendig, sie sey auserkoren zu ihrem Herrn und Meister. Ihre Cortez’ und Pizarro’s verstanden es, die Sendung zu erfüllen. Sie zogen aus in die neuentdeckten Länder auf Abenteuer und Beutefahrten und unterwarfen sich Länder und Reiche. Wegen des überschwenglichen Glücks in der Fremde vernachlässigten sie aber die Güter in der Heimath und ihr Sinn verwilderte auf den blutigen Eroberungszügen. Die Schätze, welche sie aus Amerika zurückbrachten, reizten die niedrigen Leidenschaften Habsucht und Golddurst, und diese erstickten im Volke die edlern Triebe. Die besten Kräfte der Nation erschöpften sich allmählig in den zahllosen Auswanderungszügen nach den neuerworbenen Ländern, und die dem Königshause erwachsene größere Macht benutzte dieses, die Befugnisse seiner Herrschaft auf Kosten der Volksfreiheit immer mehr zu erweitern. Während sich die Spanier eine halbe Welt unterthänig machten, wurden in der Heimath für die Nation Ketten geschmiedet; während Kolonien auf Kolonien zu Glanz sich erhoben, erblichen die Sterne des Volksglücks im Mutterlande und kam über dasselbe Welken und Siechen. Und als endlich den Bourbons – diesem mit dem Verderben so vieler Völker beladenen Geschlecht – durch Arglist es gelungen war, ein Reis ihres Giftbaums auf den spanischen Thron zu pfropfen: da flatterte von demselben das Banner des Volksbetrugs öffentlich und jene schamlose Willkürherrschaft trat ein, welche, vom französischen Hofe ausgehend, sich nach und nach über Europa wie eine Pest verbreitete. Was an Freiheit übrig, wurde unterdrückt, oder herabgewürdigt zu bloßen Formen; Handel und Industrie wurden fremden Interessen geopfert und mit schwindelnden Finanzoperationen das Vertrauen der Nation und im Auslande betrogen, um die Mittel für bodenlose Verschwendung zu schaffen. Was die Regierung nicht vermochte, um die Nation zu verderben, das thaten die Pfaffen, und die Kirche stand sich wohl dabei: in ihrer fluchbeladenen Hand, welche die Scheiterhaufen der Inquisition nicht ausgehen ließ, häuften sich Schätze und ein Drittel der ganzen Oberfläche Spaniens ward ihr Eigenthum. Der Adel verkam am verschwenderischen Hofe und das Volk verdummte allmählig so sehr, daß es selbst die Erinnerung an seine große Vergangenheit verlor. Die Literatur war eine Bettlerin geworden bei der alten Zeit; die Pflege der Wissenschaft hatte aufgehört, die Kunst war erstorben, das ganze Reich war ein Bild der Kraftlosigkeit und Hinfälligkeit. Da wehte plötzlich der Hauch der französischen Revolution nach Spanien hinüber und am starren Fels weckte der warme Athem der Freiheit neues Leben! Was damals keimte, das schoß dann plötzlich zum hohen Baume auf, als Napoleon mit kühnem Griff das verrottete Königsgeschlecht vom Throne schüttelte und das Land als gute Prise erklärte. Da erhob sich das Volk zur Verwunderung der Welt, und es schien wieder das alte geworden. Spanien wurde zum Grab der französischen Heere und an der spanischen Brust brach sich der Glaube an des Weltbezwingers Glück und Unbesiegbarkeit. Spaniens Ruhm erglänzte während eines fünfjährigen Kampfes in Flammenschrift; indessen war’s doch nur ein Feuer ohne Dauer: der Phönix fehlte der Flamme: ein neues Spanien erstand nicht. Zu lange hatte des Despotismus Gift im Volkskörper gewüthet: alle Siege und Kriegsehren konnten eine innere Umbildung nicht bewirken, und als der [16] Widerstand des äußern Feindes gebrochen, als der spanische Boden von ihm befreit war, da fiel die ermüdete Menge in narkotischen Schlummer zurück. Vergeblich suchten jene Feuergeister, welche das spanische Volk wieder empor heben wollten zum Genuß der Freiheit, für Verfassungen und Verwaltungsreformen zu erwärmen; die Indolenz der Massen und die Künste der bourbonschen Dynastie wirkten ihnen entgegen, der kein Mittel zu schlecht war, um die goldenen Tage unbeschränkter Willkürherrschaft zurückzuführen und bleibend zu begründen. Bei dem Kampfe dieser antagonistischen Kräfte entbrannte der Bürgerkrieg, und dieser ist, wenn auch mitunter Pausen eingetreten sind, permanent geblieben bis auf den heutigen Tag. Mit ihm das offentliche Elend. Der Thron ist zur Mördergrube geworden unter der Fahne eines Kindes und die Regierung zu einer Höhle, in der Diebe und Gauner frech ihr Wesen treiben.
