Der Tower in London
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Der TOWER in LONDON
Englands Kapitol, sey gegrüßt im friedlichen Haine der Masten!
Längst ist geschlossen dein Buch, Blätter voll Grauens und Ruhms.
Wie ein plaudernder Greis erzählst du nun deine Geschichten
Enkeln, vergnügt ihres Glücks, denn sie beherrschen die Welt.
„Sie beherrschen die Welt!“ Stolz klopft bei diesem Spruch jedem Briten das Herz und jeder Nerv in ihm singt das „Rule Britannia.“ Wenn aber eine Sybille die Zukunft bespräche und die besprochene aufschlösse, so würde es nicht am demüthigenden Nachsatz fehlen. Die Zeichen reden. England hat den Gipfel seiner Macht gewiß überstiegen. Es kommen die Tage des Alters, und seine emanzipirte Tochter tritt als präsumtive Haupterbin allmählig in den Vorgrund. Die junge Riesin, welche die Mutter gesäugt hat, ist dieser nicht nur ebenbürtig geworden, sondern auch furchtbar: vor Nordamerika wird England den Dreizack neigen. Ist aber erst einmal die Furcht aufgenommen unter den Faktoren eines Weltreichs, so hat auch dessen Verfall begonnen.
Es hat die Nemesis das Schwert über England, sichtbar für Alle, erhoben. Sie wird es nicht eher in die Scheide stecken, als bis sie das Vergeltungswerk vollendet hat. Das Gericht tagt, und ein langes Tagen wird’s werden, wie noch keins gewesen. Irland, die leibliche Schwester, die Jammergestalt in Lumpen, klagt auf unermeßliche Blutschuld gegen die Königin der Erde. Vergebens erkauft diese Frist auf Frist durch ihre Schätze. Die Schätze gehen dahin, aber die Schuld wird nicht geringer. Zu spät ist alles und umsonst in diesem Streite. Es hilft auch nicht, daß England mit selbstsüchtiger Gier fortfährt, überall an sich zu raffen, was sein langer Arm erreichen kann. Irland hängt ihm an, wie ein todtes, faulendes Glied einem lebenden Körper; es verderbt seine Säfte und macht seine strotzende Kraft zu nichte. England kann nicht mehr gesunden. Die Ursachen seines Verfalls sind nicht mehr zu entfernen, ihre Wirkungen und Rückwirkungen dauern fort, und das letzte Ergebniß kann kein anderes seyn, als Tod und Auflösung.
Daß diese Katastrophe kommen wird, ist sicher: nur die Zeit derselben kann Niemand ermessen. Englands Weltreich ist ein so starker, fester Bau, seine Fundamente sind so tief gelegt und so dauerhaft, sein Gebälk [20] ist so gut gefügt, daß vielleicht noch Jahrhunderte vergehen können, ehe die Geschichte seine letzte Seite schreibt. Welche Gewitter müssen durch die Zeiten toben, welche Stürme rasen, welche Ereignisse die Völker aufregen in ihren tiefsten Tiefen, ehe das kolossale Haus britischer Weltherrschaft zusammenbricht und ehe der Spruch des Gerichts vollzogen wird, das jetzt seine ersten Ladungen schreibt!
Im Tower von London ist der klassische Boden der britischen Geschichte. Hier wurde die Magna Charta entworfen und von vielen Königen bestätigt. Viele andere Begebenheiten, an welche sich die Geschicke des Reichs knüpften, hatten im Tower ihren Schauplatz: – Thaten des Glücks und der Freude, oft auch des Unglücks, der Trauer und des Verbrechens.
