Avignon

Die Industrieausstellungs-Krystallpaläste von London, Newyork, München und der Ausstellungspalast von Paris Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Avignon
Plasencia
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AVIGNON

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Avignon.




Es hilft nichts, daß der Himmel eines Paradieses sich über Fluren und Menschen wölbe, es hilft nichts zur Verschönerung der Fluren, daß dem Menschen Alles geboten sei, was ihm sein Stück Erde zum wahren Eden erheben könnte, es hilft nichts zur Veredelung des Menschen, daß Himmel und Flur ihm den Finger Gottes auf jedem Schritte zeigen, – wenn in den Häuptern der Menschen der Wahn und in den Herzen die Rohheit die Alleinherrschaft ausüben durch Reihen von Jahrzehnten, ja durch Jahrhunderte.

Socrates trank unter Griechenlands ewig lachendem Himmel den Giftbecher, so hatte es der Wahn der Vielgötterei und der Herrschsucht geboten gegen den freien Denker und standhaften Gläubigen an Ein höchstes Wesen. Der Wahn siegte, und die Rohheit triumphirte. Jesus Christus wandelte im prächtigen Morgenlande von Hütte zu Hütte, von Tempel zu Tempel, von Stadt zu Stadt, um mit der Macht des Geistes den Wahn zu brechen, mit heiliger Liebe die Rohheit aus den Herzen zu bannen, „dem Tode seinen Stachel und der Hölle den Sieg“ zu entreißen, und darum starb er am Kreuze. Wer zählt die Märtyrer der Religionen! Wer zählt die Opfer der Glaubenstreue seit jenen weltgeschichtlichen Trauertagen von Athen und Golgatha, Rom und Kostnitz, Sevilla und Genf! Und wer zählt die Henker der Unglücklichen unter all’ den lachenden Himmeln, von welchen Gottes Sonne erleuchtend herabsah auf Kreuze und Arenen, Kerker und Galgen, Marterbänke und Scheiterhaufen!

Und was hilft alles Streben und Ringen der Edelsten und Besten unter allen Himmelsstrichen für das irdische Wohl der Völker und Nationen, wenn die Herzen ganzer Generationen hohen und reinen Gefühlen nicht zugänglich und die Häupter dem Strahle des Geisteslichts verschlossen sind? Da reißt die Rohheit die Früchte der Liebe zur Menschheit in den Koth der Selbstsucht, und der Wahn nennt es Recht und Freiheit, mit dem Schwerte der Herrschgier Rache zu üben bis zur Uebersättigung. Es führt zu Einem, ob die Massen der Wahn erfaßt, oder die Rohheit in deren Lenker fährt, es führt immer Schaaren Unglücklicher zur – Seufzerbrücke und Seufzerbrücken sind aufgebaut unter jedem Himmel für den letzten Gang in Elend und Tod.

[134] Wer die Menschheit achtet als das höchste Schopfungswerk des Ewigen, in welchem sein Ebenbild sich ausprägen soll an der zur Erkenntniß führenden Hand des Geistes im All bis zur höchsten Vollendung, und wer die Menschen achtet, von denen jeder Einzelne berechtigt ist, von den Mitteln zur Durchführung der unendlich reichen Gottesidee seinen Theil von der Menschheit zu fordern, weil nur das Glück des Einzelnen der feste Grund und höchste Schmuck ist für das Glück des Ganzen, den begleitet beim Forschergang durch die Jahrhunderte der Geschichte ein tiefer Schmerz. Er sieht vom Anbeginn den Kampf des Lichts mit der Finsterniß, aber des Kampfs will kein Ende werden. Wie den Schatz im Mährchen sieht er den Weg zum Heil der Menschheit auf Erden bewacht von Riesen und Drachen. Und wo sein Herz schon zittert vor Wonne, wenn ein Ritter des Lichts die strahlende Lanze schwang und Riesen und Drachen erschlug und aufthat die Thore des Menschenglücks, – wie lange, und es dämmerte wieder, – neue Drachen erstickten mit ihrem Gifthauch das Licht und neue Riesen verschlossen die Thore des Glücks fester als zuvor. Und wie ist in den Zeiten solcher Finsterniß mißhandelt worden Alles ohne Unterschied, von der Hoheit bis zur Knechtschaft, vom Glanze bis zum Elend, vom Laster bis zur Unschuld und Tugend! Wo wäre das Licht, das der Wahn scheute, und wo das Recht, das die Rohheit ehrte! Vor solchen Blättern der Geschichte bangt Jedem für die Zukunft. Da gilt es, den ewigen Gottesgedanken fest zu halten, da gilt es, die Seele von den niederdrückenden Bildern zu befreien:

     Da muß dem Aug’ aus der Vergangenheit
Nach uns’rer Tage wärm’rem Licht verlangen!
     Da ruht es auf den Scherben alter Zeit,
Die braun wie Herbstlaub an den Felsen hangen.

