Honolulu

Plasencia Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Achtzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Honolulu
Die Silberkaskade in den Weißen Bergen
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HONOLULU

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Honolulu.




Aus der Provence und Hesperiens geschichtereichen Städten und Gefilden eilen wir auf dem Schiffe der Erdumsegler zu den Friedensinseln des stillen Oceans. Vor uns erhebt sich am Fuße ausgebrannter Vulkane die Hauptstadt des Hawajischen Königreichs, Honelulu auf der Insel Oahu. Und wie die Hütten und Gruppen der Eingeborenen (Kanaken) im Vordergrund unserer Stahlplatte uns diese Sandwichsinsulaner noch dem Urzustande der Menschheit scheinbar ziemlich nahe stehend zeigen, so deutet die Mastenreihe, die vor der Stadt im Hintergrunde sich aus dem Meere erhebt, bereits an, daß der Strom des Weltverkehrs auch an diese Küsten schlage und die paradiesische Zwanglosigkeit unter den Palmen, die schon jetzt bei der großen Mehrzahl der Stadtbewohner verschwunden ist, in kurzer Zeit hier auch auf dem Lande nicht mehr zu finden sein werde.

Das Hawajische Königreich umfaßt die Größe von Würtemberg mit Hohenzollern, hat aber nicht viel über 100,000 Einwohner; die 380 Geviertmeilen Landes bestehen aus acht bewohnten und vier kleineren unbewohnten Inseln. Alle diese Inseln sind vulkanisch, am meisten Hawaji, das zwei noch immer thätige Feuerberge hat. Das Klima ist namentlich für Europäer sehr gesund und das Land außerordentlich fruchtbar. Schon jetzt erzeugen die Inseln fünf Millionen Pfund Zucker von ausgezeichneter Güte, Kaffee, der dem von Mokka, Tabak, der dem westindischen gleichkommt, ferner Reis, Mais, Tarro und vielerlei köstliche Früchte. Dazu sind viele tüchtige, industrielle Kräfte aus Europa hier eingewandert, und diese waren es, welche es möglich machten, daß das Hawajische Königreich sogar auf der Pariser Weltindustrieausstellung durch gute Arbeitsendungen vertreten sein konnte.

Es erfreut dies um so mehr, wenn man bedenkt, daß dieser Staat noch nicht viel über dreißig Jahre alt ist. Vor dieser Zeit lag noch dicke Finsterniß über dem Lande, das blindeste Heidenthum beherrschte alle Sinne, Kräfte und Hülfsquellen des Volks, Menschenopfer wurden vor den Götzen dargebracht, und Priester und Tyrannen wütheten in der schutzlosen Masse. Das ist vorbei. Sämmtliche Bewohner der Sandwichsinseln sind Christen. Die Mehrzahl ist protestantisch. Von 1820 bis 1840 sollen im ganzen Lande 44,895 Kinder Schulunterricht genossen haben und gegenwärtig nur noch wenige Insulaner hier leben, die nicht wenigstens lesen könnten. [142] Die in das Hawajische übersetzten Religionsbücher findet man in jedem Hause, ja, in jeder Hütte, und die Regierung, von einheimischen Königen geordnet und geleitet, achtet und schützt jedes Einzelnen Freiheit und Rechte.

Der anscheinlich so kurze Weg aus religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Zuständen der untersten Stufe bis zu den Anfängen der Civilisation, bei denen die Eingeborenen glücklich angekommen sind, ist für Könige und Volk ein sehr schwerer und vielfach gestörter gewesen bis zur neuesten Zeit. Daß Cook hier 1779 seinen Tod gefunden hatte, blieb als ein arger Flecken am Strande haften. Europäische und amerikanische Schiffe mieden fortan die Inseln oder kamen in feindlicher Absicht. – Da bemächtigte sich der junge Kamehameha I. nach und nach der Herrschaft über alle Inseln, umgab sich dann mit Weißen und ward der Peter der Große dieses mitten in die Wogen des großen Ocean verwiesenen Völkchens. Mit ihm beginnt die jetzige Dynastie und eine geordnete Grundlage geordneter Zustände.