Als Roms Stern untergegangen war in Britannien, folgte im verlassenen Lande die Finsterniß der Zerrüttung. Bürgerkrieg zerfleischte das Volk und die Fehden der Häuptlinge fraßen seine Kraft. Da kamen die aus Deutschland zur Hülfe herbeigerufenen Angelsachsen, und in dem Durcheinander machten sich die Gäste zu Meistern des Landes. Mit der Sachsenherrschaft erschien für Britannien ein neuer Tag. Das Reich wurde aufgebaut in allen seinen Theilen nach den Grundsätzen germanischer Freiheit, in denen die Rechte des Volkes vollkommen gesichert waren und gewährleistet durch die Theilnahme an der Gesetzgebung. Vier Jahrhunderte dauerte seine Blüthe, und in Alfred dem Großen sah die Welt einen der erleuchtetsten Fürsten, dessen weise Einrichtungen zum Theil noch fortwirken bis auf den heutigen Tag. Als jedoch im 10. Jahrhundert das Schwertrecht des Eroberers über Menschenrecht gesiegt hatte, da wurden die Herren zu Knechten, es wurden die Germanen die Tagewerker der Normannen. Wilhelm, ihr Herzog, nun König in England, erklärte der Sachsen Freiheiten als verfallen und legte ihnen mit dem Joche die ganze Last der Pflichten und Leistungen eines Volks auf, das niedergehalten werden soll durch den eisernen Druck. Er erklärte sich zum einzigen Eigenthümer alles Grund und Bodens in England und theilte denselben in 60,000 Lehngüter, die er, nachdem er 1400 als Domänen der Krone zurückbehalten, an die normännischen Ritter und jene Sachsen verlieh, welche sich ihm willig unterworfen, oder ihm sonstige Dienste geleistet hatten. So entstanden die britischen Kronlehen, und ihre Besitzer, ursprünglich etwa 8000, bildeten den Feudaladel Englands, welcher in verschiedenen Rangstufen, vom Baron bis zum Herzog, hinanstieg und dessen Hauptleistung die Heerfolge war. Verpflichtet, auf das Gebot der Krone 60,000 berittene Krieger zu stellen, mehrte sich durch diese kräftige Wehrverfassung das Ansehen des Reichs und hob sich seine Macht. Indessen konnten die normännischen Eindringlinge, da sie über das ganze Land als Gutsbesitzer zersplittert waren, ihr Volksthum gegen das kräftig entwickelte der Sachsen auf die Dauer nicht behaupten. Schon 100 Jahre nach der Eroberung hatte das Deutsche wieder die Oberhand, und der größte Theil der Lehen kam durch Gunst der Krone, durch Heirath, Kauf etc. allmählig in sächsische Hände. Im J. 1215 erlangte vom [21] Königthum das Volk seinen Freiheitsbrief, die Magna Charta. Sie stellte die deutsche Freiheit gesetzlich her, und Vieles von Dem, was untergegangen war in den Stürmen der Eroberung, trat fortan wieder an’s Licht und in’s Leben. Vollständig wurde die Restauration des Germanenthums, als der alte normännische Adel, bis auf eine geringe Anzahl Familien, in den Kriegen der beiden Rosen unter Heinrich VII. zu Grunde ging. Sein Nachfolger, Heinrich VIII., der Despot, beugte die Reste des alten Feudalstolzes der Eroberer. Er brach zugleich die Gewalt des Papstes durch die Einführung der Kirchen-Reformation und die Aufhebung von 645 Klöstern und 2400 Stiftern, deren Güter der schlaue Tyrann zum bei weitem größten Theile der Geistlichkeit ließ, welche nun den Bau der englischen Hochkirche auf den Ruinen des Katholizismus errichtete.
Früher schon war das Bürgerthum zu großer Geltung gekommen. Im Parteikriege der beiden Rosen hatte London mehr als einmal den Ausschlag gegeben und seine tapfern Bürger erlangten dafür jene Freiheiten, welche die Gemeinde der City fast zur Unabhängigkeit erhoben. Andere Städte folgten dem Beispiele der Hauptstadt und benutzten jede Gelegenheit, um ihre Privilegien auf Kosten der Krone und des Adels zu erweitern. Die Stadtgemeinden erlangten das Recht, mit den Baronen durch Abgeordnete in einer Kammer zu tagen, und später errichteten sie ein eigenes Parlament, – das Haus der Gemeinden (House of Commons), welchem nach und nach die Initiative der Gesetzgebung zufiel. So hatte das aristokratische Element sein Gegengewicht gefunden, und die Demokratie trat als eine gesetzliche Macht in der Verfassung auf. Der altgermanische Stamm hatte so die letzten Fesseln der fremden Unterdrückung abgeschüttelt. Später, von den Wogen der kirchlichen Umwälzung auf’s Tiefste erregt, schlug der Geist der Freiheit zum Aeußersten über, als Karl I., ein eitler, charakterschwacher Mensch, dazu Anlaß gab. England wurde Republik. Dieser Versuch war jedoch ohne Dauer. Mit Cromwell lebte sie auf und mit ihm starb sie wieder, nachdem sie die Stufen wilder Zügellosigkeit in religiösen Formen durchlaufen und den König auf’s Blutgerüst geschleppt hatte. Die Restauration des Königthums brachte die Stuarts zurück; nicht den Frieden. Die Stuarts blieben der Gährungsstoff, der keine Beruhigung des Landes zuließ, und erst als jene ausgestoßen wurden und es der Nation glückte, mit der neuen Dynastie einen Vergleich zu schließen mittelst der Urkunde, welche als Erklärung der Volksrechte (Declaration of rights) die Magna Charta ergänzte, schloß sich der Krater der Revolution. Beide Pakte machen jene gepriesene Verfassung aus, auf welcher seitdem die Größe des englischen Volkes ruht. Mit Recht ist sie ein Gegenstand der Bewunderung aller Völker gewesen; denn sechs Jahrhunderte hat dieses Fundament gedauert, und welches Gebäude hat sie getragen? Seines Gleichen ist nicht auf der weiten Erde, und wenn auch Nordamerika’s freie Union es allmählig in Schatten stellt, so soll doch nicht vergessen seyn, daß England die Mutter ist und die Tochter nicht wäre ohne diese.