     Doch wo die Eisenfüße der Gewalt
Zertraten einst viel tausend warme Herzen,
     Da muß mit Müh’ – so ist’s noch schauerkalt! –
Die neue Zeit die alte erst verschmerzen.




Avignon – noch heute Petrarca’s „tönende Stadt“, d. h. eine Stadt der Glocken und Mönche – soll schon sechshundert Jahre vor Christus gegründet worden sein. Wie Massilia (Marseille) ist auch diese gallische Kavarenstadt Avenio, die Avenicorum civitas der Römer, griechischen Ursprungs. Die rührigen Kaufleute von Massilia wurden die Wecker der Industriethätigkeit in Avenio. Seine Blüthe verdorrte mit [135] der des Römerreichs, die Bürgerkriege vernichteten beide. Mehrmals rasch nach einander erobert, geplündert und verheert, kam es als ein Haufen von Hütten zwischen Palästetrümmern an die Burgunder und wurde dann, im Verlaufe der Völkerwanderung, in bunter Folge westgothisch, wieder burgundisch, dann ostgothisch, dann fränkisch, dann saracenisch und (durch Karl Martel) wieder fränkisch, bildete, nach dem Zerfall des Frankenreichs, mit seinem Gebiete eine eigene Grafschaft, ward Hauptstadt von Venaissin, fand neue Herren in den Grafen von Toulouse, Provence und Forcarlier und sah erst nach der Letzteren Aussterben sich die Bahn geöffnet zur municipalen Selbstentwickelung. Gleich den freien Städten Deutschlands und der Lombardei gab sich Avignon zu Anfang des 13. Jahrhunderts eine republikanische Verfassung. Aber schon dreißig Jahre darnach hat es wieder seinen Oberherrn in dem Grafen von Provence.

Wie Venaissin und Avignon in den Besitz der Päpste kamen, ist keine schöne Geschichte. Der Herr des Landes war Graf Raymund VI. von Toulouse, Markgraf der oberen Provence, ein Mann von hellem Geist und edlem Herzen. Unter seinem Schutze predigte Peter de Bruys die Lehre der Albigenser, wenigstens schützte er diejenigen seiner Unterthanen, welche, entrüstet über die bodenlose Verworfenheit des damaligen Klerus, ihre Seelenberuhigung in der neuen Lehre suchten. Was nun folgte, lag im Wahn und in der Rohheit jener Zeit: blut- und beutegieriges Gesindel fiel, nach des Papstes Bannstrahl, her über das fleißige, fromme und treue Volk, raubend, mordend, brennend und schändend, – und das hieß Kreuzzug! Mit den Mordbrennern wetteiferte die Inquisition in lodernden Flammen der Scheiterhaufen und Einsäckeln des Vermögens der Hingeschlachteten. Nach tapferem Widerstand erlag der edle Raymund und starb vor Gram über so unsägliches Unglück. Sein Sohn mußte dem Papste die Grafschaft Venaissin abtreten, um den verheerten Rest seiner Länder zu retten und – durch solche Hände „vom Zorn Gottes“ erlöst zu werden! – Die Stadt Avignon bot durch die Festigkeit ihrer Mauern und die Tapferkeit ihrer meist albigensischen Bürger dem Andrang des „Kreuzheers“ Trotz, bis König Ludwig VIII. von Frankreich ihn brach. Vergeblich berief sich die Stadt auf ihre Unantastbarkeit, weil sie zum burgundischen Kreis des deutschen Reichs gehöre. Schon damals lag ja unser armes Reich überall in Deutschland – „draußen!“ – Avignon kam nach noch mancherlei Herrenwechsel an Neapel, und als die liederliche Königin dieses Landes, Johanna I., die Mörderin ihres Gatten, an den päpstlichen Hof nach Avignon floh, wegen ihrer Schönheit mit allen Ehren empfangen und gehalten wurde und in Schulden gerieth, überließ sie Avignon dem Papste (Klemens VI.), der ihr dagegen 80,000 Goldgulden versprach; das ist das würdige Ende dieser Geschichte.