Und so sehen wir unter dem Fluche: „Wehe dem Lande, deß König ein Kind ist!“ in Spanien das Bild von Nationalelend, wie in keinem Lande der Erde. Ich will nicht sagen, daß es nicht noch unglücklichere Völker gebe – die Sonne bescheint gar vielen Volksjammer auch anderswo! – aber das Elend erscheint dort so entsetzlich, weil die Kluft zwischen Dem, was dieses Volk seyn ''könnte, und Dem, was es heute ist, so grausenhaft weit und tief vor uns liegt. Ich gebe wenig auf den Ruhm, daß ein spanischer König einmal Herr von Ländern war, in denen die Sonne nicht unterging. Die Eroberungslust gehört in die Flegeljahre der Nationen und bringt nie Segen. Aber das ein so hochherziges Volk, eine solche mannhafte Nation, so tief sinken konnte, daß sie gleichsam schutz- und obdachlos nur noch in Ruinen wohnt, ist traurig. Sieht es doch aus, als wenn aus den kühnen und starken Jünglingen mit einem Male Greise geworden wären! Verdrossen schleppen sie die nichtswürdige Sklavenkette, und von der Lust, zu schaffen und zu wagen, von ihrem Kampfesmuth und ihrem Freiheitsstolze ist an den Spaniern kaum eine Spur mehr zu sehen. Wer that's? Ich sagte es schon und sage es wieder: Ihre Könige und Pfaffen. Die Fürsten und Pfaffen haben im Volke den Stolz gemordet und den Muth gefesselt. Sie haben Ketten an jedes Wagniß, Steuern und Zölle auf jede Unternehmung gelegt. Sie haben die eroberten Länder geknechtet, bis sie sich frei machten. Sie haben Flotten und Heere ihrer Herrschsucht und Eitelkeit geopfert. Sie haben die Millionen des Staatseigenthums auf die Altäre des Wahns und der List gelegt. Und nachdem Männer und Weiber seit Jahrhunderten auf ihren Thronen mit unsäglichem Eifer am Untergange des Reichs gearbeitet, nachdem sie mit teuflischem Scharfsinn jede Quelle des Wohlstandes erspäht und bezollt oder verstopft, nachdem sie mit Inquisition und Zensur gewüthet, nachdem sie mit den schimmernden Lastern des Hofes und dem höllischen Werkzeug des Beichtstuhls die Sittlichkeit des Volks untergraben und angefressen haben, und nachdem sie endlich der großherzigen Erhebung der Nation mit schwarzem Undank vergolten und sich und das Volk zum Gegenstand des Bedauerns und der Mißachtung vor ganz Europa gemacht, – setzten sie die schwere, beschmuzte und blutbefleckte Krone auf das Haupt eines Kindes, dem eine verbrecherische, treu-, ehr- und schamlose Mutter – die Königin aller Nichtswürdigkeit – beim Zepterhalten die Hand führt.
[17] Seit einunddreißig Jahren sehen wir den Bürgerkrieg die unglückliche Halbinsel zerfleischen. Wie oft haben in dieser Zeit die Glocken nicht zum Gebet, sondern zum Kampf und Brudermord gerufen! Und wie oft werden sie noch ihre Klagelaute über Spanien ertönen lassen, ehe sie zum Dankfest laden können ein aus Pfaffennacht und Fürstenfesseln befreites Volk! – Wird je der Tag kommen? oder wird fortrieseln im Brudermorde die Lebenskraft der Nation bis zum Erlöschen, oder bis ein jüngeres Volk ihr mitleidig den Mordstahl in die Brust drückt und ihre Qualen abkürzt? Gegen das Gesetz der Natur hilft kein Sträuben. Pflanze, Thier, Mensch, Volk, Gestirn, alles Geschaffene stirbt, damit junges, frisches Leben Raum erhalte. – Auch die Nationen haben ihren Turnus, und mit ihnen macht die Kultur ihre Wanderungen um den Erdkreis. Es ist eine doppelte Bewegung: – Kreislauf mit Fortschritt, wie die Bewegung der Gestirne.
Nur Einer stirbt nicht, und dieser lauscht mit Antheil dem vielstimmigen Chor der Völker. Ihr Jubel ist seine Freude, und in ihren Klagliedern fühlt er den Schmerz der ewigen Liebe. Doch wenn sie Wunder von ihm begehren, ruft er ihnen zu:
Zu Ende jener blutigen Religions- und Raçenkriege der christlich-spanischen Völker gegen die arabischen Stämme, des Kreuzes gegen den Halbmond, war Sevilla, die Hauptstadt eines Khalifats, nach harter, langer Belagerung auf’s Aeußerste bedrängt worden. Die Außenwerke und Vorstädte waren schon erstürmt und die Belagerer forderten zum letzten Male zur Uebergabe auf. Die Mauren aber erklärten, daß sie sich nur dann ergeben würden, wenn man ihre Hauptmoschee vor der Entweihung schützen würde; außerdem zögen sie vor, sich unter den Trümmern der Stadt zu begraben. Endlich kam eine Kapitulation auf die Bedingung zu Stande, das Gotteshaus, welches den Moslims als das heiligste in ganz Spanien galt, solle sogleich nach der Uebergabe niedergerissen und der Erde gleich gemacht werden.
Als aber der König Ferdinand von Kastilien seinen Einzug in die eroberte Stadt gehalten hatte, ward er von der Schönheit des Gebäudes so betroffen, daß er es nicht über sich gewinnen konnte, den von seinem Feldherrn schon gegebenen Befehl zum Niederreißen zu bestätigen. Um es zu erhalten, brach er sein königliches Wort. Er machte die Moschee zur Kathedrale, und von ihrem freistehenden Thurme – dem Giralda – laden nun seit fast vier Jahrhunderten die Glocken Christen zur Messe. Ein anderer Glaube ist eingezogen und andere Priester dienen an den Altären; doch nur die Formen wechselten, der Gott ist geblieben.