[22] In der englischen Verfassung, deren Lebensfähigkeit, trotz ihres hohen Alters, noch nicht ganz versiegt ist, erscheinen die drei allmählig entwickelten Elemente des Staats auf das Sorgfältigste abgewogen. Die Monarchie ist der Mittelpunkt. Sie regiert durch Gesetze, die der Buchstabe befestigt hat und von deren Unverletzlichkeit die Masse des Volks auf’s Innigste durchdrungen ist. Gestützt durch die Staatskirche, wird sie kontrolirt in erster Stufe durch die erbliche Macht aller Reichthümer und Würden in der Nation – das Oberhaus; in zweiter Stufe durch die Nationalintelligenz, die im Hause der Gemeinen versammelt ist, und über alle Drei wacht die öffentliche Meinung, welche eben so mächtig ist, als unabhängig, eben so geehrt, als ehrenwerth und ehrenhaft: – denn die freie Presse hört auf, geachtet zu seyn von der englischen Nation, sobald sie sich der Leidenschaft, Frechheit und Zügellosigkeit hingibt, was zu thun ihr völlig freisteht. Wunderbares, großes Volk, auf das beim Genuß der vollen Freiheit das Gesetz wie ein Zauberer wirkt und alle Schichten durchdringt, vom Königssohn bis zum Proletarier! Ich sah den Bruder des Königs aus seinem Wagen steigen im Regen auf offener Straße und dem Gerichtsdiener willig folgen, der ihn um eine vergessene Fünfschillingschuld an einen Tagelöhner verhaftete; ich sah vor dem blauen Stabe des Konstablers versammelte Volksmassen von Zehntausenden sich ruhig auflösen und entfernen, die einen Augenblick vorher ihr Verdammungsvotum gegen Regierungsmaßregeln ausgesprochen hatten und durch die Reden der Volkstribunen auf’s Höchste erregt schienen. Wunderbares Volk, das, in hundert Sekten gespalten, dennoch darüber einig ist, daß die Religion der Grundstein sey alles Lebens im Staate und aller Gesetzgebung; die Weihe jeder weltlichen Bestrebung, die Quelle aller Güter und selbst der Güter allerhöchstes. Wunderbares Volk, das sogar noch in der Aristokratie ein Element der Freiheit finden konnte, aber auch eine Aristokratie besaß, wie ein anderes: eine Korporation, in welcher das Ansehen, die Pracht, die Würde der Nation dem Ansehen, der Pracht und der Würde der Monarchie entgegentritt, welche die geschichtlichen Erinnerungen trägt, umhangen ist mit dem Ruhm und den Ehren Englands, und in der der edle Stolz, die anständige Würde, die unabhängige Gesinnung und das sichere Selbstgefühl ihren Ausdruck findet. Endlich der Wunder größtes: das Volk selbst, fest fußend auf die Selbstständigkeit der Gemeinde und auf das klare Bewußtseyn und Verständniß seiner Rechte, geübt in der Vertheidigung seiner Interessen, bereit, für die Freiheit jedes Opfer zu bringen, geschützt durch die Oeffentlichkeit, durch Schwurgerichte in seinen bürgerlichen Rechten geschirmt gegen jede Willkür und ermächtigt, alles, was die Nation Ausgezeichnetes enthält an Talent, Erfahrung, Charakter, Gesinnung und Tüchtigkeit, zum Vertreter seiner Interessen zu erlesen und in das Unterhaus zur Kontrolirung der Regierung und zur Gesetzgebung zu senden. Willig erträgt das Volk die Last einer erblichen Krone, welche die Unverletzlichkeit heiligt und die ausgestattet ist mit allen Prärogativen, welche zur Handhabung der Macht im Sinne der Majorität der Volksvertretung nothwendig [23] sind, über welche aber die öffentliche Meinung ihre Fittige ausbreitet, sie, welche Alles durchschaut, Alles durchdringt, Alles überwacht, Allem Leben verleiht, Allem Gang und Ziel anweist und bei dem ewigen Gähren und Zersetzen, Aendern und Neugestalten im Weltreiche wirkt, wie ein Geist Gottes.