Die sogenannte babylonische Gefangenschaft der Päpste in Avignon (1309–1377) ist die Zeit der tiefsten Erniedrigung des Christenthums. Kein Fetischdienst der Erde mit den massenhaftesten Menschenopfern [136] hat so gewüthet im Blute des eigenen Geschlechts, als damals Wahn und Rohheit der herrschenden und fast allgewaltigen Priesterschaft! Es ist zum Erbarmen, ja, man muß in seinem Urtheil Mitleid und Schonung üben gegen die unglücklichen Henker, die, bei der eigenen unvergleichlichen Versunkenheit in den tiefsten Sündenpfuhl, an die entsetzlich verzerrte und beschmutzte Form des Glaubens und Gebets sich anklammernd, für das Heil ihrer Seele keine höhere Sicherheit erkannten, als die: den allbarmherzigen Gott der Liebe mit Blut und Asche seiner Kinder zu erquicken! – Lassen wir einen Zeitgenossen jener Tage reden, an dessen Wahrhaftigkeit Niemand zweifelt: den großen italienischen Dichter Petrarca (1304–1374). Er nennt Avignon: „das occidentalische Babylon“ und „eine Schule des Lasters, einen Mittelpunkt der Irreligiosität und des schändlichsten Aberglaubens“ und fährt fort: „Man verliert hier die kostbarsten Güter, Freiheit, Ruhe, Zufriedenheit, Religion, Hoffnung und christliche Liebe; jede Straße ist ein Sammelplatz aller Laster; das Alter verderbt die Jugend, Entführung, Entehrung der Weiber, Ehebruch und Blutschande sind ein Spiel für den römischen Hof. Nur das Gold ist im Stande, das Ungeheuer zu zähmen, das hier sein Wesen treibt; für Geld öffnet man hier den Himmel, für Geld verkauft man Jesum Christum, unsern Herrn!“ – Und damit genug von diesem Jammer. Wir begegnen ihm ohnedies noch einmal beim Gange durch die Räume der Burg der Päpste.

Die Frucht dieser avignoner Blüthe war das große Schisma der abendländischen Kirche. Es wurden nun Päpste in Avignon und in Rom gewählt, die sich gegenseitig in den Bann thaten. Erst nachdem das Papstthum zu Avignon mit Waffengewalt aufgehoben worden war, residirten daselbst nur Legaten oder päpstliche Statthalter.

Am Sinken Avignons arbeitete fortan zweierlei: der Mangel der Millionen, welche aus den Kassen der Päpste und ihrer Umgebung in alle Schichten der Bevölkerung gesickert waren, und der Zwiespalt der kirchlichen Gilden: der grauen, weißen und schwarzen Büßer. Letztere waren aus Resten der Albigenser entstanden. Aus diesen drei Gilden erwuchsen ebenso viele Parteien unter der Bürgerschaft, die den Streit vom kirchlichen auch auf das politische Feld übertrugen und sich nicht selten vollständige Straßenschlachten lieferten. Frankreich einverleibt wurde Avignon mit Venaissin erst im Jahre 1791 durch die Nationalversammlung. Der alte Bürgerkrieg gewann dadurch nur einen größeren Kampfplatz; fürchterlicher als irgendwo wütheten die Mordwaffen der Revolution hier in der Hand der Gilden. Und nachdem man die zweite Blutsündfluth vergossen hatte, in der Burg der Päpste, wurde in der alten denkmälerreichen Stadt Alles zerstört, was in den Augen und Herzen von Menschen Werth hat, nicht bloß Kirchen und Paläste, Statuen und Bilder – auch das Denkmal der armen schönen Laura!

[137] Aus diesen Trümmern ging das Avignon der Gegenwart hervor. Der Schutt der Paläste fiel hoch über die Stätten der Scheiterhaufen und Blutlachen, und darüber wandelt und wohnt das neue Leben, wie oft auf längst vergessenen Grabhügeln wieder Rosen wachsen, mit denen frohe Kinder spielen.