Die ersten Weißen, Young und Davis, behielt der König von amerikanischen Schiffen mit Gewalt zurück und erhob sie zu seinen Freunden und Rathgebern. Zu ihnen kam 1792 der Engländer Vancauver, der die ersten Pferde und Rinder auf die Inseln brachte. Sein Einfluß auf König und Volk war von großer Bedeutung, letzteres lernte durch ihn die Vorzüge der Weißen, ihrer Kenntnisse und Einrichtungen endlich verstehen und achten, denn die außerordentliche Vermehrung von Pferden, Rind- und Federvieh sprang sammt dem Nutzen daraus zu deutlich in die Augen, um jetzt, wo das Eigenthum des Einzelnen gesichert war, nicht endlich auch Lust am Erwerb zu erwecken. Der edle Kamehameha starb 1819 und sein Volk betrauerte ihn seiner würdig. Sein Nachfolger war Liholiho. Unter ihm riß das Volk, vom Oberpriester bis zum letzten Kanaken, sich von der heidnischen Abgötterei los, und schon 1820 kamen die ersten Missionäre aus Nordamerika, gründeten Schulen, so daß schon 1827 über 2000 Kanaken lesen konnten, und lehrten das Christenthum. Liholiho starb auf einer Reise in England. Mit dem Regierungsantritt Kamehameha’s II. beginnt die Zeit der Trübsal der Inseln, weil – die großen europäischen See- und Kulturstaaten mit ihrem Christenthum zugleich ihren Branntwein und ihre Herrschaft dem in aufkeimendem Wohlstand lebenden Völkchen aufdrängen wollten. Katholische Missionäre wurden von französischen Kriegsschiffen mit Gewalt an das Land geschafft; nun versuchte sich Gewalt gegen Gewalt, und der Stärkere behielt Recht. Die Stärkeren saßen aber stets auf den großen europäischen Fregatten, und weder Engländer noch Franzosen entblödeten sich, ihre Kanonen auf die schutzlose Stadt zu richten, die ihnen nicht mit gleichen Waffen zu dienen vermochte. Der arme König hatte kein Kronstadt vor dem Hafen und Eingang zu seiner Residenz Honolulu. Dieses gemeine Treiben wiederholte sich von beiden seemächtlichen Seiten bis 1849, wo endlich die Unabhängigkeit des Hawajischen Staats von den Vereinigten Staaten, England und Frankreich, wie immer „für ewige Zeiten“, anerkannt wurde. Kamehameha III. starb 1854; der jetzige Regent, [143] Kamehameha IV., trat, den neuesten Berichten aus Honolulu (Juli 1857) zufolge, nach dem Vorgange verschiedener europäischer Monarchen, in den 1842 dort gestifteten Freimaurerorden.

Honolulu zählt nach älteren Angaben 10–12,000, nach W. Heine („Reise um die Erde nach Japan etc.“ in den Jahren 1853, 1854 und 1855) nur 5–6000 Einwohner; auch Gerstäcker nennt es „ein kleines freundliches Städtchen.“ Thatsache ist es, daß die Bevölkerung der Sandwichsinseln seit der Entdeckung derselben und dem Eindringen der Europäer und deren Kleider, Genüsse und Sitten sich bedeutend vermindert hat; aber eben so offenbar ist die durchgängige Unsicherheit solcher Zahlenangaben. Johnson gibt z. B. für das Hawajische Königreich eine Volkszahl von 446,600, Andersson von 80–100,000 an, aber beides sind Schätzungen, die auf keiner Zählung beruhen. – Die Natur hat Honolulu einen trefflichen Hafenschutz gebaut durch einen Kranz von Korallenbäumen, die sich in einiger Entfernung vom Strande aus dem Krystallspiegel der Fluth erheben und nur an einer Stelle eine Lücke zur Einfahrt frei lassen. Rings um die Korallenmauer tobt die schönste Brandung. Von der Stadt selbst ist noch kein bestimmter Charakter zu erwarten. Hier laufen noch alle Kulturgrade durch- und nebeneinander. Zwischen den Hütten aus Stroh- oder Schilfgras, in denen sich der Eingeborene allein heimisch findet, stehen die aus China und Nordamerika eingeführten hölzernen Häuser, die wiederum von den Steingebäuden der Regierung und einzelner Privaten überragt werden. Von besonderer Festigkeit sind die aus Korallenblöcken aufgeführten Bauten. Drei Kirchen, der königliche Palast und das Fort am Hafen, das Regierungsgebäude, das Repräsentantenhaus und das neue geräumige Markthaus dicht am Werft sind die hervorragendsten Bauwerke.

Wie die Wohnungen zeigen die Trachten und Sitten alle Abstufungen von der adamitischen Einfachheit, die unser Stahlstich andeutet, durch den chinesischen fast weibischen Luxus bis zur europäischen Allerweltstracht mit den glatten Formen und Gebrechen der feinen Gesellschaft. Die Eingeborenen lieben bunten Schmuck und die Frauen besonders grellen Blumenputz im Haar, das nie geflochten wird, sondern in langen schönen Locken niederwallt. Aus allen Gesichtszügen der gelbbraunen, schwarzhaarigen Bevölkerung tritt der Ausdruck der Gutmüthigkeit hervor. Wir sehen in ihnen, besonders abseits von der Hauptstadt, in den reizenden Thälern, an denen die Inseln so reich sind, noch gute Kinder der Natur, glücklich im engen Kreis ihrer Bedürfnisse, die Männer der Arbeit, freilich mäßig, die Weiber dem Vergnügen fast ausschließlich lebend.

Nachdem aber der Civilisation das Thor zu diesen Inseln einmal erschlossen ist, wird es die für das stille Glück unglückliche, für großartigen Weltverkehr höchst glückliche Lage derselben zwischen drei Welttheilen, von denen zwei (Amerika und Australien) ihre Zukunft erst aufbauen und der dritte (Asien) an ein Wiedererwachen seiner [144] Macht glaubt, wohl über ein Kleines herbeiführen, daß in jenen reizenden Thälern schweißtriefende Arbeiter vom „Glück der guten alten Zeit“ erzählen, während die Dampfflotten der Erde den zweideutigen Segen des Mammon in Honolulu’s Korallenhafen tragen.