So ist diese Verfassung, welche als Magna Charta vor 6 Jahrhunderten im Tower geschrieben ward, in stätiger Entwickelung fortgeschritten bis auf den heutigen Tag, und selbst die Stürme der Revolution haben keine Gewaltthat an derselben gewagt. Sie wird darum von den Briten als ein heiliger, einseitig nicht aufzulösender Vertrag, abgeschlossen zwischen den vergangenen und den künftigen Geschlechtern, als der große Pakt aller Pakte, als die Quelle aller besondern Uebereinkommnisse angesehen, als ein Fideikommis der Nation, von den Vätern ererbt und den Enkeln zu überliefern. Und weil ein Volk keine Eintagsfliege ist, sondern seine Lebensdauer nach Aeonen messen kann, wenn es nicht Siechthum und frühen Tod selbst verschuldete, darum ward für den Bestand dieser Verfassung das Prinzip allmähliger organischer Vervollkommnung angenommen. Je nachdem Zeiten und Verhältnisse wechselten und an dem Verfassungsbau das Wegräumen oder Hinzufügen einzelner Theile räthlich, das Entfernen von nutzlos oder unzweckmäßig erscheinenden Dingen nöthig machten, so wurden die Verbesserungen, dem Bedürfniß angemessen, vorgenommen; das Ganze aber ward erhalten und bewahrt trotz der Umwandlung einzelner Theile.
Und mit dieser alten und noch immer lebensfähigen Verfassung ist das kleine England so groß geworden, und es ist ein Staatsbau entstanden, der an Umfang den des Alexander und der römischen Cäsaren viermal, an Bevölkerung mindestens zweimal übertrifft, in allen Welttheilen seine Kammern hat und alle Meere zu seiner Domäne zählt. Sie war das Panzerhemd, unter welchem England den furchtbarsten Angriffen und den größten Fährlichkeiten jederzeit Trotz geboten und sie besiegt hat. Der Abfall der wichtigsten Kolonien, ein dreißigjähriger Kontinentalkrieg in der Runde herum mit allen Mächten, die Handelssperre und in deren Folge große Vermögenszerstörungen, das Aufgebot der furchtbarsten Armeen, die gefährlichen Aufstände in Indien, die Jahre des Mißwachses und der Theuerung, die Arbeiterunruhen in den Fabrikdistrikten hervorgerufen von der Verzweiflung des Hungers: – all diese entsetzlichen Krisen sind verlaufen ohne erheblichen Schaden für den Staat. Unter der Disziplin seiner Verfassung erlangte der britische Nationalcharakter jenes Gepräge der Festigkeit, Kühnheit und Sicherheit, jenes durch nichts zu beugende stolze Selbstgefühl, jenen unerschütterlich ruhigen und klaren Verstand, jene Stätigkeit und Beharrlichkeit, welche andere Völker bewundern, ohne sie sich anzueignen, und eben die Verfassung ist als die rechte Mutter jenes festen, folgerechten Systems zu betrachten, das in allen öffentlichen Verhältnissen das nämliche Ziel stets fest im Auge hält und zu erreichen weiß. Canning’s Wort im Parlamente: „Wenn ein britischer Schiffsjunge die Erde umsegelt, so weiß er, daß, wo man’s wagte, ihm ein Haar zu krümmen, [24] die Regierung seines Landes sich nie bedenken würde, ihm volle Genugthuung zu verschaffen, sey es mit Güte oder Gewalt“, das Wort trägt jeder Brite im Herzen, es steht ihm geschrieben auf der stolzen Stirn, und es ist seine Sicherheitskarte in jedem Winkel der Erde. Und dieses Sicherheitsgefühl, das wir Deutsche gar nicht fassen können, weil wir es nie gekannt haben, stählt seinen Unternehmungsgeist und hat bewirkt, daß er die übrige Welt, welche sein Schwert und sein Dreizack nicht bezwang, sich tributpflichtig machte durch seinen Handel und sie überwand durch seine Industrie. Mit der Maschinenwelt, die der Briten kunstreicher Geist sich schuf, mit dem dienstbaren Heere der Dämonen, die des Feuers Flamme aus dem gebannten Wasser beschwört, mit dem Kapital, das, im Bunde mit diesen Kräften, das Ungeheuerste so leicht schafft, als wäre es Kinderspiel, legt er ein eisernes Band der Dienstbarkeit um die Erde und umspannt er alle Völker mit einem Netze, in dem sich Alle winden und Viele verbluten.