Die Rosen wachsen gar schön dort. Du athmest in Avignon schon den Reiz der Natur des Südens. Ueber Dir wölbt sich ein italischer Himmel, immergrüne Fluren umgeben Dich, geschmückt mit der Flora der tropischen Zone. Da prangen Limonen- und Oliven-, Orangen- und Feigenbäume, die Weinrebe umschlingt den Maulbeerbaum, und durch die üppige Fülle der Landschaft wogt mit bläulichen Fluthen die Rhone dahin, mit stolzem Ungestüm dem nahen Meere in den Schooß eilend. Am linken Ufer des herrlichen Stroms liegt die Stadt, zu beiden Seiten des von den Fluthen bespülten, senkrecht emporsteigenden Kalkfelsens Dons, in sanft aufsteigender Ebene, umringt von zinnen- und thurmreichen grauen Mauern, hinter welchen aus dichtgedrängter Häusermasse unzählige Glockenthürme emporragen, und beherrscht von dem Riesenbau der Burg der Päpste. Zu den Füßen derselben trotzen malerische Brückentrümmer dem Wogendrang; es sind die letzten vier von den einst neunzehn Bogen, welche – jedoch nur für Fußgänger und Reiter breit genug – von 1180 bis 1660 Avignon über die fruchtbare Rhoneinsel Barthelasse hin mit dem Städtchen Villeneuf am rechten Rhoneufer verbanden. Eine Kapelle der Madonna steht auf dem zweiten Pfeiler, auch Ruine. – Wer den rechten Eindruck vom Charakter dieser wunderbaren Stadt empfangen will, muß im Abenddämmerungslichte die Rhone abwärts hierher kommen; da fühlt er sich so seltsam ergriffen, als wäre er plötzlich in die graue Vorzeit oder gar in eine andere Welt versetzt. Und wandelst Du dann am Tage in den meist engen, steilen, finsteren Straßen zwischen den alten massiven Häusern mit herausgebauchten schweren Eisengittern vor den Fenstern, so geht der einmal empfangene Eindruck mit Dir, und er weicht erst ein Wenig zurück, wenn Du in das hellere und neuere Stadtviertel der Kaufleute und Fabrikanten kommst, wo die moderne Zeit Herr ist, oder in die wüsten Höfe der Papstburg, in welcher der rothhosige Kriegsmann sein Kasernenleben führt.

Diese Burg zeigt sich uns als das meisterhafteste Porträt, das von der Physiognomie irgend eines Zeitalters auf uns gekommen ist: Palast, Festung und Gefängniß, aber mehr grauenvoller Kerker, als Festung, und mehr sturmfeste Burg, als Palast, und selbst als Palast ein Schloß mit orientalischem Aeußeren: alle Fenster nur den inneren Höfen zugekehrt. Wie aus Einem Guß von Erz steht die altergebräunte Veste da, aus welcher der dreifachgekrönte Donnerer seine Blitze auf Fürsten und Völker schleuderte. Hier, sagt Dumas, begreift es sich, wie in einer Zeit, wo der Schwache keine Hoffnung und der Starke keinen Zügel kannte, Alles von Eisen war, vom Scepter bis zum Kreuze, vom Kreuze bis zum Dolche! – Begonnen ward der an Ungeheuerlichkeit der Quadermassen unübertroffene Cyklopenbau, dieses in der Welt einzig dastehende Monument, das nie eine Nachahmung [138] finden wird, von Johann XXII., fortgesetzt und vollendet von seinen Nachfolgern Benedikt XII. und Klemens VI., ungefähr von 1320 bis 1350.

