Plasencia

Avignon Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Plasencia
Honolulu
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

PLACENGIA
(SPANIEN)

[139]
Plasencia.




Spaniens Mesopotamien ist Estremadura, reich an reizenden Gebirgen und Gewässern und durchzogen von zahlreichen Heerden, hinter denen der schwarzbraune Bewohner des Landes mit der langen verrosteten Flinte auf dem Rücken einherstolziert. Das Land ist eben so fruchtbar als schön. Ohne die Scheu des Volks vor anstrengenderer Arbeit, als Viehzucht, insbesondere Schaf- und Schweinezucht, müßte die Provinz zu den reichsten der pyrenäischen Halbinsel gehören und der Getreide-, Obst- und Weinbau allein ganze Gegenden zu den blühendsten erheben. Statt dessen bleibt der beste Ackerboden in ewiger Brache liegen, und es muß Getreide eingeführt werden, [140] wo die großartigste Ausfuhr desselben möglich wäre. Wer aber in den Nächten der Erntezeit die Schaaren der Schnitter betrachtet, wie sie unter ihrem sternenhellen Himmel auf dem Felde lagern oder ihre Wachtfeuer in singenden und tanzenden Gruppen umschwärmen, erkennt gar bald, daß das Volk in der Abgeschlossenheit seiner Berge glücklich ist und vom Baum des Lebens nur die poetischen Blüthen bricht, ohne sich bis zur Holzhackerei herabzulassen. Dafür ist Estremadura nun freilich auch allen Fortschritten, die in anderen Theilen Spaniens so erfreulich hervortreten, fremd geblieben. Das Haupthinderniß jeden Fortschritts liegt aber in dem gänzlichen Mangel an Verbindungswegen. Badajoz ist der einzige Punkt der Provinz, von welchem aus eine geregelte Kommunikation mit der Außenwelt Statt findet.

Der Garten dieses verwahrlosten Landes ist das Thal, welches unsere Stahlplatte zeigt, die zwölf Meilen lange und drei Meilen breite Vera de Plasencia. Im Mittelpunkt desselben liegt die Stadt, welche dem Thale den Namen gibt. Sie ist nach alter Art befestigt, mit sieben bethürmten Thoren versehen, hat ebenso viele größere Plätze, ebenso viele Pfarrkirchen, ebenso viele Klöster und ebenso viele Armenhäuser. Der Hauptstraßen zählt man zweiundzwanzig. Der Fluß, an dessen rechtem Ufer wir Plasencia sich erheben sehen, ist der Xerte, über welchen eine steinerne Brücke führt. Am anderen Ende der Stadt schwingen sich die hohen Bogen einer Wasserleitung über das Thal. Unter den Gebäuden innerhalb der Mauern überragt alle die stattliche Kathedrale. Mehre Jahrhunderte ist an ihr gebaut worden, weshalb die Style verschiedener Zeiten sich an dem Granitbau geltend machten. Ihr größter Kunstwerth besteht in den prachtvollen Statuen, welche ihr Inneres schmücken. Die Stadt ist der Sitz eines Suffragonbischofs von San Jago. Die Zahl der Einwohner übersteigt nicht 7000. Die industrielle Thätigkeit derselben erstreckt sich auf Gerberei, Töpferei, Woll-, Flachs- und Hanfleinwandweberei, Hutfabrikation und starke Bienenzucht. Der Handel ist so unbedeutend, als der Mangel an guten Straßen dies bedingt; überhaupt ist das einzig schwunghaft betriebene Geschäft in Estremadura die Schmuggelei nach und von Portugal. Eine geschichtliche Merkwürdigkeit würden Reisende, wenn derlei sich hieher verirrten, fünf Meilen nordöstlich von Plasencia finden: das ehemalige Hieronymitenkloster San Geronimo de Justi, in welchem Kaiser Karl V. die beiden letzten Jahre seines Lebens zubrachte. Die Klostergebäude sind zum Theil schon Ruinen.