Aber an dieser so herrlichen Blüthenkrone nagen doch Würmer und das Verderben guckt aus unzähligen Keimen. Die britische Aristokratie ist seit ein Paar Jahrzehnten in einer ihrem Werthe und ihrer Achtung großen Abbruch thuenden Verwandlung begriffen. Sie fault gleichsam im Uebermaß der strotzenden Säfte, sie wird unthätig, stolz, wegwerfend, übermüthig, geistlos, gemein; sie bringt sich mehr und mehr in schroffen Gegensatz zu den mittlern Klassen und hat sich vom Volke gänzlich geschieden. Der Klerus macht’s nicht besser. Er entfremdet sich seiner frühern Stellung; des Nimbus gänzlich baar, und von der Idee seines Berufs verlassen, wird er täglich mehr vom Irdischen befangen, hinabgezogen zum politischen Faktionsleben, und träge, feist, prosaisch und profan, der Heuchelei in Glaubenssachen blind ergeben, drückt er das Pfaffenthum in seiner widrigsten Erscheinung aus. Die Wissenschaft, von der Kirche geknechtet, hört auf zu schaffen, und sie bringt, einige Disciplinen ausgenommen, schon lange nichts mehr hervor, was sie fördert. Sie verknöchert auf den Universitäten in der elendesten Pedanterie, ist nüchtern, stationär, todt, mechanisch geworden, richtet ihr Wirken fast ausschließlich auf das Nützliche; die Spekulation ist kraftlos, allem Fortschritt gram, sich selbst vernichtend. Die Gesetzgebung häuft ihre Akten zu Bergen an, – Masse auf Masse seit Jahrhunderten, – so daß kein Mensch das Chaos mehr übersehen, der unzähligen Widersprüche, in welchen jeder Rabulist das klarste Recht umgarnen und ersticken mag, sich erwehren, oder vor ihnen sich schützen kann. Auch der Bürgerstand ist nicht mehr, was er gewesen. Er ist nicht mehr die kompakte Masse voll Ehrenhaftigkeit und Kraft mit dem Gefühl der Unabhängigkeit in jedem Busen. Seitdem die Großindustrie an die Stelle des Handwerks und der kleinen Fabrikation getreten ist, hat sich die herzlose Klasse der Industriellen ausgeschieden, welche, jeder in seinem Kreise, eine drückendere Herrschaft üben, als der Ritter in der Feudalzeit über seine Leibeigenen. Die Handwerker sind diesen Tyrannen der Neuzeit großentheils dienstbar gemacht worden, und das Verhältniß zwischen Meister und Gesellen [25] ist übergegangen und ausgeartet in das des Herrn und seines Arbeiters: ein Band, das alles sittlichen Halts entbehrt und keinen andern Zweck hat, als den des gegenseitigen, gemeinen Vortheils, welcher beide Parteien zum ewigen Hader und zum immerwährenden Streit führt, in welchem List und Betrug ihre widerlichen Rollen spielen. Der lange Friede und das Habitus der Fabrikarbeiter begünstigen fort und fort die Vermehrung der Bevölkerung, und gleichzeitig schreitet die Kunst weiter, Menschenhände entbehrlich zu machen durch die Automaten der Mechanik, welche sich mit jedem Jahre mehr der Gewerbe bemeistern. Der Boden des Landes ist seit Jahrhunderten besetzt, Alles, was kulturfähig ist, hat seinen Bebauer gefunden, und Gewerbe und Handel werden täglich mehr außer Stand gesetzt, alle Die aufzunehmen und zu beschäftigen, welche Arbeit begehren. Aber dadurch ist den Besitzenden allmählig ein furchtbarer Feind erwachsen, dessen Gestalt drohender und entsetzlicher wird mit jedem Tage. Das Proletariat, zu dem sich die Hintersassen des Grund und Bodens gesellen, jene kleinen Pächter, welche die Aristokratie, seitdem sie das Geheimniß einer größern Rente durch eigene rationelle Bewirthschaftung ihrer Güter entdeckt hat, jährlich zu Tausenden von dem Boden jagt, welchen der Ausgestoßenen Aeltern und Urgroßältern bebaut und gepflegt haben. Wie so die Land-Aristokratie wirkt für die Vermehrung des Proletariats, so thut es die Aristokratie des Kapitals, jene zahlreiche Klasse von Rentnern nämlich, welche die ungeheuere Staatsschuld Englands geschaffen hat, und die, ohne sich selbst irgend einer Arbeit zu unterziehen, ihr Geld in der Volkswirthschaft für sich arbeiten läßt. Diese Leute haben nur ein Interesse im Staate: d. i. daß die Staatszinsen regelmäßig bezahlt werden, und ihre größte Sorge ist die, daß dies nicht geschehe. Sie sind daher gegen jede Geld erfordernde Verbesserung im Staate, gegen jede großartige, durchgreifende, aber kostspielige Maßregel und machen Phalanx gegen die Regierung, sobald