Wir folgen in das Innere einem kundigen Führer. Gleich beim Eingang der Burg, sagt er uns, betritt man die Küche des Papstes, jetzt eines französischen Infanterieregiments. Die Kapelle, ein Meisterstück des reinsten gothischen Styls, ist zu Schlafsälen der Soldaten verbaut. Die Deckengemälde sind übertüncht bis auf eines, das eine Versammlung von Heiligen darstellt. Ueber der Kapelle ist die Rüstkammer, mit rohen Schildereien (wahrscheinlich in späterer Zeit) ausgemalt. Durch einen weiten Hofraum führt der Weg zu dem Theil des Schlosses, wo die Inquisition ihr Wesen trieb. An der Eingangsthür steht ein monolither Kessel, der zur Probe des siedenden Oels gedient haben soll. Dicht darneben ist ein in die Mauer eingehauenes Kerkerloch, ohne Licht und ohne Raum zu der nothwendigsten Bewegung, ein steinerner Sarg, in welchem dem armen Opfer Wochen oder selbst Monate Zeit gegeben wurde, sich durch Aufreibung aller sittlichen Kraft auf das Erscheinen vor dem heiligen Gerichtsstuhl vorzubereiten. Einige Schritte weiterhin folgt eine zweite Kerkerhöhle dieser Art. Den Gerichtssaal der Inquisition bezeichnet die halbverlöschte Inschrift: „In dextra gladium teneo“ (in der Rechten halte ich das Schwert). Unmittelbar daran stößt die Folterkammer. Klafterdicke Mauern ohne Fenster machten dieses kellerartig gewölbte Gemach undurchdringlich für jeden Schrei der wüthendsten Qual und Verzweiflung. Der Kamin, in welchem die Foltereisen geglüht wurden, grinzt dem Besucher wie ein Teufelsrachen entgegen. Von hier blickt man durch eine Maueröffnung in den inneren Raum der – Glacière: die Stätte der zweiten Blutsündfluth von Avignon. Glacière d’Avignon und der 16. Oktober 1791! bleibt ein Mahnruf, der in Avignon die Herzen erbeben macht. Dieser „Eiskeller“ der Päpste wurde an jenem Revolutionstage das Grab von 8000 Menschen jedes Alters und Geschlechts! Jourdan, der Coupe-tête (Kopfabschneider), leitete dies Menschenabschlachten in dem oberen Stockwerk des runden Thurmes, mit welchem der Eiskeller überbaut ist. Noch jetzt sieht man die Spuren der Blutströme, die durch das runde Loch oben herein und an den Mauern herabflossen. Leichen und Köpfe stürzte man durch dieselbe Oeffnung hinab. – Die Schreckensherrschaft der Revolution marterte wenigstens nicht lange, sie machte es kurz. – Folgen wir wieder dem Gefangenen der Inquisition; er hat nur noch zwei Schritte bis zu seinem schrecklichen Ende. Der erste führt ihn in eine kleine Kapelle, wo er im Sünderhemde und mit der Kerze in der Hand Kirchenbuße thun mußte. Sein Platz war eine Nische in der Mauer neben einem kleinen Fenster, aus welchem – und das ist die Erfindung der raffinirtesten Bosheit! – der Blick des armen Opfers noch einmal auf die Herrlichkeit des Himmels der Provence und auf das ewig grünende, blühende Land fiel! Dann ein Schritt aus der Kapelle und der Verurtheilte stand auf der Brandstätte in einem trichterförmigen Thurme, der oben eine Schornsteinöffnung hat, noch schwarz vom Ruß dieses Satansherdes! – –

[139] Hinaus an’s Licht der guten Sonne! – Was hilft es, solche Gräßlichkeiten aus der Nacht der Vergangenheit hervorzuziehen? Die Todten bleiben todt, die blutigsten Thränen waschen solche Blätter der Geschichte nicht rein! Warum jetzt noch die Unthaten von Wahn und Rohheit so grell beleuchten?

Warum? Was es hilft? – Helfen soll es dazu, daß Jedermann, dem Gott und Religion, Wahrheit und Recht, Freiheit, Ehre und Vaterland unantastbare Heiligthümer sind, wache und sorge und ringe und kämpfe mit des Geistes geweiheten Waffen, daß solche Tage des Wahns und der Rohheit nicht wiederkehren! Ein Rückfall ist möglich überall! Der Menschen Geister sind willig – zum Guten und zum Bösen, und das Fleisch ist schwach! Darum – „wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet!“ spricht Christus.

„So ernst verlassen wir das Bild?“ – Ich weiß, was Du meinst, lieber Leser! Avignon liegt in der Provence, der Heimath und dem Blüthenlande der Troubadours, und war selbst ein gefeierter Sitz der Liebeshöfe. Es ist noch mehr Liebes von jenen Rhonegestaden zu erzählen. Heute jedoch würden mir bei allen Minnehöfen, wo ich Ritter und Retter der Unschuld suche, die ein Recht zur Minne haben, nichts als die Hofpfaffen von Avignon vor die Augen treten, und der Troubadour müßte Lieder heulen, die zu den Marterhöhlen paßten, die wir durchkrochen haben. Wir kehren später in die schöne Provence zurück. Dann decken wir den Mantel der Liebe auf alle schwarzen Blätter im Stammbuch des Landes und freuen uns harmlos seiner Herrlichkeiten.