diese Miene macht, sich in Unternehmungen einzulassen, die den Staatsseckel auf eine Weise in Anspruch nehmen, die ihr Interesse, – die Zinszahlung – benachtheiligt. Deshalb konnte der Plan zur Umwandlung des heimischen Proletariats in ackerbauende Kolonisten und Landeigenthümer, mittelst der Auswanderung nach Kanada etc. auf Staatskosten, so oft er auch angeregt und von den weisesten Staatsmännern als Radikalkur empfohlen wurde, nie durchgesetzt werden; denn die 50 Millionen Pfund Sterling, die zu dessen Ausführung nöthig waren, konnte der Staat nicht aufbringen, ohne für den Staats-Zins-Rentner Besorgniß zu erregen. Hingegen ist diese einflußreiche Menschenklasse eine stets bereitwillige Helferin zu jeder tyrannischen Maßregel und zu jeder das Volk bedrückenden und aussaugenden Steuerlast, wenn nur die äußere und innere Ruhe und die erforderliche Höhe der Staatseinnahmen und dadurch ihr Zinsempfang gesichert bleibt.
Auch hier bewahrheitet sich der alte Satz: „nur wer für das Volk und mit dem Volke arbeitet, hat für das Volk ein Herz.“ Jene Klasse der Rentner, welche durch die fortwährende Vermehrung der Staatsschuld stets wächst, sie, die bereits die Hälfte der ganzen Einnahme des Reichs vorneweg in ihre [26] Tasche streicht, wird das Wohlseyn des Staats immer nur nach dem Kurszettel beurtheilen, und je mehr dem Volke ausgepreßt wird, je mehr die Staatseinnahmen steigen, je wohler fühlen sie sich, und ihre eigene Behaglichkeit ist, nach ihren Begriffen, identisch mit dem Staatsglück. L’état c’est moi – sagt jetzt das Kapital in England eben so wahr, wie der vierzehnte Ludwig einst in Frankreich sagte.
Im „Proletariat“, diesem Dämon der Neuzeit, welcher wie der Geist der Rache und Vergeltung in den alten Staatsgebäuden Europa’s umgeht, ist gleichsam ein nachgebornes Volk im Volke erwachsen. Es findet nirgends ein Kämmerchen für sich übrig, denn jedes Plätzchen im Staate war lange vor seiner Geburt besetzt und verliehen. Es findet auch im Rechtsstaate keine Rechte für sich; denn die alte Verfassung Englands konnte nicht berücksichtigen, was noch nicht geboren war. Das Proletariat ist das Findelkind der Zeit, welches Vater und Mutter in England verleugnen, wie überall. Aber rechtlos, wie es ist, macht es um so entschlossener seine Ansprüche auf Gleichberechtigung geltend und verlangt ungestüm die Zulassung zu dem großen Vertrage der Nation. Das britische Proletariat, in dem Sumpf moralischer Entartung und physischen Elends erwachsen, ohne Bildung, den rohesten thierischen Leidenschaften ergeben, ist eine furchtbare Macht, die in einem entsetzlichen Grade anwächst und zu einem socialen Umsturz noch unaufhaltsamer hindrängt, als das Proletariat in Frankreich und Deutschland; denn in England stehen die Kontraste sich viel schroffer und unversöhnlicher gegenüber. Der hochmüthigste, kolossalste Reichthum stellt sich dort der drückendsten Armuth der Proletariermassen frecher, unbarmherziger und herausfordernder gegenüber, als anderswo, und füllt die Gemüther mit grenzenloser Erbitterung. Die Aristokratie des Grund und Bodens, eben so geängstigt wie der Tyrann Kapital durch den Andrang des Proletariats, und konzentrirt in jener gescheidten ministeriellen Oligarchie, die, eingeweiht in alle Künste der Despotie, nie um Maßregeln zur Erhaltung ihrer Macht verlegen ist, stellt den stürmenden Massen den Wall des Gesetzes, der stehenden Heere, die Bestechungskünste, das Spionierwesen und die sonstigen Mittel der Staatsgewalt entgegen. In dem Maße, als die Forderungen des Proletariats sich steigern, steigert sich die Härte des Widerstands: man opfert – und das ist’s gerade, was am Ende zum Bruch führen und die Katastrophe unvermeidlich machen muß – dem Prinzip der Erhaltung das Prinzip der Verbesserung auf. Dadurch aber ist die organische Fortentwickelung des britischen Staatslebens in’s Stocken gerathen und an seine Stelle trat Verknöcherung. In solcher Lage aber kann ein Staat nicht bleiben, in welchem eine so frische und gewaltige Kraft, wie die des britischen Proletariats, ohne Unterlaß sich rührt und wirkt. Eine Socialrevolution, die Alles umwirft, muß und wird kommen, wie sie in Frankreich und Deutschland kommen wird. Wenn die Spannung zum höchsten Punkt gelangt ist, platzt’s; die Explosion wird die Welt erschüttern und der auseinandergerissene Staat die Erde bedecken mit seinen Trümmern. Schon werden die Stadien, näher dieser Katastrophe, immer kürzer und schon [27] stehen die Dinge (noch mehr in Irland, als in England) so, daß es dem Proletariat nur an einigen großen, charakterstarken, kühnen Häuptern fehlt, um den gewaltsamen Ausbruch herbeizuführen und mit ihm einen Kampf hervorzurufen, welcher, würde er auch noch vielmal unterdrückt, doch nicht eher enden wird, als bis das größte, bewundernswürdigste Werk menschlicher Weisheit, zu dessen Gestaltung ein Jahrtausend nöthig war, von der Erde verschwunden ist.
Aus dem dunkeln chaotischen Zwiespalt der Gegenwart flüchtet mein Seherblick zurück auf das stille, friedliche Bildchen, die Wiege all dieser bedrohten Größe und Pracht – auf den Ausgangspunkt meiner Betrachtungen. Diese sind zu Ende und was übrig bleibt, ist das beschreibende Wort.
Der Tower von London ist die älteste Residenz der britischen Könige seit der normännischen Eroberung. Der eigentliche Palast, der sogenannte weiße Thurm, ist jenes hohe Viereck mit den vier Eckthürmchen. Er wurde von Wilhelm dem Eroberer im Jahr 1078 auf der Stelle errichtet, wo einst die Burg der römischen Statthalter gestanden hatte, und noch führt ein sehr altes Gebäude den traditionellen Namen: Cäsars Thurm. Der Tower liegt am östlichen Ende der Londoner Altstadt (der City), von der Themse durch einen schmalen Steinwall geschieden. Er ist mit Wällen, Bastionen und einem tiefen Graben umgeben, welcher aus dem Strome Wasser durch einen Kanal empfängt. Außer dem Palaste enthält er eine Kaserne für die Besatzung und die Wohngebäude der vielen Beamten. Jene bilden ein Paar kleine, enge Straßen. Die Form des Grundplans ist rund, der Durchmesser etwa 1100 Fuß, der Umfang ¼ Stunde. Die kleine Besatzung, deren Zahl ohne Genehmigung des Londoner Stadtraths nicht vergrößert werden darf, wird täglich gewechselt. Zahlreicher als die Soldaten sind die Kanonen, welche ihre schwarzen Rachen aus den Schießlöchern der Mauern und von den Bastionen auf Stadt und Hafen richten. Auch auf der Terrasse an der Themse stehen 60 Stück von großem Kaliber. Es sind „gute alte Jungen, die Keinem ein Leid anthun“, sagt der Londoner Bürger, und in der That haben sie seit drei Jahrhunderten, trotz allen Volksaufläufen und Tumulten, nur die Anzahl der Wochenbetten der Königinnen ausgerufen, oder Kronenträger begrüßt, oder Toaste bei Nationalfesten begleitet. In England wird der Pöbel nicht alsbald mit Shrapnels regalirt, wie der Pariser, der Berliner und Wiener, wenn er Krawall macht. Als ich im Jahre 1817 den Demokraten Hunt mit seinen Hunderttausenden durch die Straßen der Weltstadt ziehen sah, von einem Ministerhotel und einem Königshause zum andern, da verschlossen die Kasernen ihre Thore, die Minister bezahlten die zerbrochenen Scheiben und kein Soldat war zu sehen; am andern Tage sprach Niemand mehr davon, so wenig machte man daraus. Ich sah dem damals allmächtigen Castlereagh, welcher zufällig in eine solche Demokratenversammlung gerathen war, die Pferde seines Wagens ausspannen und ihn selbst unter dem „höllischen Gelächter“ der zahllosen Menge auf eine Tonne heben, die auf einem umgestürzten Karren stand, Hunt [28] gegenüber, damit er eine Rede an die Versammlung halte – und der erste Minister, (den Stern auf dem Kleide) that’s mit lächelnder Miene, und er empfing, während er es that, die Würfe des Pöbels mit faulen Eiern und Orangen kaltblütiger, als die Lind Sträuße und Blumenkränze. Und da der Mann gesprochen hatte, so hörte er, fest, ruhig und mit untergeschlagenen Armen, seines demagogischen Gegners Antwort an, der auch auf einem Faß ihm gegenüber stand und mit geballter Faust gegen ihn gestikulirte, wie ein Boxer. Von Niedersäbeln und Niederkartätschen, von Einkerkern, vom Anklage- und Untersuchungsjammer war keine Rede. Am Abend hörte ich den Minister im Parlament sprechen so unbefangen, als käme er aus dem Geheimen-Rathe. Am andern Morgen aber hing Castlereagh „als Volksredner“ zu Kauf für „einen Penny“ in allen Bilderläden aus; man lachte und die Geschichte war vergessen.
Der Tower hat schon seit einigen Jahrhunderten aufgehört, eine königliche Residenz zu seyn. Die Säle und Räume des Schlosses dienen jetzt zum Zeughaus: die hier aufgespeicherten Vorräthe an Waffen und Monturen sind hinlänglich zur Ausrüstung von ¼ Million Krieger. In einem Raume, dem 345 Fuß langen ehemaligen Bankettsaale, sind die Waffen für 150,000 Mann aufgestellt. Andere Säle enthalten die Trophäen der britischen Siege in allen Welttheilen und aus allen Zeiten; einer die Rüstungen der englischen Könige und Heerführer, von Eduard I. (1272) an bis zu Jakob II. (1685). Der eigentliche Löwe des Tower ist aber die Kronschatz-Kammer (Jewel office), wo die Regalien bewahrt und Jedem gezeigt werden, der sie sehen will. Sie ist ein dunkles Gewölbe, zu dem schmale Gänge führen, die mit starken Eisenthüren verwahrt und stets bewacht sind. Sie werden hinter jedem Besucher wieder verschlossen. Die Schatzkammer selbst ist glänzend erleuchtet, in der Mitte aber durch ein starkes Drahtgitter geschieden, hinter welchem die Kustoden stehen und auf mit Sammet beschlagenen Tafeln die in Schränken liegenden funkelnden Flitter der Monarchie den vor dem Gitter harrenden Besuchern zeigen. Da schauest du die goldenen Zuchtstöcke für die Völker, die Zepter, sammt Reichsäpfeln und goldenen Sporen zu Dutzenden, die Kronen zu Haufen, und mit den Reichsschwertern könnte man eine halbe Kompagnie wehrhaft machen. An goldenen Tischgeschirren, Salzfässern, Kommunionkelchen und Hostienschachteln ist kein Mangel, und selbst die Smaragdschale für das heilige Oel fehlt nicht, mit dem der Herr oder die Herrin „von Gottes Gnaden“ gesalbt werden. Nirgends in der Welt ist ein solcher Schatz kostbarer Steine beisammen zu sehen, als hier, und in dem Kerzenlicht strahlen sie in tausend Farben: und doch nicht halb so schön, als an einem kalten, hellen Weihnachtsmorgen der frisch gefallene Schnee im Sonnenlicht! Die Diamanten in den Kronen dauern länger, ein Paar Jahrtausende vielleicht: sind diese aber mehr als – Augenblicke auf der Uhr der Ewigkeit? Eben so herrlich und vielleicht noch viel herrlicher waren die Kronschätze des Cyrus, des Alexander, der assyrischen und ägyptischen Herrscher; und was ist aus ihnen geworden? Sie sind verschwunden mit ihren Reichen und ihren Völkern, und nichts ist übrig, als ein Paar Todtenhügel ihrer Städte und ein Paar welke Blätter im Geschichtsbuch. [29] So wird auch die Zeit kommen, wo die Steine aus den Kronen des britischen Weltreichs gebrochen werden und die Zepter und Reichsäpfel in die Schmelztiegel wandern und auf dem Schutthügel des Tower Ziegen weiden und Hirten Weisen singen in Sprachen, die noch nicht geboren.